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Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Ehrlichkeit Seite 1 von 2

Halte einfach deine Stellung

Dieses Mantra von Brené Brown finde ich enorm inspirierend und hilfreich, wenn wir Zielscheibe von Angriffen, Vorwürfen oder Kritik werden:

„Do not shrink. Do not pull up. Stand my sacred ground.“
Frei übersetzt: „Mach dich nicht kleiner. Mach dich nicht größer. Halte einfach deine Stellung.“

Wenn uns jemand z. B. vorwirft, wir seien „immer so egoistisch“, ist es zwar menschlich, sich entweder zu rechtfertigen oder in einen Gegenangriff überzugehen; souveräner und der Situation zuträglicher jedoch ist es meines Erachtens, sich innerlich gerade zu machen, sich aufzurichten und emotionale Ausgeglichenheit in sich zu finden. Zu atmen und erst mal zu spüren, zu schauen: was ist hier gerade los.
Bewusst präsent im jeweiligen Moment sein, das ist eine Kunst. Aus dieser Haltung heraus können wir schweigen, leise oder laut sagen „ok“ – oder wir können möglichst sachlich argumentieren, zurückfragen: „Was konkret meinst du? Wann fällt dir das auf?“ Oder ruhig erwidern: “Stimmt, ich find’s ok so.“
Auch ein Perspektivwechsel kann hilfreich sein – denn wir dürfen uns klarmachen: Der Kritiker kann etwas vielleicht anders gerade schwer ausdrücken. Vielleicht möchte mein Gegenüber – wenn er ganz aufrichtig wäre – sagen: „Ich würde gerne mehr Zeit mit dir verbringen, doch du denkst nur an x, y, z.“ Sprich hier wäre Ehrlichkeit für alle Beteiligten sicher hilfreicher. Oder aber der Kritiker hat einen internen Konflikt, irgendwo einen Mangel o.ä., den er in jenem Moment nach außen trägt und auf sein Gegenüber projiziert.
Immer wieder ins Mitgefühl finden ist ne gute Aufgabe, finde ich. Für mich, für den anderen.

In diesem Sinne: Habt ein feines Wochenende.

Zur Ehrlichkeit und zum Loslassen

In den letzten Wochen durfte ich nochmal ein paar Ebenen tiefer gehen und mir erneut auf die Schliche kommen.
Ich danke insbesondere Heidi Weiss, die mir zahlreiche wertvolle Impulse schenkte und bei diesem Tieftauchen behilflich war.
In meinem neuesten compassioner-Artikel geht es um das Thema Ehrlichkeit und dem unterschiedlichen Umgang mit dieser.
“Wie umgehen mit Menschen, die mit den Werten Ehrlichkeit und Offenheit anders umgehen?” – u.a. dieser Frage bin ich auf den Grund gegangen.

Hier geht es zum Artikel.

Mich um meine Angelegenheiten kümmern


Die fremde Baustelle ist unglaublich attraktiv: Das, was der andere alles falsch macht – bitte besser, grundsätzlich anders, im besten Fall meinen Vorstellungen entsprechend machen könnte, lässt sich schnell benennen. Ich glaube, die meisten von uns sind sehr pfiffig darin zu erkennen, was beim anderen schlicht schief läuft. Da nehme ich mich nicht aus.

Gleichzeitig bin ich ein großer Freund der Selbstreflexion: Ich werde nicht müde, mir meine Baustellen sehr genau anzuschauen. Für mich heißt das, in meine Unterwelten abzutauchen, mir all das Unerwünschte, Unangenehme, Kleingeistige, Beschämte genauso anzuschauen wie meine lichtvollen Seiten. Alles kommen und da sein zu lassen. Ich liebe es, Menschen anzustecken, sich auch in der Tiefe zu begegnen. Und natürlich darf ich auch aufpassen, hier nicht missionarisch zu werden.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mir das genaue Hinschauen auch von meinem Gegenüber wünsche, insbesondere von Menschen, die mir nah stehen. Dann denkt es in mir – und manchmal spreche ich es auch aus: „Ich will, dass du das jetzt endlich mal siehst.“ Einem anderen Teil von mir ist vollkommen klar, dass das Ganze so nicht funktioniert: Ich kann vom anderen schlicht nicht erwarten und schon gar nicht fordern, dass dieser bitte auch an sich arbeiten möge, in welcher Form auch immer. Auch ist und bleibt meine Sicht der Dinge eben meine Sicht der Dinge, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann nur meine eigenen Themen bearbeiten und mit meinem liebenden Beispiel vorangehen bzw. meinen Weg fortsetzen.

Was kann ich noch tun? An dieser Stelle möchte ich sehr herzlich Gestalttherapeutin Andrea Löffler danken, deren Fragen und sehr feines Hinspüren mich immer wieder lehren, mein eigenes Gewahrsein feiner und feiner zu schulen. Auch mein Austausch mit Astrologin Bernarda Schmid und Emotionshebamme Lidia Schladt hat mich tief und nachhaltig bewegt. Danke Euch! Ja, was kann ich also tun? Meistens: nichts. Im Sinne von: mich hingeben, mich dort hineinentspannen, wo es sich gut anfühlt. Geduld haben, mit mir und anderen. Sanft sein und bleiben.

Was mir auch hilft (danke, Andrea!): Immer wieder zu mir zurückkehren, mich zu fragen: Was genau macht es mit mir, wenn der andere sich – aus meiner Sicht – seine Themen nicht anschaut, sich nicht ganz zeigen oder sich nur von seinen Schokoladenseiten zeigen mag? Was geht da in mir vor? Erinnert mich dieses Erleben an eine alte Ohnmacht, die ich nicht nochmal fühlen will? Oder habe ich vielleicht Verlustängste, wenn ich weiter ziehe, den anderen auf meinem Weg nicht mehr mitnehmen kann? Für uns beide eventuell unterschiedliche Wege vorgesehen sind?

Was mir persönlich wichtig ist – und ich weiß mit meiner Klarheit mache ich mir nicht nur Freunde: keine Feigheit vor dem Freund zu haben. Ein schwieriger Grad: meinen Werten Ehrlichkeit und Klarheit treu zu bleiben und gleichzeitig den anderen so zu lassen, wie er ist: Unter Umständen möchte mein Gegenüber, dass alles „beim Alten bleibt“, sowohl sich selbst als auch unsere Beziehung betreffend. Mein Wunsch nach Mich-Entwickeln und Verändern – nicht weil das im Außen so erwartet wird, sondern weil ich es will – kann sich also sehr wohl beißen mit der Art und Weise, wie der andere tickt.

Auch wenn es für viele sicher ein alter Hut ist: Mir bleibt nur, meiner eigenen inneren Stimme zu trauen und dieser zu folgen. Wie Gabby Bernstein so schön sagt: „Kümmere dich um deine Angelegenheiten und sei das Licht!“ (aus: Judgement Detox). Im Yoga heißt es, wir brauchen nur 9 Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen. In den meisten Fällen wissen wir sehr genau, was wir wollen und brauchen, was uns gut tut und was nicht. Die Antwort schmeckt uns selbstverständlich nicht immer, doch wenn wir ehrlich sind, ist uns sehr wohl bewusst, was gerade ansteht. Das „In-9-Sekunden-Entscheiden“ gilt natürlich nicht für die Frage, wie genau wir mit langjährigen Verbindungen umgehen können, doch was ich sagen will:

Wir können jeden Tag Integrität und Uns-Stärken kultivieren. Wir können unseren Weg jeden Tag, Schritt für Schritt, in unsere Richtung fortsetzen. Ob gemeinsame Wege dann weiter führen, kurz- oder mittelfristig ausgesetzt werden oder sich  ganz trennen, das wird sich meines Erachtens zeigen, wenn wir uns treu bleiben und unserer Spur folgen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Auch ist es in Ordnung, wenn einst sehr enge Kontakte auch mal weniger eng sind: Wenn es beiden gelingt, sich so zu lassen, kann auch die nun kleinere Schnittmenge geteilt werden.

So lerne ich also immer wieder von neuem: Lieben bedeutet für mich, das für den anderen zu wollen, was dieser für sich will. Ihn sein zu lassen, wer er wirklich ist – selbst wenn das bedeutet, ihn frei zu geben. Es geht nicht darum, den anderen nach unseren Vorstellungen zu formen. Manchmal, wenn ich nicht weiter weiß, hilft es auch, meine Angelegenheiten einer höheren Macht zu übergeben.

Angst vor Ablehnung

Kennt Ihr das auch? Ihr unterlasst bestimmte Schritte – Schritte des Sich-Zeigens, Sich-neu-Erprobens – aus Angst vor Ablehnung? Ich erinnere mich, dass ich im 5. Schuljahr meine komplette Klasse zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen habe, nicht da mir alle wer weiß wie am Herzen lagen, sondern da ich mich bei niemandem unbeliebt machen wollte.

Die Angst nicht gemocht zu werden, zu missfallen, begleitete mich sehr lange. Mittlerweile ist es mir meist wurscht – abgesehen von mir sehr nah stehenden Menschen – was andere denken und meinen, wem ich gefalle und wem nicht. Im Gegenteil, ich erlebe es als völlig “normal” und auch wichtig, nicht von allen gemocht zu werden (denn letzteres wäre geradezu verdächtig und auch uninteressant). Das für mich mittlerweile Furchtbarste ist es, heuchlerisch oder kriecherisch zu sein. Lieber nehme ich in Kauf, dass meine manchmal auch schonungslose Ehrlichkeit nicht gut ankommt.

Ich erlebe es immer wieder: Wenn du zu neuen Ufern aufbrechen willst, musst du durch diese Angst hindurch, wiederholt und wiederholt. Spannend und auch befreiend wird es, wenn du erkennst, dass du und deine Schritte wohlmöglich gar nicht abgelehnt werden. Die These, dass Ablehnung eine Illusion sei, habe ich kürzlich bei Veit Lindau aufgeschnappt und lange in mir bewegt. Veit unterscheidet zwischen Ablehnung und etwas anderes wählen. Das habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen: Der andere lehnt es oder dich nicht ab, er wählt an dieser Stelle nur etwas anderes! Das heißt ferner: Die Wahl des anderen ist kein Urteil über dich oder deinen Wert. Veit sagt, der einzige Mensch, der die Wahl habe, dich in solchen Momenten abzulehnen, bist du. In dich irritierenden oder auch schmerzhaften Momenten kannst du dich also fragen:

Bin ich von meinem Weg überzeugt? Von meinen Zielen und auch von meiner Vision? Kenne ich meine Werte?”

Momente, in denen ich zweifle – zum Beispiel daran, so offen und ehrlich öffentlich zu schreiben – Momente, in denen ich mich mit mir nah stehenden Menschen austausche, beispielsweise darüber, dass sie nicht möchten, dass irgendetwas über sie im Internet steht – sind also wahre Lehrmeister, wenn auch keine angenehmen. Ich bleibe bei dem Beispiel “private Dinge im Internet veröffentlichen”: Eine liebgewonnene Vertraute schrieb mir neulich – nachdem sie lange und interessiert in meinem Blog gestöbert hatte – sie würde private Dinge nicht ins Internet stellen. Gleichzeitig fragte sie sich selbst: Warum eigentlich nicht? Ich kann sie aus ihrer Warte – sie ist außerdem ein völlig “un-digitaler” Mensch – verstehen. Ich erwiderte, ich würde mein Schreiben als das mit Schönste und Abenteuerlichste erleben, dass ich bislang gestaltet habe. Abgesehen davon, dass mir das Schreiben irre viel Spaß macht, erfahre ich immer wieder, dass meine Zeilen auch anderen Mut machen: Von sich erzählen kann andere ermutigen, es kann sie zum Beispiel spüren lassen, sie sind nicht allein.

Gleichzeitig kann ich nachvollziehen, wenn andere das nicht wollen, sprich sich hier an dieser Stelle für “anders leben” entscheiden. Aus vielfältigsten Gründen. Zurück zum Anfang meines Textes – Ablehnung ist eine Illusion. Natürlich mag der eine oder andere das, was wir tun, ablehnen. Doch ich glaube, viel öfter, als dass etwas abgelehnt wird, wird schlicht anders gewählt, anders gelebt. Die meisten Menschen stecken, so meine Beobachtung, sehr tief und busy in ihrem eigenen Leben, sie registrieren gar nicht alles, was du tust, es interessiert auch nicht jeden alles. Geht mir doch genauso!

Daher meine Empfehlung: Mach doch einfach! Oder wie Veit so schön sagt: “Die, die genau auf dich gewartet haben, werden kommen!” Oft ist es so, dass ich selbst auch viel zu beschäftigt bin, als mir permanent über das Leben anderer Gedanken zu machen: Ich bin super neugierig, lasse mich gerne inspirieren, ich verschenke mich sehr gern – das ‘anderen Dienen und ihnen eine Freude machen’ ist für mich Teil und Konsequenz gelebter Selbstliebe. Da komme ich gar nicht zum ständigen “Abscannen”, Vergleichen und mich fragen, was der andere denn evtl. besser macht als ich. Soll heißen: Ich verbringe kaum bis keine Zeit mit Tratschen, Lästern, Ablehnen. Und frage mich: Warum sollten andere dies tun, Zeit mit Ablehnen verbringen;-)? Im Übrigen glaube ich, dass Selbstliebe, sprich die Qualität der Beziehung zu dir selbst DER Schlüssel ist in diesem ganzen “Werde-ich gemocht/abgelehnt-Spiel”.

Mir ist erneut klar geworden: Ich möchte meine Schritte gehen, sie nicht unterlassen. Der Schritt, mich nun mehr und mehr mit den ätherischen Ölen, die ich sehr liebe, zu zeigen, andere hier zu beraten, ihnen die Möglichkeit zu geben, die Öle über mich zu beziehen, ist mir auch nicht ganz leicht gefallen. Doch ich sage mir: Wenn es mich ruft, sollte ich folgen. Unbedingt. Und wenn es dann doch nicht meins ist, wird sich genau dies zeigen.

Und was das öffentliche Schreiben, den Einblick in mein Leben angeht: Mir ist es wichtig, offen zu sein und gleichzeitig genau hinzuspüren, wo sind Grenzen – meine eigenen und die des anderen. In die Tiefe gehen, ohne dass es für eine Seite unangenehm wird.

Und wenn du oder das, was du tust, dann doch abgelehnt werden, kannst du dich fragen: Über wen sagt diese Ablehnung etwas aus? In der Regel über denjenigen, der ablehnt – es ist Ausdruck seiner Werte, seiner Ansichten, seiner Moral, seines Geschmacks, seiner Ästhetik und Weltanschauung.

Welche Erfahrungen machst du mit der Angst vor Ablehnung? Kannst du recht entspannt durch sie hindurch gehen? Oder bremst sie dich oft?

Radikal leben

Neulich kaufte ich mir seit langem mal wieder eine Zeitschrift. Im Vorwort hieß es, Autor unbekannt: “Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

In diesen Zeilen fand ich mich wieder und dachte: Ich bin schon ganz gut unterwegs. Doch dann wurde mir klar, dass ich noch viel radikaler leben möchte in Zukunft: Wirklich noch vollständiger, noch elementarer meine Zeit so gestalten, wie ich es für richtig und sinnvoll halte.

Gerade habe ich ein paar Tage mit unserem Sohn im Harz verbracht. Wir haben Nostalgiehotel, Sole-Therme und Luchsgehege genossen. Wobei letzteres – verbunden mit einer kleinen Wanderung – nur bei mir Anklang fand. Radikal leben heißt für mich auch, die Zeit mit unserem Sohn so bewusst wie möglich zu gestalten. In dem Wissen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass es vermutlich nicht mehr lange dauern wird, bis er sich von den Eltern abgrenzt.

Radikal leben kann auch heißen, an wichtigen Stellen keinen Kompromiss einzugehen: Auf dem Weg zum Luchsgehege wurde Yossi nicht müde zu betonen, wie besch… er das kleine Stück Wanderung (den Teil zwischen Hochseilbahn und “mit Bus zurück”) fand. Ich hab dann etwas getan, was ich noch nie gemacht habe: Ich bin alleine weiter gestratzt (Yossi meinte, er ginge zurück zu Bahn). Mir war das so wichtig, auszuschreiten, ich hatte mich drauf gefreut und es extra sehr kurz gehalten. Auch hatten wir den Deal, im Anschluss ein zweites Mal in die Sole-Therme zu gehen. Am Luchsgehege eingetroffen stand Yossi plötzlich neben mir. Offenbar hat er sich dann doch selbst auf den Weg gemacht und ist der Beschilderung gefolgt.

Ich glaube, es war eine gute Erfahrung für uns beide. Ich habe mir erlaubt, mein Bedürfnis vornanzustellen und darauf zu vertrauen, dass nichts passieren wird (ein Kleinkind hätte ich sicher nicht alleine gelassen). Wie sagte eine Freundin, als ich ihr davon erzählte, so schön? Sie nannte es die “liebevolle Konsequenz, die aus der Liebe zu sich selbst und auch aus der Liebe zu dem Kind und im Bemühen um eine gesunde Beziehung zueinander, absolut wichtig ist. Dem Kind Grenzen aufzeigen und die eigenen Bedürfnisse vertreten, ohne ihm die Liebe zu entziehen.”

Mir wird bewusst: Ich möchte im Leben sehr tief lieben. Natürlich möchte ich meine Liebe teilen und weit streuen – ich behaupte ich habe ein großes Herz – doch noch wichtiger ist es mir, umfassende, enge Beziehungen mit wenigen Menschen einzugehen und mich diesen radikal zu widmen. So auch meinem Mann. In mir wohnt das klare, schöne Bild, mit ihm an ein Ende, sprich bis zum Tod gemeinsam zu gehen. Sicher weiß ich nicht, was kommen wird, doch dieser Wunsch, diese tiefe Absicht ist für mich mehr als gewiss. Und noch wichtiger, als regelmäßig Wochenenden mit Freunden zu verbringen ist es mir, den Großteil meiner Zeit meiner kleinen Familie zu widmen.

Radikal leben heißt insofern auch, wirklich sehr bewusst zu wählen, mit welchen Menschen ich mich warum und wann umgebe. Mich dort voll einzubringen, wo es mich hinzieht, ich mich gesehen und geliebt fühle. Manche meiner einst engen Kontakte sind gerade etwas verschlafen, sicher auch, da es in den jeweiligen Leben zurzeit nur wenige Schnittmengen gibt. Ich habe beschlossen:  Das lasse ich jetzt erst einmal so, selbst wenn es darauf hinausläuft, dass wir nur wenige Male im Jahr Kontakt haben.

Momentan fühle ich mich sehr zu Menschen hingezogen, die Lust haben zu wachsen und die auch mich wachsen sehen wollen. Die mich und meine Eigenarten, meinen Wunsch nach Alleinzeit, meine Ehrlichkeit und Klarheit gut aushalten können. Das sind sowohl einige mir sehr vertraute, schon viele Jahre bestehende Verbindungen, als auch neue Menschen, die mir begegnen, on- und offline  – die ebenso Träume haben und sich ein sattes, erfülltes Leben wünschen.

Was mir auch essentiell wichtig ist: Meinen Gefühlen mehr als bisher zu trauen. Freund und Navigator Harry schrieb mir kürzlich:

„Deine Gefühle sind die Wahrheit. Die Weisheit deines Körpers. Unabhängig ob es dir oder anderen “gefällt”.

Von diesem Punkt aus möchte ich leben. Wenn da Wut ist, dann soll diese den ihr gebührenden Raum erhalten. Und dann dürfen auch Konsequenzen folgen, indem ich aus meinem Zentrum heraus klare Grenzen setze. Ein anderes Beispiel: Noch immer denkt’s in mir, dieses oder jenes müsste ich jetzt aber tun, z. B. eine Wochenend-Verabredung einhalten, die mir schon jetzt aus verschiedenen Gründen Stressgefühle bereitet. Nein, muss ich nicht. Was ich schon gar nicht muss: Meine Freizeit in irgendeiner Form stressig (v)erleben.

Vollständig, sprich so zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben, bedeutet für mich in allererster Linie: sich zu erlauben, diejenige zu sein, die ich sein möchte und dasjenige mit der Welt zu teilen, das ich aus tiefstem Herzen teilen will. Unabhängig davon, wie andere das finden mögen. Seitdem ich mich z. B. stärker auf die Menschen konzentriere, bei denen meine Zeilen resonieren, die etwas mit dem, was ich teilen möchte, anfangen können, anstelle mir Gedanken darüber zu machen, wer meine Texte oder mich ablehnen könnte, blüht vieles in meinem Leben neu auf: Es kommen Menschen und Situationen auf mich zu, die mich voranbringen – Menschen, die mich etwas fragen oder um etwas bitten, das ich gerne gebe, Gegebenheiten, die mich in der Tiefe ausfüllen. Radikal leben heißt demnach für mich: die eigenen Erwartungen leben und damit aufhören, die Erwartungen anderer zu leben. Denn letzteres kostet unnötig viel Energie, Zeit und Lebensfreude.

Zum Muttertag schenkte mein Mann mir eine Blume, die “Schwarzäugige Susanne” – einen “unermüdlichen Dauerblüher”, mit den Worten, diese passe zu mir. Und dies ist mein Wunsch: Selbst wenn der Tag beschissen war, am nächsten Morgen erneut aufzublühen, immer mehr in meine Kraft zu kommen und andere mit meinem So-Sein anzustecken.

Was heißt für Euch radikal, vollständig leben? Was darf nicht fehlen?

 

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Kontakt findet an Grenzen statt

bild-kontakt-grenzenEine Heilpraktikerin sagte einmal zu mir: „Kontakt findet an Grenzen statt.“ Über diesen Satz habe ich oft nachgedacht und im Laufe der Zeit zahlreiche Beispiele für das Wahre an dieser Aussage gefunden: Beziehung wird immer dann spannend, wenn wir uns in unserer Tiefe begegnen, wenn wir den anderen an einem Punkt berühren, der ihn oder uns bewegt, der noch nachhallt oder einen von beiden in Aufruhr versetzt. Wenn wir den Mut haben, unsere innere Wahrheit mitzuteilen, unsere Bedürfnisse und Werte auf den Tisch zu legen, auch wenn wir dadurch verletzbarer werden und das Gegenüber gegebenenfalls enttäuscht oder ablehnend reagieren könnte.

Oft haben wir ein bestimmtes Bild von jemandem im Kopf, meinen ihn zu kennen und wollen auch keine große Energie aufwenden, dieses Bild zu ändern oder zu erweitern. Gerade in Momenten, in welchen der andere vielleicht nicht in der gewohnten oder erhofften Manier reagiert, können beide Beziehungspartner wachsen, kann die Beziehung reifen. Natürlich wird dann oft auch am Eigenen – an der bestehenden Lebensmethode, dem eigenen Lebensmodell – gerüttelt; das ganze System, das Feld, in dem sich die Beziehung bewegt, gestaltet sich neu. Diese Momente sind Chancen, auch wenn wir es eventuell nicht gleich wahrhaben wollen. Schaffen wir es, uns immer wieder für neue Erkenntnisse und Begegnungen mit uns nahen Menschen „leer“ zu machen, dem anderen immer wieder mit frischem, offenen Blick zu begegnen, so denken und fühlen wir uns frei, und es eröffnen sich ganz neue Spiel- und Begegnungsräume.

Jemand, der seine eigenen Gefühle gut wahrnehmen kann und auch Unangenehmes nicht unterdrückt, kann sich meines Wissens auch leichter und tiefer in andere Menschen einfühlen, wird empathischer. Nehme ich zu meinem eigenen Herzen mitfühlend immer engeren Kontakt auf, fällt es mir auch leichter, einen anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Lerne ich meine dunklen Seiten, meinen tiefsten Schmerz immer besser kennen, so wächst mein Verständnis für den anderen und seine „Abgründe“. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn wir in Bezug auf den anderen oder unsere Beziehung eine genaue Vorstellung haben, wie dieser bzw. diese aussehen sollte. Die Beziehung hat hier die Chance, in und an solchen „Grenzmomenten“ zu wachsen, tiefer zu werden, oder aber es trennen sich Wege vorrübergehend oder ganz.

Wenn eine deiner Werte mit denen deines Beziehungs-Gegenübers – Partner, Freund, Kollege – in Konflikt gerät, kann dies Stress erzeugen. Wünschenswert wäre es meines Erachtens, wenn beide Parteien akzeptieren könnten, dass jeder das Recht hat, der zu sein, der er ist. (Während ich den letzten Satz schreibe kommt mir der mich seit Tagen enorm bewegende Berlin-Anschlag in den Sinn und ein Teil von mir zweifelt extrem an dieser Aussage).

Wahrhaftige, tiefe Begegnung bedarf meiner Erfahrung nach des Mutes und der Ehrlichkeit: Lege ich meine Wahrheit möglichst offen auf den Tisch und formuliere meine Werte und ihre konkrete Bedeutung so klar wie möglich, können sich Missverständnisse auflösen.

Was ich auch lerne: Antworten finde ich stets in mir. Habe ich beispielweise einen Konflikt mit einem anderen, kann ich mich sehr auf diesen anderen, seine Fehler und Unzulänglichkeiten konzentrieren und mich immer weiter in das Beziehungsdrama einschwingen. Wirklich helfen wird es mir nicht. Ich darf mich stattdessen fragen: Was soll ich hier lernen? Was ist in mir noch nicht bereinigt? Und auch: Was darf ich getrost- und möglichst mitfühlend –  beim anderen lassen, was gehört nicht zu mir?

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Herzlichst, Carolin

 

Ehrlich sich selbst gegenüber – Teil 2

Tränende HerzenLetztes Mal schrieb ich darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, sich einzugestehen, was wirklich gerade Sache ist, wo Veränderungsbedarf besteht. Heute möchte ich das Thema vertiefen, da ich spüre, wie wichtig es mir ist und welche immensen Entwicklungschancen es auch für das Miteinander bereithält.

Unser Umzug in eine neue Wohnung, das Ausmisten und Neustrukturieren bringt dieser Tage auch viele innere Prozesse – Erinnerungen, Wünsche, Abgeschlossenes, Nicht-Erledigtes oder -Erfülltes – nach außen. Ich staune, dass wir viel Freude und Humor an den Tag legen, trotz des Chaos‘ und der Arbeit, die uns umgeben. Wir hatten daheim bemerkenswert viel Spaß in jüngster Zeit. In diesem frischen, wahrhaftigen Austausch insbesondere mit meinem Mann kam auch vieles zur Sprache, das mich tief berührte, das mir auch weh tat, da es mich mit Seiten konfrontierte, die ich an mir nicht mag und auch nicht sehen will: Es sind Züge, die mit Dominanz, Raffinesse, „Dem-anderen-geschickt-etwas-Aufdrücken“ zu tun haben.

Ich war und bin mir bewusst, dass es mir schwer fällt, die eigenen Grenzen zu wahren und dem anderen aufzuzeigen – überhaupt die inneren Grenzen kennen- und respektieren zu lernen. Ich neige immer noch dazu, es anderen recht, bequem und unkompliziert zu machen. Unstimmigkeiten zwischen mir nahestehenden Menschen möchte ich ausgleichen, Harmonie ist mir wichtig. Dies sind Dinge, die ich als Kind gelernt und inhaliert habe. Was ich nun auch immer deutlicher sehe: wann ich selbst dazu in der Lage bin – wenn auch nicht häufig – Grenzen zu überschreiten.

Wir alle sind betriebsblind, gerade dann, wenn es um das Dunkle, die eigenen Schattenseiten geht. Da wo’s anfängt, verdammt weh zu tun, wo sich Widerstand zeigt, wir unserer eigenen Verletzlichkeit begegnen – da wird’s spannend. Und dort birgt sich meiner Erfahrung nach auch viel Potential. Wie heißt es so schön? „Wo Licht, da Schatten.“ Und umgekehrt. Wenn wir mehr und mehr von uns sehen, uns aushalten und uns auch dem anderen immer mehr zeigen und zumuten, kommen wir in unsere wahre Kraft und Größe. Unsere Beziehungen können dann eine Tiefe erlangen, die wir bis dahin nicht kannten.

In diesem Erkenntnisprozess, den ich kürzlich durchlief, begegnete ich unter Tränen einem Schmerz, einer tiefen Traurigkeit. Und während ich das fühlte, wurde mir bewusst, dass hier gerade etwas Entscheidendes und Wegbereitendes für mich geschah:  Etwas ließ mich los, und ich konnte mich dort hineinfallen lassen. Jetzt danke ich dem Leben für diese wunderbare Erfahrung, auch wenn sie nicht angenehm war.

Ich möchte dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und zu -spüren. Wir alle nehmen meines Erachtens wahr, wann wir aus der Spur geworfen werden, wir plötzlich Herzklopfen bekommen, jemand uns „die Knöpfe drückt“, wir weglaufen oder das was da aufkommt einfach wegdrücken wollen. Es ist auch vollkommen in Ordnung, es wegdrücken zu wollen; auch glaube ich, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Doch gleichzeitig erfahre ich auch den Schatz, das Potential, das ein Bewusstwerden, ein „Nach-Hause-Holen“ birgt. Darüber hinaus erspart es mir viele leidvolle Wiederholungen und viel Stress im Außen: Ich muss mich nicht beim anderen, dem Partner beispielweise, abrackern; der andere muss nicht „herhalten“ für all meinen auf ihn projizierten Neid, Egoismus, meine Ängste und Sorgen. Ich bin schlicht ein entspannteres Gegenüber.

Mein tiefer Wunsch ist es, das Leben in seiner vollen Breitseite, in seiner Tiefe zu erfahren. Den Mut zu finden auch mit Angst loszugehen.

Immer wieder.

Ehrlich sich selbst gegenüber

Ehrlich sich selbst gegenüberEhrlichkeit ist ja oft ne schwere Nummer. Über’s Ehrlich-Sein im Miteinander habe ich mich schon häufiger geäußert.

Was meines Erachtens noch viel elementarer ist, ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und diese ist häufig nicht weniger schwer: Sich wirklich einzugestehen, was gerade im Argen liegt, in welchem Lebensbereich sich Baustellen befinden, sich selbst gegenüber zuzugeben, wo genau Veränderungsbedarf liegt – das ist manchmal hart. Doch ich glaube, allein das Sich-Eingestehen ist die halbe Miete und ein guter Boden für Veränderungen, Schritt für Schritt, Baustelle für Baustelle – vorausgesetzt, ich möchte wirklich etwas ändern. Manchmal hilft es auch, sich dazu zu bekennen, dass man an einer Stelle (noch) nicht bereit ist, Veränderungen einzuleiten. Zu erkennen, da ist mein Schiss größer – ich bin (noch) nicht so weit, oder meine Bequemlichkeit hat hier die Oberhand. Auf Ausreden zu verzichten – auch das ist ehrlich.

Mir ist zum Beispiel vor kurzem bewusst geworden, dass ich dieser Tage viel im Internet daddle, für mein Empfinden zu viel. Auch in Zeiten – vor’m Schlafengehen beispielsweise – in denen es mir erfahrungsgemäß nicht gut tut. Allein dieses Eingeständnis mir selbst und kurz darauf einer engen Freundin gegenüber brachte Veränderung ins Haus: Ich bin nun wieder etwas bewusster, habe neue Bücher erstanden – optimal für die Herbstzeit, lege im Vorfeld Zeiten fest, in denen ich mir erlaube, im Netz zu stöbern und mache das Smartphone (ja, manchmal vermisse ich auch mein “Old-school-Handy”) meistens mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen aus.

Mein Mann meinte neulich, ich könnte ja auch mal wieder mehr Klavier spielen. Davon abgesehen, dass mir das gut bekommt und ich in intensiven Übezeiten – beispielsweise vor einem wichtigen Auftritt – insgesamt und vor allem mental fit bin, ist das Musizieren ein schöne Tätigkeit für’s Miteinander: Auch unserem Sohn wird dabei ein sinnvolles, ja kulturelles Schaffen nähergebracht. Oft denke ich: Wenn wir Yossi eine Vielfalt an wertvollen Aktivitäten schmackhaft machen wollen, dann sollten wir nicht nur labern (“Der Computer wird in 10 Minuten ausgeschaltet!”), sondern uns auch selbst entsprechend – integer – verhalten.

Was ich auch schwierig finde: nicht “besser” sein zu wollen, als ich tatsächlich bin. Mich nicht weiter in meiner Entwicklung zu machen, als ich’s bin. Neulich am Frühstückstisch habe ich meinem Mann gegenüber einen Gedanken geäußert, der eine gemeinsame Bekannte in ein weniger schönes Licht rücken ließ. Ich spürte in diesem Moment Lust, laut zu denken, und gleichzeitig Scham, da mich diese Äußerung auch nicht wer weiß wie glanzvoll dastehen ließ. Und dennoch denke ich: Auch das ist Leben, auch das bin ich. In diesem Bewusst-Werden und sich selbst die Erlaubnis Geben, auch “hässliche” Gedanken zu denken und ggf. zu äußern kann ich mich gleichzeitig darin üben, eine wohlwollende, großherzige Haltung mir und anderen gegenüber zu kultivieren. Und mich daran erinnern: Der andere bin (auch) ich.

Auch ein Sich-kleiner-Machen, zum Beispiel indem ein empfundener Erfolg zurückgehalten wird, in der Befürchtung, der andere könnte einem diesen missgönnen, bringt niemanden weiter. Eigene Probleme und Baustellen anderen gegenüber dramatischer darzustellen, als ich sie selbst empfinde, nur weil es ggf. leichter ist, Leid zu teilen, als hervorzuheben, was gerade besonders glückt, ist auch nicht redlich.

Ehrlich sein bedeutet auch, mir einzugestehen, dass ich gerade an einer Stelle nicht weiter weiß. Das kann auch sehr befreiend sein. Insbesondere an Tagen, die eh schon voller Unannehmlichkeiten sind, hilft ein Anerkennen dessen was ist, ein Erst-mal-so-Lassen, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu kommen.

Mir ist es kein Anliegen, mich ständig zu optimieren – im Sinne von schneller, schlanker, effizienter, leistungsorientierter; ich möchte mich hingegen gerne mehr und mehr selbst erkennen, mich ausprobieren und entfalten und gleichzeitig immer wieder nüchtern betrachten, was in meinem Leben nicht stimmig ist und was ich gerne verändern möchte. Eine gute Richtschnur bieten mir meine Werte, die mir elementar wichtig sind. Es lohnt sich, sich dieser tatsächlich bewusst zu werden, sie aufzuschreiben, in sich zu bewegen und das eigene Leben mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen.

Wie schwer oder leicht fällt es Euch, aufrichtig anzuerkennen, was ist?

 

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