seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Werte

Von der Falle weiter sein zu wollen

An dieser Stelle möchte ich einfach mal wieder an meine regelmäßig im Online-Magazin compassioner erscheinenden Artikel erinnern.

Dieses Mal habe ich mich folgendem Phänomen gewidmet: „Spirituell gesinnte Zeitgenossen“ wähnen sich oft in ihrer Entwicklung „weiter“ als sie’s tatsächlich sind. So gerne wollen wir oft freundlich, empathisch, liebenswürdig sein, um im Alltag festzustellen, dass wir manchmal auch gar keine Lust darauf haben – und uns gerne mal abgrenzen, vom Acker machen, den anderen sch… finden. Was ich auch nicht will: Stets den eigenen Anteil in einer (delikaten) Situation suchen, auch da ich gar nicht sicher bin, ob das immer sinnvoll ist.

Viel Spaß beim Lesen und weiterhin schöne Sommertage Euch:-)!

Echte Kommunikation – Von der Falle, weiter sein zu wollen, als man ist

 

Kontakt findet an Grenzen statt

bild-kontakt-grenzenEine Heilpraktikerin sagte einmal zu mir: „Kontakt findet an Grenzen statt.“ Über diesen Satz habe ich oft nachgedacht und im Laufe der Zeit zahlreiche Beispiele für das Wahre an dieser Aussage gefunden: Beziehung wird immer dann spannend, wenn wir uns in unserer Tiefe begegnen, wenn wir den anderen an einem Punkt berühren, der ihn oder uns bewegt, der noch nachhallt oder einen von beiden in Aufruhr versetzt. Wenn wir den Mut haben, unsere innere Wahrheit mitzuteilen, unsere Bedürfnisse und Werte auf den Tisch zu legen, auch wenn wir dadurch verletzbarer werden und das Gegenüber gegebenenfalls enttäuscht oder ablehnend reagieren könnte.

Oft haben wir ein bestimmtes Bild von jemandem im Kopf, meinen ihn zu kennen und wollen auch keine große Energie aufwenden, dieses Bild zu ändern oder zu erweitern. Gerade in Momenten, in welchen der andere vielleicht nicht in der gewohnten oder erhofften Manier reagiert, können beide Beziehungspartner wachsen, kann die Beziehung reifen. Natürlich wird dann oft auch am Eigenen – an der bestehenden Lebensmethode, dem eigenen Lebensmodell – gerüttelt; das ganze System, das Feld, in dem sich die Beziehung bewegt, gestaltet sich neu. Diese Momente sind Chancen, auch wenn wir es eventuell nicht gleich wahrhaben wollen. Schaffen wir es, uns immer wieder für neue Erkenntnisse und Begegnungen mit uns nahen Menschen „leer“ zu machen, dem anderen immer wieder mit frischem, offenen Blick zu begegnen, so denken und fühlen wir uns frei, und es eröffnen sich ganz neue Spiel- und Begegnungsräume.

Jemand, der seine eigenen Gefühle gut wahrnehmen kann und auch Unangenehmes nicht unterdrückt, kann sich meines Wissens auch leichter und tiefer in andere Menschen einfühlen, wird empathischer. Nehme ich zu meinem eigenen Herzen mitfühlend immer engeren Kontakt auf, fällt es mir auch leichter, einen anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Lerne ich meine dunklen Seiten, meinen tiefsten Schmerz immer besser kennen, so wächst mein Verständnis für den anderen und seine „Abgründe“. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn wir in Bezug auf den anderen oder unsere Beziehung eine genaue Vorstellung haben, wie dieser bzw. diese aussehen sollte. Die Beziehung hat hier die Chance, in und an solchen „Grenzmomenten“ zu wachsen, tiefer zu werden, oder aber es trennen sich Wege vorrübergehend oder ganz.

Wenn eine deiner Werte mit denen deines Beziehungs-Gegenübers – Partner, Freund, Kollege – in Konflikt gerät, kann dies Stress erzeugen. Wünschenswert wäre es meines Erachtens, wenn beide Parteien akzeptieren könnten, dass jeder das Recht hat, der zu sein, der er ist. (Während ich den letzten Satz schreibe kommt mir der mich seit Tagen enorm bewegende Berlin-Anschlag in den Sinn und ein Teil von mir zweifelt extrem an dieser Aussage).

Wahrhaftige, tiefe Begegnung bedarf meiner Erfahrung nach des Mutes und der Ehrlichkeit: Lege ich meine Wahrheit möglichst offen auf den Tisch und formuliere meine Werte und ihre konkrete Bedeutung so klar wie möglich, können sich Missverständnisse auflösen.

Was ich auch lerne: Antworten finde ich stets in mir. Habe ich beispielweise einen Konflikt mit einem anderen, kann ich mich sehr auf diesen anderen, seine Fehler und Unzulänglichkeiten konzentrieren und mich immer weiter in das Beziehungsdrama einschwingen. Wirklich helfen wird es mir nicht. Ich darf mich stattdessen fragen: Was soll ich hier lernen? Was ist in mir noch nicht bereinigt? Und auch: Was darf ich getrost- und möglichst mitfühlend –  beim anderen lassen, was gehört nicht zu mir?

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Herzlichst, Carolin

 

Ehrlich sich selbst gegenüber

Ehrlich sich selbst gegenüberEhrlichkeit ist ja oft ne schwere Nummer. Über’s Ehrlich-Sein im Miteinander habe ich mich schon häufiger geäußert.

Was meines Erachtens noch viel elementarer ist, ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und diese ist häufig nicht weniger schwer: Sich wirklich einzugestehen, was gerade im Argen liegt, in welchem Lebensbereich sich Baustellen befinden, sich selbst gegenüber zuzugeben, wo genau Veränderungsbedarf liegt – das ist manchmal hart. Doch ich glaube, allein das Sich-Eingestehen ist die halbe Miete und ein guter Boden für Veränderungen, Schritt für Schritt, Baustelle für Baustelle – vorausgesetzt, ich möchte wirklich etwas ändern. Manchmal hilft es auch, sich dazu zu bekennen, dass man an einer Stelle (noch) nicht bereit ist, Veränderungen einzuleiten. Zu erkennen, da ist mein Schiss größer – ich bin (noch) nicht so weit, oder meine Bequemlichkeit hat hier die Oberhand. Auf Ausreden zu verzichten – auch das ist ehrlich.

Mir ist zum Beispiel vor kurzem bewusst geworden, dass ich dieser Tage viel im Internet daddle, für mein Empfinden zu viel. Auch in Zeiten – vor’m Schlafengehen beispielsweise – in denen es mir erfahrungsgemäß nicht gut tut. Allein dieses Eingeständnis mir selbst und kurz darauf einer engen Freundin gegenüber brachte Veränderung ins Haus: Ich bin nun wieder etwas bewusster, habe neue Bücher erstanden – optimal für die Herbstzeit, lege im Vorfeld Zeiten fest, in denen ich mir erlaube, im Netz zu stöbern und mache das Smartphone (ja, manchmal vermisse ich auch mein „Old-school-Handy“) meistens mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen aus.

Mein Mann meinte neulich, ich könnte ja auch mal wieder mehr Klavier spielen. Davon abgesehen, dass mir das gut bekommt und ich in intensiven Übezeiten – beispielsweise vor einem wichtigen Auftritt – insgesamt und vor allem mental fit bin, ist das Musizieren ein schöne Tätigkeit für’s Miteinander: Auch unserem Sohn wird dabei ein sinnvolles, ja kulturelles Schaffen nähergebracht. Oft denke ich: Wenn wir Yossi eine Vielfalt an wertvollen Aktivitäten schmackhaft machen wollen, dann sollten wir nicht nur labern („Der Computer wird in 10 Minuten ausgeschaltet!“), sondern uns auch selbst entsprechend – integer – verhalten.

Was ich auch schwierig finde: nicht „besser“ sein zu wollen, als ich tatsächlich bin. Mich nicht weiter in meiner Entwicklung zu machen, als ich’s bin. Neulich am Frühstückstisch habe ich meinem Mann gegenüber einen Gedanken geäußert, der eine gemeinsame Bekannte in ein weniger schönes Licht rücken ließ. Ich spürte in diesem Moment Lust, laut zu denken, und gleichzeitig Scham, da mich diese Äußerung auch nicht wer weiß wie glanzvoll dastehen ließ. Und dennoch denke ich: Auch das ist Leben, auch das bin ich. In diesem Bewusst-Werden und sich selbst die Erlaubnis Geben, auch „hässliche“ Gedanken zu denken und ggf. zu äußern kann ich mich gleichzeitig darin üben, eine wohlwollende, großherzige Haltung mir und anderen gegenüber zu kultivieren. Und mich daran erinnern: Der andere bin (auch) ich.

Auch ein Sich-kleiner-Machen, zum Beispiel indem ein empfundener Erfolg zurückgehalten wird, in der Befürchtung, der andere könnte einem diesen missgönnen, bringt niemanden weiter. Eigene Probleme und Baustellen anderen gegenüber dramatischer darzustellen, als ich sie selbst empfinde, nur weil es ggf. leichter ist, Leid zu teilen, als hervorzuheben, was gerade besonders glückt, ist auch nicht redlich.

Ehrlich sein bedeutet auch, mir einzugestehen, dass ich gerade an einer Stelle nicht weiter weiß. Das kann auch sehr befreiend sein. Insbesondere an Tagen, die eh schon voller Unannehmlichkeiten sind, hilft ein Anerkennen dessen was ist, ein Erst-mal-so-Lassen, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu kommen.

Mir ist es kein Anliegen, mich ständig zu optimieren – im Sinne von schneller, schlanker, effizienter, leistungsorientierter; ich möchte mich hingegen gerne mehr und mehr selbst erkennen, mich ausprobieren und entfalten und gleichzeitig immer wieder nüchtern betrachten, was in meinem Leben nicht stimmig ist und was ich gerne verändern möchte. Eine gute Richtschnur bieten mir meine Werte, die mir elementar wichtig sind. Es lohnt sich, sich dieser tatsächlich bewusst zu werden, sie aufzuschreiben, in sich zu bewegen und das eigene Leben mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen.

Wie schwer oder leicht fällt es Euch, aufrichtig anzuerkennen, was ist?

 

Wahrhaftigkeit im Miteinander – vom Tabu in die Freiheit

ende-september-2016-2Ich bin voller Freude, erneut für den Compassioner schreiben zu dürfen. Wieder einmal widme ich mich dem Thema wache, bewusste Kommunikation. „Spreche ich gerade meine Wahrheit?“ „Wie begegne ich dem anderen?“ „Höre ich seine Wahrheit?“

Hier geht es zu meinem Artikel „Wahrhaftigkeit im Miteinander – vom Tabu in die Freiheit“…

Erfolg-Reich

image-jpeg-attachmentIch habe heute Lust, über Erfolg zu schreiben. Nicht zuletzt inspiriert durch das Buch „Werde verrückt von Veit Lindau („Wie du bekommst, was du wirklich-wirklich willst“) mache ich mir momentan Gedanken darüber, was Erfolg für mich bedeutet. Ich meine – wie wahrscheinlich jeder automatisch – den konstruktiven Erfolg, der einen voranbringt. Dass man sich natürlich auch erfolgreich selbst sabotieren kann, lasse ich im Folgenden außer vor. Im Grunde sind wir alle jeden Tag 100%ig erfolgreich, fragt sich nur wie bewusst und in welcher Richtung.

Mir wird immer bewusster, dass mich Erfolg im Sinne von „Karriereleiter empor und viel Besitz Anhäufen“ wenig bis gar nicht tangiert. Erfolgsattribute wie Besitz und Macht – im Sinne von: „in einer hohen Position“, diverse Untergebene unter sich – werden in unserer Gesellschaft von vielen als erstes angeführt, wenn sie „Erfolg“ hören. Dies entsprach aus meinem Erleben auch nicht dem „Erziehungsauftrag“, den Werten meiner Eltern. In meiner Herkunftsfamilie war oder ist niemand „überdurchschnittlich erfolgreich“ – im oben beschriebenen bzw. „landläufigen“ Sinne; in unserer Großfamilie wiederum schon, interessanterweise.

Entscheidend ist meines Erachtens die Frage: „Was bedeutet Erfolg für mich persönlich?“

Für mich ist Erfolg in erster Linie die Gestaltung eines gelingenden Lebens, ein Leben in Fülle und Dankbarkeit, das ich voll ausschöpfen kann und in dem ich einen hohen Grad an Selbstbestimmung, ja an Freiheit, leben darf. Erfolg bedeutet für mich, ein Leben meinen Werten und Bedürfnissen entsprechend zu gestalten – Felder zu kreieren, in denen ich „erblühen“ und optimal dienen kann, mir und anderen. Immer mehr so zu leben, dass alles leicht und natürlich geschieht. Ich glaube, dass jeder weiß, wie sich (sein) Erfolg anfühlt.

Ich fühle mich erfolgreich, wenn ich auf vielen „Kanälen“ schöpferisch tätig sein, mich ausdrücken kann, wenn ich spielend leicht Dinge bewerkstellige. Meine Gaben und Talente erkunde und diese zur Blüte bringe. Ich spüre Erfolg, wenn ich mit meiner Schwester und unserer Musik die Zuhörer selig stimmen kann, ein Klient in einer Musiktherapiestunde etwas Neues erfahren durfte oder die Stunde zufrieden verlässt.

Reich an Erfolg fühle ich mich, wenn ich den Mut aufbringe, mich in unbekanntes Terrain zu wagen oder Träume beginne zu leben. Diesen Blog ins Leben gerufen zu haben und darüber immer mehr Resonanz zu erfahren bedeutet Erfolg für mich. Mich nun tatsächlich zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen entspricht voll meinem Bild von Erfülltheit und Erfolg, unabhängig davon, wie konkret es weiter geht, ob ich tatsächlich einmal unterrichten und Schüler um mich scharen werde.

Und ich werde mir immer klarer darüber, dass Erfolg auch mit Disziplin zu tun hat – Disziplin nicht im Sinne von Gehorsam, sondern Disziplin als schrittweises Dranbleiben, als ein Üben und mich dem Unterordnen, was ich für wesentlich halte. Yogi Bhajan sagte, Disziplin mache dich kreativ. Nach spätestens 20 Tagen innerhalb einer sich 40 Tage lang wiederholenden Meditation habe ich meist keinen Bock mehr – und bleibe in der Regel dennoch dran. Die Erfahrung ist Gold wert, und ich ernte am Schluss viele Früchte.

Erfolg zu leben bedeutet für mich, als Mensch sichtbar(er) zu werden, aus mir heraus zu leben, zu wachsen, an Tiefe und Reife zu gewinnen.

So ganz kann man das liebe Geld ja nun auch nicht herausnehmen aus der „Erfolgsgleichung“: Natürlich fühlt sich ein Leben, in dem ich – auf vielen Ebenen – satt werde, mir etwas gönnen oder leisten kann und nicht jeden Cent umdrehen muss, leichter und angenehmer an. Ökonomischer Erfolg ist nicht unerheblich. Und selbstverständlich hat ein jeder hier unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche. Unser persönlicher „Luxus“ ist gutes (Bio-) Essen. Und meine ganz persönliche Präferenz ist die Möglichkeit zu verreisen, mobil zu sein, mir mehrmals im Jahr eine Ferienwohnung leisten zu können. „Freude ist die Essenz von Erfolg“ stand heute morgen auf meinem „Teebeutel-Fähnchen“. Da ist was dran.

Was macht für Euch Erfolg aus? Wie fühlt sich dieser an? Ich freue mich über Austausch!

Meine Werte

Dem eigenen Pfad folgenIn letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Thema Werte. Was sind Werte, welche sind meine Werte, die mir dieser Tage wichtig sind? Wofür möchte ich in der Welt stehen, was konkret macht mein Leben aus?
Werte sind aus meiner Sicht ein Fundament, auf dem ich lebe – eine Art Leitstern in meinem ganz persönlichen In-der-Welt-Sein.

Momentan ist Freiheit ein sehr wichtiger Wert für mich: frei sein von Enge, von selbst auferlegten Zwängen und Erwartungen, zu hohen Ansprüchen, frei sein von einengender Routine, ja, und frei sein für Weite, für ungeahnte Möglichkeiten, Menschen und neue Begegnungen, für Erfahrungen. Mich und andere frei lassen. Wenn ich „Freiheit“ höre oder lese, geht etwas in mir auf und ich werde innerlich ganz weit.
Ehrlichkeit ist mir wichtig: Meine Wahrheit denken und aussprechen dürfen, mir selbst auf die Schliche kommen, aufrichtig mir selbst und anderen gegenüber sein – auch wenn dies oft sehr schwer ist und je nach Kontext fein abgestimmt werden darf. Nicht alles immer sagen müssen, doch das was ich sage, ehrlich meinen.
Freude ist für mich wie ein Motor, eine Kraft, der ich folge: innerlich heiter und bewegt sein, im „Kleinen“ – Reisen, Rituale, Ruhemomente, Sich-was-Gönnen – sowie im „Großen“ – Sinnfragen, Sehnsüchte, Beruf(ung), Pläne, Ziele. Unter Freude fällt für mich auch Leichtigkeit. Dinge mit Kraft und Leichtigkeit anzugehen – was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag – lässt mich „erblühen“.
Herzlichkeit ist mir wichtig: auf Herz- & Augenhöhe kommunizieren, mir und anderen Komplimente machen, freundlich und mitfühlend sein, Dinge mit und von Herzen tun.
Ein weiterer elementarer Wert für mich ist Dankbarkeit. Während Freude einem Motor gleicht, ist Dankbarkeit für mich ein Fundament, ein Boden, auf den alle meine Erfahrungen, auch die weniger schönen und die schmerzvollen, fallen.
Mut tut gut. Mut ist herrlich, vielleicht nicht in den ersten Momenten, in denen oft Angst dominiert, doch stets im Nachhinein, wenn ich mich getraut habe. Mut zu Ehrlichkeit und Unbequemsein, zum Anecken, Ecken und Kanten Zeigen. Ein Wert, eine Haltung, die nun immer öfter bei mir anklopft und mich herauslockt, mich sichtbarer werden lässt. Neugier fällt für mich auch unter Mut.
Humor find ich großartig. Fein, englisch, schwarz, trocken – je nachdem was gerade aus meinem Erleben stimmig ist, möglichst ohne dabei andere zu verletzen. Dinge und Situationen aus der Vogelperspektive zu betrachten und dabei so viel gesunde Distanz zu haben, dass ich’s mit Humor nehmen kann. Übrigens schwingt auch hier wieder die Leichtigkeit für mich mit, die einem Menschen oder einer Situation manchmal die Schwere nimmt, was auch gut tun und angemessen sein kann. Über sich selbst lachen – wenn man’s kann, sehr schön.
Mein achter und letzter Wert – zu viele Werte verwirren eher und lassen mich Orientierung verlieren – ist Kreativität. Sie ist für mich Ausdruck, mein Schöpferisch-Tätigsein – in der Musik, im Schreiben, Fotografieren – einfach im Sein.

Rebecca Reinhards philosophische Position zur Frage nach Werten in einem authentischen Leben besagt, dass es wichtig sei, eine Balance zu finden zwischen „subjektiven und objektiven Werten“ (in: Spiegel Wissen, „Ich bin ich“, Ausgabe 1/2016, S. 33). Sprich Zufriedenheit und Ausgeglichenheit haben auch mit Verantwortung anderen gegenüber zu tun – Tugenden wie Verantwortung und Hilfsbereitschaft sind laut Reinhard wichtiger Bestandteil eines gelingenden Lebens.

Werte sind auch nicht in Stein gemeißelt. Ich darf immer wieder prüfen, ob der eine oder andere Wert momentan noch stimmig für mich ist, noch Sinn macht, gerade ansteht. Oder ob sich Werte nicht auch zusammenfassen lassen – unter einen „Hauptwert“. Ich kann mich von Zeit zu Zeit anderen Werten widmen – jenen, die noch Entwicklungschancen für mich bereithalten. Und ich darf mich fragen, was ich ganz konkret unter einem bestimmten Wert verstehe, welche persönliche Bedeutung dieser für mich gerade hat, wie ich und andere erkennen können, dass mein Handeln auf diesen Werten fußt. Großzügigkeit war längere Zeit ein Wert für mich – zurzeit schenke ich ihm keine besondere Aufmerksamkeit: Großzügigkeit ist für mich gerade einfach da, in meinem Leben – und fällt darüber hinaus unter Herzlichkeit im Sinne von Großherzigkeit.
Klarheit, Gemütlichkeit, Wildheit, Wachstum – es gibt noch so einige wertvolle Werte, die ich spannend finde und die sicher nochmal näher an mich heranrücken werden.

Werte Leser, habt’s gut & genießt diese herrliche Jahreszeit!

Unliebsame Eigenschaften

Popler3Heute mache ich unliebsame Eigenschaften zum Thema. Es ist so herrlich menschlich, vor uns und anderen möglichst gut dastehen zu wollen: hehre Eigenschaften wie „freundlich, mitfühlend, klug, erfolgreich, gut gelaunt, optimistisch, ehrlich, mutig, gesellig“ zu verkörpern. Dahingehend verbergen wir gerne unsere kleingeistigen, egoistischen, ängstlichen, eifersüchtigen, neidischen und unwissenden Anteile.
Das kenne ich auch. Und ich lerne: Ich muss auch nicht alles an mir mögen. Von Selbstoptimierung im Sinne von permanent schöner, fitter, höher, weiter halte ich nichts. Selbstakzeptanz finde ich wunderbar – diese geht mit Selbstliebe einher. An bestimmten Zügen und Verhaltensweisen immer wieder zu feilen und sich gleichzeitig auch nicht dafür zu peinigen, wenn man mal wieder „mit niederen Motiven unterwegs war“. Je großzügiger ich mit meinen eigenen Fehlern bin, je mehr sich mein System entspannt, umso relaxter wird auch mein Umfeld. Die Erfahrung mache ich nun immer wieder.
Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn ich Ärger in mir anstaue, meine Klappe nicht aufkriege und sich – nun deutlich mehr Ärger – für das Gegenüber plötzlich unerwartet heftig entlädt. Zum Glück kommen diese Situationen immer seltener vor, je mehr ich mich traue, gleich etwas anzusprechen – auch auf die Gefahr hin, dass der andere not amused ist und die Stimmung zwischen uns getrübt sein könnte.

Manchmal formuliere ich Kritik zu hart, auch wenn ich sehr bemüht bin, passende Worte zu finden. Ich kann auch schonungslos ehrlich sein – die Betonung liegt auf schonungslos. Da Ehrlichkeit einer meiner mir wichtigsten Werte ist, mache ich es mir und dem anderen auch nicht immer leicht. Das weiß ich, und da versuche ich, wach und aufmerksam zu bleiben und einen Weg zu finden, der allen dient.
Ich finde mich nervig, wenn ich zu hektisch werde, von A nach B springe und zig Sachen gleichzeitig angehe. Meistens halte ich mich für wer weiß wie flexibel und anpassungsfähig um dann festzustellen, dass die Sturheit und die Hartnäckigkeit, die ich meinem Sohn vorwerfe, auch die meine ist.
Unser Vater legte viel Wert darauf, Lebensmittel auf eine sehr akribische, eine bestimmte Struktur und Ästhetik verkörpernde Art zu verpacken und zu verschließen – oder Verpackungen auf eine ganz bestimmte Weise zu öffnen. Unglücklicherweise ging diese Marotte weit über den Bereich Lebensmittel hinaus: Ich erinnere mich zum Beispiel, dass es Stunden dauerte, bis unser alter gelber Opel damals urlaubs-abmarschbereit gepackt war: Horsti war es wichtig, Koffer, Taschen und alles andere so zu verstauen, dass es aus seiner Sicht „perfekt“ war. Und das konnte dauern. Auch ich bin manchmal etwas „zwänglich“, wie ich immer wieder erschrocken feststelle, und in mir zieht sich alles zusammen, wenn jemand in meiner Nähe eine neue Verpackung einfach aufreißt.
Diese Belanglosigkeiten mussten gerade raus, was ich sagen will: Seien wir doch milder mit uns! Humor hilft hier ungemein. Über sich selbst Lachen bringt die nötige Entspannung. Und was las ich neulich? Erfolgreiche Menschen unterscheiden sich dadurch von sog. erfolglosen, dass sie ihre Stärken und Schwächen kennen und sich auf die Stärken konzentrieren. Ein anderes Thema – Erfolg ist ein schillernder Begriff und bedeutet ja für jeden etwas anderes.
Das lebenslange Aussöhnen mit sich, all dem „Unschönen“, „Unfertigen“, seinem eigenen Schatten schenkt uns und unserem Leben Tiefe, so meine Erfahrung. Warum mal einfach nicht seinen eigenen Neid zugeben bei der betreffenden Person, ihn ansprechen und als Chance nutzen, daraus etwas zu machen, zu wachsen?
Seine eigenen Schwachstellen, sein eigenes Ungeliebtes kennen zu lernen und zu sich nach Hause zu holen hat auch den ungemeinen Vorteil, dass wir unser Umfeld schlicht weniger nerven: Je besser und tiefer ich mich kenne, umso weniger muss ich meinen eigenen Mist beim anderen abladen, umso weniger projiziere ich.
Und wenn’s mal wieder nicht so läuft wie wir’s gerne hätten: C’est la vie.

Schräg und exzentrisch – Mut zum Anderssein

Vom Auto zum FahrradInspiriert vom Brigitte-Dossier „Du bist doch nicht normal!“ Wenn Frauen in kein Schema passen“ schreibe ich ein paar Zeilen über das Phänomen Exzentrik.

Besagtes Dossier hat mir viel (Lese-)Freude bereitet: Eine Frau berichtet von ihrem Leben als asexuell und aromantisch veranlagtes Geschöpf, eine andere bezeichnet sich selbst als Autistin und ADHSlerin (ich wusste nicht, dass beide Phänomene gleichzeitig auftreten können). Eine dritte Frau beschreibt, wie gerne sie alleine ist und welchen Stress Gruppensituationen in ihr auslösen, eine weitere Schreiberin wiederum reist seit geraumer Zeit mit einem Wohnmobil durch die Lande  und bezeichnet sich selbst als „angekommen“.

In dem Artikel heißt es, dass „gnadenlose Schrägheit“ der Vergangenheit angehöre und mehr denn je die Norm regiere, die Gesellschaft in den letzten Jahren wieder konformer geworden sei.

Die viel gepriesene Individualität scheint oft nur eine als Individualismus getarnte Konformität zu sein.

Als Beispiel wird das Phänomen „Hipster“ genannt: Leute, die ihr Kind Konrad nennen und sich einen Anker tätowieren lassen:

Individualismus light, ohne die Peinlichkeit und den Schmerz, den das Anders sein bedeutet.

Auch ich beobachte starke Tendenzen in unserer Gesellschaft, sich auf bürgerliche Werte (zurück-) zu besinnen. Gleichzeitig tummeln sich viele originelle Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld, sodass ich schon fast den Blick dafür verliere, was eigentlich „normal“ ist. (Gibt es überhaupt ein „normal“?)

Ich bin ein großer Freund von Schrägheit und ungewöhnlichen Lebensstilen und interessiere mich sehr für originelle Biografien. Ich gestehe, Menschen, die in irgend einer Form anders unterwegs sind – ich meine wirklich anders – üben eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Ich behaupte mal: In meiner Herkunftsfamilie gibt’s zahlreiche unkonventionelle Persönlichkeiten – allein über meinen Vater könnte ich viel Ungewöhnliches berichten. Im Umfeld des Onkels unseres Sohnes, im Stadtbezirk Linden in Hannover – bekannt für viele bunte Vögel – fallen auch zahlreiche Erdenbürger durch einen außergewöhnlichen Lifestyle auf: Es gibt „Totengräber-C.“, K., den Schrauber, der in seiner einem Kunstwerk gleichenden Wohnung aus verschiedensten Teilen eine Art „Fahrrad-Auto“ (s. Bild) gebaut hat; das ist „Metal-M.“, der Schrott sammelt und verkauft und mittlerweile relativ bodenständig in einem Kleingartenhäuschen lebt. Ich freue mich stets, neue Geschichten zu erfahren.

In meiner Arbeit als Musiktherapeutin für sog. mehrfachbehinderte, blinde Menschen treffe ich tagtäglich auf völlig andersartige Denk- und Verhaltensweisen. Ich habe mich mittlerweile so daran gewöhnt, dass diese Begegnungen total „normal“ für mich geworden sind. Neulich hat eine Jugendliche eine ganze Schulveranstaltung geschmissen und auf’s heftigste protestiert, als das ihr bekannte Lied anstelle mit Klavier mit Akkordeon begleitet wurde. Ich kenne ähnliches Verhalten von besagtem Mädchen aus vergangenen Musiktherapiestunden: Eine Zeit lang brüllte sie „falsch“ oder „falsches Lied“, bis ich geblickt habe, dass schlicht die Tonart eine andere war als die von ihr erwartete. Es gibt Kinder, die aus Wurt ihre Glasaugen herausnehmen und gegen die Wand schmeißen. Momente, für die ich mittlerweile sehr dankbar sind, da sie mein Bewusstsein stark erweitert haben.

Was ich mitunter so herrlich an meiner Arbeit finde: Die Begegnung mit Menschen, die einfach so sind wie sie sind – authentisch, wie’s so schön heißt. Die meisten Kinder und Jugendliche hier erlebe ich als erfrischend anders, sehr geradeaus, mich wenig manipulierend.

Das Spektrum zwischen „hundsnormal“ und völlig abgedreht ist groß (das pathologische Verhalten klammere ich hier aus). Das ist auch gut so, finde ich. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die „einen möglichst großen Spielraum an Normalität zulässt“ (Psychiater und Autor Dr. Joseph Aldenhoff, zitiert im Brigitte-Dossier), in der „Andersartige“ unbeugsam leben können, sprich sich nicht verbiegen müssen. Wir alle profitieren davon, wenn Menschen eigensinnig sind und ungewöhnlich leben: Sie beleben uns, können uns Mut und geistige Freiheit lehren, irritieren unsere eigenen Lebensentwürfe und spiegeln uns mitunter auch eigenen (unausgelebten) Eigensinn, was uns nicht selten auch neidisch auf ein Andersartig-Leben reagieren lässt.

Immer mal wieder größer und freier von uns selbst und anderen zu denken bekommt uns gut, so mein Eindruck. Es macht uns klüger und weiter, wenn wir offen Fragen stellen, wirklich an einem Dialog interessiert sind. Das Sich-Öffnen für das Fremde ist eine Haltung, die wir meines Erachtens aktuell und in Zukunft dringend brauchen.

Ein kleiner Exkurs zum Schluss: Für diejenigen unter uns, die sich selbst als „recht normal“ beschreiben würden: Voll ok! Wer hin und wieder Lust hat, neue Lebensbühnen zu betreten und in fremde Rollen zu schlüpfen, sich und seine Mitmenschen zu überraschen, dem sei empfohlen den Mut aufzubringen, sich öfter mal out of character zu verhalten – sprich ein für sie oder ihn uncharakteristisches Verhalten zu zeigen. Persönlichkeitspsychologe Brian Little bezeichnet entsprechende Verhaltensmuster als freie Eigenschaften – Verhaltensweisen, die der genetisch bzw. soziokulturell geprägten Natur eines Menschen widersprechen. Es lohnt sich meiner Erfahrung nach auch, sich öfter mal zu fragen: Was würde ich (noch) tun, wenn ich keine Angst vor Fehlern hätte?

Lasst uns wach und neugierig bleiben – uns selbst und anderen gegenüber, auch den „schrägen“ Seiten in uns und anderen!

 

 

Tage voller Leben – vom Glück der Fülle

Das Leben feiernIn meinem Leben wünsche ich mir vor allem eins: Tage voller Leben zu leben. Das „Glück der Fülle“, wie es Wilhelm Schmid beschreibt, wahrzunehmen und zu schätzen – die hohen, heftigen Glücksspitzen, eine tiefe, manchmal unspektakuläre Zufriedenheit und auch das bewusste Aufnehmen von Leid und Schmerz. Der Herbst naht, und oft empfinde ich in dieser Zeit auch (Abschieds-)Wehmut und Melancholie. All dies lässt mich wach und lebendig fühlen – ich mag das, auch wenn’s nicht immer angenehm ist.

Tage voller Leben leben kann ganz vieles bedeuten. Für mich zeigt es sich z. B. darin, sich auch im sog. Alltag Zeit für sich und Schönes zu nehmen, für die Freuden des Lebens empfänglich zu sein. Den Tee oder Kaffee zu genießen, zwischendurch Beine und Seele baumeln zu lassen, seine Gedanken ans Meer zu schicken. Es bedeutet, Verbindung zu einem mir nah stehenden Menschen zu suchen – wenn auch „nur“ über ein liebevolle Kurznachricht. Sich auszutauschen, gemeinsam zu lachen. Sich selbst, seine kleinen und großen Erfolge und das Leben zu feiern, immer wieder.

Einen Geburtstag mehrmals mit lieben Menschen zu begießen – auch das sind Freudentage, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Sich morgens – wenn auch nur für zehn Minuten – Zeit für sich zu nehmen, bewusst zu atmen und zu agieren. In neue Rollen und Aufgaben zu schlüpfen – beispielweise beim Holzhacken oder Reiten.

Stunden voller Leben zu gestalten lernte ich auch durch meinen Vater: Was uns mitunter verbindet ist eine kühne Neugier. Wir schauen in fremde Fenster, Löcher und Luken. Dabei male ich mir aus, wie die Menschen dort leben, was sie treiben, was sie treibt. Auf Spaziergängen sammeln wir vieles und zeigen es uns gegenseitig. Diese Gepflogenheit gebe ich nun an unserem Sohn weiter. Ich liebe es, mich zu unbekannten Orten, Szenen und Menschen aufzumachen– zu gucken, zu staunen. Meine Mutter gab uns Kindern eine – wie es meine Schwester nennt – unkonventionelle Herzlichkeit mit auf den Weg. Auch diese macht Tage sehr lebendig: fremde Menschen ansprechen, ihnen Komplimente machen, Fragen stellen, spontan sein.

Tage voller Leben leben heißt vor allem auch, mich zu fragen, wann, wo oder bei wem mein Herz aufgeht und ich mich wohl, weit und frei fühle. Es bedeutet, dass ich mich frage, was ich wirklich will, welche Werte ich lebe, wie ich schöpferisch tätig werden möchte, wer oder was mir wichtig ist, welchen Fußabdruck ich hinterlassen will.

Ich möchte so wenig wie möglich aufschieben, Momente mit meinen Eltern und anderen Herzensmenschen bewusst genießen, auch in dem Wissen, dass nichts selbstverständlich und von Ewigkeit ist. Ich will mich bewegen, auch indem ich mich traue Fehler zu machen, mehr und mehr sichtbar zu werden.

Der Vollständigkeit halber möchte ich einräumen, dass sich auch meine Tage selbstverständlich nicht immer voller Leben anfühlen: Manchmal fühle ich mich innerlich nervös und überfordert, dumpf und gelangweilt oder schlicht nicht zu Hause bei mir. Auch das ist Leben.

In dem Roman „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann spricht die 82-jährige Esther in der Verabschiedungsszene zu Stella, der weiblichen Hauptperson, die Worte: „Zögern Sie nie! Das ganze Leben ist ein Abgrund, und je weniger Sie sich fürchten, je länger Sie hineinschauen, desto mehr haben Sie davon.“ (in: Aller Liebe Anfang, Judith Hermann, 2014, S. 200).

Mit diesen denkwürdigen Worten schließe ich und wünsche allen alles Liebe durch die Zeiten!

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