seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Seele

Potentialentfaltung und Umgebung

Dank eines Eckart von Hirschhausen-Videos stieß ich kürzlich auf das “Pinguin-Prinzip”: Im Kern ging es darum, dass die Umgebung wichtig ist, damit das, was du kannst, überhaupt zum Vorschein kommt. Ein Pinguin wird auch auch nach etlichen Jahren Psychotherapie keine Giraffe werden. Hirschhausen meinte, wir würden permanent Urteile fällen und könnten damit komplett danebenliegen, gerade wenn wir Menschen nur in einer bestimmten Situation gesehen haben.

Und ich ergänze: Umgekehrt ist es schon verrückt, dass wir uns unseren (Selbst-)Wert auch als autonome Erwachsene ständig durch andere Menschen spiegeln lassen und uns viel zu oft davon abhängig machen, was andere uns zurückspiegeln.

Auf dem Weg zum Erkenne-dich-selbst geht es doch im Kern immer um die Fragen: “Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Was sind meine Stärken?” Aus mir wird sicher nie eine beflissene Finanzbuchhalterin werden, auch keine Top-Managerin in einem Chemiekonzern. Ich bin eher ein kreativer Chaot, und meine Stärken liegen in anderen Bereichen. Auch bin ich definitiv kein Workaholic im “klassischen” Sinne, dafür genieße ich zu gern und habe furchtbar gern möglichst viel Freizeit. Doch wenn ich für etwas brenne oder spüre, dass etwas – auch Unangenehmes – wirklich getan werden muss, kann ich zum Arbeitstier werden.

Diese meine Stärken und auch Schwachstellen zu erkennen, zu akzeptieren und sich gleichzeitig nicht selbst in Stein zu meißeln, halte ich für erstrebenswert. Sich selbst Schicht für Schicht freizulegen, sich zu häuten und zu dem vorzudringen, was ich meine Essenz, meine Seele nenne, ist ein solch’ schöner Weg, den ich mit immer mehr Lust und Hingabe gehe. Potential, von lateinisch “Stärke, Macht”, ist die Fähigkeit zur Entwicklung – es beinhaltet noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten. Diese Idee, dass da immer noch viel mehr geht, dass noch vieles mehr in mir schlummert, ich auch Wunder erleben und für Wunder offen sein darf, beflügelt mich.

Es stärkt den Selbstwert ungemein, sich Stück für Stück aus dieser oft schon in Kindheitstagen antrainierten Spiegelung – Wie komme ich an? Werde ich gemocht? Bin ich (gut) genug? – zu lösen. Dies ist nicht einfach, doch möglich. Sich tatsächlich auf seine eigenen Gedanken und Gefühle, auf das, was einen ausmacht, zu besinnen, erfordert den bewussten Prozess der Reflektion. Ich muss mich hinsetzen, es wirklich tun: reflektieren, Dinge notieren, neue Leitgedanken deklarieren. Es reicht nicht, wenn ich es mal gehört habe, wie es geht, nein, ich muss es machen, in den Alltag integrieren, wenn ich den Boden für etwas Neues säen möchte.

Unsere Potentialentfaltung ist also abhängig von unserer Umgebung. Wenn ich Menschen dabei unterstützen möchte, dass ihr Potential aufgeht, anstelle sich zu verschließen, kann ich sie z. B. ermutigen, etwas zu wagen: Etwas zu tun, das sie am anderen bewundern. Sich nicht zurückzuhalten, sondern ihre ganze Kraft zu entfalten. Meine Stärke ist es, Besonderheiten im anderen zu erkennen, außerdem Mut zu machen, sich zu zeigen, zu sich zu stehen und auch immer mal wieder im eigenen Dreck zu wühlen – sprich seine Schatten eizuladen.

Jetzt da ich es weiß, wie sehr meine Entwicklung von meiner Umgebung abhängt, suche ich immer öfter Felder auf, in denen ich erblühen kann: In meinem Umfeld gibt es einige Menschen, die sich sehr frei denken können: Die um die Ecke denken. Gemeinsam schwingen wir uns empor, kreieren neue Ideen und Projekte. Ich brauche Freigeister mit Tiefgang, humorvolle und auch mutige Menschen um mich, um weiter zu kommen, um die nächste Zone der (geistigen) Entwicklung zu erklimmen. Da ich gerne schreibe, suche ich auch hier Menschen auf, die diesen Kanal ebenso lieben und sich mit mir austauschen wollen.

Spannend ist es auch, sich in Felder zu begeben, in denen Menschen etwas leben, wovon man selbst träumt: Autoren, die an ihrem Buch sitzen, Reisende, die Yoga-Retreats aufsuchen, große Wanderungen auf sich nehmen oder sich eine längere Zeit aus dem Alltag lösen. Sprich Menschen, die einen Weg bereits gegangen sind, den man sich selbst für sich vorstellen kann. Gleichzeitig finde ich es wichtig, auch immer mal wieder mit Leuten in Kontakt zu kommen und sich wirklich auf ein Gespräch, eine Szene einzulassen, die einem normalerweise fremd sind: Neulich tobte ich mich gemeinsam mit anderen Müttern während eines Fußball-Punktspiels unserer Söhne auf dem Platz aus – eine höchst interessante Erfahrung! Auch hier kann man sich neu entdecken, in Rollen schlüpfen, die man für gewöhnlich meidet.

Zu guter Letzt: Wenn unsere Angst vor Ablehnung oder unsicherem Terrain zu groß wird, kann es helfen, sich auf eine gesunde Art und Weise selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Auf einer Party z. B. fühlt sich die eine oder andere unbehaglich, doch die eigene Person wird von anderen Menschen überhaupt nicht so fokussiert wahrgenommen, wie man sich selbst wahrnimmt.

Also: Auf zu neuen Ufern und neuen Fehlern;-)!

Mich interessiert brennend, in welcher Umgebung, unter welchen Bedingungen Euer Potential aufgeht? Was braucht es, damit Ihr Euch in für Euch wünschenswerte Richtungen entfalten könnt?

 

Weißes Tantra Yoga

Eine Erfahrung der ganz besonderen Art konnte ich vergangenen Samstag beim Weißen Tantra Yoga in Hamburg machen: Paare in weißer Kleidung sitzen sich in langen Reihen gegenüber, nehmen bestimmte Hand- und Armhaltungen ein, singen Mantren oder schweigen, oft auch mit direktem Augenkontakt. Die Meditationen haben eine Länge von 31 oder 62 Minuten. Es heißt, Weißes Tantra Yoga bewirke eine effektive innere Reinigung und das Lösen tiefliegender innerer Blockaden.

Letztes Jahr in Berlin bei meiner Tantra-Premiere saß mir ein fremder, Mitte 30-jähriger Typ gegenüber, zum Glück sehr sympathisch und lustig. Spannend war’s, diese doch auch intime und extreme Situation miteinander zu teilen, sich hinzugeben ohne auch nur im Entferntesten zu wissen, was einen erwartet. Jemandem so lang und intensiv in die Augen und somit in die Seele zu schauen, kann dir neue Welten eröffnen – und dich vor allem deine eigene innere Welt erschließen lassen.

Dieses Jahr teilte ich die Erfahrung mit einer mir bekannten Person, einer Yogalehrerin aus meiner Ausbildungstruppe. Es war schön, sie wiederzusehen und bereichernd, mich gemeinsam mit ihr durch die Kriyas zu atmen. Spannend fand ich, mit meinen Grenzen zu spielen, meinen Geist zu beobachten, der mal wild am Schimpfen war („Wann ist der Scheiß hier endlich vorbei?“ „Was mache ich jetzt mit meinem rechten Bein?“ „Ich kann nicht mehr!“), mir dann wieder sehr gut und liebevoll zusprach („Das schaffst du – nur noch 4 Minuten!“, „Es tut dir gut.“).

In den Augen meines Gegenübers konnte ich mich selbst erkennen: meine Hingabe, mein Genervtsein, meine Verletzlichkeit und meinen Schmerz. Wieder einmal kam mir Yogi Bhajans „Recognize the other person is you“ in den Sinn. Wie wahr. Sich verletzbar zu zeigen, nicht nur mit dem Kopf zu denken, sondern auch mit dem Herzen wahrzunehmen eröffnet unglaublich schöne Erfahrungsräume – das wurde mir hier erneut bewusst. Vermutlich kann ich auch nur dann in Beziehungen heilen, wenn ich mich eben nicht von meiner Schokoladenseite zeige, sondern auch meine Schwächen unter ein Vergrößerungsglas halte und dem anderen das, was ich sehe, nicht vorenthalte.

Beim Tantra wurde mir genau dies nochmal sehr klar: Es geht nicht darum, da möglichst glatt und konfliktfrei durchzukommen, sondern es geht um das „Sich-Einlassen“ und „Alles-da-sein-Lassen“ was da ist. So gesehen ist die Essenz des Weißen Tantras ein heilender Entgiftungsprozess auf vielen Ebenen: Körperlich-energetisch wird das System durchgepustet und wieder mit neuer Kraft aufgeladen; in der unmittelbaren Nähe zum Gegenüber können einem Muster und Glaubenssätze bewusst werden, die aus dem eigenen System ausgeschieden und verabschiedet werden dürfen, so zum Beispiel: „Ich muss das alleine schaffen“ oder: „Ich muss jetzt dabeibleiben und durchhalten.“

Das Spiel mit Grenzen ist eine sehr essentielle Erfahrung, die besonders intensiv beim Weißen Tantra erfahren werden kann: Eine Stunde lang eine bestimmte Haltung einzunehmen kann deinen Geist tanzen und fluchen lassen. Sich immer wieder auf das, was zu tun ist, zu fokussieren, immer wieder zurückzukehren zu diesem Fokus, gleichzeitig seinen Schmerz im Arm wahrzunehmen, kann wahrlich herausfordernd sein. Da durchzugehen, und da auch durchzukommen kann wiederum sehr befreiend und ekstatisch sein.

A propos Ekstase: Meine tiefe Überzeugung ist, dass jeder nach Ekstase, nach stimulierenden Momenten und Begeisterung in einem selbst sucht – gerade hierzulande sind die meisten oft etwas zu ernst und verbissen unterwegs, so mein Eindruck. Man muss nicht zwangsläufig am Weißen Tantra Yoga teilnehmen, um ekstatische Momente zu erleben – der Alltag bietet uns hier ausreichend Spielraum, vorausgesetzt wir öffnen uns für das Spielerische und Unerwartete. Ekstase erlebe ich stets dann, wenn ich Begeisterung zulasse, mein Potential entdecke und entfalte und mir auch erlaube, dieses zu tun. Wenn ich wach und kreativ bin, schöpferisch und offen. Und wenn ich immer mal wieder etwas ‘ein klein wenig’ anders tue als bisher.

Neulich in der Sauna, kurz vor Weihnachten, als gefühlt die meisten um mich herum gestresst waren, wurde ich erneut in der Überzeugung bestärkt, wir brauchen hierzulande mehr Ekstase: Ich saß eng an eng mit anderen Saunierenden auf einen Aufguss wartend. Der Mann, der für den Aufguss verantwortlich war, wedelte sich mit seinem Handtuch geradezu in Rage – sehr kunstvoll und ästhetisch wohlgemerkt. Die schwitzende Meute fing plötzlich an, im Beat seines Wedel-Rhythmus‘ mitzuklatschen. Tempo und Lautstärke stiegen und kulminerten in ein lautes Gegröle und Gestampfe. Ich war überrascht und zugleich mitgerissen – hatte ich Sauna bislang eher als Ort der Ruhe kennengelernt. Hinterher dachte ich: Das tat allen gut – sich so körperlich und fast archaisch zu erleben.

In diesem Sinne: Auf mehr Beziehung, Grenzerfahrung und Ekstase:-)! Und ich kann mich die kommenden Wochen auf mehr Energie und Kraft freuen – ein wunderbarer Nebeneffekt des Weißen Tantras, welches einem Aufladen und Auftanken gleicht. Momentan bin ich innerlich kristallklar, was ich sehr genieße.

Alles Liebe zu Euch!

Sich im Nicht-Wissen üben

Vergangenes Wochenende musste ich mich im Nicht-Wissen üben. Das fällt mir schwer: in einer Angelegenheit, die in mir routiert, nicht weiter zu kommen – nicht zu wissen, was richtig oder falsch, was gerade angezeigt ist. Verschiedene Stimmen und Instanzen in mir wahrzunehmen und zu keiner befriedigenden Lösung zu finden, noch nicht. Manchmal bedarf es tatsächlich des Fallenlassens eines schon mehrfach durchgekauten Themas, so dass dieses sich zu einem gegebenen Zeitpunkt wieder neu zeigen kann.

Ich wurde von meiner Yogalehrerin wiederholt gefragt, ob ich sie in bestimmten Stunden vertreten könnte. Nun ist es so, dass ich das theoretisch kann: Schließlich bin ich seit Juni diesen Jahres frischgebackene Kundalini-Yogalehrerin. Als diese Frage mich kürzlich wieder traf, war mein erster Impuls: “Mist, jetzt musst du zugeben, dass du das gerade nicht willst, obwohl du kürzlich noch ‘ne andere Ansage gemacht hast.” Was mir auch immer bewusster wurde: Ich möchte meine Rollen und Aufgaben dieser Tage reduzieren, mich voll auf das fokussieren, was die stärkste Freude in mir entzündet: das Schreiben, die Natur, das Mich-Frei-Fühlen und gleichzeitig Anderen-ein-gutes-Gefühl-Vermitteln. Auch möchte ich mir noch mehr Pausen gönnen, da mein (All-)Tag mit den zum Teil “schwer beeinträchtigten”, blinden Kindern oft sehr anstrengend ist und auch unser Sohn uns fordert. Und einfach, weil’s total Sinn macht, der Freude zu folgen. Meine wöchentliche Yogastunde, in der ich als Schülerin teilnehme, ist ein Wochenhighlight, eine Zeit ganz für mich, in der ich mich fallen lassen kann. Als Lehrerin Verantwortung für diese oder eine andere Stunde zu übernehmen würde sich gerad wie ein weiterer “Stein” anfühlen.

Zunächst war ich voll fein mit meiner nun formulierten Ansage bzw. Absage, doch am darauffolgenden Tag kamen Zweifel: War das richtig? Darf ich solch eine Chance ziehen lassen? Gehe ich nur (m)einer Angst aus dem Weg? Eine sehr liebgewonnene Bekannte meinte sehr treffend – auch das gab mir zu denken:

Ich bin immer für die Erfahrung, weil der Verstand einen manchmal austrickst.“

Auch das ist wahr – oft hindern uns diverse Mindgames daran, in das für uns stimmige, uns vorwärtsbringende Tun zu kommen. Stichwort Komfortzone-Verlassen.

Dann tat ich, was ich oft tue, wenn ich nicht weiter weiß: Ich kontaktiere – von Aug`zu Aug`, auf dem Schriftweg – Menschen, von denen ich glaube, dass ihre Sicht der Dinge mir weiterhelfen könnte in genau dieser Frage. So fand ich heraus: Meine größte Angst ist nicht, da vorne als Lehrerin zu sitzen, zu unterrichten (das auch!); meine größte Angst ist es, meine Yogalehrerin zu ent-täuschen, Erwartungen von außen nicht zu erfüllen:”Als frischgebackene Lehrerin müsstest du jetzt unterrichten, vor allem, wenn du zum wiederholten Male solche Chancen erhälst!

In der Tiefe geht es stets um die Angst vor Ablehnung. Auch meine Angst, mich „da vorne zum Affen zu machen“, vor der Gruppe sitzend, sprich meine Angst vor Selbstausdruck, ist im Kern die Angst vor Ablehnung: Die Angst sich zu zeigen, be- oder verurteilt zu werden, nicht gut genug zu sein. Verrückt, denn: Warum eigentlich? Oder deutlicher: Was für’n Scheiß!

Nun bin ich innerlich wieder sortierter, wieder im Wissen, ausgerüstet mit den für mich dieser Tage relevanten Antworten – mehr muss ich noch nicht wissen. Und wie das Leben so spielt, habe ich weitere wunderbare Hinweise bekommen: Heute stolperte ich über den Satz:

Wer glaubt, alles im Griff zu haben, entwickelt sich nicht mehr. Lass das Ufer los und werde zum Fluss.“

Auch das fand ich schön und für mich treffend. Darüber hinaus hat mir ein Text zum „Anders-Sein“ von einer mir ebenfalls sehr ans Herz gewachsenen Yogini  geholfen. Hier tauchte die Frage auf:

Was dient meiner Seele und was nicht?“

Diese Frage finde ich sensationell und in tiefster Tiefe berührend. Sie rührte mich zu Tränen. Für mich ist sie eine DER existentiellen Lebensfragen.

Viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht schreiben. Nur noch ergänzend: Ich glaube, es gibt viele Arten und Wege, Kundalini-Yoga zu unterrichten: Sei es, dass ich Artikel schreibe, in denen ich mich auch der Lehre annähere, sei es, dass ich darauf achte, mich klar und liebevoll auszurichten und die Energie zu heben; in einem Gespräch kann ich ferner eine liebevoll-provokative Frage stellen, die den Fokus in eine neue Richtung lenkt; oder indem ich Menschen in meinem Umfeld ausgewählte Übungen oder den tiefen, langen Atem näher bringe.

Ach ja: Meine Yogalehrerin war natürlich nicht enttäuscht, sondern erfreut darüber, dass ich für mich einstand und das, was sie in ihrem Unterricht lehrt, beherzigt habe. Darüber hinaus hat sie eine andere Lösung gefunden. Und für mich wird es sicher alternative Unterrichtsmöglichkeiten und -gruppen geben. In Kürze werde ich dazu auch Gelegenheit habe, nur in einem anderen Rahmen…

Was dient deiner Seele und was nicht? Lass dich mit Hilfe dieser Frage führen und trau dich, dich dem Leben hinzugeben.

 

Kundalini-Yoga

BlumenarrangementEine langjährige Freundin meiner Schwester – und auch ein mir sehr liebgewonnener Mensch – bat mich, Näheres über meine Erfahrungen mit Kundalini-Yoga zu schreiben. Nicht mit der Intention, alle Welt zum Praktizieren von Kundalini-Yoga zu animieren, sondern um meinen eigenen Weg zu mir, in mein Verständnis von innerer Freiheit zu beschreiben. Und sicher auch, um Wege, Werkzeuge, Methoden aufzuzeigen, die uns helfen können, uns in diesen (w)irren Zeiten auszurüsten und zu navigieren.

Hier nun also. Kundalini-Yoga wird oft als das „Yoga des Bewusstseins“ beschrieben. Es beinhaltet zahlreiche dynamische Übungen, Meditationen und das Singen von Mantren. Es geht darum, Bewusstseinsprozesse und –veränderungen zu initiieren, sprich immer klarer und bewusster zu werden, eigene Schleier nach und nach zu lüften. Der Zustand von Shunia, von Leere oder Stille – der sog. „Null-Zustand“, den wir suchen, ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Kundalini-Energie wird oft als die am unteren Ende der Wirbelsäule, wie eine Schlange zusammengerollte schlafende Kraft beschrieben, welche durch yogische Praktiken erweckt werden und aufsteigen kann. Ich persönlich finde das Bild hilfreicher, die Kundalini-Energie als unsere Lebensenergie zu betrachten, nicht als etwas Mysteriös-Externes. Im Praktizieren geht es um einen graduellen Prozess von Lebendiger- und Bewusster-Werden – es geht darum, immer vollständiger sein eigenes Leben zu leben.

Oft sind Menschen im (Irr-)Glauben, Kundalini-Yoga sei etwas Gefährliches, da immer wieder wilde Geschichten um das Erwachen der Energie kursieren. Das Kundalini-Syndrom gibt es tatsächlich, auch ist es ein feststehender Begriff in der Psychopathologie. Doch in der Tradition des Unterrichts von Yogi Bhajan arbeiten wir daran, die Energie langsam wachsen zu lassen. Die Kriyas (feststehende Übungsreihen) sind so konzipiert, dass „Sicherungen“ eingebaut sind, um sich immer wieder zu erden, sprich nicht abzuheben, so dass die Energie unten“ gesettelt“ bleibt.

Kundalini-Yoga ist eine Technik – vergleichbar mit einem Raketentreibsatz – die auch im Alltag praktikabel ist. Durch die bewegte Komponente kommt etwas Weiteres hinzu: Wir arbeiten am elektromagnetischen Feld, dies wiederum hat eine Rückwirkung auf unser Nervensystem, welches dank Kundalini-Yoga immer stärker wird. Wir lernen, uns immer weniger von den Polaritäten des Lebens hin- und herwerfen zu lassen. Wir lernen auch, selbst Energie generieren zu können und unseren Energielevel aufzufüllen, so dass wir mehr haben als wir brauchen. Unter diesen Umständen ziehen wir auch Menschen an. Voraussetzungen hierfür sind Selbstfürsorge und –liebe.

Satya Singh beschreibt Yoga auch als eine Veränderung in der Gesellschaft, deiner Position in der Gesellschaft – nicht nur als einen innerlichen Prozess. Das Ziel des Yoga, so Satya Singh, sei kein „von anderen losgelöster Erleuchtungszustand“, der dich in einem Ozean von ewigem Frieden schweben lasse, während alle anderen Leute weiter Probleme haben, sondern Ziel sei es, das untere Dreieck, sprich die unteren Chakren mit dem oberen Dreieck, den oberen Chakren, zu verbinden – hin zum Herzchakra. Es gehe darum, so menschlich wie möglich zu sein – Humor, Liebe, Toleranz walten zu lassen. Durch meine Ausstrahlung und Präsenz andere Menschen zu erheben.

Was ich außerdem wunderbar an Kundalini-Yoga finde: Es ist eine hervorragende Möglichkeit, deine Grenzen zu verändern und zu erweitern, mit den körperlichen die geistigen und emotionalen. Wir leben mit und durch Programme(n): „Ich muss pünktlich sein.“ „Ich sollte dies und jenes machen oder können.“ Und, und. Mit Yoga programmieren wir uns neu. Der Körper weiß, was ihm gut tut. Wir achten nur oft nicht darauf, da wir ein anderes Programm fahren. Es heißt, sobald du Kundalini Yoga praktizierst, wirst du wachsen und dich wie eine Schlange alter Häute entledigen müssen, um immer mehr zu dem oder der zu werden, der oder die du bist. Oder einfacher: Wir machen Yoga, um immer mehr wir selbst zu sein.

Die Frage „Welche Dinge stimulieren dich innerlich in deiner Seele?“ klopft dank Kundalini-Yoga immer dringlicher und lauter an. Mich zu trauen zu schreiben, auch öffentlich, ist in diesem Zusammenhang eine weitere „Nebenerscheinung“. Oft spüre ich, dass Menschen neben und mit mir zur Ruhe kommen, sich angenommen fühlen. Neben diesen heilsamen Aspekten konfrontierst du als Kundalini-Yogalehrer auch unbewusst: Du wirst zum Spiegel. Geschieht das Konfrontieren aus Liebe, ist es wunderbar und hat seinen Platz.

Was ich auch merke: Manchmal macht mich die Praxis schlicht glücklich, auch euphorisch – wenn nicht während der Asanas spätestens im Anschluss daran. Wie sagte unsere Ausbilderin so schön? Wir müssen unser Nervensystem auch erst einmal trainieren, es auszuhalten glücklich zu sein. In der Regel überflutet und unser Geist ja mit zahllosen Gedanken, den wenigsten davon zuträglich.

Sobald ich selbst Unterrichtserfahrungen als Kundalini-Yogalehrerin gesammelt habe, lasse ich Euch wissen, welche weiteren Erfahrungen ich mache. Wie hieß es so treffend in der Ausbildung? „Wenn ich selbst eine Erfahrung habe, kann ich meine Erfahrung auch weitergeben.“ Dies gilt sicherlich für viele Lebensbereiche.

Ich hoffe, ich konnte mit Euch das Geschenk teilen, welches mir dank Kundalini-Yoga zuteilwurde.

Alles Liebe von mir.

„Kalte Depression“ – von der Seele entfernt

Menschen unserer Zeit werden in Folge eines Riesenangebots an äußeren Stimuli und zahlreicher Herausforderungen immer rast- und orientierungsloser. Viele Erdenbürger wirken abgeschnitten, geradezu entfremdet. Nie war die Menge an verfügbaren Informationen größer als dieser Tage. Unsere Gesellschaft tut so, als sei ein hoher und andauernder Level an Stress völlig normal. Wenn du keinen Stress hast, gehörst du nicht zum produktiven Teil der Gesellschaft. So denkt es auch oft in mir. Zum Glück immer seltener.

Mir ist durchaus bewusst, dass Stress auch Flow, Freude und Dranbleiben bedeuten kann und phasenweise absolut Sinn macht. Mir ist auch klar, dass es Umstände gibt, die einem nicht immer erlauben, „Fünfe gerade sein zu lassen“. Doch ehrlich gesprochen gehört nicht viel dazu zu erkennen, dass viele Menschen in eine extreme Schieflage geraten sind und sich weit von ihrer Seele entfernen. Die eigene Lebendigkeit und Vitalität, die Lebenskraft kann nicht mehr gespürt werden.

Der yogische Begriff der „kalten Depression“ beschreibt einen Zustand vor einer „echten“ Depression bzw. einem Burn Out: Äußerlich ist dieser Zustand nicht als Depression erkennbar. Innerlich zeichnet er sich dadurch aus, dass Menschen gefühllos sich selbst gegenüber sind und innere Impulse nicht mehr spüren. Es besteht ein Konflikt zwischen dem was deine Seele dir sagt und dem was von Außen kommt. Folgst du „dem Außen“ und reagierst darauf – Smartphone, Werbung, Meinungen, “falsche” bzw. fremde Ziele – so kannst du innere Impulse nicht mehr spüren; du fühlst dich leer und getrennt. Von “kalter Depression” gebeutelte Menschen kreieren Gefühle der Lebendigkeit, indem sie das Maß an äußeren Stimuli erhöhen: Sie entwickeln eine Wahrnehmung, die gewissermaßen nicht real ist und glauben, dass Stress ihre Lebenskraft ist. Fehlende Lebendigkeit wird durch Adrenalin kompensiert – eine entsprechende Umgebung wird geschaffen, indem Spannung erzeugt und erhöht wird, extreme Erlebnisse und Sportarten aufgesucht und hohe Risiken eingegangen werden.

Überspitzt formuliert: Ohne Adrenalin fühlen wir uns taub. Aus Taubheit resultiert ein Verlangen, zu fühlen. Es kann erschreckend und gleichzeitig hilfreich sein, sein eigenes Verhalten zu beobachten: Wo und wann fühle ich mich getrennt von meinen Seelenimpulsen? Wie schwer fällt es mir, dass Smartphone oder Tablet mal für eine Zeit lang ruhen zu lassen?

Das Fatale ist, dass Leistung bzw. Leisten und grenzenloser Stress in unserer Gesellschaft anerkannt sind und belohnt werden. Produktiv-Sein sieht gut aus. Wir bleiben dabei und glauben, dies sei Erfolg. Problem dabei ist, dass uns Zustände von „kalter Depression“ auch körperlich krank machen und unser Immunsystem schwächen. Adrenalinreserven sind endlich, sprich unsere Nebennieren sind irgendwann „durchgeritten“.

Ich glaube fest daran, dass der natürliche Zustand des Menschen im Verlangen besteht, mit seiner Seele verbunden zu sein. Das Singen von Mantren ist eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Wir können „nach innen führende Bahnen wieder freischwingen“, uns wieder spüren.

Wir haben alles, was uns zufrieden macht in uns selbst. Sich aus sich selbst heraus vollständig zu fühlen – wenn uns dies gelingt, sind wir wahrhaft zufrieden. Wenn du es immer wieder schaffst, das zu tun, was dich mit deinen inneren Impulsen verbindetmeditieren, tanzen, spazieren, sich ausruhen, gut ernähren – erfährst du Lebenssinn und -glück. Im Übrigen hilft uns eine starke Intuition uns im Informationsüberfluss zu navigieren.

Ich schließe mit einem Zitat von Rumi:

„Suche das Licht nicht im Außen. Finde es in dir und lass es aus deinem Herzen strahlen.“

 

Sich dem Leben radikal zuwenden

Ich betrachte den Tod als besten Lehrmeister und Ratgeber: als Erinnerung und Chance, sich radikal dem Leben zuzuwenden. Ich möchte JETZT leben, voll und ganz – und vor allem auch vollständig. Immer häufiger nehme ich einen Aufruf wahr, zu lernen, die Dinge vollständig zu machen. So zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben. Dies ist ein Prozess, und ich kann nicht behaupten, dass ich das meiste schon zu einer Vollständigkeit, einer befriedigenden Vollendung gebracht hätte. Doch das Erinnern daran, das Inne-Halten und Sich-Bewusst-Machen, wie kurz unser Erdenleben letztendlich ist, hilft mir.

Aus yogischer Sicht wird angenommen, dass die Seele hier auf Erden nur eine zeitweise Behausung findet. So gesehen ist der Tod auch nichts Schreckliches. Yogi Bhajan vergleicht den Aufenthalt der Seele auf Erden mit dem Aufenthalt in einem Motel. Alle Spiritualität hat das Ziel, sich auf den Tod vorzubereiten, nicht in einem morbiden Sinne, sondern – da komme ich an den Anfang zurück – in einem totalen Ja zum Leben. Yogi Bhajan sagte:

Es ist dein Geburtsrecht glücklich zu sein.”

Wir müssen uns nicht mit einem unglücklichen Leben zufrieden geben, sondern können uns immer wieder auf den Weg, auf die Suche machen, das zu leben, was wirklich gelebt werden will – auf einer tiefen, erfüllenden Ebene. Das Ziel aus yogischer Sicht ist es, während des Lebens befreit zu werden und nicht damit zu warten, bis man tot ist. “Jiwan Mukt” heißt soviel wie “befreites Leben”. Es bedeutet, mit einem tiefen Verständnis für die Wirklichkeit des Lebens, des Todes, der Seele und der eigenen Aufgabe zu leben.

Die Konzepte von Karma und Inkarnation mögen für jeden einzelnen unterschiedliche Bedeutung haben. Vom Leben und Tod hat ein jeder sicherlich seine ganz eigenen Vorstellungen, seinen eigenen Glauben und auch seine eigenen Hoffnungen. An was auch immer wir glauben: Es lohnt sich, sich die letzten 20 Minuten seines Lebens vorzustellen und sich zu fragen, was angesichts meines baldigen Todes tatsächlich bedeutsam ist, oder um mit Veit Lindau zu sprechen bzw. zu fragen:

Wie sollte ich mich in diesem Moment in meiner Vergangenheit entschieden haben, um jetzt, am Ende, zufrieden zurückschauen zu können?”. Und:

“Willst du am Ende sicher durchkommen oder voll geöffnet sein?”

Gerade vor ein paar Tagen habe ich meine – wie’s so schön modern heißt – Bucket-List aufgefrischt: Dinge, die ich in meinem Leben machen möchte. Gleichzeitig war ich froh zu bemerken, dass ich mir diverse Wünsche bereits erfüllt habe und wiederum andere Dinge heute keine Relevanz mehr haben. Momentan stehen dort Dinge wie: eine Zeit auf dem Land leben, mit meiner Schwester nach Bali reisen, jemandem beim Sterben begleiten, Artikel für ein Print-Magazin schreiben, Schlagzeugunterricht nehmen, mit unserem Sohn eine Fernreise, nach Japan oder in die USA unternehmen, auf das internationale Kundalini-Yoga-Festival nach Frankreich reisen, Yoga unterrichten, mit meinem Mann eine Ruhrpott-Radtour und eine Alm-Hüttenwandertour machen; “abgefahrene” Dinge wie “einen Astrologen und Schamenen aufsuchen”, doch auch Profaneres wie z. B. Energiekugeln selber machen, im Sommer regelmäßig auf dem Balkon schlafen, Gemüse anbauen und, und.

Was am Ende zählt.

 

Dem Sinn auf der Spur

Wer kennt sie nicht – diese Gedankenspiele: Warum ist mir damals dieses oder jenes widerfahren? Was wäre, wenn ich an der Stelle anders abgebogen wäre? Weshalb musste ich durch diese bestimmte Situation oder Zeit hindurch? Und warum passiert mir dieses oder jenes gerade jetzt?

Vor ca. 4, 5 Jahren war ich – ohne mir so bewusst darüber zu sein – auf der Suche: nach meinen Aufgaben im Leben, einem tieferen Sinn über die bisherigen Aufgaben und Rollen, insbesondere der der Mutter und Musiktherapeutin hinaus. Es war eine Zeit, in der für viele Familien mit einem Kind sicherlich ein zweites “angestanden hätte” – doch dies war nicht unser Weg, aus verschiedenen Gründen. Nicht immer war ich glücklich und voll eins mit den Begebenheiten, und auch heute noch denke ich öfter darüber nach, wie Yossi sich mit einem Bruder oder einer Schwester entwickelt hätte.

Gleichzeitig weiß ich hier & heute: Es ist gut wie’s ist. Und: Offenbar sollte es so sein. Ich hadere nicht, auch wenn mich hin und wieder die Sehnsucht nach einem weiteren Kind heimsucht. Ich akzeptiere diese Sehnsucht mittlerweile und finde dieser Tage so viel Stimmigkeit und Fülle in meinem Leben, dass ich in erster Linie sehr dankbar und selig bin, für all das, was ist.
Was nicht heißen muss, dass diese Akzeptanz immer da sein wird: Eventuell bin ich irgendwann wieder einmal traurig, wenn ich darüber nachdenke, wie es mit weiteren Kindern gewesen wäre – auch das ist Teil des Lebens.

Vor besagten 4, 5 Jahren wusste ich noch nicht, dass ich einmal öffentlich schreiben würde, dass ich mich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lasse und sehr intensive Zeiten und wunderschöne Unternehmungen mit unserem Sohn – wir haben schon ein besonderes Verhältnis – genießen würde. Sehr gespannt bin ich, was nach so kommen mag. Ich fühle mich immer mehr verbunden, was ganz sicher auch Auswirkung des Kundalini-Yogas ist.

Damals gab es auch – der Engländer würde sagen – viel ‘struggle‘ in unserer kleinen Familie. Was da jedoch auch immer war: zum einen ein Gefühl von ‘Es soll so’, ‘wir dürfen hier alle lernen und wachsen’, zum anderen eine Ahnung von: ‘Da warten noch viele schöne Aufgaben für mich im Leben’. Und diese Aufgaben, dieser tiefe Sinn in allem, der wird mir nun zunehmend bewusst.

Manchmal brauchen wir offenbar einen langen Atem, was nicht immer leicht ist. Wir dürfen aushalten lernen, dass uns nicht ständig zuteil wird, warum dies oder jenes gerade geschieht oder nicht geschieht, weshalb sich auch Träume gegebenenfalls nicht erfüllen. Oft kommen wieder neue Träume um die Ecke, oder aber der alte Traum entpuppt sich als eine Illusion, als etwas Fremdes, das offenbar doch nicht zu uns gehört.

Neulich hatte ich einen spannenden Emailaustausch mit einer sehr lieben Bekannten: In ihrem Leben haben sich innerhalb sehr kurzer Zeit gleich zwei sehr große Träume erfüllt – sie schien davon schon regelrecht benommen, und wir diskutierten die Frage, was dann eigentlich passiert, wenn Träume plötzlich geballt wahr werden. Gewissermaßen muss man sich davon erst mal erholen, fühlt sich gegebenenfalls auch leer, und fragt sich etwas ängstlich: “War’s das jetzt, oder folgen noch neue Träume?”

Ich glaube fest daran, dass auf erfüllte Träume auch neue Träume folgen. Überhaupt glaube ich daran, dass wir Träume leben und auf die Straße bringen sollten, dass wir uns zumindest immer wieder auf den Weg, auf (Sinn-) Suche begeben sollten. Die Seele will wachsen, reifen, fliegen. Das Leben will erfahren und voll ausgekostet werden. Nur zu.

Ganz liebe Grüße von mir

Bei sich selbst bleiben und mit dem Herzen spüren

Origami HerzIch schreibe seit letztem Sommer regelmäßig für ein Online-Magazin, in dem es sich zu stöbern lohnt: den compassioner.

Dieses Mal habe ich mich mit den Grundlagen wertschätzender und erfolgreicher Kommunikation beschäftigt: Viele Tage lang habe ich mir über das sog. “Neutral-Werden”, dem Ziel im Yoga, und den Weg dorthin Gedanken gemacht. Worum geht es? Um das Ticken unseres Geistes, das Entstehen von Mitgefühl, um die Vorteile eines “Immer-weniger-Bewertens” und das sog. Mantra “Sat Nam”, “Wahres Selbst”.

Hier geht es zu meinem Artikel.

Ich selbst sein

Strapazi August 2016Im diesjährigen Sommerurlaub habe ich das Buch “Heilung im Licht” von Anita Moorjani gelesen. Die Inderin beschreibt ihren Weg vom Krebs in die Heilung über eine Nahtoderfahrung. Klingt schräg, ich weiß. Doch die feine, differenzierte Art und Weise, wie Moorjani die Essenz des Lebenssinns, ihren Sinns beschreibt, den sie dank des (“Fast-)Sterbens” erfuhr, hat mich sehr beeindruckt.

Moorjani versucht Worte dafür zu finden, welchen tieferen Sinn ihr Erdendasein hat: Sie hält es für ausgesprochen wichtig, sich selbst “urteilsfrei und ohne Angst” zu begegnen (S. 216). Der Schlüssel liegt ihres Erachtens darin, “immer die Person in Ehren zu halten, die wir wirklich sind und uns in unserer eigenen Wahrheit sein zu lassen” (S. 217).

Ich mache mir oft Gedanken über den Satz “Werde der du bist”. Und frage mich: Was genau ist gemeint? Heißt es, in uns “wohnt” unser Wesenkern, der nur noch freigeschaufelt werden müsste – im Sinne einer “Häutung”, indem wir nach und nach alte Muster und Glaubenssätze, Konditioniertes fallenlassen, um der zu werden, der wir immer schon waren? Doch ist es nicht – dialektisch gesprochen – vielmehr so, dass wir immer schon sind und gleichzeitig werden, sprich natürlich Eigenes mit auf diese Welt bringen, und uns auch dank unserer Umwelt, unserer Erfahrungen schleifen, entwickeln und verändern? Ich denke: Selbstverständlich verändern wir, unser ganzes “Körper-Geist-Seele-System”, uns Zeit unseres Lebens. Gleichzeitig finde ich das Bild, die Vorstellung einer Seele, die hier auf Erden einen bestimmten Weg nimmt, eine Aufgabe erfüllt, wiederum auch sehr schön.

So oder so glaube ich, ein jeder spürt, wann er er selbst ist – bzw. sich diesem Sein annähert oder sich davon weg bewegt. Unser Körper spricht Bände: Halten wir uns in uns nährenden, wohltuenden Feldern auf, so werden wir innerlich ganz weit, wir entspannen, atmen tiefer. Bewegen wir uns hingegen in Kreisen, in denen wir meinen, nicht so sein zu können, wie es sich stimmig anfühlt, wie es uns entspricht, werden wir unruhig, innerlich eng – irgend etwas scheint zu klemmen. Ich werde mir, vor allem auch dank regelmäßiger Meditationspraxis , dieser verschiedenen Zustände immer bewusster.

Sich selbst sein zu lassen, einfach zu sein, wer wir sind, die vielen – auch widersprüchlichen – Seiten, die uns ausmachen, zu leben und zu zeigen, fällt uns ausgesprochen schwer. Ich staune immer wieder darüber, dass es bei den meisten Menschen meiner Beobachtung nach Jahre und Jahrzehnte dauert, halbwegs oder ganz mit sich ins Reine zu kommen, sich wirklich in der Tiefe anzunehmen.

Viele halten sich zurück, halten etwas von sich zurück, vor allem aus Angst vor Ablehnung und Liebesentzug. Für mich gibt es fast nichts Schöneres als Menschen, die sich zeigen – in ihrer Größe und auch in ihren Unvollkommenheiten. Menschen, die Präsenz, Klarheit, Authentizität ausstrahlen. Die sich trauen, Fehler zu machen, zu scheitern, denen es ganz natürlich gelingt, gleichzeitig stark und sanft zu sein.

Hier noch ein Zitat von Moorjani, zum Sacken-Lassen und In-sich-Bewegen:

Wenn ich ich selbst bin, kann meine einzigartige Großartigkeit mich in ihrer Ganzheit in die Richtungen ziehen, die sich für mich und alle anderen am positivsten auswirken. Das ist wirklich das einzige, was ich zu tun habe. Und innerhalb dieses Kontextes tritt alles, das wirklich mein ist, mühelos und auf die denkbar magischste und unerwartetste Weise in mein Leben und demonstriert jeden Tag die Macht und die Liebe desjenigen Wesens, welches ich wirklich bin.” (S. 176)

In diesem Sinne,

Eure Carolin

Vom Lassen (oder: Verbunden mit der Seele)

Zur Ruhe kommen

In mir hängt seit langem schon eine Frage: “Warum lassen wir das Leben nicht ein Stück weit unser Leben gestalten?” Das Leben mein Leben gestalten lassen, überhaupt das Lassen – eine schwere Nummer. Nicht(s) machen, tun, lenken. Den anderen lassen, wie er ist, jemanden oder etwas ziehen lassen, gehen lassen, Dinge auslassen.
Während und nach meinem Frauen Yoga Camp im Oktober 2015 spürte ich eine Veränderung in mir, einen Zustand, der diesem Lassen sehr nahe kam. Ich fühlte mich ruhig, verbunden und auf eine angenehme Art fremd. Da war etwas in mir, das war schön und traurig, eine Wehmut, eine Sehnsucht, etwas das unbekannt war und doch wieder nicht. Sich dort hineinfallen zu lassen war weniger unangenehm, als ich dachte. Mit Leid(en) hatte es nichts zu tun, eher mit süßem Schmerz, der nun endlich willkommen geheißen wurde. Ankommen. Bei und in mir. Einfach sein.

Ich umarmte und liebte in jenen Momenten das Leben besonders intensiv und konnte auch das Dunkle “mitnehmen”, akzeptieren. Es schien, als waren alle Qualitäten gleichzeitig da – mitunter Angst, Hoffnung, Freude, ja, auch eine Freude, die die Freudlosigkeit umarmt. Ich fühlte mich “auf”, im Gegensatz zu geschlossen, verschlossen. Als dürfe alles rein und raus, ohne unterwegs zerdacht und bewertet zu werden. Es wurde sehr still in mir. Gedanken und Glaubenssätze fielen von mir und machten mich ganz weit.
Meiner Erfahrung nach klopfen diesen Zustände nur sehr selten an. Es sind Momente, in denen wir in Kontakt mit unserer Seele kommen – so meine “Übersetzung”, meine Interpretation. Für vieles gibt es kaum Worte, das geht mir oft so: Eindrücke beim Musikhören, beim Meerspaziergang, im Anschluss an eine Meditation. Dies sind auch sehr intuitive Momente – Minuten, in denen ich eine starke Intuition, ein großes Vertrauen, fast eine innere Weisheit, wahrnehme.

Für kurze Momente schweigt es in mir, und ich weiß plötzlich sehr genau, was wesentlich und was unwesentlich ist. Es ist meines Erachtens möglich, diese Räume der Stille, des Lassens, auch im Alltag zu integrieren. Dafür braucht es meine Bereitschaft, alles sein zu lassen, einfach nur da zu sitzen, zu liegen oder in die Natur zu gehen. Auf dem Yoga Camp bekam ich den Rat, zu spüren, was die Erfahrungen, die Zeit dort mit mir machen, weniger: zu überlegen, warum dies oder jenes nun so ist und nicht anders.

Wir kennen es vermutlich alle: Wenn wir zu viel über etwas nachdenken, wird es meistens nur verwirrender, nicht klarer. Das Geheimnis liegt meines Erachtens darin, sich häufiger zu beobachten, sich selbst auf die Schliche zu kommen, anstelle über etwas zu häufig und in der immer gleichen Weise zu grübeln. Selbstverständlich hat „geist-dehnendes“, konstruktives Nachdenken und Reflektieren, für das ich mich bewusst entscheide, absolut seinen Platz. Ich spreche von den immer wiederkehrenden Gedankenschleifen und -schlaufen, die uns oft so gar nichts bringen, uns nicht zu uns bringen.
Zu Beginn erwähnte ich das “jemanden oder etwas ziehen, gehen lassen”. Manchmal trennen sich auch gemeinsam gegangene Wege, wenn sich Menschen und Umstände ändern, wenn wir uns für sehr unterschiedliche Lebenswege entscheiden, das Alte nicht mehr trägt und die Art der Beziehung sich nicht mehr gut anfühlt. Dies muss nicht bedeuten, dass ich den anderen nicht mehr mag. Es ist der Lauf der Dinge, so meine Erfahrung.

Meinen Vater gehen zu lassen fiel und fällt mir schwer. Wie wird das bei meiner Mutter sein? Was mir bleibt und für mich Sinn macht: nutzen, wertschätzen, genießen, was wir JETZT haben. Gemeinsam lachen, erzählen, uns öffnen, Dinge an- & aussprechen, die noch gesagt werden wollen. Dies ist mein Weg, jeder wird seinen ganz eigenen Umgang in und mit diesem Prozess finden dürfen.
Ich wünsche uns allen viele weite, wache Momente des (Los-) Lassens!

 

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén