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Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: experimentieren

Geschichten über mich und andere

Ich beschäftige mich dieser Tage intensiver mit dem Possibility Management. Dieser Ansatz kann dir dabei helfen, ungewohnt neuartig zu denken und Veränderungen zu initiieren. Es gibt die Möglichkeit, für sich selbst die sog. SPARKs – Übungen bzw. Experimente – zu machen, oder an mehrtägigen, transformatorischen Trainings teilzunehmen. Heute möchte ich zwei SPARKs vorstellen, die sich der Thematik Beziehung und Entwicklung in Beziehungen widmen.

Los geht’s:

“Du kannst verändern, wer du bist, indem du die Geschichten anderer Menschen über dich veränderst.”

Das fand ich spannend und fragte mich: Wie geht das? Eine Überlegung vorweg, vielleicht kennt Ihr das auch: Ihr seid der Meinung, ihr hättet eine bestimmte Entwicklung vollzogen, ein spezielles immer wieder kehrendes Thema nun endlich durchgekaut und verdaut, und dennoch begegnet Euch im Außen immer noch derselbe Käse – in Form von den gleichen unerwünschten Situationen und Reaktionen Eurer Mitmenschen. Der Beweis, dass du dich tatsächlich geändert hast, wird sich darin zeigen, dass andere Menschen auch anders auf dich reagieren. So liegt es an dir selbst, zu ändern, auf welche Weise dich deine Mitmenschen wahrnehmen, indem du die Geschichten veränderst, die sie über dich erzeugen. Um die Geschichten über dich zu verändern, musst du deinen Mitmenschen nun also neue Beweise liefern, und hierfür ist es erforderlich, dass du einige Eigenschaften deines Wesens wirklich änderst.

Ich erinnere mich an ein gemeinsames Essen mit meiner Herkunftsfamilie im Sommer 2016, als ich auf meinen Erfolg – es erschien gerade mein erster Artikel im Online-Magazin compassioner – anstoßen wollte. Allein das Wort “Erfolg” hat die eine oder andere Irritation hervorgerufen. Erfolg ist kein Begriff, der in meiner Familie oft benutzt wurde, oder anders: Auf Erfolg im engeren Sinn – Karriere, materieller Natur – wurde nie sonderlich großen Wert gelegt. Auch wenn ich mich noch etwas ungelenk fühlte beim Heben meines Glases, so war es doch ein schöner, spielerischer Moment, der seine Wirkung zeigte. A propos spielerisch: Du denkst vielleicht, hm, Wesenseigenschaften ändern, gar nicht so leicht, bin ich denn dann noch authentisch? Sieh das Ganze doch als bewusstes Theater, sprich zeig dein neues Verhalten als Theater – zum Zweck deiner eigenen Entwicklung. Das denke ich immer mehr: Warum oft so bierernst und immer gleich? Mir macht es Spaß, mit Rollen und Erwartungen zu spielen und nicht immer dasselbe Verhalten an den Tag zu legen. Im Possibility Management heißt es, du musst dich dazu verpflichten, eine Wesenseigenschaft zu verändern.

Mittlerweile reagiert mein Umfeld ganz eindeutig anders auf mich als noch vor 2,3 Jahren: Bestimmte Kontakte schlafen, andere sind von meinem Radar verschwunden, neue Menschen sind hinzugekommen, einige Verbindungen zu schon lange bestehenden, liebgewonnenen Menschen sind deutlich tiefer und intensiver geworden. Auch werden andere Themen und Fragen an mich herangetragen, ich werde viel öfter zu mir wirklich am Herzen liegenden Themen befragt, so z. B. zum Kundalini-Yoga und zu meinen ätherischen Ölen.

Hier ein Vorschlag, ein Experiment zu wagen: Du kannst bei einem Verhalten, das du ablegen möchtest, genau das gegenteilige Verhalten an den Tag legen und im Alltag mit Situationen spielen. Natürlich bedeutet das anfangs Herzklopfen und gefühlt eine große Risikobereitschaft, doch es beinhaltet starkes Transformationspotenzial. Laut sein wo du sonst leise bist. Sprechen wenn du normalerweise in der Zuhörerrolle bist. Bewusst nicht lächeln, wenn dir nicht danach ist und du es für gewöhnlich tust.

Der andere SPARK, der mich umtrieben hat die vergangenen Tage, lautet:

“Du kannst Menschen verändern, indem du deine Geschichten über sie veränderst.”

Mindestens genauso interessant. Auch das kennen wir sicherlich alle: Wir erzählen uns – in Form eines inneren Monologes oder auch im Austausch – stets dieselben Geschichten über Menschen, die wir gut zu kennen glauben. Wir stecken Menschen mit Vorliebe in Schubladen und sind oft viel zu bequem, um sie dort wieder herauszuholen – selbst wenn es noch so offensichtlich ist, dass es hier Neues zu entdecken gibt. Wir halten diese immergleichen Geschichten, die wir über andere erzählen, für wahr. Sprich die Art, wie ich eine andere Person erlebe, wird zwangsweise über meine Geschichten über diese Person beschränkt. Wenn wir davon ausgehen, dass JEDE Geschichte, die ich erfinde, auch als “wahr” bewiesen werden kann, so kann ich auch neu erfinden, wie Menschen sind, indem ich Geschichten neu erfinde, die ich über sie erzeuge. Klingt erstmal schräg und wirft Fragen auf. Doch auch mit diesem Ansatz lässt sich kreativ und spielerisch experimentieren, ohne dass ich mir untreu werden muss. Indem ich Beweise finde, mit denen ich eine neue Geschichte über jemanden stütze, ist diese Person verändert!

Gerade über Menschen, über die ich Geschichten erfunden habe, die tendenziell negativ besetzt sind, kann ich nun beginnen, Neues zu erzählen. Ich kann neue Aspekte am anderen beobachten und bemerken und wiederholt diese neuen Geschichten – auch Dritten gegenüber – erzählen. In diesem Prozess verändert sich auch meine innere Wahrnehmung. Ich habe mir vorgenommen, Menschen immer wieder neu zu sehen – ich glaube, das wird meinem Gegenüber zum einen gerechter, wenn wir bedenken, dass Menschen komplexe und auch widersprüchliche Wesen sind; zum anderen erhebe und ermächtige ich uns beide, wenn ich den anderen in seiner Größe und Vielfalt betrachte.

Wer Lust hat, mehr zu experimentieren, den möchte ich herzlich dazu einladen – ich mache mit und freue mich über Austausch!

Fühlen ist okay

Hallelujah. Ein transformierendes, konkurrenzloses und einfach wunderbares Seminar liegt hinter mir: “Alte Wunden heilen lassen, auf dem Weg durch die Schatten” beim Schamanen Harry Hömpler. “Niemand kann dir Frieden geben, außer du dir selbst.” So lauteten die Eingangsworte der Seminarbeschreibung.

Ich spürte neben Freude auch Schiss im Vorfeld: Was wird da kommen und aus mir heraus strömen? Was ich wusste: Ich wollte vor allem mit meiner Wut in Kontakt kommen. Dass da viel Wut in mir ist – ob der Überforderung und der gefühlt zahlreichen Grenzüberschreitungen bereits in sehr frühen Jahren – spürte ich deutlich. Insbesondere in den vergangenen Wochen, in denen durch die Dynamik in der Herkunftsfamilie alte Emotionen getriggert wurden, wurde mir dies bewusst. Aus meinem Erleben stand ich anderen sehr oft zur Verfügung: In meiner Familie war ich das Nesthäckchen, die Unkomplizierte, der Sonnenschein – und auch die Kraft-Schenkende, Zuhörende, Helfende. Hier stecken auch viele meiner Kompetenzen: im Zuhören, im Da-Sein und Raum-Schaffen, wertschätzend und ermutigend. Doch was mir auch immer bewusster wurde und wird: Ich möchte all dies auch einfach nicht sein (müssen).

Ich möchte frei sein, mich glücklich fühlen, auch dann, wenn eine mir nahstehende Person gerade schwierige Zeiten durchmacht. Ich möchte klar für mich, meine Bedürfnisse und Werte einstehen. Die Verantwortung für meine – oft lange durchdachten und durchfühlten – Entscheidungen tragen, zu diesen stehen, und gleichzeitig Dinge, die nicht in meinen Verantwortungsbereich fallen, beim anderen lassen. Wenn es sich richtig anfühlt und sogar notwendig ist, will ich sagen: “Lasst mich in Ruhe”. Mich abgrenzen. Auch mal aus dem Kontakt gehen. Ich will so “Nein” sagen, dass das Nein auch ankommt und keine weitere Fragen oder Diskussionen nach sich zieht. Harrys Ansatz, einen geschützten Raum zu eröffnen – außerhalb aller kulturellen Bezüge, Regeln und Konventionen – diesen zu halten und alles da sein zu lassen, was sich zeigen will, hat mir enorm in meinem Klärungs- und Abgrenzungsprozess geholfen.

Harry bedient sich verschiedenster Technicken und Handwerkszeuge, viele seiner Impulse stammen aus dem sog. Possibility Management. Es ist, als würde Harry dir beim Klettern helfen, dir eine 8-spurige Autobahn an Möglichkeiten – sich (neu) zu entscheiden, zu handeln, zu kreieren – anbieten. Meist haben wir das Gefühl, uns in einer Einbahnstraße zu befinden und sehr eingeschränkt zu sein in unseren Möglichkeiten. Wenn sich eine Szene aus der Vergangenheit, ein “Problem” herauskristallisiert, erhälst du hier die Gelegenheit, ein dominierendes Gefühl wie Wut oder Angst, frei von jeglicher Wertung zu fühlen. Du darfst fühlen! Wie wohltuend. Denn die meisten von uns haben sich in der Regel eine hohe Taubheitsschwelle zugelegt.

Mit Harrys Begleitung kannst du rein gehen in das Gefühl, mit Hilfe von Utensilien z. B. deine Wut herausschreien und -schlagen, auch mit derben Ausdrücken, ganz egal – du kannst das Gefühl größer werden lassen, mit ihm spielen. Plötzlich spürst du auch wie dein Körper, der sehr weise ist, antwortet, wie deine Selbstheilungskräfte zu arbeiten beginnen. Mein Wut-Kloß auf Solarplexushöhe rutschte zunächst auf Herzhöhe, als säße mir jemand auf der Brust. Dann fing es an in mir zu vibrieren, Töne entwichen mir, ein wohltuendes Brummen machte sich breit. Ich spürte ein Kribbeln in Händen und Füßen und schüttelte mich unweigerlich. Da ging was.

Die meisten von uns haben in der Vergangenheit etwas erlebt und gefühlt, das sehr unangenehm oder schier nicht auszuhalten war. Wir haben damals eine Entscheidung getroffen, das Gefühl eingeschlossen, uns gedeckelt. Wenn wir nun – als verantwortungsvolle Erwachsene – erneut in dieses Gefühl gehen, es prozentual größer werden lassen und uns dann neu entscheiden, wie wir uns fortan in bestimmten Lebenssituationen verhalten wollen, kann das ungemein befreiend sein: Emotionen, welche im Gegensatz zu Gefühlen stets darauf hinweisen, dass es etwas zu heilen gibt, können von dannen ziehen. Die zu den Emotionen gehörenden Geschichten, die wir uns oft wiederholt und wiederholt erzählen, dürfen sich auflösen. Das Schöne ist auch: Wir können neue Entscheidungen treffen. Und dies jederzeit. Wir können uns selbst autorisieren, uns erlauben, von nun an völlig anders über eine Situation, einen Charakterzug oder einen Menschen zu denken. Ich bestimme, wie ich fühle. Und: Fühlen ist ok. Wir können etwas für uns deklarieren: “Ich darf glücklich sein, unabhängig von äußeren Umständen.” “Ich bin frei, so ist es.”

Was wir brauchen ist Klarheit. Klarheit zu unterscheiden. Ich erkenne: Es gibt viele Möglichkeiten, ich habe die Freiheit, zu unterscheiden, zu wählen, wie ich mich zu einer Situation, einem mir nah stehenden Menschen ausrichten will. Die meisten von uns laufen mit unzähligen unbestätigten Annahmen herum. Wir glauben, der andere könnte denken, dass wir denken, dass… Klarheit schafft Bewusstheit. Ich kann jederzeit korrigieren. Das Leben als Spielfeld betrachten. Und was ich total spannend finde: Ich kann grundlos handeln, ohne Auslöser von außen. Ich kann die Ursache von der Wirkung entkoppeln, den Auslöser vom Gefühl. Wenn ich will, kann ich mit meinen Möglichkeiten experimentieren und je nach Experimentierfreude und Mut dies meinem Umfeld vorher mitteilen. Wenn der Postbote klingelt, kann ich das Fenster aufmachen und die Musik aufdrehen;-).

Es mag abstrus klingen, doch ich finde, es hat auch was. Unabhängig von Gründen zu entscheiden. Sich zu sagen: Ich habe die Wahl. Genauso wie ich einst beschlossen habe, mir etwas zu verbieten, so kann ich heute entscheiden, es mir zu erlauben. Ich kann sagen: “Ich will das.” Oder: “So bin ich jetzt!” Wenn ich große Ängste ausspreche, so wie hier in der kleinen Seminargruppe – “Ich könnte mal nicht warmherzig und offen, sondern egoistisch, hart, kalt wahrgenommen werden”, und von außen plötzlich kommt “Na und, dann biste das. Und? Ich mag dich auch so” – es ist unglaublich, was dann mit dir geschieht, wie sich etwas in dir öffnet und freilegt. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte.

Gefühls- und Schattenarbeit bewegt auch das jeweilige Umfeld. Daheim liegt gerade eine besondere Stimmung in der Luft. Es kribbelt und brizzelt. Und es ist schön. Natürlich meldet sich die Wut auch immer wieder. Soll sie.

Ich kann nur sagen: Danke, Harry – du bist der Knaller:-)!

Entdecke(l)n

Mach mal Pause

Als ich im Februar dieses Jahres durch Hannovers Eilenriede fuhr, amüsierte mich ein Freudscher  Versprecher, den ich laut denkend aussprach: „Ich habe Lust, noch viel mehr zu entdeckeln.“ Gemeint habe ich: zu entdecken. Mir gefiel spontan das Wort entdeckeln – assoziierte ich damit „etwas freilegen, öffnen“. Entdeckeln als Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen, als Chance innerlich zu wachsen. Zu Hause entdeckte ich, dass es ein Entdeckeln tatsächlich gibt: In der Imkersprache ist damit das Entfernen der Wachsdeckel von den Honigwaben gemeint.

Zurück zu meinen Assoziationen: In der Praxis kann es heißen, mich mutig in Situationen zu begeben, in denen ich Dinge üben kann, die mir im Alltag, in meinen Beziehungen oder in meinem Berufsleben Schwierigkeiten bereiten. Was mich angeht zum Beispiel das Aussprechen unbequemer Wahrheiten – unbequem für mich, den anderen oder beide. Oder auch das „Mich-mal-nicht-in Bescheidenheit-Üben“, wenn es darum geht, bei meiner Arbeit als Musiktherapeutin etwas einzufordern, beispielweise die Neubeschaffung von Instrumenten.

Für sehr sicherheitsbetonte, übervorsichtige oder auch zum Perfektionismus neigende Menschen kann ein Entdeckeln darin bestehen, einfach mal „Fünfe gerade sein zu lassen“, an irgendeiner Stelle weniger zu geben oder zu tun, öfter zu delegieren. Es kann auch schlicht bedeuten, „seinen Geist zu lockern“, um mit Veit Lindau zu sprechen: neue Wörter zu erfinden, einen neuen, für mich ungewöhnlichen Gedanken zu denken, zu einem Buch zu greifen, das sonst nicht in meinen Händen landet oder mich mit einem Menschen außerhalb meines Dunstkreises zu unterhalten.

Mehr von seinem Potential zu entdecke(l)n und zu entwickeln kann heißen, unterschiedliche, auch scheinbar gegensätzlich (Schatten-)Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und zu integrieren, indem ich beispielweise mit angstbesetzten Situationen experimentiere. Hierbei kann ruhig auch klein angefangen werden: So kann ich mich wiederholt in Situationen begeben, in denen ich bereits gute, mich voranbringende Erfahrungen mit dem „Mich-nicht-meiner-gewohnten-Muster-Bedienen“ gemacht habe. Kommen wir den uns zugrundeliegenden, mitunter auch einschränkenden Denkmustern auf die Spur, so können wir mit Hilfe von achtsamer Beobachtung alternative, lebensdienlichere Denk- und Handlungsweisen finden, die mehr Flexibilität und innere Freiheit nach sich ziehen.

Bei mir selbst fällt mir auf, dass ich oft sehr gefällig bin und es mich noch sehr verunsichert, wenn jemand mich oder mein Verhalten offenbar ablehnt. Als Beispiel eine banale Alltagssituation: Ich fühle mich gleich unwohl und „unpassend“, wenn die Dame an der Käsetheke das Gesicht verzieht, nur weil mir das von ihr angebotene Stück Allgäuer Kümmelkäse zu groß ist und ich lediglich 100-150g wünsche. Mittlerweile spüre ich oft eine freudige Erregung, wenn ich gegenüber der Dame an der Käsetheke oder wem auch immer unbequem bin.

Nehmen wir eine offene Haltung von Neugier, Freude an der Erfahrung und Vertrauen ein, so können wir mehr von uns und unserem Potential leben, ja, mehr entdecke(l)n. Vielleicht werde ich in diesem Leben ja nochmal Hobbyimkerin;-). Oder Querulantin:-). Dann lieber ersteres.

Ich stecke gerade mitten in dem neuen Buch von Veit Lindau: „Werde verrückt. Wie du bekommst, was du wirklich-wirklich willst.“ Kann ich wärmstens ans Herz legen, auch wenn das Buch an der einen oder anderen Stelle unverdaulich ist und vieles auf den Kopf stellt.

Es bleibt spannend.

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