seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Ausdrücken was da ist

Immer mal wieder besucht mich mein Schatten. Auch auf die Gefahr hin, dass es in dem einen oder anderen nun denkt: „Jetzt schreibt sie schon wieder über Schatten!“ – das Thema ist so essentiell, für mich, für andere. Und ich glaube, es ist wesentlich für uns alle: Wir kommen nicht drum herum, uns ehrlich zu begegnen. Vor allem nicht, uns selbst in unseren Kellerräumen zu besuchen.

Soziale Medien sind eine äußerst interessante Spielwiese. Wir können uns hier auf mannigfache Weise begegnen: Wir können der Welt ein ganz bestimmtes Gesicht hinhalten, wir können uns jedoch auch sehr offen und verletzlich zeigen, wenn wir das wollen und den Mut dazu haben.

Mir sagte kürzlich ein sehr liebgewonnener Mensch, ich hätte eine starke Persönlichkeit, im positivsten Sinne“, und dadurch könne ich auch schnell angegriffen werden (Danke, Heidi!). Im Laufe der Jahre des Sich-mehr-Zeigens, Sich-und-seine-Stärken-Ausdehnens und auch des Selbstbestimmt-Lebens – hin und wieder auch Regeln, Konventionen, Tabus brechend – konnte ich feststellen, dass ich viel positive Resonanz erhalte, jedoch mir auch immer wieder Gegenwind entgegenbläst.

Veit Lindau spricht davon, dass die Angst vor Wirk-Kraft eine der Hauptblockaden auf dem Weg zum Erfolg darstellt: Es mag leichter und bekömmlicher erscheinen, sich, seine Meinung und auch sein Potenzial zurückzuhalten, als sichtbar und selbstbestimmt zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Denn Erfolg – in welchem Bereich auch immer – bedeutet auch, mehr Macht anzunehmen.

Wenn ich nun also stark und für mich einstehend auftrete, kann es passieren, dass manch einer mein Licht und meine Kraft verkleinern möchte – vielleicht, da er Verunsicherung spürt. Je mehr ich jedoch in die Selbstliebe komme und dadurch insgesamt viel Liebe in mir trage, umso weniger macht Gegenwind mir auch etwas aus. Verletzlich bin ich natürlich dennoch, bzw. meine Persönlichkeit, mein Ego, wenn man so will. Doch je öfter ich meine Gefühlswahrheiten (Danke, Harry!) ausdrücke, sprich dass was es in mir fühlt – gerade Angst ist so unangenehm! – umso besser lerne ich mich kennen. Ausdrücken was da ist – unabhängig der Konsequenzen, das ist der Schlüssel für wahrhaftige Kommunikation und Intimität. Meine Wahrheit kann so ans Licht kommen und tiefe Begegnung stattfinden.

Wie antwortet Ilan Stephanie, Autorin und Körperforscherin, so treffend auf die Frage: „Können wir kommunizieren, ohne zu verletzen?“ Dem Sinn nach sagt sie, nein, denn wir seien ja alle bereits verletzt – was uns davon abhält, unsere Wahrheit auszusprechen, sei die Angst, für diese angegangen, kritisiert zu werden. Weniger die Angst, den anderen zu verletzen. Wir kommen um die Punkte Verwundung, Verletztheit und jemanden verletzen können, verletzt werden können, nicht drum herum. Es ist nicht möglich, niemanden zu verletzen.

Und wenn wir uns nun also – ob analog oder digital – wirklich begegnen, kann es natürlich vorkommen, dass sich unser Schatten meldet. Es ist sogar mehr als wahrscheinlich. Ich spürte neulich Scham in mir aufkommen, als mir bewusst wurde, dass ich in einer Facebook-Korrespondenz, die dazu auch noch für alle sichtbar war, die „goldene Regel der Kommunikation“ missachtete und nicht mit einer Person, sondern gewissermaßen über diese sprach: Als ich Dinge zum Ausdruck brachte, die noch, ausgelöst durch unseren Austausch, in mir nachhallten und verarbeitet werden wollten – jedoch Dritten gegenüber. Auf die direkte Konfrontation mit der entsprechenden Person hingegen hatte ich keine Lust. Letzen Endes ist genau das mir klar geworden – ich ließ die Angst, als „falsch“, hinterlistig wahrgenommen werden zu können, Angst sein und fasste mir ein Herz: Ich nahm Kontakt auf und sagte alles, was es in mir dazu zu sagen gab. Das war gut. Befreiend uns sehr bereinigend, sicher für beide. Im Anschluss dachte ich: Wir haben alle Angst davor, mit diesen ganzen „unschönen“ und gleichzeitig so total menschlichen Eigenschaften gesehen zu werden. Lästern, tratschen, meckern, sich nicht mit Ruhm zu bekleckern – all dies ist nicht immer leicht in sich selbst zu erkennen und zu bejahen, oder anders: Wir lieben unsere Schokoladenseiten und das Zeigen selbiger. Verständlich. Doch ist das halt nur die halbe Wahrheit.

Noch ein wichtiger Hinweis zur Kommunikation – auch als Musiktherapeutin mache ich immer wieder diese Erfahrung: Wir kommunizieren hauptsächlich unterhalb von Worten. Entscheidend ist die Energie, mit der wir Dinge sagen. Wir erspüren sehr deutlich die Energie, die manchmal nicht zum Gesagten passt: So wird manch in der Tiefe passiv-aggressiver Ausdruck, manche Feindlichkeit unter Umständen geschickt mit Zucker übergossen. Wenn wir feinfühlig sind, enttarnen wir dies schnell und können dann entscheiden, ob und welche Energie wir in die Kommunikation stecken.

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Verletzen und verletzt werden

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Zeder erdet und beruhigt

  1. Danke, liebe Carolin, für diese Offenheit und den Artikel. Ich habe mehrmals geseufzt während des Lesens, besonders beim Thema Verletzlichkeit und die Angst davor.
    “…was uns davon abhält, unsere Wahrheit auszusprechen, sei die Angst, für diese angegangen, kritisiert zu werden….” – OHja, wie oft habe ich mich zurückgenommen, nichts gesagt/geschrieben, aus Angst, dann ein paar auf die Löffel zu bekommen. Angst vor Konflikt. Angst, mich rechtfertigen zu müssen. Angst, mit meiner Meinung allein dazustehen oder nicht verstanden zu werden mit meiner Wahrheit. Dann lieber doch der Gedanke “meine Ansicht oder mein Gefühl interessiert ja doch niemanden und ist nicht wichtig, dann lass ich es lieber ganz”. Oder “Notlüge”. Altbekannte Strategie des verletzten Herzens.
    Es ist besser geworden. Ich bin mutiger geworden. Ich bin freundlicher zu mir selbst geworden. 🙂
    Ich danke dir. Herzlichst, Corinna

    • Carolin

      Oh ich danke dir, liebe Corinna! Schön, dass du dich hier meldest, darüber freu ich mich gerad besonders. Ja, das Thema Verletzlichkeit. Ich freue mich über deine Entwicklung, die du da beschreibst. Ich kann sie förmlich fühlen. Und auch all die Ängste, all das was dich abhält. Das kenne ich so gut. Und sicher viele andere auch. Einfach weitermachen. Und atmen.
      Gestern saß ich im Hugendubel und las in einem Buch von Käthe Lachmann, “Verletzlich ist das neue stark – Warum es sich lohnt, Schwäche zu zeigen”. Diese Zeilen möchte ich hier teilen: “Wir bewundern Menschen, die sich verletzlich zeigen, die sich öffnen und sagen: “So bin ich. Ja, ich habe Fehler. Ich bin nicht perfekt.” Aber uns selbst als verletzlich zu zeigen und uns damit zu öffnen fällt uns außerordentlich schwer. Wieso ist das so? Wir können uns doch schon vorstellen, dass uns niemand dafür hassen wird, wenn wir unsere Schwächen zugeben? Und wenn es jemanden gibt, der das tut, können wir auf den doch getrost verzichten.” Alles Liebe zu dir!

  2. Olli

    Meine liebe Calli,
    starke Worte, starke Frau (und Frau Stark), freue mich diese Gedanken von Dir zu lesen! Eine inspirierende Einladung auch ungeliebte Schatten-Gäste Willkommen zu heißen!
    Beizeiten mehr…
    Dein Olli

    • Carolin

      Unbedingt beizeiten mehr! Mein lieber Olli, wie schön, gerad stell ich fest, dass du mir auch fehlst. Auch wenn wir uns ja nun gar nicht so selten sehen. Komme gerad vom Einkaufen für meinen Geburtstag: Werde eine feine, starke Frauen-Runde daheim empfangen und freue mich sehr. Bitte bald wieder mehr! Ich habe Lust, ein November-/ Dezember-Wochenende auszumachen: Entweder mit gemeinsamer Musik, oder mal zu zweit wegfahren. Ach Olli, da hätt ich Lust zu! Kuss zu dir rüber!

  3. Alexandra Thoese

    Vielen Dank liebe Carolin für deinen wertvollen Text. Ich mag es sehr wie und mit welcher Tiefe du dich deinen/unseren (kollektiven) Themen widmest. Deine Erkenntnisse und Gedanken inspirieren und begleiten mich nachhaltig. Und ich finde es super, dass du dir auch nie zu schade für ein “es tut mir leid bist” und trotzdem gut bei dir bleiben kannst. Aufrichtig und klar. Das gefällt mir sehr.

    • Carolin

      Ganz ganz lieben Dank für deine wertvolle Rückmeldung! Das berührt und bestärkt mich. Oft ist es so: Ich schreibe respektive “es” schreibt. Und etwas später kommt auch – neben allen “positiven” Empfindungen – Unsicherheit auf: Ging das zu tief? Trete ich jemandem zu nahe? Doch irgendwo in mir weiß ich: Es muss so. Denn es ist nicht nur für mich, auch wenn ich mich schreibend sehr sortiere, sondern auch für andere. Vielleicht sogar in erster Linie für andere. Kollektive Themen, wie du ja auch schreibst. Auch bin ich stets bemüht, niemanden zu diskreditieren.♡

  4. Liebe Carolin,
    ein sehr inspirierender und tief gehender Artikel, was ich immer sehr liebe 🙂
    So wirklich stark in sich selbst zu werden, sich zu vertrauen und zu wissen, wann ich was sage und wann nicht, wann ich für mich einstehen mag und wann ich ruhig bin, das zu lernen ist ein ewiger Weg.
    Wir Menschen sind uns immer Spiegel, und dafür dürfen wir dankbar sein. Auch wenn es oft schmerzt. Auch wenn ich an Grenzen stoße.
    Wichtig für mich sind bei der Kommunikation Offenheit und Klarheit bei gleichzeitiger Wertschätzung.
    Danke für diesen Artikel.
    Lieben Gruß, Astrid

    • Carolin

      Ganz lieben Dank, Astrid. Jeden deiner Sätze kann ich unterschreiben: Auch das “wann ich ruhig bin” wird für mich immer zentraler. Manchmal heißt es auch einfach, mit seiner Energie gut zu haushalten. Offenheit, Klarheit und Wertschätzung sind auch mir so wichtig und laufen tatsächlich gut zusammen. Gehab dich wohl, du Liebe!

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