Manchmal wiederholen sich Situationen, in denen uns das Leben erneut auffordert, etwas zu fühlen, zu erkennen und zu wandeln. Schattenanteile unserer selbst tauchen zum wiederholten Male auf – Aspekte, die wir überwunden und integriert glaubten. Das Leben selbst, der Alltag holt immer wieder Anteile in uns hervor, die wir offenbar weiterhin gut gedeckelt in uns tragen – altes Zeug, welches wir nicht mögen, welches unsere Widersprüchlichkeiten, unsere ganze Ambivalenz zum Ausdruck bringt.

Es ist, als würden wir mehrere Schichten ein- und derselben uns unangenehmen Thematik in uns tragen. Die Einladung, eine weitere Schicht zu erkennen, zu fühlen und abzutragen, nehmen wir meistens ungern an: Lieber wieder schnell weg, alternativ: zurückschießen. Doch bitte nicht fühlen. Mir sagte vor ungefähr drei Jahren mal ein sehr fähiger Astrologe (danke, Harry!), mein Weg führe durch meine Tiefen, durch die Unterwelt, den Morast. Gefreut habe ich mich damals nicht über diese Ansage, doch instinktiv spürte ich die ihr innewohnende Wahrheit.

Jeder trägt Seiten in sich, die er ungern zeigen mag. Jeder hat dünnhäutige Tage, an denen innere Schleusen leicht geöffnet sind – doch immer noch weit genug, um Fragen oder nur einzelne Wörter des anderen etwas auslösen zu lassen. Manchmal auch unerwartet heftig. Wenn du gräbst oder einfach ganz still wirst – nach einem sogenannten Trigger-Moment zum Beispiel – wirst du Bilder und Sätze in dir entdecken. Sätze wie zum Beispiel “Ich bin dumm” oder “Ich werde nicht ernst genommen” oder “Ich hab das nicht verdient”. Es lohnt sich, diesen Sätzen auf die Schliche zu kommen, mit ihnen zu spielen: Dich zu fragen, was sie auslösen, wo sie im Körper spürbar oder verankert sind oder auch, welche positiven Aspekte, welcher Spielraum in diesen Annahmen steckt. Bei “Dummheit” zum Beispiel schwingt kindliche Unbedarftheit, Offenheit und Lernfähigkeit mit. Wenn wir all das an und in uns auch in Ordnung finden, es vielleicht sogar lieben können, wird das Leben uns reich beschenken.

Mit unserer Selbstzuwendung gelingt es uns zunehmend müheloser, auch anderen – selbst wenn wir spüren, dass sie gerade irgend etwas an uns auszusetzen haben – wohlwollender zu begegnen. Dieses Übungs- und Lernfeld betrete ich immer wieder emsig von Neuem. An manchen Tagen bin ich müde oder genervt davon, auch braucht mein System Pause. Kürzlich konnte ich wieder ein paar Tage bei meiner Schwester am Meer verbringen – diese helfen mir, mich wieder in mir selbst zu verankern, in Gegenwart eines mich gänzlich liebenden Menschen. Ein solches Sein und Miteinander ist Nährboden für Prozesse der Selbstreflexion und -entwicklung. Zutiefst dankbar und gewissermaßen wieder neu bin ich nun imstande, diese Zeilen zu schreiben.

Und natürlich ist jeder eingeladen, seine eigenen Schatten zu ergründen. Es bringt nichts, sich mit seinem Gegenüber zu sehr zu  verhakeln, sich hineinziehen zu lassen in die (Schatten-) Welt des anderen. Wir dürfen selbst auch sehr achtsam sein, wie es um uns bestellt ist, ob wir gerade einen anderen in unsere Geschichte hineinziehen. Berührbar zu sein für die Belange und die Innenwelten des anderen ist wunderschön. So können Nähe und Intimität entstehen. Doch manchmal – in übermüdeten, reizüberfluteten Momenten – treffen auch zwei Egos aufeinander und jeder versucht, eher zu senden als zu empfangen und letzten Endes möglichst gut dazustehen. Was ich mehr und mehr ablegen möchte: die Angst, Fehler zu machen. Wenn wir keine Angst haben, Fehler zu machen, können wir viel lernen – über uns, den anderen.

Wir dürfen wählen, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Oft kippt die Kommunikation, und wir landen in Themen, die wir gar nicht zu beleuchten, zu teilen beabsichtigten. Meinen Fokus kann ich immer wieder schärfen und auch schützen: die Taschenlampe herausholen und nur das anstrahlen, was wirklich gerade Sinn macht, hervorgeholt zu werden.