Die Eigenschaft Eigensinn hatte in der Vergangenheit vielerorts kein gutes Image, und auch heute noch attestiert man eigensinnigen Menschen nicht selten einen unbeugsamen Willen oder gar Rücksichtslosigkeit und Egoismus.

Aus meiner Sicht ist Eigensinn eine Tugend, die unser Leben bereichert, uns stärker und freier macht. In meinem Vater fand ich ein gutes Vorbild für Eigensinn. Heute stelle ich immer wieder fest, wie ähnlich ich ihm in vielen Hinsichten bin, oft erst auf den zweiten Blick: Stur und hartnäckig, von einer Sache überzeugt, gelingt es mir oft, mich trotz Gegenwind in einer Sache durchzusetzen, beispielweise mit einer innovativen Idee innerhalb meiner Familie. Meinen Vater zeichnete eine “gelassene Unabhängigkeit” aus, ein Widersprechen, wenn etwas für ihn keinen Sinn machte. Er hatte keine Angst, Konfrontation und Spannungen auszuhalten. Letzteres fällt mir meist noch schwer: An den Ecken – so meine Annahme – können andere sich stoßen und verletzen, was Schmerzen zur Folge hat. Doch wer seine Ecken versteckt kann sich nicht voll zeigen und sich somit auch nicht ganz (im anderen) erkennen.

Im Grunde würde ich alle Familienmitglieder meiner Herkunftsfamilie als eigensinnig bezeichnen. Unsere Mutter transportierte gleichzeitig den Erziehungs-Anspruch eines möglichst “Lieb-Seins”: Einerseits sollten wir selbstbewusst sein, andererseits auch bescheiden, uns zurückhaltend. Das biss sich aus meinem Erleben oft, was dazu führte, dass ich häufig unsicher war: Darf ich mich jetzt so zeigen? Darf ich auffallen, mich auffallend verhalten? Bin ich auch ok, wenn ich mich den Wünschen meiner Mutter widersetze?

Unser Sohn ist für mich ein Lehrmeister in Sachen Eigensinn: Er macht nicht den Eindruck, als interessiere es ihn groß, was andere über ihn denken. Auf seine Art ist er schlicht autonom. Das imponiert mir, gleichzeitig macht mich sein permanentes Widersetzen – stets Opposition-Sein – schier wahnsinnig.

Eigensinn zu leben bedeutet, sich für seine Rechte und Interessen einzusetzen, ohne dabei die Rechte und Gefühle anderer zu verletzen. Entscheidend ist, dass sowohl die eigenen Rechte, Wünsche, Bedürfnisse als auch jene anderer berücksichtigt werden. Es hat also nichts damit zu tun, egoistisch im Sinne von ellenbogen-ausfahrend, auf Kosten anderer, andere herabsetzend zu agieren.

Meine Schwester ist mir hier ein gutes Vorbild: Sie ist – ich glaube ich darf das sagen – sehr eigensinnig, gleichzeitig irre herzlich, tolerant und freilassend, was die Eigenarten anderer angeht. Ich erlebe es so gut wie nie, dass sie tratscht oder sich negativ-herabsetzend über andere äußert.

Eigensinn üben können wir, indem wir – angefangen in kleinen Schritten – in Situationen anders handeln als bisher: auf relativierende Floskeln verzichten, bewusst nein sagen, Einladungen oder Forderungen ablehnen, ohne sich zu entschuldigen oder Gründe anzugeben. Sich auch mal unbeliebt zu machen, ein Nein zu wagen ist auch eine Investition in unsere Weiterentwicklung und unsere Gesundheit: Neue Erlebnisse und Herausforderungen führen zu neuen Erfahrungen, sprich zu neuen Verhaltensmustern insbesondere auch in zukünftigen, schwierigen Situationen.

Fazit dieses Plädoyers für Eigensinn: Dieser macht hier und da durchaus Sinn. Welche Erfahrungen habt Ihr mit Eigensinn, was macht Eigensinn für Euch aus?