seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Selbstzuwendung

Sei gut mit dir

Was ich immer wieder und zur Zeit besonders wahrnehme:
ein vielerorts unruhiges, unsicheres Sein.
Noch bewusster als bisher schaue ich Menschen, fremden sowie vertrauen, ins Gesicht und verschenke ein Lächeln oder kurzen Plausch.
Turbulente Tage und Zeiten wird es immer geben; was mir enorm hilft, sind: Mich-Zentrieren im Alleinsein, viel Meditieren, Rituale der Selbstzuwendung, Yoga-Übungen/ Kriyas für ein starkes Nervensystem und das morgendliche Kaltduschen.
Sei gut mit dir, fülle dich auf und gebe dort, wo du gebraucht wirst!

Durch die Unterwelt

Manchmal wiederholen sich Situationen, in denen uns das Leben erneut auffordert, etwas zu fühlen, zu erkennen und zu wandeln. Schattenanteile unserer selbst tauchen zum wiederholten Male auf – Aspekte, die wir überwunden und integriert glaubten. Das Leben selbst, der Alltag holt immer wieder Anteile in uns hervor, die wir offenbar weiterhin gut gedeckelt in uns tragen – altes Zeug, welches wir nicht mögen, welches unsere Widersprüchlichkeiten, unsere ganze Ambivalenz zum Ausdruck bringt.

Es ist, als würden wir mehrere Schichten ein- und derselben uns unangenehmen Thematik in uns tragen. Die Einladung, eine weitere Schicht zu erkennen, zu fühlen und abzutragen, nehmen wir meistens ungern an: Lieber wieder schnell weg, alternativ: zurückschießen. Doch bitte nicht fühlen. Mir sagte vor ungefähr drei Jahren mal ein sehr fähiger Astrologe (danke, Harry!), mein Weg führe durch meine Tiefen, durch die Unterwelt, den Morast. Gefreut habe ich mich damals nicht über diese Ansage, doch instinktiv spürte ich die ihr innewohnende Wahrheit.

Jeder trägt Seiten in sich, die er ungern zeigen mag. Jeder hat dünnhäutige Tage, an denen innere Schleusen leicht geöffnet sind – doch immer noch weit genug, um Fragen oder nur einzelne Wörter des anderen etwas auslösen zu lassen. Manchmal auch unerwartet heftig. Wenn du gräbst oder einfach ganz still wirst – nach einem sogenannten Trigger-Moment zum Beispiel – wirst du Bilder und Sätze in dir entdecken. Sätze wie zum Beispiel “Ich bin dumm” oder “Ich werde nicht ernst genommen” oder “Ich hab das nicht verdient”. Es lohnt sich, diesen Sätzen auf die Schliche zu kommen, mit ihnen zu spielen: Dich zu fragen, was sie auslösen, wo sie im Körper spürbar oder verankert sind oder auch, welche positiven Aspekte, welcher Spielraum in diesen Annahmen steckt. Bei “Dummheit” zum Beispiel schwingt kindliche Unbedarftheit, Offenheit und Lernfähigkeit mit. Wenn wir all das an und in uns auch in Ordnung finden, es vielleicht sogar lieben können, wird das Leben uns reich beschenken.

Mit unserer Selbstzuwendung gelingt es uns zunehmend müheloser, auch anderen – selbst wenn wir spüren, dass sie gerade irgend etwas an uns auszusetzen haben – wohlwollender zu begegnen. Dieses Übungs- und Lernfeld betrete ich immer wieder emsig von Neuem. An manchen Tagen bin ich müde oder genervt davon, auch braucht mein System Pause. Kürzlich konnte ich wieder ein paar Tage bei meiner Schwester am Meer verbringen – diese helfen mir, mich wieder in mir selbst zu verankern, in Gegenwart eines mich gänzlich liebenden Menschen. Ein solches Sein und Miteinander ist Nährboden für Prozesse der Selbstreflexion und -entwicklung. Zutiefst dankbar und gewissermaßen wieder neu bin ich nun imstande, diese Zeilen zu schreiben.

Und natürlich ist jeder eingeladen, seine eigenen Schatten zu ergründen. Es bringt nichts, sich mit seinem Gegenüber zu sehr zu  verhakeln, sich hineinziehen zu lassen in die (Schatten-) Welt des anderen. Wir dürfen selbst auch sehr achtsam sein, wie es um uns bestellt ist, ob wir gerade einen anderen in unsere Geschichte hineinziehen. Berührbar zu sein für die Belange und die Innenwelten des anderen ist wunderschön. So können Nähe und Intimität entstehen. Doch manchmal – in übermüdeten, reizüberfluteten Momenten – treffen auch zwei Egos aufeinander und jeder versucht, eher zu senden als zu empfangen und letzten Endes möglichst gut dazustehen. Was ich mehr und mehr ablegen möchte: die Angst, Fehler zu machen. Wenn wir keine Angst haben, Fehler zu machen, können wir viel lernen – über uns, den anderen.

Wir dürfen wählen, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Oft kippt die Kommunikation, und wir landen in Themen, die wir gar nicht zu beleuchten, zu teilen beabsichtigten. Meinen Fokus kann ich immer wieder schärfen und auch schützen: die Taschenlampe herausholen und nur das anstrahlen, was wirklich gerade Sinn macht, hervorgeholt zu werden.

An schlechten Tagen

Gestern kam mir ein Gedanke, den ich in meinem Facebook-Feld teilte:

Mir bekommt es nicht, mich jedem überall anzuvertrauen, wenn es mir nicht gut geht. Wenn die Scheiße gerade richtig am Dampfen ist. Ich in meinem Leid, meinem Drama sitze. Denn was oft passiert, wenn wir zu häufig, gegenüber vielen Menschen und „an überforderten Stellen kommunizieren, wenn es uns nicht gut geht“ (ich zitiere Transformations-Coach Petra Methner, aus unserem schriftlichen Austausch. Danke Petra!): Unser empfundenes Leid wird größer, erhält mehr Aufmerksamkeit, mehr Energie – respektive wird unbewusst durch die Aufmerksamkeit genährt. Hier frage ich mich: Wer hat was konkret davon?

Während ich vor Jahren noch dazu tendierte, mein Herz sehr auf der Zunge zu tragen, bin ich nun also deutlich vorsichtiger, wem ich mich anvertraue. Ich frage mich offen und ehrlich: Worum geht es mir gerade, was ist meine Absicht? Lange Zeit saß ich dem Irrglauben auf, es entspräche meinem Wert der Ehrlichkeit, der Wahrhaftigkeit, mich anderen möglichst vollständig mitzuteilen. Was ich jedoch oft spüren konnte: Mir ging es überhaupt nicht besser nach dem einen oder anderen Gespräch, nach einem: „Oh Gott, du Arme“! Das Negative, Schwierige hat für viele einen besonderen Reiz, ich nehme mich da nicht aus: Auch ich ertappe mich manchmal dabei, besonders sensationsgeil  zu sein, eine Diskussion, einen Disput mit lustvoller Erregung zu verfolgen. Vermutlich kennt das jeder – es hat eventuell damit zu tun, dass wir dabei sehr stimuliert, auch vom Eigenen abgelenkt werden.

Mittlerweile, da ich in erster Linie mir selbst gegenüber sehr ehrlich bin – und daraus resultiert auch die Ehrlichkeit gegenüber anderen – wähle ich bewusst, wo ich meinen Schmerz, meine Traurigkeit, meine Wut lasse. Das empfinde ich nicht mehr als unehrlich, sondern als einen wohlwollenden Akt der Selbstzuwendung.

Ich bin ein – viele würden sagen – sehr positiver Mensch: Mir gelingt es, auch auf schwierige, auf den ersten Blick aussichtslose Situationen positiv zu schauen, sprich den Situationen Lehrreiches, Gutes abzugewinnen – mögen sie noch so kompliziert sein. Mein Gegenüber mag das hin und wieder als schönredend, „das Negative ausblendend“, naiv betrachten. Auch ich selbst zweifle immer wieder an mir und meiner Wahrnehmung. Doch wenn ich auf mein Leben blicke, fällt mir auf, dass die Tage, die ich als schön, bereichernd, genussvoll erlebe, deutlich in der Mehrzahl liegen. Oder anders: Ich kann tatsächlich (fast) jedem Tag etwas Schönes abgewinnen.

Kontemplation ist eine Möglichkeit, mich in schwierigen Phasen zu navigieren. Mir helfen Yoga, meine Öle, Aufenthalt im Wald und viel Bewegung. Natürlich mag und schätze ich auch den Austausch mit anderen bewussten Menschen, die mich gut und tief kennen. Mir hilft es außerdem, mich meinem Mann, engen Freunden oder Familienmitgliedern anzuvertrauen, die um die Ecke denken können, meine Geschichte nicht mit ihrem eigenen Drama, das eventuell durch meine Schilderung berührt wird, verwechseln und mir dabei helfen, mit anderen Augen auf mich und meine Situation zu blicken. Auch möchte ich nicht unmittelbar Rat hören, sondern wünsche mir oft nur ein Ohr. Während wird aussprechen, was es in uns denkt und fühlt, gewinnen wir bereits Klarheit und mit ihr Heilung.

Es kann ebenso angemessen und stimmig sein, bestimmte sensible Themen – bei mir ist es zum Beispiel das Thema Familie, Erziehung, Muttersein – nur mit ausgewählten Menschen, die mich und meine kleine Familie schon lange begleiten, zu teilen. Es bringt mir nichts, die Konfliktpalette, die sich auch oft wiederholt und wiederholt, jedem unter die Nase zu reiben.

Fühl dich eingeladen, da mal genauer hinzuschauen und zu –spüren, was für dich stimmig ist, was du wem gegenüber teilst. In diesem Sinne, alles Liebe für deine Prozesse!

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