seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

An schlechten Tagen

Gestern kam mir ein Gedanke, den ich in meinem Facebook-Feld teilte:

Mir bekommt es nicht, mich jedem überall anzuvertrauen, wenn es mir nicht gut geht. Wenn die Scheiße gerade richtig am Dampfen ist. Ich in meinem Leid, meinem Drama sitze. Denn was oft passiert, wenn wir zu häufig, gegenüber vielen Menschen und „an überforderten Stellen kommunizieren, wenn es uns nicht gut geht“ (ich zitiere Transformations-Coach Petra Methner, aus unserem schriftlichen Austausch. Danke Petra!): Unser empfundenes Leid wird größer, erhält mehr Aufmerksamkeit, mehr Energie – respektive wird unbewusst durch die Aufmerksamkeit genährt. Hier frage ich mich: Wer hat was konkret davon?

Während ich vor Jahren noch dazu tendierte, mein Herz sehr auf der Zunge zu tragen, bin ich nun also deutlich vorsichtiger, wem ich mich anvertraue. Ich frage mich offen und ehrlich: Worum geht es mir gerade, was ist meine Absicht? Lange Zeit saß ich dem Irrglauben auf, es entspräche meinem Wert der Ehrlichkeit, der Wahrhaftigkeit, mich anderen möglichst vollständig mitzuteilen. Was ich jedoch oft spüren konnte: Mir ging es überhaupt nicht besser nach dem einen oder anderen Gespräch, nach einem: „Oh Gott, du Arme“! Das Negative, Schwierige hat für viele einen besonderen Reiz, ich nehme mich da nicht aus: Auch ich ertappe mich manchmal dabei, besonders sensationsgeil  zu sein, eine Diskussion, einen Disput mit lustvoller Erregung zu verfolgen. Vermutlich kennt das jeder – es hat eventuell damit zu tun, dass wir dabei sehr stimuliert, auch vom Eigenen abgelenkt werden.

Mittlerweile, da ich in erster Linie mir selbst gegenüber sehr ehrlich bin – und daraus resultiert auch die Ehrlichkeit gegenüber anderen – wähle ich bewusst, wo ich meinen Schmerz, meine Traurigkeit, meine Wut lasse. Das empfinde ich nicht mehr als unehrlich, sondern als einen wohlwollenden Akt der Selbstzuwendung.

Ich bin ein – viele würden sagen – sehr positiver Mensch: Mir gelingt es, auch auf schwierige, auf den ersten Blick aussichtslose Situationen positiv zu schauen, sprich den Situationen Lehrreiches, Gutes abzugewinnen – mögen sie noch so kompliziert sein. Mein Gegenüber mag das hin und wieder als schönredend, „das Negative ausblendend“, naiv betrachten. Auch ich selbst zweifle immer wieder an mir und meiner Wahrnehmung. Doch wenn ich auf mein Leben blicke, fällt mir auf, dass die Tage, die ich als schön, bereichernd, genussvoll erlebe, deutlich in der Mehrzahl liegen. Oder anders: Ich kann tatsächlich (fast) jedem Tag etwas Schönes abgewinnen.

Kontemplation ist eine Möglichkeit, mich in schwierigen Phasen zu navigieren. Mir helfen Yoga, meine Öle, Aufenthalt im Wald und viel Bewegung. Natürlich mag und schätze ich auch den Austausch mit anderen bewussten Menschen, die mich gut und tief kennen. Mir hilft es außerdem, mich meinem Mann, engen Freunden oder Familienmitgliedern anzuvertrauen, die um die Ecke denken können, meine Geschichte nicht mit ihrem eigenen Drama, das eventuell durch meine Schilderung berührt wird, verwechseln und mir dabei helfen, mit anderen Augen auf mich und meine Situation zu blicken. Auch möchte ich nicht unmittelbar Rat hören, sondern wünsche mir oft nur ein Ohr. Während wird aussprechen, was es in uns denkt und fühlt, gewinnen wir bereits Klarheit und mit ihr Heilung.

Es kann ebenso angemessen und stimmig sein, bestimmte sensible Themen – bei mir ist es zum Beispiel das Thema Familie, Erziehung, Muttersein – nur mit ausgewählten Menschen, die mich und meine kleine Familie schon lange begleiten, zu teilen. Es bringt mir nichts, die Konfliktpalette, die sich auch oft wiederholt und wiederholt, jedem unter die Nase zu reiben.

Fühl dich eingeladen, da mal genauer hinzuschauen und zu –spüren, was für dich stimmig ist, was du wem gegenüber teilst. In diesem Sinne, alles Liebe für deine Prozesse!

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Das Liebespaket wird größer

  1. Lydia Bartsch

    Liebe Carolin, du sprichst mir aus der Seele, ich finde mich wieder! Schön formuliert. Danke
    LG Lydia

    • Carolin

      Das freut mich sehr, liebe Lydia! Ich glaube, es ergeht vielen so, doch nicht allen ist es bewusst: Wir dürfen weise wählen, und sind (dennoch) ehrlich, ja, wahrhaftig. Alles Liebe zu dir!

  2. Anja Schwörk

    Liebe Carolin,
    deine Worte kann ich absolut unterschreiben! Schön, sich das auch so bewusst machen zu können. Danke und lieber Gruß!

    • Carolin

      Liebe Anja, hab herzlichen Dank für deine schöne Rückmeldung! Das Sich-Bewusstmachen ist entscheidend. Und es dann einfach als vollkommen ok betrachten, dass es so ist. Ich glaube wir spüren – wenn wir uns den Moment nehmen – sehr genau, wem wir was erzählen wollen. Alles Liebe zu dir und hoffentlich auf ganz bald mal wieder!

  3. Erika

    Liebste Carolin, ich lese Deine Texte liebend gerne, sie berühren mich und drücken viel aus mit dem ich mitschwinge.
    Bei diesem aktuellen Artikel kann ich sehr gut nachempfinden, was in Dir vor geht und auch ich mache ähnliche Erfahrungen. Ich praktiziere mittlerweile bei einem
    „Wie geht’s?“ offen zu kommunizieren was gerade ist, ohne es zu kommentieren. Zum Beispiel habe ich mich letzten Montag unsicher gefühlt und das auch genauso mitgeteilt. Da kamen schöne Reaktionen oder auch ein : “Macht doch nichts, ist doch in Ordnung!“ Das tut gut. Alles Liebe Dir und weiter so, Du Herzensfrau. Du solltest auf jeden Fall mit dem Schreiben weiter machen!

    • Carolin

      Auch liebste Erika, ich danke dir sehr! Ich erinnere mich an ein Gespräch in Sabines Küche, als du meintest, du könntest manchmal auf die “Wie geht’s?”-Frage gar nicht antworten: Wie geht’s just in diesem Moment, in dieser (Lebens-) Phase…, das konnte ich so gut nachempfinden:-)!
      Schön, dein Beispiel hier – auf ne tolle, stimmige Art “gelöst”. Ja du, ich werde definitv weitermachen mit dem Schreiben. Momentan ruft es mich wieder sehr: Mein tiefer Wunsch ist es, möglichst viele Menschen mit meinen Zeilen anzustecken. Und mir wird auch immer bewusster, dass ich damals mit dem Schritt, öffentlich zu schreiben, so wie ich schreibe, auch etwas losgetreten habe. Gerad schrieb mir eine tolle Frau und Kundalini Yoga-Lehrerin, dem Sinn nach, gerne würde sie meine Zeilen weiterreichen und -empfehlen, es müsse jedoch auch passen, denn es läge nicht jedem – “sich zu öffnen, und sich mit dem Leben, der Existenz, den hautnahen Anliegen zu stellen” (liebe Martina, ich habe dich hier einfach mal zitiert, solltest du das lesen:-))! So ist es wohl. Gehab dich wohl, umarme dich und hoffe auf bald!

      • Martina Pawlowski

        Liebe Carolin, gerade habe ich deinen Prosa-Text “An schlechten Tagen” gelesen…
        und sah – dass du mich zitiert hattest, mit: “sich zu öffnen, und sich mit dem Leben, der Existenz, den hautnahen Anliegen zu stellen” – Das hat mich nun
        spontan heiter gestimmt (:-)) – Dinge, Geschehnisse, die einem zugestoßen sind, mit Hilfe der Sprache zum Ausdruck zu bringen ist ein großartiges Geschenk, das wir haben. Manchmal knallen das Glück, Momente der Freude, mit Erfahrungen von seelischem Schmerz bereits an einem einzigen Tag blitzartig zusammen… Zu früheren Zeiten war mir dann innerlich “das Kartenhaus” zusammengebrochen. Gerade mit Menschen aus meiner Herkunftsfamilie erfahre ich oft solche Aufprall-Momente: “oh je – was ist jetzt los? was habe ich jetzt mit diesem oder jenem Wort ausgelöst? ich wollte doch gar nicht verletzen oder beleidigen, und eine betreffende Person aus meiner Herkunftsfamilie zeigt sich zutiefst negativ getroffen und es löst ein Drama aus…” – Bei mir: Momente, die mir unwahrscheinlich stark unter die Haut gehen… Und ich weiß zunächst keinen Ausweg aus diesen Situationen. Mit wem nun darüber sprechen? stellt sich mir dann die Frage. Gestern am Abend, des 26.Januar, war es denn meine Nachbarin, die bei mir im Haus gegenüber wohnt, der ich mich dann öffnete. Zu allem Überfluß, fing auch noch in meiner Wohnung am Abend, der Feuermelders an zu fiepen, laut:
        “fiep, fiep, fiep…” – “oh je, auch das noch”. Ich tötete ihn ab, nahm die Batterie raus, die eben abgelaufen war, und trug das Blinkgefäß zur Nachbarin, Eine resolute Frau, lebensklug, praktisch. “ja, du musst ne neue Batterie kaufen…” –
        und ich erzählte die Geschichte von einem Zusammenstoß mit einem Familienmitglied, dass ich zwei Stunden zuvor erlebt hatte…
        Das half, aber die Wunde geht nicht so schnell weg… Das geht einem nach, es verfolgt dich irgendwie.
        Das – Carolin – erinnert alles an dein Fotobildnis, alles überflüssigen Geräte und Sachen,
        das Gerümpel (alles was dir überflüssig geworden ist) `raus – an einem Abstellplatz. “Sich von Altlasten befreien”, nennt man/frau das.
        Mit der eigenen Seelenreise und den Altlasten in der eigenen Seelen-Landschaft ist das leider nicht so einfach, wie mit der Entsorgung von Geräten und dem Neu-Erwerb von Dingen.
        Gestern am Abend des 26.Januar, hatten wir beide dann auch noch einen Austausch, der – obwohl wir Reibeflächen hatten – sehr heilend wirkte – Also: Sich zu öffnen, und sich mitzuteilen – von Herzen her und aufrichtig – so meine Erfahrung, das ist doch immer gut, heilend. Du beschreibst es ja ebenfalls, in deinem wertvollen Text. Allerdings: es besteht tatsächlich gar oft das Problem: dass frau/man an die “falschen Personen” gerät, “das Herz auf der Zunge zu tragen” ist nicht immer (wie du Carolin ebenfalls bemerkst), der passende Weg. Ja, wie denn? Selbstakezptation, ganzheitlich – ist eine wichtige Grundbasis, sich selbst und anderen zu vergeben. In Krisensituationen des Aufpralles, den eigenen Stolz zu überwinden, und auf den Anderen oder die Andere (die/der sich falsch verstanden fühlte und eben angetriggert war) – mit offenem Herzen zu zugehen, und zu vergeben … vielleicht dieses auch mit einer symbolischen Geste, eines keinen Geschenkes. “Schlechte Tage” gibt es wirklich, sie gehören genauso zu unseren jeweiligen Leben, wie das Glück und die Momente der Freude. (:-)) Herzlichen Dank an dich Carolin für deine Aufrichtigkeit und deinen sehr anregenden Text “An schlechten Tagen” – Sie Geburtshelferinnen der Glücks-Erfüllung. Alles Liebe – und auf bald! Martina

        • Carolin

          Ach liebe Martina, wie schön, dich hier so lebendig und ausführlich zu lesen! Hab herzlichen Dank! Das Foto ist im übrigen nach dem Ausrümpeln des Celler Kellers (Elternhaus) entstanden: Wir hatten einen Wasserschaden, zum Glück nachdem unsere Eltern – zunächst Papa, dann Mama – bereits verstorben waren. So haben sie das Chaos nicht mehr mitbekommen…
          Die Szene mit deiner Nachbarin, die du beschreibst, find ich ganz wunderbar – auch wenn der Aufprall zuvor ja ernster Natur war. Auch mit der Nachbarin kann – manchmal ganz unerwartet und unverhofft – Nähe erfahren werden.  Die Herkunftsfamilie ist, so fühl und erleb ich, das größte “Trigger-Feld” überhaupt: Niemand vermag es, uns so tief und mitunter schmerzhaft zu treffen wie Familienmitglieder. (Das gilt natürlich auch für uns: Auch wir treffen).
          Mir hat, offenbar ebenso wie dir – Kundalini-Yoga enorm geholfen, mir Klarheit und Heilung geschenkt. Und auch etwas mit Menschen in meinem (Familien-) Feld gemacht – denn natürlich war und bin ich nicht mehr dieselbe. Re-agiere anders als gewohnt.
          Freude und Trauer und Schmerz können in der Tat an ein- und demselben Tag auftauchen – das macht das Leben auch so reich, wie ich finde.
          Auch ich bin sehr sensibler Natur, mache mir schnell nen Kopf. Mittlerweile lasse ich mich jedoch nicht mehr von den Stürmen des Lebens hin- und herschütteln, sondern bin stärker in mir verankert. Übungen bzw. Kriyas für Nervensystem und Aura sind hier Gold wert. Ebenso das tiefe Geerdet-Sein: Sind wir fest verankert, machen wir uns auch weniger Gedanken.
          Schön, dass wir zwei uns – trotz wechselseitiger “Trigger-Momente” – so gut und aufrichtig verstehen. Nähe und Intimität entstehen können.
          Ich freu mich sehr über unseren Kontakt uns wünsche dir alles erdenklich Gute!

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