seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Mich um meine Angelegenheiten kümmern


Die fremde Baustelle ist unglaublich attraktiv: Das, was der andere alles falsch macht – bitte besser, grundsätzlich anders, im besten Fall meinen Vorstellungen entsprechend machen könnte, lässt sich schnell benennen. Ich glaube, die meisten von uns sind sehr pfiffig darin zu erkennen, was beim anderen schlicht schief läuft. Da nehme ich mich nicht aus.

Gleichzeitig bin ich ein großer Freund der Selbstreflexion: Ich werde nicht müde, mir meine Baustellen sehr genau anzuschauen. Für mich heißt das, in meine Unterwelten abzutauchen, mir all das Unerwünschte, Unangenehme, Kleingeistige, Beschämte genauso anzuschauen wie meine lichtvollen Seiten. Alles kommen und da sein zu lassen. Ich liebe es, Menschen anzustecken, sich auch in der Tiefe zu begegnen. Und natürlich darf ich auch aufpassen, hier nicht missionarisch zu werden.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mir das genaue Hinschauen auch von meinem Gegenüber wünsche, insbesondere von Menschen, die mir nah stehen. Dann denkt es in mir – und manchmal spreche ich es auch aus: „Ich will, dass du das jetzt endlich mal siehst.“ Einem anderen Teil von mir ist vollkommen klar, dass das Ganze so nicht funktioniert: Ich kann vom anderen schlicht nicht erwarten und schon gar nicht fordern, dass dieser bitte auch an sich arbeiten möge, in welcher Form auch immer. Auch ist und bleibt meine Sicht der Dinge eben meine Sicht der Dinge, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann nur meine eigenen Themen bearbeiten und mit meinem liebenden Beispiel vorangehen bzw. meinen Weg fortsetzen.

Was kann ich noch tun? An dieser Stelle möchte ich sehr herzlich Gestalttherapeutin Andrea Löffler danken, deren Fragen und sehr feines Hinspüren mich immer wieder lehren, mein eigenes Gewahrsein feiner und feiner zu schulen. Auch mein Austausch mit Astrologin Bernarda Schmid und Emotionshebamme Lidia Schladt hat mich tief und nachhaltig bewegt. Danke Euch! Ja, was kann ich also tun? Meistens: nichts. Im Sinne von: mich hingeben, mich dort hineinentspannen, wo es sich gut anfühlt. Geduld haben, mit mir und anderen. Sanft sein und bleiben.

Was mir auch hilft (danke, Andrea!): Immer wieder zu mir zurückkehren, mich zu fragen: Was genau macht es mit mir, wenn der andere sich – aus meiner Sicht – seine Themen nicht anschaut, sich nicht ganz zeigen oder sich nur von seinen Schokoladenseiten zeigen mag? Was geht da in mir vor? Erinnert mich dieses Erleben an eine alte Ohnmacht, die ich nicht nochmal fühlen will? Oder habe ich vielleicht Verlustängste, wenn ich weiter ziehe, den anderen auf meinem Weg nicht mehr mitnehmen kann? Für uns beide eventuell unterschiedliche Wege vorgesehen sind?

Was mir persönlich wichtig ist – und ich weiß mit meiner Klarheit mache ich mir nicht nur Freunde: keine Feigheit vor dem Freund zu haben. Ein schwieriger Grad: meinen Werten Ehrlichkeit und Klarheit treu zu bleiben und gleichzeitig den anderen so zu lassen, wie er ist: Unter Umständen möchte mein Gegenüber, dass alles „beim Alten bleibt“, sowohl sich selbst als auch unsere Beziehung betreffend. Mein Wunsch nach Mich-Entwickeln und Verändern – nicht weil das im Außen so erwartet wird, sondern weil ich es will – kann sich also sehr wohl beißen mit der Art und Weise, wie der andere tickt.

Auch wenn es für viele sicher ein alter Hut ist: Mir bleibt nur, meiner eigenen inneren Stimme zu trauen und dieser zu folgen. Wie Gabby Bernstein so schön sagt: „Kümmere dich um deine Angelegenheiten und sei das Licht!“ (aus: Judgement Detox). Im Yoga heißt es, wir brauchen nur 9 Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen. In den meisten Fällen wissen wir sehr genau, was wir wollen und brauchen, was uns gut tut und was nicht. Die Antwort schmeckt uns selbstverständlich nicht immer, doch wenn wir ehrlich sind, ist uns sehr wohl bewusst, was gerade ansteht. Das „In-9-Sekunden-Entscheiden“ gilt natürlich nicht für die Frage, wie genau wir mit langjährigen Verbindungen umgehen können, doch was ich sagen will:

Wir können jeden Tag Integrität und Uns-Stärken kultivieren. Wir können unseren Weg jeden Tag, Schritt für Schritt, in unsere Richtung fortsetzen. Ob gemeinsame Wege dann weiter führen, kurz- oder mittelfristig ausgesetzt werden oder sich  ganz trennen, das wird sich meines Erachtens zeigen, wenn wir uns treu bleiben und unserer Spur folgen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Auch ist es in Ordnung, wenn einst sehr enge Kontakte auch mal weniger eng sind: Wenn es beiden gelingt, sich so zu lassen, kann auch die nun kleinere Schnittmenge geteilt werden.

So lerne ich also immer wieder von neuem: Lieben bedeutet für mich, das für den anderen zu wollen, was dieser für sich will. Ihn sein zu lassen, wer er wirklich ist – selbst wenn das bedeutet, ihn frei zu geben. Es geht nicht darum, den anderen nach unseren Vorstellungen zu formen. Manchmal, wenn ich nicht weiter weiß, hilft es auch, meine Angelegenheiten einer höheren Macht zu übergeben.

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Öle während der Januar-Durststrecke

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Nun komm, der Heiden Heiland

  1. Liebe Carolin,
    im Moment haben wir wohl mal wieder ein gemeinsames Feld. In deinem Artikel bearbeitest du genau eines meiner momentanen Themen: Beim Anderen sehen, was bei mir noch “unerlöst” ist und mich demzufolge stört, schmerzt oder gar ärgert.
    Momentan sind meine unerlösten Anteile sehr präsent und werden durch das Miteinander mit mir nahestehenden Menschen immer wieder angestoßen. Allerdings dergestalt, dass das Verhalten meines Gegenübers mich maßlos ärgert, obwohl er oder sie sich ganz “normal” und eben ihm/ihr gemäß verhält.
    Auch ich wüsste da sofort, was mein Gegenüber zu verändern hätte. Dabei bin es aber ich, der sich ärgert oder der verletzt ist. Also ist es auch meine Baustelle, und nicht die des Anderen. Das zu erkennen und zu akzeptieren, ist manchmal sehr schwer!
    Sich den eigenen “Schatten” zuzuwenden, so wie du und auch ich es tun, ist nicht unumstritten. Aber aus meiner Sicht ist es wichtig, sie sich zu vergegenwärtigen und sie ausgesprochen liebevoll zu integrieren. Denn inneres Wachstum kann aus meiner Sicht nur dann erfolgreich sein, wenn man alle Anteile in sich erkennt und zulässt.
    Ganz lieben Dank für deinen wertvollen Impuls!
    Herzlichst, Eckhard

    • Carolin

      Absolut, du: “liebevoll integrieren” – genau das ist es! Du bist auf einem schönen, wenn sicher auch nicht schmerzfreien Weg. Ich wünsche dir alles alles dabei!

  2. Liebe Carolin,
    ein sehr schöner Artikel über eines der wichtigsten Themen in meinem Leben! Die kleine Welt in sich selbst anschauen und mein eigenes Erleben in Frieden bringen, das ist wohl das sinnvollste, was ich tun kann. Es ist so gar nicht immer leicht. Leichter ist es doch, mit dem Finger auf den Anderen zu zeigen. Doch dies ist ja alles nur eine Projektion, um von mir selbst abzulenken. Ablenken von denn vielleicht gleichen Anteilen in mir selbst, die ich gerade beim Anderen so deutlich sehe. Danke, dass du dich so offen hältst und wie schön, dass ich zu deinen Gedanken und deiner inneren Arbeit beitragen konnte. Alles Liebe,
    Andrea

    • Carolin

      Ich danke dir sehr! Wie schön, was du schreibst, und treffend. Die kleine Welt in sich anschauen und in Frieden bringen. Oh ja. Alles Liebe zu dir!

  3. “Die fremde Baustelle ist unglaublich attraktiv.” Damit hast Du mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen – und das schon im ersten Satz. 🙂
    Bei sich selbst zu bleiben, kann sehr herausfordernd sein, ist aber auf jeden Fall der richtige Weg. Vielen Dank für Deine wieder wunderbaren Impluse, liebe Carolin.

    Herzliche Grüße
    Simone

    • Carolin

      Sehr sehr gerne, Simone! Auch deine Worte zu meinen Texten, deine Rückmeldungen sind Gold wert für mich: sehr wertschätzend, punktgenau, erhellend. Vielen lieben Dank!

  4. Carolin

    Ich möchte hier eine wunderbare Korrespondenz mit der lieben Ulrike hinterlassen (die hier ihre Email-Adresse nicht lassen mag): “Schön geschrieben. In der Tat ist es wichtig bei sich selbst zu bleiben. Jeder von uns hat seinen Seelenplan und spürt, welches Thema für ihn in seiner Entwicklung dran ist. Mit dem einen befinden wir uns vielleicht auf der gleichen Reise, mit anderen Menschen eher nicht. Weshalb? Weil es für sie nicht dran ist. Wir können nur schauen, wo und an welcher Stelle wir uns auf der Entwicklungsebene begegnen. Wichtig ist in der Tat, dass wir mit unserem Wissen uns austauschen, aber nicht missionieren. Die Grenzen des Annehmens meines Gegenübers erspüren. Da muss ich auch aufpassen, dass ich mit meiner Begeisterung für die gewonnenen Erkenntnisse nicht überschwappe und mein Gegenüber zutexte”. Meine Reaktion: “Dieses “weil es für sie nicht dran ist” hat mich gerade sehr berührt. Das hallt voll nach und macht sehr Sinn. Dann bin ich auch raus aus dieser Denke “Was kann ich noch tun/ anders machen…”, um mit dem anderen jetzt und sofort möglichst wieder auf einem gemeinsamen Weg unterwegs zu sein?”

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