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Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Seele

Ich selbst sein

Strapazi August 2016Im diesjährigen Sommerurlaub habe ich das Buch “Heilung im Licht” von Anita Moorjani gelesen. Die Inderin beschreibt ihren Weg vom Krebs in die Heilung über eine Nahtoderfahrung. Klingt schräg, ich weiß. Doch die feine, differenzierte Art und Weise, wie Moorjani die Essenz des Lebenssinns, ihren Sinns beschreibt, den sie dank des (“Fast-)Sterbens” erfuhr, hat mich sehr beeindruckt.

Moorjani versucht Worte dafür zu finden, welchen tieferen Sinn ihr Erdendasein hat: Sie hält es für ausgesprochen wichtig, sich selbst “urteilsfrei und ohne Angst” zu begegnen (S. 216). Der Schlüssel liegt ihres Erachtens darin, “immer die Person in Ehren zu halten, die wir wirklich sind und uns in unserer eigenen Wahrheit sein zu lassen” (S. 217).

Ich mache mir oft Gedanken über den Satz “Werde der du bist”. Und frage mich: Was genau ist gemeint? Heißt es, in uns “wohnt” unser Wesenkern, der nur noch freigeschaufelt werden müsste – im Sinne einer “Häutung”, indem wir nach und nach alte Muster und Glaubenssätze, Konditioniertes fallenlassen, um der zu werden, der wir immer schon waren? Doch ist es nicht – dialektisch gesprochen – vielmehr so, dass wir immer schon sind und gleichzeitig werden, sprich natürlich Eigenes mit auf diese Welt bringen, und uns auch dank unserer Umwelt, unserer Erfahrungen schleifen, entwickeln und verändern? Ich denke: Selbstverständlich verändern wir, unser ganzes “Körper-Geist-Seele-System”, uns Zeit unseres Lebens. Gleichzeitig finde ich das Bild, die Vorstellung einer Seele, die hier auf Erden einen bestimmten Weg nimmt, eine Aufgabe erfüllt, wiederum auch sehr schön.

So oder so glaube ich, ein jeder spürt, wann er er selbst ist – bzw. sich diesem Sein annähert oder sich davon weg bewegt. Unser Körper spricht Bände: Halten wir uns in uns nährenden, wohltuenden Feldern auf, so werden wir innerlich ganz weit, wir entspannen, atmen tiefer. Bewegen wir uns hingegen in Kreisen, in denen wir meinen, nicht so sein zu können, wie es sich stimmig anfühlt, wie es uns entspricht, werden wir unruhig, innerlich eng – irgend etwas scheint zu klemmen. Ich werde mir, vor allem auch dank regelmäßiger Meditationspraxis , dieser verschiedenen Zustände immer bewusster.

Sich selbst sein zu lassen, einfach zu sein, wer wir sind, die vielen – auch widersprüchlichen – Seiten, die uns ausmachen, zu leben und zu zeigen, fällt uns ausgesprochen schwer. Ich staune immer wieder darüber, dass es bei den meisten Menschen meiner Beobachtung nach Jahre und Jahrzehnte dauert, halbwegs oder ganz mit sich ins Reine zu kommen, sich wirklich in der Tiefe anzunehmen.

Viele halten sich zurück, halten etwas von sich zurück, vor allem aus Angst vor Ablehnung und Liebesentzug. Für mich gibt es fast nichts Schöneres als Menschen, die sich zeigen – in ihrer Größe und auch in ihren Unvollkommenheiten. Menschen, die Präsenz, Klarheit, Authentizität ausstrahlen. Die sich trauen, Fehler zu machen, zu scheitern, denen es ganz natürlich gelingt, gleichzeitig stark und sanft zu sein.

Hier noch ein Zitat von Moorjani, zum Sacken-Lassen und In-sich-Bewegen:

Wenn ich ich selbst bin, kann meine einzigartige Großartigkeit mich in ihrer Ganzheit in die Richtungen ziehen, die sich für mich und alle anderen am positivsten auswirken. Das ist wirklich das einzige, was ich zu tun habe. Und innerhalb dieses Kontextes tritt alles, das wirklich mein ist, mühelos und auf die denkbar magischste und unerwartetste Weise in mein Leben und demonstriert jeden Tag die Macht und die Liebe desjenigen Wesens, welches ich wirklich bin.” (S. 176)

In diesem Sinne,

Eure Carolin

Vom Lassen (oder: Verbunden mit der Seele)

Zur Ruhe kommen

In mir hängt seit langem schon eine Frage: “Warum lassen wir das Leben nicht ein Stück weit unser Leben gestalten?” Das Leben mein Leben gestalten lassen, überhaupt das Lassen – eine schwere Nummer. Nicht(s) machen, tun, lenken. Den anderen lassen, wie er ist, jemanden oder etwas ziehen lassen, gehen lassen, Dinge auslassen.
Während und nach meinem Frauen Yoga Camp im Oktober 2015 spürte ich eine Veränderung in mir, einen Zustand, der diesem Lassen sehr nahe kam. Ich fühlte mich ruhig, verbunden und auf eine angenehme Art fremd. Da war etwas in mir, das war schön und traurig, eine Wehmut, eine Sehnsucht, etwas das unbekannt war und doch wieder nicht. Sich dort hineinfallen zu lassen war weniger unangenehm, als ich dachte. Mit Leid(en) hatte es nichts zu tun, eher mit süßem Schmerz, der nun endlich willkommen geheißen wurde. Ankommen. Bei und in mir. Einfach sein.

Ich umarmte und liebte in jenen Momenten das Leben besonders intensiv und konnte auch das Dunkle “mitnehmen”, akzeptieren. Es schien, als waren alle Qualitäten gleichzeitig da – mitunter Angst, Hoffnung, Freude, ja, auch eine Freude, die die Freudlosigkeit umarmt. Ich fühlte mich “auf”, im Gegensatz zu geschlossen, verschlossen. Als dürfe alles rein und raus, ohne unterwegs zerdacht und bewertet zu werden. Es wurde sehr still in mir. Gedanken und Glaubenssätze fielen von mir und machten mich ganz weit.
Meiner Erfahrung nach klopfen diesen Zustände nur sehr selten an. Es sind Momente, in denen wir in Kontakt mit unserer Seele kommen – so meine “Übersetzung”, meine Interpretation. Für vieles gibt es kaum Worte, das geht mir oft so: Eindrücke beim Musikhören, beim Meerspaziergang, im Anschluss an eine Meditation. Dies sind auch sehr intuitive Momente – Minuten, in denen ich eine starke Intuition, ein großes Vertrauen, fast eine innere Weisheit, wahrnehme.

Für kurze Momente schweigt es in mir, und ich weiß plötzlich sehr genau, was wesentlich und was unwesentlich ist. Es ist meines Erachtens möglich, diese Räume der Stille, des Lassens, auch im Alltag zu integrieren. Dafür braucht es meine Bereitschaft, alles sein zu lassen, einfach nur da zu sitzen, zu liegen oder in die Natur zu gehen. Auf dem Yoga Camp bekam ich den Rat, zu spüren, was die Erfahrungen, die Zeit dort mit mir machen, weniger: zu überlegen, warum dies oder jenes nun so ist und nicht anders.

Wir kennen es vermutlich alle: Wenn wir zu viel über etwas nachdenken, wird es meistens nur verwirrender, nicht klarer. Das Geheimnis liegt meines Erachtens darin, sich häufiger zu beobachten, sich selbst auf die Schliche zu kommen, anstelle über etwas zu häufig und in der immer gleichen Weise zu grübeln. Selbstverständlich hat „geist-dehnendes“, konstruktives Nachdenken und Reflektieren, für das ich mich bewusst entscheide, absolut seinen Platz. Ich spreche von den immer wiederkehrenden Gedankenschleifen und -schlaufen, die uns oft so gar nichts bringen, uns nicht zu uns bringen.
Zu Beginn erwähnte ich das “jemanden oder etwas ziehen, gehen lassen”. Manchmal trennen sich auch gemeinsam gegangene Wege, wenn sich Menschen und Umstände ändern, wenn wir uns für sehr unterschiedliche Lebenswege entscheiden, das Alte nicht mehr trägt und die Art der Beziehung sich nicht mehr gut anfühlt. Dies muss nicht bedeuten, dass ich den anderen nicht mehr mag. Es ist der Lauf der Dinge, so meine Erfahrung.

Meinen Vater gehen zu lassen fiel und fällt mir schwer. Wie wird das bei meiner Mutter sein? Was mir bleibt und für mich Sinn macht: nutzen, wertschätzen, genießen, was wir JETZT haben. Gemeinsam lachen, erzählen, uns öffnen, Dinge an- & aussprechen, die noch gesagt werden wollen. Dies ist mein Weg, jeder wird seinen ganz eigenen Umgang in und mit diesem Prozess finden dürfen.
Ich wünsche uns allen viele weite, wache Momente des (Los-) Lassens!

 

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