seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Loslassen

Alles zu seiner Zeit

Oft will ich vieles sofort. Oder Bestimmtes genau jetzt. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Dinge Zeit brauchen, Antworten dann kommen, wenn sie dran sind. Wie häufig tendieren wird dazu, unser Leben fest im Griff haben zu wollen, Dinge beeinflussen und kontrollieren zu wollen!

Das Verrückte ist: Je häufiger ich einen Gang herunter schalte und es mir tatsächlich gelingt, etwas laufen und einfach sein zu lassen, nicht verändern zu wollen, umso eher und schneller kommt die Veränderung auch. Umgekehrt gilt: Je stärker ich die Zügel anziehe, je mehr ich mich krampfhaft, von außen motiviert anstrenge und in einen oft schon übereifrigen Aktionismus verfalle, umso verspannter und blockierter werde ich auch: Die gewünschte Veränderung lässt dann auf sich warten. Wenn ich feststecke in einer Gedankenschleife oder einer sich im Kreis drehenden Handlung gehe ich nun immer häufiger vor die Tür und vertrete mir die Beine im benachbarten Stadtwald. Ich kenne fast nichts – außer manchmal einfach nur dazusitzen – was mich wieder mehr zu mir selbst bringt, den Fokus vom Außen auf das Innen lenkt.

Das Zauberwort heißt Geduld. Oder ein schlichtes: Alles kommt zu seiner Zeit. Alles braucht seine Zeit. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich alles haben können, doch ich glaube, wir können vieles haben – nur nicht sofort, sondern dann wenn die Zeit und wir dafür reif sind. Je mehr ich so denke, umso stärker kann ich mich in mich hinein entspannen, umso tiefer kann ich ausatmen und somit loslassen.

Im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter kommen nun zahlreiche Aufgaben und Fragen auf meine Geschwister und mich zu. Zu allem Überfluss mussten wir kürzlich einen Wasserschaden im Elternhaus beheben und uns darin üben, die Dinge Schritt für Schritt anzugehen, uns da durch zu ackern und zu atmen. Viele Fragen sind offen, momentan wissen wir nicht, was konkret mit dem Haus geschieht, doch auch hier heißt es: Geduld. Es wird sich finden, und es wird sich fügen.

Manchmal brauchen auch unsere Träume Zeit. Nicht jeder alte Traum erweist sich in der Gegenwart als noch aktuell, gleichzeitig erfüllt sich ein großer Wunsch oft schneller als wir ahnen. Oder aber es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich ein Wunschtraum erfüllt. „In Sachen Schreiben“ hat sich für mich ein großer Traum verwirklicht bzw. wird sich voraussichtlich Ende des Jahres erfüllen – dazu mehr, wenn es soweit ist.

Zu unterscheiden, wann es Zeit ist loszulassen und wann es angezeigt ist dranzubleiben, ist oft alles andere als leicht. Von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, stammt der Ausspruch „Keep up and you’ll be kept!“, „Halte durch und du wirst gehalten!“, welcher mir schon in vielen Lebenssituationen geholfen hat, nicht nur in meiner Yogapraxis. Es gibt Dinge, z. B. eine 90-tägige Yoga-Kriya, zu denen verpflichte ich mich freiwillig, da ich davon überzeugt bin, dass sie mir zuträglich sind, auch wenn ich zwischendurch aufgeben möchte. Anderes wiederum, oft Dinge von denen wir meinen, sie machen zu müssen, kann ich fallen lassen, wenn sie mich hindern, meine eigene Spur aufzunehmen und zu verfolgen. Für dieses Unterscheiden sensibilisiert zu werden kann ich meiner Erfahrung nach üben. Oft schickt uns das Leben Zeichen, die wir nicht sogleich deuten wollen oder können. Es erfordert auch Mut, diese Zeichen nicht als Humbug abzutun, sondern wach und fein hinzuschauen und zu –spüren:

Was ist es, das sich zeigen will? Was konkret will mir das Leben gerade sagen? Wann darf ich geduldiger sein?

Genießt den Juli.

 

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Vom Lassen (oder: Verbunden mit der Seele)

Zur Ruhe kommen

In mir hängt seit langem schon eine Frage: „Warum lassen wir das Leben nicht ein Stück weit unser Leben gestalten?“ Das Leben mein Leben gestalten lassen, überhaupt das Lassen – eine schwere Nummer. Nicht(s) machen, tun, lenken. Den anderen lassen, wie er ist, jemanden oder etwas ziehen lassen, gehen lassen, Dinge auslassen.
Während und nach meinem Frauen Yoga Camp im Oktober 2015 spürte ich eine Veränderung in mir, einen Zustand, der diesem Lassen sehr nahe kam. Ich fühlte mich ruhig, verbunden und auf eine angenehme Art fremd. Da war etwas in mir, das war schön und traurig, eine Wehmut, eine Sehnsucht, etwas das unbekannt war und doch wieder nicht. Sich dort hineinfallen zu lassen war weniger unangenehm, als ich dachte. Mit Leid(en) hatte es nichts zu tun, eher mit süßem Schmerz, der nun endlich willkommen geheißen wurde. Ankommen. Bei und in mir. Einfach sein.

Ich umarmte und liebte in jenen Momenten das Leben besonders intensiv und konnte auch das Dunkle „mitnehmen“, akzeptieren. Es schien, als waren alle Qualitäten gleichzeitig da – mitunter Angst, Hoffnung, Freude, ja, auch eine Freude, die die Freudlosigkeit umarmt. Ich fühlte mich „auf“, im Gegensatz zu geschlossen, verschlossen. Als dürfe alles rein und raus, ohne unterwegs zerdacht und bewertet zu werden. Es wurde sehr still in mir. Gedanken und Glaubenssätze fielen von mir und machten mich ganz weit.
Meiner Erfahrung nach klopfen diesen Zustände nur sehr selten an. Es sind Momente, in denen wir in Kontakt mit unserer Seele kommen – so meine „Übersetzung“, meine Interpretation. Für vieles gibt es kaum Worte, das geht mir oft so: Eindrücke beim Musikhören, beim Meerspaziergang, im Anschluss an eine Meditation. Dies sind auch sehr intuitive Momente – Minuten, in denen ich eine starke Intuition, ein großes Vertrauen, fast eine innere Weisheit, wahrnehme.

Für kurze Momente schweigt es in mir, und ich weiß plötzlich sehr genau, was wesentlich und was unwesentlich ist. Es ist meines Erachtens möglich, diese Räume der Stille, des Lassens, auch im Alltag zu integrieren. Dafür braucht es meine Bereitschaft, alles sein zu lassen, einfach nur da zu sitzen, zu liegen oder in die Natur zu gehen. Auf dem Yoga Camp bekam ich den Rat, zu spüren, was die Erfahrungen, die Zeit dort mit mir machen, weniger: zu überlegen, warum dies oder jenes nun so ist und nicht anders.

Wir kennen es vermutlich alle: Wenn wir zu viel über etwas nachdenken, wird es meistens nur verwirrender, nicht klarer. Das Geheimnis liegt meines Erachtens darin, sich häufiger zu beobachten, sich selbst auf die Schliche zu kommen, anstelle über etwas zu häufig und in der immer gleichen Weise zu grübeln. Selbstverständlich hat „geist-dehnendes“, konstruktives Nachdenken und Reflektieren, für das ich mich bewusst entscheide, absolut seinen Platz. Ich spreche von den immer wiederkehrenden Gedankenschleifen und -schlaufen, die uns oft so gar nichts bringen, uns nicht zu uns bringen.
Zu Beginn erwähnte ich das „jemanden oder etwas ziehen, gehen lassen“. Manchmal trennen sich auch gemeinsam gegangene Wege, wenn sich Menschen und Umstände ändern, wenn wir uns für sehr unterschiedliche Lebenswege entscheiden, das Alte nicht mehr trägt und die Art der Beziehung sich nicht mehr gut anfühlt. Dies muss nicht bedeuten, dass ich den anderen nicht mehr mag. Es ist der Lauf der Dinge, so meine Erfahrung.

Meinen Vater gehen zu lassen fiel und fällt mir schwer. Wie wird das bei meiner Mutter sein? Was mir bleibt und für mich Sinn macht: nutzen, wertschätzen, genießen, was wir JETZT haben. Gemeinsam lachen, erzählen, uns öffnen, Dinge an- & aussprechen, die noch gesagt werden wollen. Dies ist mein Weg, jeder wird seinen ganz eigenen Umgang in und mit diesem Prozess finden dürfen.
Ich wünsche uns allen viele weite, wache Momente des (Los-) Lassens!

 

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén