seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Neugier

Von der Schönheit des Nicht-Wissens

Einfach machen!

Raus aus der KomfortzoneIn letzer Zeit spüre ich zunehmend Lust und Gefallen daran, neue Wege zu gehen. “Great things never came from comfort zone.” Da ist was dran. Ich erlebe es stets als Zugewinn – wenn nicht unmittelbar, dann jedoch längerfristig – mich aus dem Gewohnten herauszubewegen.

Da ist stets das große Bedürfnis nach Sicherheit in uns, und gleichzeitig wollen wir wachsen – beide Bedürfnisse dürfen, ja müssen meines Wissens, erfüllt werden. Manchmal katapultiert uns das  Leben heraus aus dem, was immer war, was wir schon immer dachten oder taten. Hin und wieder schmeißen wir selbst uns ins Ungewisse – aus Neugier, aus Lebenslust.

Dieser Blog, diese Form des Sich-Sichtbarmachens, Farbe-Bekennens ist neu für mich. Es ist für mich auch spannend zu beobachten, wie mein Umfeld reagiert: Mit zahlreichen Menschen erlebe ich einen Zuwachs an Nähe. Es ist, als würden durch meinen Mut zur Klarheit, zum Sichtbarwerden, den ich mehr und mehr lebe, auch Menschen näher an mich heranrücken, die ähnlich ticken. Oder als würden viele sich freuen, mich nun “ganzer” zu sehen. Andere wiederum sind wie ich vermute irritiert, können mit dieser Form – Gedanken in einem Blog zu manifestieren – gegebenenfalls nichts anfangen oder haben eventuell (noch) nicht den Mut zur Klarheit. Manche halten sich ganz zurück – sicherlich aus ganz unterschiedlichen Gründen oder bestimmten Lebenssituationen heraus resultierend.

Jetzt im Mai diesen Jahres findet mein erstes Ausbildungswochenende zur Kundalini-Yogalehrerin statt. Ich träume schon länger davon, diese Ausbildung zu machen. Doch da war und ist auch die Angst, mir kamen Fragen: “Wird es mir nicht zu viel, mit Job und Familie? Bin ich dem (körperlich) gewachsen? Wie erlebe ich die Veränderungen, die dieser Weg zweifelsfrei in mir hervorrufen wird?” Meine Yogalehrerin reagierte auf meinen Wunsch mit den Worten “Einfach machen!” Das fand ich gut – und dachte: Dies könnte ein Lebensmotto werden.

Als ich das erste Mal singend und nicht klavierspielend auf einer Bühne stand ging mir ganz schön die Pumpe – hinter dem Piano kann ich mich gut verstecken, wenn mir danach ist, das Körperinstrument Stimme hingegen macht mich ein Stück nackt.

Das Neue in sein Leben einzuladen kann echt ne feine Sache sein. Ich werde mir selbst ein Stück fremd und staune wieder häufiger. Ich traue mich Gedanken zu denken, die mich vor einiger Zeit noch mit Irritation, Scham oder Widerwillen erfüllt hätten. Ich spreche meine Wahrheit immer häufiger aus und erlebe, wie Ehrlichkeit mich zunehmend freier macht.

In den letzten Monaten war ich, ausgelöst durch den Tod meines Vaters, häufig mit dem Thema Tod beschäftigt. Ich hatte auch den Eindruck, ständig starb irgend jemand aus Politik- & Promiwelt: Genscher, Westerwelle, Roger Cicero, Prince… Das hat mich bewegt und mich wieder einmal mehr mit dem Faktor Zeit auseinandersetzen lassen. Dass Sterbende laut diverser Studien am meisten das bereuen, was sie nicht getan haben, ist wahrscheinlich allseits bekannt. Entsprechende Konsequenzen für sein eigenes Erdenleben daraus zu ziehen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Ich spüre für mich: Ich möchte (am Ende) nicht nur sicher durchkommen, sondern voll geöffnet werden.

Wenn Ihr das nächste Mal nicht wisst, “Soll ich oder soll ich nicht?”, der Gedanke ans Tun jedoch eine unbestimmte Freude, einen Kitzel auslöst – ich würde sagen: “Einfach machen!”🙂

 

Tage voller Leben – vom Glück der Fülle

Das Leben feiernIn meinem Leben wünsche ich mir vor allem eins: Tage voller Leben zu leben. Das „Glück der Fülle“, wie es Wilhelm Schmid beschreibt, wahrzunehmen und zu schätzen – die hohen, heftigen Glücksspitzen, eine tiefe, manchmal unspektakuläre Zufriedenheit und auch das bewusste Aufnehmen von Leid und Schmerz. Der Herbst naht, und oft empfinde ich in dieser Zeit auch (Abschieds-)Wehmut und Melancholie. All dies lässt mich wach und lebendig fühlen – ich mag das, auch wenn’s nicht immer angenehm ist.

Tage voller Leben leben kann ganz vieles bedeuten. Für mich zeigt es sich z. B. darin, sich auch im sog. Alltag Zeit für sich und Schönes zu nehmen, für die Freuden des Lebens empfänglich zu sein. Den Tee oder Kaffee zu genießen, zwischendurch Beine und Seele baumeln zu lassen, seine Gedanken ans Meer zu schicken. Es bedeutet, Verbindung zu einem mir nah stehenden Menschen zu suchen – wenn auch „nur“ über ein liebevolle Kurznachricht. Sich auszutauschen, gemeinsam zu lachen. Sich selbst, seine kleinen und großen Erfolge und das Leben zu feiern, immer wieder.

Einen Geburtstag mehrmals mit lieben Menschen zu begießen – auch das sind Freudentage, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Sich morgens – wenn auch nur für zehn Minuten – Zeit für sich zu nehmen, bewusst zu atmen und zu agieren. In neue Rollen und Aufgaben zu schlüpfen – beispielweise beim Holzhacken oder Reiten.

Stunden voller Leben zu gestalten lernte ich auch durch meinen Vater: Was uns mitunter verbindet ist eine kühne Neugier. Wir schauen in fremde Fenster, Löcher und Luken. Dabei male ich mir aus, wie die Menschen dort leben, was sie treiben, was sie treibt. Auf Spaziergängen sammeln wir vieles und zeigen es uns gegenseitig. Diese Gepflogenheit gebe ich nun an unserem Sohn weiter. Ich liebe es, mich zu unbekannten Orten, Szenen und Menschen aufzumachen– zu gucken, zu staunen. Meine Mutter gab uns Kindern eine – wie es meine Schwester nennt – unkonventionelle Herzlichkeit mit auf den Weg. Auch diese macht Tage sehr lebendig: fremde Menschen ansprechen, ihnen Komplimente machen, Fragen stellen, spontan sein.

Tage voller Leben leben heißt vor allem auch, mich zu fragen, wann, wo oder bei wem mein Herz aufgeht und ich mich wohl, weit und frei fühle. Es bedeutet, dass ich mich frage, was ich wirklich will, welche Werte ich lebe, wie ich schöpferisch tätig werden möchte, wer oder was mir wichtig ist, welchen Fußabdruck ich hinterlassen will.

Ich möchte so wenig wie möglich aufschieben, Momente mit meinen Eltern und anderen Herzensmenschen bewusst genießen, auch in dem Wissen, dass nichts selbstverständlich und von Ewigkeit ist. Ich will mich bewegen, auch indem ich mich traue Fehler zu machen, mehr und mehr sichtbar zu werden.

Der Vollständigkeit halber möchte ich einräumen, dass sich auch meine Tage selbstverständlich nicht immer voller Leben anfühlen: Manchmal fühle ich mich innerlich nervös und überfordert, dumpf und gelangweilt oder schlicht nicht zu Hause bei mir. Auch das ist Leben.

In dem Roman „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann spricht die 82-jährige Esther in der Verabschiedungsszene zu Stella, der weiblichen Hauptperson, die Worte: „Zögern Sie nie! Das ganze Leben ist ein Abgrund, und je weniger Sie sich fürchten, je länger Sie hineinschauen, desto mehr haben Sie davon.“ (in: Aller Liebe Anfang, Judith Hermann, 2014, S. 200).

Mit diesen denkwürdigen Worten schließe ich und wünsche allen alles Liebe durch die Zeiten!

Entdecke(l)n

Mach mal Pause

Als ich im Februar dieses Jahres durch Hannovers Eilenriede fuhr, amüsierte mich ein Freudscher  Versprecher, den ich laut denkend aussprach: „Ich habe Lust, noch viel mehr zu entdeckeln.“ Gemeint habe ich: zu entdecken. Mir gefiel spontan das Wort entdeckeln – assoziierte ich damit „etwas freilegen, öffnen“. Entdeckeln als Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen, als Chance innerlich zu wachsen. Zu Hause entdeckte ich, dass es ein Entdeckeln tatsächlich gibt: In der Imkersprache ist damit das Entfernen der Wachsdeckel von den Honigwaben gemeint.

Zurück zu meinen Assoziationen: In der Praxis kann es heißen, mich mutig in Situationen zu begeben, in denen ich Dinge üben kann, die mir im Alltag, in meinen Beziehungen oder in meinem Berufsleben Schwierigkeiten bereiten. Was mich angeht zum Beispiel das Aussprechen unbequemer Wahrheiten – unbequem für mich, den anderen oder beide. Oder auch das „Mich-mal-nicht-in Bescheidenheit-Üben“, wenn es darum geht, bei meiner Arbeit als Musiktherapeutin etwas einzufordern, beispielweise die Neubeschaffung von Instrumenten.

Für sehr sicherheitsbetonte, übervorsichtige oder auch zum Perfektionismus neigende Menschen kann ein Entdeckeln darin bestehen, einfach mal „Fünfe gerade sein zu lassen“, an irgendeiner Stelle weniger zu geben oder zu tun, öfter zu delegieren. Es kann auch schlicht bedeuten, „seinen Geist zu lockern“, um mit Veit Lindau zu sprechen: neue Wörter zu erfinden, einen neuen, für mich ungewöhnlichen Gedanken zu denken, zu einem Buch zu greifen, das sonst nicht in meinen Händen landet oder mich mit einem Menschen außerhalb meines Dunstkreises zu unterhalten.

Mehr von seinem Potential zu entdecke(l)n und zu entwickeln kann heißen, unterschiedliche, auch scheinbar gegensätzlich (Schatten-)Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und zu integrieren, indem ich beispielweise mit angstbesetzten Situationen experimentiere. Hierbei kann ruhig auch klein angefangen werden: So kann ich mich wiederholt in Situationen begeben, in denen ich bereits gute, mich voranbringende Erfahrungen mit dem „Mich-nicht-meiner-gewohnten-Muster-Bedienen“ gemacht habe. Kommen wir den uns zugrundeliegenden, mitunter auch einschränkenden Denkmustern auf die Spur, so können wir mit Hilfe von achtsamer Beobachtung alternative, lebensdienlichere Denk- und Handlungsweisen finden, die mehr Flexibilität und innere Freiheit nach sich ziehen.

Bei mir selbst fällt mir auf, dass ich oft sehr gefällig bin und es mich noch sehr verunsichert, wenn jemand mich oder mein Verhalten offenbar ablehnt. Als Beispiel eine banale Alltagssituation: Ich fühle mich gleich unwohl und „unpassend“, wenn die Dame an der Käsetheke das Gesicht verzieht, nur weil mir das von ihr angebotene Stück Allgäuer Kümmelkäse zu groß ist und ich lediglich 100-150g wünsche. Mittlerweile spüre ich oft eine freudige Erregung, wenn ich gegenüber der Dame an der Käsetheke oder wem auch immer unbequem bin.

Nehmen wir eine offene Haltung von Neugier, Freude an der Erfahrung und Vertrauen ein, so können wir mehr von uns und unserem Potential leben, ja, mehr entdecke(l)n. Vielleicht werde ich in diesem Leben ja nochmal Hobbyimkerin;-). Oder Querulantin:-). Dann lieber ersteres.

Ich stecke gerade mitten in dem neuen Buch von Veit Lindau: „Werde verrückt. Wie du bekommst, was du wirklich-wirklich willst.“ Kann ich wärmstens ans Herz legen, auch wenn das Buch an der einen oder anderen Stelle unverdaulich ist und vieles auf den Kopf stellt.

Es bleibt spannend.

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