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Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Entscheidungen

Mit Haltung leben

Vorweihnachtszeit bedeutet für die meisten von uns in der Regel ein „Zuviel“ an und von: zu viel Stress, zu viele Termine, zu viele Besorgungen, zu viel Hektik, zu viele Reize. Umso wichtiger ist es mir, meinen eigenen inneren Kompass nicht aus dem Blick, aus dem Gefühl zu verlieren. Hierbei hilft mir die das Bild, die Idee von „Haltung einnehmen“. In einem Interview mit Philosophin Rebekka Reinhardt, das ich kürzlich verfolgte, fiel der Satz:

„Philosophisch leben heißt mit Haltung leben, mit einem Ethos leben.“

Ethos begreife ich als innere Stimme, ethisches Bewusstsein, auch Verantwortungsbewusstsein. „Mit Haltung leben“ – das sprang mich sofort an: Ja, das will ich auch! Das macht Sinn, das möchte ich tun – für mich und andere, insbesondere unseren Sohn. Reinhardt ergänzte, es ginge darum, sich in jeder Lebenssituation gleichmäßig zu verhalten. Authentizität nicht im Sinne von „überall alles raushauen“, sondern, so habe ich es begriffen, im Sinne von Integrität – sich seiner Werte und Rollen gegenüber bewusst zu sein und gleichzeitig keine Angst zu haben, sich mutig selbst zu begegnen und Ehrlichkeit zu trainieren.

Mit Haltung leben heißt für mich: Selbstmächtigkeit zu entdecken, Mut zur Wahrheit zu haben, zu meiner Wahrheit – und diese auch nach außen zu bringen. Häufiger mal ein „Nein“ auszusprechen. Mich mehr und mehr zu entkrampfen, neue Räume in mir selbst zu entdecken und auch das Dunkle auszuhalten. Haltung einnehmen kann ganz wörtlich aufgefasst werden: Wir richten uns auf, öffnen den Brustraum, unser Herz, und atmen tief. Ich übe dies immer wieder, insbesondere auch in Situationen, in denen mir andere spiegeln, das ich gestresst bin – in der Schlange an der Kasse, im Auto, in der City. Es ist fast erschreckend, wie viele Menschen eine „Ich-muss-Haltung“ ausstrahlen, aus jeder Pore.

Ich versuche, mich selbst an meine Entscheidung für gehobene Gestimmtheit – eine das Leben bejahende Haltung – zu erinnern und Mitgefühl in mir zu generieren. Was mir auch hilft: Mir zu erlauben, mein Programm herunterzufahren, im Dezember wirklich nur wenige Verabredungen zu machen und mindestens ein Wochenende komplett frei zu halten. Mit Haltung leben bedeutet für mich vor allem: leben anstelle gelebt zu werden. Reinhardt behauptet, wir würden heute wieder in einem Zeitalter des Konformismus leben, sprich Außenlenkung würde das Leben vieler bestimmen („Ich muss…“, „Ich lebe für meinen Verein, meinen Job, System xy“). Das fand ich interessant. Und dachte: Bei allen guten Tendenzen hinzu mehr Selbstliebe, mehr sinnvollem, selbstbestimmten Tun, mehr (Co-) Kreativität werden wahrscheinlich noch viel zu viele Menschen schlicht gelebt, von außen gelenkt, abgeschnitten vom inneren Kompass.

„Ich habe keine Zeit“ heißt doch auch, seien wir mal ehrlich: „Ich lebe nicht“. Reinhardt sagt es sei unsere Aufgabe, Wert zu schaffen, für uns, für die Nachwelt – und dies nicht nur im monetären Sinne. Leben sei eine Übung, ein Experiment, in dem es darum gehe, das Beste aus sich herauszuholen, nicht unter seinem Niveau zu leben. Letzteres hat, so deute ich Reinhardt, nichts mit Selbstoptimierung und einem Höher, Schneller, Weiter zu tun, im Gegenteil: Es geht um einen lebenslangen Prozess des Ehrlich-Werdens, des Entspannens, des Übens und des sich immer wieder Herausforderns. Dies alles ist das Gegenteil einer „Ich-muss-Haltung“.

Eine Haltung einnehmen bedeutet auch, etwas bewusst, nicht halbherzig, sprich mit ganzem Herzen zu tun. Meine Erfahrung ist: Je mehr ich Dinge ganzherzig tue, umso stärker trägt mein Tun und Wirken den Samen des glücklichen Gelingens in sich. Sich Entscheiden ist nicht leicht, gerade in dieser überfluteten Vorweihnachtszeit. Ich hörte mal den Tipp: „Nimm das Erste.“ Sprich das was dir als erstes durch’s System spukt. Mir ist es gar nicht so wichtig, welche konkrete Entscheidung ich treffe, ich lerne: Wenn ich voll hinter einer Entscheidung stehe, wenn die Energie hinter den Handlungen für mich stimmt und ich dem Leben vertraue, dann stimmt das Ganze für mich. Dann lebe ich wirklich mein Leben, und Dinge sind von Wert.

Ich wünsche uns allen einen Dezember in unserem Sinne – eine Zeit, die eher durch Innen- als durch Außenlenkung geprägt ist und in der wir uns und andere wirklich spüren können!

Vertrauensvorschuss – “Leap of faith”

Vertrauen lernenBei den unterschiedlichsten Gegebenheiten fallen mir drei Worte ein: “Leap of faith”. Ich stolperte über diesen Ausdruck in einem Buch einer großen, ich würde sagen weisen Kundalini-Yogalehrerin, Gurmukh (Gurmukh: Die 8 Gaben des Menschen, 2015). Gurmukh beschreibt “Leap of faith” als einen Vertrauensvorschuss, einen Sprung ins Ungewisse, im Vertrauen darauf, dass alles gut endet. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass dieses “Leap of faith” eine große Bedeutung für mich hat, dass mir Situationen etwas sagen wollen, in denen es in mir denkt: Vertraue(n)!

Häufig betrifft es kleine Alltagsmomente: Ist das jetzt richtig? Ob ich das wohl schaffe? Wird das heute noch was? Oder größere Fragen: Wird das überhaupt was? Wie gestaltet sich die Situation “Y. & Schule”? Kommt mein Vater wieder in seine Kraft? Wo soll’s für mich und uns mal hingehen (gerne wortwörtlich oder im übertragenen Sinne)? Immer wieder fordert uns das Leben auf, uns hinzugeben, manchmal auch einfach nur abzuwarten. Dann wieder: den nächsten, naheliegenden Schritt zu tun – oft im Unwissen, wie der darauffolgende Schritt aussehen wird.

Wie gerne haben wir alles im Griff! Wie vermeintlich sicher fühlen wir uns, wenn Kontrolle die unsere ist! Spannend jedoch wird es an den Brüchen, den Schnittstellen zwischen “Alles ist fein gerade und soll bitte so bleiben” und “Oh nein, bloß das nicht!” Manchmal hilft es schon, Angst und andere unangenehme Empfindungen einfach kommen und wieder ziehen zu lassen, sie nicht “wegzudrücken”, sondern als selbstverständliche, uns prägende und uns etwas mitteilen wollende Erscheinungen zu begreifen.

Sich überhaupt darüber bewusst zu werden, dass da Stimmen in uns sind, die uns sagen wollen: Irgendetwas ist gerade absolut nicht in Ordnung. Den Widerstand gegen das was ist zu spüren und anzuerkennen. Die “Vogelperspektive” einzunehmen und den unterschiedlichen Stimmen in uns zu lauschen.

Wenn es uns gelingt, innezuhalten und still zu werden, spricht’s leise aus uns heraus: Eine Stimme meldet sich, die uns Mut zuflüstert und ermuntert, vielleicht doch diesen neuen gewagten Schritt zu gehen – oder ihn gerade nicht zu gehen, auch wenn das Umfeld ihn möglicherweise erwartet. Entscheidungen zu treffen, bevor das Leben für uns entscheidet. (Auch letzteres stellt sich oft als stimmig heraus).

Mehr und mehr lerne ich – Yoga und Meditation in welcher Form auch immer sind hierbei wunderbare Werkzeuge – meiner (Herzens-) Stimme zu vertrauen, ihr zunehmend Gehör zu schenken, intuitiver zu werden. Dankend zu beobachten, dass diese Stimme lauter wird, je mehr und öfter ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke.

Unabhängig davon wie unerträglich die äußeren Umstände manchmal auch sein mögen: Da war und ist stets etwas in mir, das unantastbar ist, das immer da ist. Ich nenne es “meinen Kern” und trage hierfür das Bild einer goldenen Kugel in mir, ungefähr auf Höhe des Zwerchfells. Dieses Bild nutze ich, um mich wieder aufzurichten und neu auszurichten, wenn ich einsacke oder mich zerstreue. Dort “reinzuatmen” hilft mir, überhaupt: bewusst zu atmen. Ich bin mir sicher: Wir alle haben einen unantastbaren Kern in uns, eine Kraft, die wir wahrnehmen, indem wir vertrauen und uns sagen: Es wird sich finden.

Gurmukh beschreibt in diesem Zusammenhang die Vorstellung von “tröstenden Arme(n) eines liebendes Gottes”, der sie auffängt und tröstet. Wie oder an was auch immer wir glauben: Wir alle können lernen, uns und dem was da kommen mag zu vertrauen.

In Sachen “Y. & Schule” tun sich im Übrigen zurzeit viele Perspektiven auf, auch konkretere Chancen und Alternativen zur jetzigen Situation zeigen sich. Und was meinen geliebten nicht mehr taufrischen Vater angeht: Hier schätze und genieße ich einfach das was wir jetzt haben und teilen. Darauf kommt es an.

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