seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: berührbar bleiben

Sich erheben und dabei berührbar bleiben

Skorpion der lächelt (Origami, gefaltet)Im Kontakt zueinander wird es meistens an den Grenzen spannend: an den Punkten, in den Momenten, in welchen wir stark durch die Worte oder das Verhalten des anderen berührt, bewegt oder auch verletzt werden. „Kontakt findet an Grenzen statt“, heißt es in der Gestalttherapie. Wir werden berührt, wenn wir in unserer Gänze gesehen werden, wenn das Gegenüber uns wirklich erkennt – manchmal vielleicht sogar, bevor wir selbst jenen Zug an uns entdeckt haben. Wir alle wünschen uns, so gesehen zu werden, wie wir wirklich sind. Ich glaube, dies ist unser tiefstes Bedürfnis und auch das, was uns am meisten Angst macht.

Wir fühlen uns aufgebrochen und gleichzeitig höchst verletzbar, wenn ein anderer unsere Scham – das Gefühl nicht liebenswert und nicht gut genug zu sein – wahrnimmt; gleichzeitig kann hier eine Nähe entstehen, ein tiefes Verständnis füreinander, welches uns bereichern, unsere Beziehung reifen lassen kann.

Unsere Verletzlichkeit ist der Weg zueinander“

sagt Autorin Brené Brown (Psychologie Heute, März 2017, Heft 3). Das denke ich auch. Immer mehr. Natürlich kann und möchte ich nicht jedem mein Herz ausschütten. Wir dürfen bewusst wählen, wen wir wann an welcher Thematik, an welchem Punkt unseres Lebens und dem was uns in der Tiefe beschäftigt teilhaben lassen. Viele Menschen gestehen sich nur schwer eigene Schwächen zu: Ihre Angst davor, was andere über sie denken könnten, ist so groß, dass sie auch nicht gut mit der Verletzlichkeit oder der Fehler-Toleranz anderer sich selbst gegenüber umgehen können. Brown rät dazu, uns zu fragen, ob die Beziehung das Gewicht der Geschichte aushält, bevor wir jemandem unser Herz ausschütten.

Wie sollen andere mir etwas zugestehen, was sie sich selbst nicht erlauben können? Oftmals fahren Menschen ihre Krallen aus oder senden Pfeile auf’s Gegenüber, die eigentlich ihnen selbst gelten: Unter Umständen triggert ein Verhalten den anderen an einem Punkt, an einem wunden Punkt. Bin ich auf dem Weg der Selbstfürsorge und –liebe, stelle ich mein Wohlergehen mehr und mehr ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit, so stößt das nicht überall auf Gegenliebe: Die Fürsorge sich selbst gegenüber ist wohlmöglich im System des anderen, sich stark kritisierenden Menschen (noch) gar nicht präsent. Daher fehlt hier vermutlich auch das Vermögen sich einzufühlen. Ein Mensch auf dem Weg in die innere Freiheit, in einen gesunden Egoismus kann zur Projektionsfläche, zur Zielscheibe unausgegorener Gedanken und unverarbeiteter Emotionen werden. Insofern würde es uns alle in unserer Entwicklung weiterbringen, wenn wir uns mehr und mehr trauen würden, uns „unseren Dämonen“ zu stellen, uns  unsere Schattenseiten anzuschauen und uns gleichzeitig darin zu üben, immer mehr unser Licht nach außen zu tragen.

Wenn wir uns erheben – ohne uns über andere zu erheben – wenn wir in unsere Kraft kommen, unsere Wahrheit kennen und nach außen tragen, halten wir unserem Umfeld einen klaren Spiegel vor: Wir strahlen aus, dass Veränderung ansteht, wir nicht mehr bereit sind, gewisse Glaubenssätze zu akzeptieren, oder wir zeigen, dass wir nicht weiter in selbst oder gesellschaftlich auferlegten Grenzen leben wollen und nicht mehr bereit sind, eine Art von „Kleinheit“ hinzunehmen. Dadurch irritieren wir den einen oder anderen, ruckeln an seinem Lebensmodell und sind auch weniger manipulierbar – unser Verhalten kann Unbehagen und Angst beim anderen auslösen.

Hier berührbar und offen zu bleiben, offen auch für konstruktive Kritik, kann meines Erachtens alle Beteiligten wachsen lassen; sich nicht angegriffen zu fühlen und sofort zurückzuschießen, gleichzeitig bewusst seine eigene Spur weiter aufzunehmen, ist eine Kunst. Klarheit zu transportieren, sich klar auszudrücken muss man üben und sich auch erlauben, denn: Klarheit bringt Präsenz und Sichtbarkeit mit sich, und nicht jeder in meinem Umfeld ist für (meine) Klarheit bereit.

Ich beobachte, dass viele von uns ihr Licht unter den Scheffel stellen. Vor Jahren habe ich mich beispielweise nicht getraut, für unser Schwesternduo Bluetwos – meine Schwester Kati & ich treten unter diesem Namen auf – verstärkt Werbung zu machen. „Verrückt“, denke ich heute. Oder aber ich war mir unsicher, wie Menschen in meinem nahen Umfeld auf diese Seite, seisofrei-lebenskunst und mein neues Sein als Schreiberling reagieren würden. Mittlerweile denke ich: Es muss ja nicht jede(r) etwas damit anfangen können. Dass ich viel Freude dabei habe, ist sicher niemandem entgangen. Das viele Schöne, das auch durch diesen Blog Einzug in mein Leben erhält, spricht für sich. Zurück zum Licht: Ich möchte dazu ermutigen, kühner zu denken, sich Großes zu wünschen und zu einer warmen, gütigen, selbstbewussten Sonne zu werden, die ihre Mitmenschen dazu inspiriert, sich auch zu ihrer Größe zu bekennen.

Ich bin mir sicher: Tief im Innern ist ein Ort in uns, der stets voller Vertrauen ist und nicht müde wird, Vertrauen in die Welt zu tragen. Deshalb: Trauen wir uns, unseren ganz eigenen Weg zu gehen.

 

Über’s Schreiben und Offenbaren

selfie-mal-andersHeute schreibe ich darüber, weshalb ich schreibe – hier, in diesem Blog, über meine Themen.

Mir wird wieder einmal bewusst, dass dieser Schritt mutig war und ist, dass ein solches Teilen, Sich-Mitteilen natürlich nicht jeder gutheißt – nicht jeder applaudiert. Kurzum: Es ist nicht jedermanns Sache.

Im Internet tümmeln sich die irrsten Selbstdarstellungen und –offenbarungen, die tatsächlich Fragen aufwerfen: Was um Himmels Willen soll das? Wer will das alles wissen und sehen?

Ich habe schon immer gern geschrieben: früher Tagebuch, heute Briefe, Karten, Mails. Das was mich bewegt bringe ich gern zu Papier. Und teile es mit Freude.  Sprache ist mir wichtig. Ich habe Spaß daran, Worte bedacht und mit voller Absicht zu wählen. Vor ungefähr eineinhalb Jahren habe ich angefangen, Familie, Freunden und Bekannten via Rundmails selbstverfasste Texte zu schicken. Irgendwann hatte ich Lust auf mehr: mehr Reichweite, Resonanz, ja, auch mehr Abenteuer. Nicht zu wissen, was kommt, wie was ankommt, was es auslöst. Auch fand ich es schön, Leute nicht mehr mit Mails zu „behelligen“, sondern sie selbst entscheiden zu lassen, ob sie meine Zeilen lesen, ob sie teilhaben wollen oder nicht. Das erlebe ich als souveräner meinerseits, auch als freilassender für den anderen.

Es ist, als fließt es direkt aus mir heraus. Es macht tierisch Spaß, etwas zu erschaffen – Worte, Sinn, Bilder. Dieses Fließen ist etwas Wunderbares, wir können es auf vielen Wegen erleben. Dazu möchte ich auch anregen: Immer wieder genau unsere Tätigkeiten zu suchen, die uns ins Fließen bringen und uns Freude machen. Wozu ich auch immer wieder ermutigen möchte: Wirklich seinen inneren Impulsen zu folgen. Seinen ureigenen Weg tatsächlich zu gehen, auch wenn die Richtung nicht immer der der Mehrheit oder des Umfelds entspricht. Ich möchte weiß Gott nicht alles von mir öffentlich preisgeben, auch meine Liebsten lasse ich aus dem (Blog-)Spiel – meine Inhalte sind eher sehr elementare, die meisten Sinn-Suchenden beschäftigende Themen.

Natürlich ist es auch so: Es wird immer Menschen geben, die dich oder das was du machst kritisieren, aus verschiedensten Gründen. Je mehr du von dir selbst zeigst, je mehr Aufmerksamkeit du auf dich ziehst und Veränderungen in dein Leben bringst, umso mehr wirst du auch kritisiert werden. Ich möchte gerne offen und berührbar bleiben für das, was andere mir aufzeigen, mir spiegeln. Gleichzeitig möchte ich auch zu mir stehen, weitergehen und unterscheiden lernen, wann eine Reaktion wirklich mit mir zu tun hat, ich etwas lernen soll, und wann es doch mit dem So-Sein des anderen zu tun hat, er etwas lernen darf. Veränderungen, die ich initiiere, rütteln auch stets an den Grenzen des anderen, an seinem Lebensmodell.

Mit dem Phänomen „Selbstdarstellerei im Internet“ beschäftige auch ich mich. Wie gesagt, tausend banale Dinge zu posten und mein Umfeld über jeden kleinen Schritt zu unterrichten ist nicht mein Ding. Interessant auch, dass sich etwas bei mir zusammenzieht, wenn ich das Wort „selbst-darstellerisch“ in den Mund nehme – so will ich nicht sein  (so sollte man nicht sein?!).  Und muss mir eingestehen: Natürlich wohnt da auch ein Mensch in mir, der gerne eine Bühne betritt, der Lust hat, etwas nach draußen zu geben, auch wenn ich in anderen Momenten sehr zurückhaltend, ruhig sein kann.

Neulich fragte ich meine Schwester, worin aus ihrer Sicht der Unterschied besteht, in seine natürliche Größe hineinzuwachsen, sprich immer mehr sein volles Potential zu leben, und sich im Gegensatz dazu größer zu machen, sich aufzublasen? Sie sagte sinngemäß, Menschen in ihrer natürlichen Größe können einen Raum einnehmen, diesen mit ihrer Kraft, ihren Ideen füllen und sich gleichzeitig auch total zurücknehmen, erspüren, wann es angezeigt ist, demütig zu werden, zuzuhören, anderen Raum zu geben. Das fand ich sehr treffend. Und ich ergänze: Menschen, die freier, großzügiger, kühner denken, kennen ihre Stärken und respektieren ihre Schwächen, so meine Erfahrung.

Es ist mir eine große Freude, andere mit meinen Zeilen zu berühren. Momentan ist es diese Seite, dieser Blog (auch wenn ich mich mit dem Wort „Blog“ immer noch nicht so ganz anfreunden kann), der mir dafür eine Form bietet. Mal schauen, was sich daraus entwickelt. In anderen Momenten ist es die „Musik-Bühne“, die ich mit meiner Schwester betrete. Auch in meinem Musiktherapieraum finden solche berührenden Momente statt, im Grunde: Im Leben selbst können wir immer wieder andere berühren – lächelnd, Komplimente machend, zustimmend, und auch anregend, aufweckend.

Es grüßt ganz herzlich

Carolin

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén