seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: lauschen

Das Leben trägt

winterwaldDie folgenden Zeilen fallen mir schwer, gehen mir nicht wie so oft leicht von der Hand. Ganz einfach, da mir Worte fehlen und ich gleichzeitig etwas beschreiben und teilen möchte, das mir so wichtig ist: Im Grunde eine Art Lebensmotto, ein mir innewohnendes “In-der-Welt-Sein”:

Ich fühle mich vom Leben getragen. Nicht immer, doch zunehmend erlebe ich: Es kann noch so unangenehm zugehen, noch so schmerzhaft sein – das Leben trägt mich. Je länger ich lebe, je tiefer ich mir begegne, umso deutlicher spüre ich dieses Getragen-Werden.
Es heißt selbstverständlich nicht, dass mir das Leben nur das schenkt, was ich möchte. Und es heißt auch nicht, dass ich nicht oft auch tierisch großen Schiss habe, mich ins Ungewisse zu stürzen. Für mich heißt es, dass ich auch im Moment des Fallens, am Tiefpunkt einer Krise, im größten Schmerz spüre, dass es so sein darf, dass es Sinn macht, auch wenn dieser sich oft nicht sofort erschließt. Dass es zum Mutig-Losgehen der Angst bedarf, dass ich gerade in den Momenten, in denen ich keine Ahnung habe, was folgt, ja, getragen werde. Ich lerne: Ich kann mich dem Leben hingeben, seiner Weisheit vertrauen. Karoline Herfurth sagte einmal in einem Interview, das Leben sei oft klüger als man selbst.
Viele kleine oder große Sprünge ins Ungewisse lehren mich die Erfahrung des Getragen-Werdens. Ich lerne auch: Ich muss gar nicht alles hier und heute und sofort wissen. Gerade in diesem Nicht-Wissen, in dieser Leere, werden neue Erkenntnisse und Impulse geboren. Ich mache immer öfter die Erfahrung: Ich weiß alles was jetzt gerade wirklich wichtig für mich ist! Scheinbar paradox, und doch wieder gar nicht.
Kierkegaards Satz

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts

hat sich für mich schon viele Male als wahr erwiesen. Oft reicht es mir einfach zu wissen: “Du musst es zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen – es wird der Moment kommen, in dem du das Vergangene einordnen kannst.”
In meinem vor einiger Zeit besuchten “Liebe statt Angst”-Yogaworkshop machte eine Teilnehmerin eine für sie prägende Erfahrung:

Während einer 11-minütigen Meditation, in der es darum geht, sich selbst zu segnen, indem eine Hand auf das Herzzentrum gelegt wird und die andere den höchsten Punkt am Kopf, den Scheitelpunkt, berührt, hatte sie das Gefühl, dass nicht sie ihren Arm und ihre Hand hochhält, sondern dass diese getragen werden.
Die Frage “Was will das Leben von mir ?” breitet sich mehr und mehr in mir aus, weniger: “Was will ich vom Leben?” Mich zieht es immer mehr dahin, mich hinzugeben, zu empfangen – nicht permanent etwas zu wollen und wieder zu wollen, sondern auch mal abzuwarten, still zu werden, zu lauschen, was sich da leise – in mir, um mich – offenbaren möchte. In dieser Haltung beschenkt mich das Leben meist in besonders wertvoller Weise. Danke Leben!

Kennt Ihr diese Momente des Getragen-Werdens?

Vertrauensvorschuss – “Leap of faith”

Vertrauen lernenBei den unterschiedlichsten Gegebenheiten fallen mir drei Worte ein: “Leap of faith”. Ich stolperte über diesen Ausdruck in einem Buch einer großen, ich würde sagen weisen Kundalini-Yogalehrerin, Gurmukh (Gurmukh: Die 8 Gaben des Menschen, 2015). Gurmukh beschreibt “Leap of faith” als einen Vertrauensvorschuss, einen Sprung ins Ungewisse, im Vertrauen darauf, dass alles gut endet. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass dieses “Leap of faith” eine große Bedeutung für mich hat, dass mir Situationen etwas sagen wollen, in denen es in mir denkt: Vertraue(n)!

Häufig betrifft es kleine Alltagsmomente: Ist das jetzt richtig? Ob ich das wohl schaffe? Wird das heute noch was? Oder größere Fragen: Wird das überhaupt was? Wie gestaltet sich die Situation “Y. & Schule”? Kommt mein Vater wieder in seine Kraft? Wo soll’s für mich und uns mal hingehen (gerne wortwörtlich oder im übertragenen Sinne)? Immer wieder fordert uns das Leben auf, uns hinzugeben, manchmal auch einfach nur abzuwarten. Dann wieder: den nächsten, naheliegenden Schritt zu tun – oft im Unwissen, wie der darauffolgende Schritt aussehen wird.

Wie gerne haben wir alles im Griff! Wie vermeintlich sicher fühlen wir uns, wenn Kontrolle die unsere ist! Spannend jedoch wird es an den Brüchen, den Schnittstellen zwischen “Alles ist fein gerade und soll bitte so bleiben” und “Oh nein, bloß das nicht!” Manchmal hilft es schon, Angst und andere unangenehme Empfindungen einfach kommen und wieder ziehen zu lassen, sie nicht “wegzudrücken”, sondern als selbstverständliche, uns prägende und uns etwas mitteilen wollende Erscheinungen zu begreifen.

Sich überhaupt darüber bewusst zu werden, dass da Stimmen in uns sind, die uns sagen wollen: Irgendetwas ist gerade absolut nicht in Ordnung. Den Widerstand gegen das was ist zu spüren und anzuerkennen. Die “Vogelperspektive” einzunehmen und den unterschiedlichen Stimmen in uns zu lauschen.

Wenn es uns gelingt, innezuhalten und still zu werden, spricht’s leise aus uns heraus: Eine Stimme meldet sich, die uns Mut zuflüstert und ermuntert, vielleicht doch diesen neuen gewagten Schritt zu gehen – oder ihn gerade nicht zu gehen, auch wenn das Umfeld ihn möglicherweise erwartet. Entscheidungen zu treffen, bevor das Leben für uns entscheidet. (Auch letzteres stellt sich oft als stimmig heraus).

Mehr und mehr lerne ich – Yoga und Meditation in welcher Form auch immer sind hierbei wunderbare Werkzeuge – meiner (Herzens-) Stimme zu vertrauen, ihr zunehmend Gehör zu schenken, intuitiver zu werden. Dankend zu beobachten, dass diese Stimme lauter wird, je mehr und öfter ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke.

Unabhängig davon wie unerträglich die äußeren Umstände manchmal auch sein mögen: Da war und ist stets etwas in mir, das unantastbar ist, das immer da ist. Ich nenne es “meinen Kern” und trage hierfür das Bild einer goldenen Kugel in mir, ungefähr auf Höhe des Zwerchfells. Dieses Bild nutze ich, um mich wieder aufzurichten und neu auszurichten, wenn ich einsacke oder mich zerstreue. Dort “reinzuatmen” hilft mir, überhaupt: bewusst zu atmen. Ich bin mir sicher: Wir alle haben einen unantastbaren Kern in uns, eine Kraft, die wir wahrnehmen, indem wir vertrauen und uns sagen: Es wird sich finden.

Gurmukh beschreibt in diesem Zusammenhang die Vorstellung von “tröstenden Arme(n) eines liebendes Gottes”, der sie auffängt und tröstet. Wie oder an was auch immer wir glauben: Wir alle können lernen, uns und dem was da kommen mag zu vertrauen.

In Sachen “Y. & Schule” tun sich im Übrigen zurzeit viele Perspektiven auf, auch konkretere Chancen und Alternativen zur jetzigen Situation zeigen sich. Und was meinen geliebten nicht mehr taufrischen Vater angeht: Hier schätze und genieße ich einfach das was wir jetzt haben und teilen. Darauf kommt es an.

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