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Erlebtes & Belebendes

Was wir zu tun und zu lassen haben

Wisst Ihr, was mich tierisch nervt? Wenn andere mich damit behelligen – und dies auf eine insistierende, dogmatische Art – was ich zu tun und zu lassen habe. Sicher habe auch ich einen kleinen Missionierer in mir sitzen, einen Weltverbesserer, eine Besser-Wisserin. Mein Mann spiegelt mir das ab und an – wiederum humorvoll und sehr differenziert, so dass ich es meistens gut nehmen kann.

Doch was ich höchstwahrscheinlich nicht oder selten mache: In schwarz-weiß-getönter Stammtisch-Manier anderen erzählen, wie sie doch besser und sinnvoller ihre Kinder erziehen sollten. Meine Mitmenschen davon überzeugen, warum es Sinn macht, ein, zwei oder drei Kinder zu haben. Oder keins. Ich halte mich insbesondere beim Thema Erziehung sehr zurück, da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie verdammt schwer das sein kann – insbesondere als jemand, der noch in internetfreien Zeiten groß geworden ist und Digitalisierung auch kritisch sieht. Was ich auch möglichst vermeide: Einem anderen verklickern, dass er doch bitteschön sein Kind auf diese oder jene Schule schicken sollte, die Vielfliegerei unterlassen oder seinen Fleischkonsum reduzieren oder möglichst gänzlich canceln darf. Problematisch ist auch die Kombination aus „gute Ratschläge verteilen“ und „wenig Empathie aufbringen, keinen Perspektivwechsel einnehmen können“. Da wird’s dann obernervig.

Natürlich macht vieles, was wir in uns denken, wie wir – ethisch – handeln, durchaus Sinn. Auch dürfen wir immer wieder Vorbild sein, liebevoll anstupsen, uns immer wieder neu entscheiden, uns der Umwelt möglichst zuträglich und ihr dienend zu verhalten. Doch es gibt so viele Themen, die den ganz individuellen Lebensstil, die Lebensmethode eines einzelnen oder eines Systems betreffen, wo wir uns meines Erachtens schlicht heraushalten sollten. Leben ist furchtbar komplex, und schnelle, sehr einfache Lösungen gibt es leider nicht immer, eher selten – je nach Kontext.

Ich bin davon nicht frei: Meinen zu wissen, was für mein Gegenüber oder ein System gut ist. In meinem Schatten sitzt ein Teil, der sehr hart und ungefragt auch mal Lebensstil und Verhaltensweisen eines anderen verurteilen kann. Zum Glück reflektiere ich sehr tief und gründlich, auch bin ich mir nicht zu schade, mich zu entschuldigen. Brenzligen, unangenehmen Situationen – sowohl jenen, in denen ich selbst jemanden vor den Kopf gestoßen habe, als auch jenen, in denen mir ein anderer etwas vor die Füße geworfen hat – spüre ich sehr genau nach.

Social Media ist voll von dummem Geschwätz und guten Ratschlägen. Sicher ist hier die Hemmschwelle, seinen Standpunkt in den Äther zu werfen, bei vielen herabgesetzt. Umso wichtiger, finde ich ist es, Worte sehr bedacht und bewusst zu wählen und genau zu schauen, was will ich sagen. Mich zu fragen: Kann ich mit meinen Worten, meinen Impulsen etwas Gutes tun, andere erheben, inspirieren? Oder gebe ich Mitmenschen und -lesenden eher ein schlechtes Gefühl oder Gewissen? Letzteres hilft meines Erachtens niemandem.

Ich gehe immer mehr dazu über, wirklich mein Leben zu leben. Unser Leben als Familie. Radikal zu leben. Mit den ganz eigenen Entscheidungen, einem eigenen Kodex. Es wird mir zunehmend gleich-gültig, ob andere das nun gutheißen oder nicht. Es muss für uns passen, für niemanden sonst. Wenn die eigenen Eltern sterben, ist neben der nicht enden wollenden Trauer, dem Vermissen auch ein Stück Befreiung eine mögliche Konsequenz: Die alten Rollen und Muster dürfen nun noch einmal mehr hinterfragt und abgelegt werden.

Im selben Zuge versuche ich möglichst, auch andere zu lassen. Sie ihr Leben – solange sie mir oder anderen nicht bewusst schaden – leben zu lassen. „Jedem Tierchen sein Plaisierchen“, wie meine Schwester so schön sagt. A propos Schwester: An ihr schätze und bewundere ich mitunter, wie mühelos es ihr gelingt, andere wirklich zu lassen. Ich glaub sie macht sich auch wenig negativen Kopp‘ um andere. Es juckt sie schlicht nicht, wenn ein anderer anders lebt als sie; ich habe sie sich so gut wie nie über andere auslassen, echauffieren oder gar lästern hören. Find ich großartig.

Kürzlich habe ich mit meinem Mann einen Wandertag in Nienburg an der Weser verbracht. Wir haben unseren Sohn so gut wie erstmals einige Stunden allein gelassen – in dem Wissen oder dem Glauben, dass er viel Zeit am PC verbringen wird. Etwas, wogegen wir gefühlt schon lange ankämpfen. Meistens richten wir uns nach ihm, gehen schwimmen, in die Trampolinhalle, drängen ihm einen Museumsbesuch auf und, und. Doch gestern wollten wir schlicht mal wieder genau das tun, was wir, als Paar, irre gerne tun, und was wir uns selten erlauben. Nicht immer lassen sich Kompromisse finden: Zu dritt loszuziehen hätte bedeutet, mit einem stinkstiefeligen, boykottierenden Jungen durch die Lande zu ziehen. Schon tausendfach erlebt. Nein, nun wollten wir es mal anders. Und ehrlich gesprochen: Es tat saugut.  Was wir uns wirklich wünschen: mehr Unterstützung – meistens sind wir diejenigen, die andere Kinder daheim aufnehmen – doch Tipps und gute Ratschläge können andere herzlich gern behalten.

In diesem Sinne: Lebt wirklich Euer Leben (jetzt habe ich auch einen Tipp;-)) und lasst andere.

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“Ich fühle mich frei”

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Verändertes Sein und Widerstand

  1. Liebe Carolin, herzlichen Dank für diesen Denkanstoß, da ist viel Wahres dran. Die anderen können ja nicht wissen, was bei mir los ist und warum ich das tue, was ich tue.
    Wenn ich merke, dass ich bei anderen Menschen in die Wertung komme, überlege ich (immer öfter…): “Bringt das, was ich sagen will, mein Gegenüber wirklich voran?”. Und wenn die Antwort Nein lautet, schiebe ich den Gedanken weg und sage nichts. Im nachhinein fühlt sich das richtig gut an und tut auch der eigenen Psychohygiene gut.
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Carolin

      Genial, Sabine! Und: genau. Stimmt vollkommen, was du sagst. Dieses “Es immer öfter lassen” begegnet mir nun zum Glück auch immer öfter. Auch das ist befreiend. Es sei denn, irgend etwas sollte schlicht ausgesprochen werden. Schweigen ist nicht immer Gold, sondern kann dazu beitragen, wie Claudia Götz im Kontext “Klarheit leben” so schön formulierte, dass Menschen konfus werden, wenn etwas „Schlimmes“ nicht ausgesprochen ist. Das ist wieder etwas ganz anderes. Alles Liebe!

  2. Erika

    Liebe Carolin, ich lerne immer mehr dazu und das ist so schön! Dein Artikel hat mich nochmal mehr spüren lassen wer ich heute bin . Ich kenne das „Belehrungsverhalten“ aus meiner Vergangenheit und beobachte mich mittlerweile ganz genau wenn ich da rein rutsche. Vor allem in der Kommunikation mit meinen Kindern ertappe ich mich da noch häufiger. Dein Artikel hat mich zum Weinen gebracht. Danke Dir!

    • Carolin

      Liebste Erika, das berührt mich sehr (!), was du schreibst. Hab herzlichen Dank am mich und andere teilhaben lassen. Ich freue mich sehr, dass du so wunderbar unterwegs bist und immer dichter an dich heranrückst. Mit der Ehrlichkeit zu dir selbst begegnest du deinen Kindern sicher auch zunehmend – in deinem Sinne – stimmmiger. Ich ziehe den Hut vor dir, dem was du – bereits auch sehr jung – vollbracht und auf die Beine gestellt hast. Bis hoffentlich Ende März life! Von Herzen, Carolin

  3. Kati

    Oh danke dir! Schön, daß du mich so wahrnimmst. (Ich mich auch)
    Herzliche Grüße aus München…

    P.S. Wann fahren wir mal wieder nach Rotterdam?

    • Carolin

      Gerne!Ja, tu ich – uns schön dass du auch (tolles Deutsch!). Herzliche Grüße nach München zurück, und Rotterdam ist eine famose Idee!
      Tschüss du Herz!

  4. Anja

    Sehr sehr schön und aus vollem Herzen geschrieben. Und weißt du was? Ich schließe mich dem an. Ich merke auch, dass ich oft in die Wertung gehe und bin dann auch schon mal schnell auf 180. Aber Gott sei Dank kann ich mich sehr gut zurückhalten und habe nicht den urgewaltigen Drang zu missionieren. Heute überlege ich, warum und was mich so hoch bringt und arbeite an mir. Das ist das, was mich letztlich weiterbringt. Ich habe tatsächlich auch den Anspruch, dass man mich mein Leben leben lässt, wie es für mich passend ist und so halte ich es auch mit anderen. Jedem das Seine :-).

    • Carolin

      Liebe Anja, ich danke dir sehr! Über einen Kommentar – insbesondere einem, an dem ich lesen und spüren kann: Der andere denkt und spürt mit – freue ich mich besonders!
      Es klingt für mich, als seist du gut und reflektiert und liebevoll auf deinem Weg. Schön! Und ich finde, genauso geht’s: milde mit sich sein beim eigenen (Be)Werten und gleichzeitig auch für seine Werte einstehen und andere u.U.auch mal in ihre Schranken weisen.
      In letzter Zeit durfte ich wieder einmal mehr lernen: Der Schlüssel zu allem ist Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Je mehr es mir gelingt, zu vertrauen, mich zu öffnen, umso ehrlicher bin ich auch mit mir und anderen. Und je mehr ich meine eigenen Dämonen umarme, umso wohlwollender gehe ich auch mit den Ecken, Kanten und Unzulänglichkeiten anderer um. Dennoch dürfen wir Dinge auch mal klar und direkt aussprechen, so wie ich hier in meinem Artikel. Alles Gute für dich!

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