seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Ehrlichkeit

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Kontakt findet an Grenzen statt

bild-kontakt-grenzenEine Heilpraktikerin sagte einmal zu mir: „Kontakt findet an Grenzen statt.“ Über diesen Satz habe ich oft nachgedacht und im Laufe der Zeit zahlreiche Beispiele für das Wahre an dieser Aussage gefunden: Beziehung wird immer dann spannend, wenn wir uns in unserer Tiefe begegnen, wenn wir den anderen an einem Punkt berühren, der ihn oder uns bewegt, der noch nachhallt oder einen von beiden in Aufruhr versetzt. Wenn wir den Mut haben, unsere innere Wahrheit mitzuteilen, unsere Bedürfnisse und Werte auf den Tisch zu legen, auch wenn wir dadurch verletzbarer werden und das Gegenüber gegebenenfalls enttäuscht oder ablehnend reagieren könnte.

Oft haben wir ein bestimmtes Bild von jemandem im Kopf, meinen ihn zu kennen und wollen auch keine große Energie aufwenden, dieses Bild zu ändern oder zu erweitern. Gerade in Momenten, in welchen der andere vielleicht nicht in der gewohnten oder erhofften Manier reagiert, können beide Beziehungspartner wachsen, kann die Beziehung reifen. Natürlich wird dann oft auch am Eigenen – an der bestehenden Lebensmethode, dem eigenen Lebensmodell – gerüttelt; das ganze System, das Feld, in dem sich die Beziehung bewegt, gestaltet sich neu. Diese Momente sind Chancen, auch wenn wir es eventuell nicht gleich wahrhaben wollen. Schaffen wir es, uns immer wieder für neue Erkenntnisse und Begegnungen mit uns nahen Menschen „leer“ zu machen, dem anderen immer wieder mit frischem, offenen Blick zu begegnen, so denken und fühlen wir uns frei, und es eröffnen sich ganz neue Spiel- und Begegnungsräume.

Jemand, der seine eigenen Gefühle gut wahrnehmen kann und auch Unangenehmes nicht unterdrückt, kann sich meines Wissens auch leichter und tiefer in andere Menschen einfühlen, wird empathischer. Nehme ich zu meinem eigenen Herzen mitfühlend immer engeren Kontakt auf, fällt es mir auch leichter, einen anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Lerne ich meine dunklen Seiten, meinen tiefsten Schmerz immer besser kennen, so wächst mein Verständnis für den anderen und seine „Abgründe“. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn wir in Bezug auf den anderen oder unsere Beziehung eine genaue Vorstellung haben, wie dieser bzw. diese aussehen sollte. Die Beziehung hat hier die Chance, in und an solchen „Grenzmomenten“ zu wachsen, tiefer zu werden, oder aber es trennen sich Wege vorrübergehend oder ganz.

Wenn eine deiner Werte mit denen deines Beziehungs-Gegenübers – Partner, Freund, Kollege – in Konflikt gerät, kann dies Stress erzeugen. Wünschenswert wäre es meines Erachtens, wenn beide Parteien akzeptieren könnten, dass jeder das Recht hat, der zu sein, der er ist. (Während ich den letzten Satz schreibe kommt mir der mich seit Tagen enorm bewegende Berlin-Anschlag in den Sinn und ein Teil von mir zweifelt extrem an dieser Aussage).

Wahrhaftige, tiefe Begegnung bedarf meiner Erfahrung nach des Mutes und der Ehrlichkeit: Lege ich meine Wahrheit möglichst offen auf den Tisch und formuliere meine Werte und ihre konkrete Bedeutung so klar wie möglich, können sich Missverständnisse auflösen.

Was ich auch lerne: Antworten finde ich stets in mir. Habe ich beispielweise einen Konflikt mit einem anderen, kann ich mich sehr auf diesen anderen, seine Fehler und Unzulänglichkeiten konzentrieren und mich immer weiter in das Beziehungsdrama einschwingen. Wirklich helfen wird es mir nicht. Ich darf mich stattdessen fragen: Was soll ich hier lernen? Was ist in mir noch nicht bereinigt? Und auch: Was darf ich getrost- und möglichst mitfühlend –  beim anderen lassen, was gehört nicht zu mir?

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Herzlichst, Carolin

 

Ehrlich sich selbst gegenüber – Teil 2

Tränende HerzenLetztes Mal schrieb ich darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, sich einzugestehen, was wirklich gerade Sache ist, wo Veränderungsbedarf besteht. Heute möchte ich das Thema vertiefen, da ich spüre, wie wichtig es mir ist und welche immensen Entwicklungschancen es auch für das Miteinander bereithält.

Unser Umzug in eine neue Wohnung, das Ausmisten und Neustrukturieren bringt dieser Tage auch viele innere Prozesse – Erinnerungen, Wünsche, Abgeschlossenes, Nicht-Erledigtes oder -Erfülltes – nach außen. Ich staune, dass wir viel Freude und Humor an den Tag legen, trotz des Chaos‘ und der Arbeit, die uns umgeben. Wir hatten daheim bemerkenswert viel Spaß in jüngster Zeit. In diesem frischen, wahrhaftigen Austausch insbesondere mit meinem Mann kam auch vieles zur Sprache, das mich tief berührte, das mir auch weh tat, da es mich mit Seiten konfrontierte, die ich an mir nicht mag und auch nicht sehen will: Es sind Züge, die mit Dominanz, Raffinesse, „Dem-anderen-geschickt-etwas-Aufdrücken“ zu tun haben.

Ich war und bin mir bewusst, dass es mir schwer fällt, die eigenen Grenzen zu wahren und dem anderen aufzuzeigen – überhaupt die inneren Grenzen kennen- und respektieren zu lernen. Ich neige immer noch dazu, es anderen recht, bequem und unkompliziert zu machen. Unstimmigkeiten zwischen mir nahestehenden Menschen möchte ich ausgleichen, Harmonie ist mir wichtig. Dies sind Dinge, die ich als Kind gelernt und inhaliert habe. Was ich nun auch immer deutlicher sehe: wann ich selbst dazu in der Lage bin – wenn auch nicht häufig – Grenzen zu überschreiten.

Wir alle sind betriebsblind, gerade dann, wenn es um das Dunkle, die eigenen Schattenseiten geht. Da wo’s anfängt, verdammt weh zu tun, wo sich Widerstand zeigt, wir unserer eigenen Verletzlichkeit begegnen – da wird’s spannend. Und dort birgt sich meiner Erfahrung nach auch viel Potential. Wie heißt es so schön? „Wo Licht, da Schatten.“ Und umgekehrt. Wenn wir mehr und mehr von uns sehen, uns aushalten und uns auch dem anderen immer mehr zeigen und zumuten, kommen wir in unsere wahre Kraft und Größe. Unsere Beziehungen können dann eine Tiefe erlangen, die wir bis dahin nicht kannten.

In diesem Erkenntnisprozess, den ich kürzlich durchlief, begegnete ich unter Tränen einem Schmerz, einer tiefen Traurigkeit. Und während ich das fühlte, wurde mir bewusst, dass hier gerade etwas Entscheidendes und Wegbereitendes für mich geschah:  Etwas ließ mich los, und ich konnte mich dort hineinfallen lassen. Jetzt danke ich dem Leben für diese wunderbare Erfahrung, auch wenn sie nicht angenehm war.

Ich möchte dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und zu -spüren. Wir alle nehmen meines Erachtens wahr, wann wir aus der Spur geworfen werden, wir plötzlich Herzklopfen bekommen, jemand uns „die Knöpfe drückt“, wir weglaufen oder das was da aufkommt einfach wegdrücken wollen. Es ist auch vollkommen in Ordnung, es wegdrücken zu wollen; auch glaube ich, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Doch gleichzeitig erfahre ich auch den Schatz, das Potential, das ein Bewusstwerden, ein „Nach-Hause-Holen“ birgt. Darüber hinaus erspart es mir viele leidvolle Wiederholungen und viel Stress im Außen: Ich muss mich nicht beim anderen, dem Partner beispielweise, abrackern; der andere muss nicht „herhalten“ für all meinen auf ihn projizierten Neid, Egoismus, meine Ängste und Sorgen. Ich bin schlicht ein entspannteres Gegenüber.

Mein tiefer Wunsch ist es, das Leben in seiner vollen Breitseite, in seiner Tiefe zu erfahren. Den Mut zu finden auch mit Angst loszugehen.

Immer wieder.

Ehrlich sich selbst gegenüber

Ehrlich sich selbst gegenüberEhrlichkeit ist ja oft ne schwere Nummer. Über’s Ehrlich-Sein im Miteinander habe ich mich schon häufiger geäußert.

Was meines Erachtens noch viel elementarer ist, ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und diese ist häufig nicht weniger schwer: Sich wirklich einzugestehen, was gerade im Argen liegt, in welchem Lebensbereich sich Baustellen befinden, sich selbst gegenüber zuzugeben, wo genau Veränderungsbedarf liegt – das ist manchmal hart. Doch ich glaube, allein das Sich-Eingestehen ist die halbe Miete und ein guter Boden für Veränderungen, Schritt für Schritt, Baustelle für Baustelle – vorausgesetzt, ich möchte wirklich etwas ändern. Manchmal hilft es auch, sich dazu zu bekennen, dass man an einer Stelle (noch) nicht bereit ist, Veränderungen einzuleiten. Zu erkennen, da ist mein Schiss größer – ich bin (noch) nicht so weit, oder meine Bequemlichkeit hat hier die Oberhand. Auf Ausreden zu verzichten – auch das ist ehrlich.

Mir ist zum Beispiel vor kurzem bewusst geworden, dass ich dieser Tage viel im Internet daddle, für mein Empfinden zu viel. Auch in Zeiten – vor’m Schlafengehen beispielsweise – in denen es mir erfahrungsgemäß nicht gut tut. Allein dieses Eingeständnis mir selbst und kurz darauf einer engen Freundin gegenüber brachte Veränderung ins Haus: Ich bin nun wieder etwas bewusster, habe neue Bücher erstanden – optimal für die Herbstzeit, lege im Vorfeld Zeiten fest, in denen ich mir erlaube, im Netz zu stöbern und mache das Smartphone (ja, manchmal vermisse ich auch mein „Old-school-Handy“) meistens mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen aus.

Mein Mann meinte neulich, ich könnte ja auch mal wieder mehr Klavier spielen. Davon abgesehen, dass mir das gut bekommt und ich in intensiven Übezeiten – beispielsweise vor einem wichtigen Auftritt – insgesamt und vor allem mental fit bin, ist das Musizieren ein schöne Tätigkeit für’s Miteinander: Auch unserem Sohn wird dabei ein sinnvolles, ja kulturelles Schaffen nähergebracht. Oft denke ich: Wenn wir Yossi eine Vielfalt an wertvollen Aktivitäten schmackhaft machen wollen, dann sollten wir nicht nur labern („Der Computer wird in 10 Minuten ausgeschaltet!“), sondern uns auch selbst entsprechend – integer – verhalten.

Was ich auch schwierig finde: nicht „besser“ sein zu wollen, als ich tatsächlich bin. Mich nicht weiter in meiner Entwicklung zu machen, als ich’s bin. Neulich am Frühstückstisch habe ich meinem Mann gegenüber einen Gedanken geäußert, der eine gemeinsame Bekannte in ein weniger schönes Licht rücken ließ. Ich spürte in diesem Moment Lust, laut zu denken, und gleichzeitig Scham, da mich diese Äußerung auch nicht wer weiß wie glanzvoll dastehen ließ. Und dennoch denke ich: Auch das ist Leben, auch das bin ich. In diesem Bewusst-Werden und sich selbst die Erlaubnis Geben, auch „hässliche“ Gedanken zu denken und ggf. zu äußern kann ich mich gleichzeitig darin üben, eine wohlwollende, großherzige Haltung mir und anderen gegenüber zu kultivieren. Und mich daran erinnern: Der andere bin (auch) ich.

Auch ein Sich-kleiner-Machen, zum Beispiel indem ein empfundener Erfolg zurückgehalten wird, in der Befürchtung, der andere könnte einem diesen missgönnen, bringt niemanden weiter. Eigene Probleme und Baustellen anderen gegenüber dramatischer darzustellen, als ich sie selbst empfinde, nur weil es ggf. leichter ist, Leid zu teilen, als hervorzuheben, was gerade besonders glückt, ist auch nicht redlich.

Ehrlich sein bedeutet auch, mir einzugestehen, dass ich gerade an einer Stelle nicht weiter weiß. Das kann auch sehr befreiend sein. Insbesondere an Tagen, die eh schon voller Unannehmlichkeiten sind, hilft ein Anerkennen dessen was ist, ein Erst-mal-so-Lassen, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu kommen.

Mir ist es kein Anliegen, mich ständig zu optimieren – im Sinne von schneller, schlanker, effizienter, leistungsorientierter; ich möchte mich hingegen gerne mehr und mehr selbst erkennen, mich ausprobieren und entfalten und gleichzeitig immer wieder nüchtern betrachten, was in meinem Leben nicht stimmig ist und was ich gerne verändern möchte. Eine gute Richtschnur bieten mir meine Werte, die mir elementar wichtig sind. Es lohnt sich, sich dieser tatsächlich bewusst zu werden, sie aufzuschreiben, in sich zu bewegen und das eigene Leben mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen.

Wie schwer oder leicht fällt es Euch, aufrichtig anzuerkennen, was ist?

 

Wahrhaftigkeit im Miteinander – vom Tabu in die Freiheit

ende-september-2016-2Ich bin voller Freude, erneut für den Compassioner schreiben zu dürfen. Wieder einmal widme ich mich dem Thema wache, bewusste Kommunikation. „Spreche ich gerade meine Wahrheit?“ „Wie begegne ich dem anderen?“ „Höre ich seine Wahrheit?“

Hier geht es zu meinem Artikel „Wahrhaftigkeit im Miteinander – vom Tabu in die Freiheit“…

Meine Werte

Dem eigenen Pfad folgenIn letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Thema Werte. Was sind Werte, welche sind meine Werte, die mir dieser Tage wichtig sind? Wofür möchte ich in der Welt stehen, was konkret macht mein Leben aus?
Werte sind aus meiner Sicht ein Fundament, auf dem ich lebe – eine Art Leitstern in meinem ganz persönlichen In-der-Welt-Sein.

Momentan ist Freiheit ein sehr wichtiger Wert für mich: frei sein von Enge, von selbst auferlegten Zwängen und Erwartungen, zu hohen Ansprüchen, frei sein von einengender Routine, ja, und frei sein für Weite, für ungeahnte Möglichkeiten, Menschen und neue Begegnungen, für Erfahrungen. Mich und andere frei lassen. Wenn ich „Freiheit“ höre oder lese, geht etwas in mir auf und ich werde innerlich ganz weit.
Ehrlichkeit ist mir wichtig: Meine Wahrheit denken und aussprechen dürfen, mir selbst auf die Schliche kommen, aufrichtig mir selbst und anderen gegenüber sein – auch wenn dies oft sehr schwer ist und je nach Kontext fein abgestimmt werden darf. Nicht alles immer sagen müssen, doch das was ich sage, ehrlich meinen.
Freude ist für mich wie ein Motor, eine Kraft, der ich folge: innerlich heiter und bewegt sein, im „Kleinen“ – Reisen, Rituale, Ruhemomente, Sich-was-Gönnen – sowie im „Großen“ – Sinnfragen, Sehnsüchte, Beruf(ung), Pläne, Ziele. Unter Freude fällt für mich auch Leichtigkeit. Dinge mit Kraft und Leichtigkeit anzugehen – was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag – lässt mich „erblühen“.
Herzlichkeit ist mir wichtig: auf Herz- & Augenhöhe kommunizieren, mir und anderen Komplimente machen, freundlich und mitfühlend sein, Dinge mit und von Herzen tun.
Ein weiterer elementarer Wert für mich ist Dankbarkeit. Während Freude einem Motor gleicht, ist Dankbarkeit für mich ein Fundament, ein Boden, auf den alle meine Erfahrungen, auch die weniger schönen und die schmerzvollen, fallen.
Mut tut gut. Mut ist herrlich, vielleicht nicht in den ersten Momenten, in denen oft Angst dominiert, doch stets im Nachhinein, wenn ich mich getraut habe. Mut zu Ehrlichkeit und Unbequemsein, zum Anecken, Ecken und Kanten Zeigen. Ein Wert, eine Haltung, die nun immer öfter bei mir anklopft und mich herauslockt, mich sichtbarer werden lässt. Neugier fällt für mich auch unter Mut.
Humor find ich großartig. Fein, englisch, schwarz, trocken – je nachdem was gerade aus meinem Erleben stimmig ist, möglichst ohne dabei andere zu verletzen. Dinge und Situationen aus der Vogelperspektive zu betrachten und dabei so viel gesunde Distanz zu haben, dass ich’s mit Humor nehmen kann. Übrigens schwingt auch hier wieder die Leichtigkeit für mich mit, die einem Menschen oder einer Situation manchmal die Schwere nimmt, was auch gut tun und angemessen sein kann. Über sich selbst lachen – wenn man’s kann, sehr schön.
Mein achter und letzter Wert – zu viele Werte verwirren eher und lassen mich Orientierung verlieren – ist Kreativität. Sie ist für mich Ausdruck, mein Schöpferisch-Tätigsein – in der Musik, im Schreiben, Fotografieren – einfach im Sein.

Rebecca Reinhards philosophische Position zur Frage nach Werten in einem authentischen Leben besagt, dass es wichtig sei, eine Balance zu finden zwischen „subjektiven und objektiven Werten“ (in: Spiegel Wissen, „Ich bin ich“, Ausgabe 1/2016, S. 33). Sprich Zufriedenheit und Ausgeglichenheit haben auch mit Verantwortung anderen gegenüber zu tun – Tugenden wie Verantwortung und Hilfsbereitschaft sind laut Reinhard wichtiger Bestandteil eines gelingenden Lebens.

Werte sind auch nicht in Stein gemeißelt. Ich darf immer wieder prüfen, ob der eine oder andere Wert momentan noch stimmig für mich ist, noch Sinn macht, gerade ansteht. Oder ob sich Werte nicht auch zusammenfassen lassen – unter einen „Hauptwert“. Ich kann mich von Zeit zu Zeit anderen Werten widmen – jenen, die noch Entwicklungschancen für mich bereithalten. Und ich darf mich fragen, was ich ganz konkret unter einem bestimmten Wert verstehe, welche persönliche Bedeutung dieser für mich gerade hat, wie ich und andere erkennen können, dass mein Handeln auf diesen Werten fußt. Großzügigkeit war längere Zeit ein Wert für mich – zurzeit schenke ich ihm keine besondere Aufmerksamkeit: Großzügigkeit ist für mich gerade einfach da, in meinem Leben – und fällt darüber hinaus unter Herzlichkeit im Sinne von Großherzigkeit.
Klarheit, Gemütlichkeit, Wildheit, Wachstum – es gibt noch so einige wertvolle Werte, die ich spannend finde und die sicher nochmal näher an mich heranrücken werden.

Werte Leser, habt’s gut & genießt diese herrliche Jahreszeit!

Einfach machen!

Raus aus der KomfortzoneIn letzer Zeit spüre ich zunehmend Lust und Gefallen daran, neue Wege zu gehen. „Great things never came from comfort zone.“ Da ist was dran. Ich erlebe es stets als Zugewinn – wenn nicht unmittelbar, dann jedoch längerfristig – mich aus dem Gewohnten herauszubewegen.

Da ist stets das große Bedürfnis nach Sicherheit in uns, und gleichzeitig wollen wir wachsen – beide Bedürfnisse dürfen, ja müssen meines Wissens, erfüllt werden. Manchmal katapultiert uns das  Leben heraus aus dem, was immer war, was wir schon immer dachten oder taten. Hin und wieder schmeißen wir selbst uns ins Ungewisse – aus Neugier, aus Lebenslust.

Dieser Blog, diese Form des Sich-Sichtbarmachens, Farbe-Bekennens ist neu für mich. Es ist für mich auch spannend zu beobachten, wie mein Umfeld reagiert: Mit zahlreichen Menschen erlebe ich einen Zuwachs an Nähe. Es ist, als würden durch meinen Mut zur Klarheit, zum Sichtbarwerden, den ich mehr und mehr lebe, auch Menschen näher an mich heranrücken, die ähnlich ticken. Oder als würden viele sich freuen, mich nun „ganzer“ zu sehen. Andere wiederum sind wie ich vermute irritiert, können mit dieser Form – Gedanken in einem Blog zu manifestieren – gegebenenfalls nichts anfangen oder haben eventuell (noch) nicht den Mut zur Klarheit. Manche halten sich ganz zurück – sicherlich aus ganz unterschiedlichen Gründen oder bestimmten Lebenssituationen heraus resultierend.

Jetzt im Mai diesen Jahres findet mein erstes Ausbildungswochenende zur Kundalini-Yogalehrerin statt. Ich träume schon länger davon, diese Ausbildung zu machen. Doch da war und ist auch die Angst, mir kamen Fragen: „Wird es mir nicht zu viel, mit Job und Familie? Bin ich dem (körperlich) gewachsen? Wie erlebe ich die Veränderungen, die dieser Weg zweifelsfrei in mir hervorrufen wird?“ Meine Yogalehrerin reagierte auf meinen Wunsch mit den Worten „Einfach machen!“ Das fand ich gut – und dachte: Dies könnte ein Lebensmotto werden.

Als ich das erste Mal singend und nicht klavierspielend auf einer Bühne stand ging mir ganz schön die Pumpe – hinter dem Piano kann ich mich gut verstecken, wenn mir danach ist, das Körperinstrument Stimme hingegen macht mich ein Stück nackt.

Das Neue in sein Leben einzuladen kann echt ne feine Sache sein. Ich werde mir selbst ein Stück fremd und staune wieder häufiger. Ich traue mich Gedanken zu denken, die mich vor einiger Zeit noch mit Irritation, Scham oder Widerwillen erfüllt hätten. Ich spreche meine Wahrheit immer häufiger aus und erlebe, wie Ehrlichkeit mich zunehmend freier macht.

In den letzten Monaten war ich, ausgelöst durch den Tod meines Vaters, häufig mit dem Thema Tod beschäftigt. Ich hatte auch den Eindruck, ständig starb irgend jemand aus Politik- & Promiwelt: Genscher, Westerwelle, Roger Cicero, Prince… Das hat mich bewegt und mich wieder einmal mehr mit dem Faktor Zeit auseinandersetzen lassen. Dass Sterbende laut diverser Studien am meisten das bereuen, was sie nicht getan haben, ist wahrscheinlich allseits bekannt. Entsprechende Konsequenzen für sein eigenes Erdenleben daraus zu ziehen, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Ich spüre für mich: Ich möchte (am Ende) nicht nur sicher durchkommen, sondern voll geöffnet werden.

Wenn Ihr das nächste Mal nicht wisst, „Soll ich oder soll ich nicht?“, der Gedanke ans Tun jedoch eine unbestimmte Freude, einen Kitzel auslöst – ich würde sagen: „Einfach machen!“🙂

 

Ausreden sind auch unhöflich

Ausreden-2Ich lerne immer mehr, klar zu kommunizieren, zu sagen, was ich sagen möchte, was ausgesprochen werden will. Dies ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich wünsche mir immer besseres Gelingen dabei, aufrichtig zu sein – auch im wahrsten Sinne des Wortes: Im Gespräch mache ich gute Erfahrungen, wenn ich mich aufrichte, kurz lockere, den Rücken lang mache, mich atmend weite und in mich hinein lächle. Oft klärt und entspannt diese Haltung mich und die Konversation mit dem jeweils anderen.
Ich möchte mich immer wieder auf den Weg machen, den anderen wirklich zu verstehen, genauer nachzufragen, was er aus seiner Sicht, aus seinem Erleben, meint. Kommunikation gelingt meines Erachtens auch dann besonders gut, wenn ich darauf achte, mehr zu fragen, anstelle zu sagen. Oft hören wir gar nicht genau hin und formulieren im Geiste schon die Erwiderung oder das folgende Thema.
Das Thema Ehrlichkeit beschäftigt mich sehr, und auch Situationen wie diese: Mal angenommen jemand, der mir selbst nicht so nahe steht, signalisiert, dass er oder sie sich mehr Kontakt mit mir wünscht, mir jedoch ist nicht danach. Warum nicht einfach sagen: „Du, ich mag dich gern, doch mir ist nicht nach einem Treffen.“ Wir meinen, wir wollen nicht unhöflich sein, den anderen nicht vor den Kopf stoßen.

Moralpsychologe Horst Heidbrink, der sich näher mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt hat, behauptet, auch Ausreden seien unhöflich. Etwas Ähnliches denke ich schon lange: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich (m)eine Unwahrheit oder eine Aussage, die ich verschweige, dennoch transportiert – wenn nicht über ausgesprochene Worte dann nonverbal, feinstofflich.Wenn ich einen Teil meines Wesens zurückhalte, wenn ich meine wahre Absicht nicht ausspreche, störe ich – ich formulier’s mal so – das Feld meiner Beziehung.
In mir nahen Freundschaften und Beziehungen sammle ich zunehmend tolle Erfahrungen damit, mich zu trauen, etwas zu sagen, wovor ich Angst habe. Auch Dinge, die den anderen betreffen, die wohlmöglich für den anderen unangenehm sein könnten, da sie seinen Schatten berühren. Wir kommen erfahrungsgemäß weiter, wenn wir über unseren Schatten springen.

Dass ein Sich-ehrlich-Hinauswagen in einer Partnerschaft oder Ehe immer wieder für frischen Wind und neue Nähe sorgen kann, beschreibt Rüdiger Dahlke in seinem Buch „Das Schattenprinzip“ am Beispiel eines Paares, das nach einem Seitensprung lernt sich selbst und dem anderen wieder aufrichtig zu begegnen.: „Der Grund (..) ist, dass Ehrlichkeit immer anmachend wirkt und die Durchlichtung des Schattens erst recht.“ (in: Rüdiger Dahlke, Das Schattenprinzip, 2014, S. 93).

Ja, Ehrlichkeit macht uns auch attraktiv, finde ich.
Ich habe großen Respekt vor jemandem, der mir geradeheraus gegenüber tritt, der sich traut, zu seiner Größe zu stehen und gleichzeitig auch Schwachstellen und wunde Punkte offenlegen kann. Im Alltag drücken wir vieles weg, lassen unsere Seele nicht allzu oft zu Wort kommen: Keine Zeit. Keinen Nerv jetzt. Doch unser Leben ist kostbar.

Unliebsame Eigenschaften

Popler3Heute mache ich unliebsame Eigenschaften zum Thema. Es ist so herrlich menschlich, vor uns und anderen möglichst gut dastehen zu wollen: hehre Eigenschaften wie „freundlich, mitfühlend, klug, erfolgreich, gut gelaunt, optimistisch, ehrlich, mutig, gesellig“ zu verkörpern. Dahingehend verbergen wir gerne unsere kleingeistigen, egoistischen, ängstlichen, eifersüchtigen, neidischen und unwissenden Anteile.
Das kenne ich auch. Und ich lerne: Ich muss auch nicht alles an mir mögen. Von Selbstoptimierung im Sinne von permanent schöner, fitter, höher, weiter halte ich nichts. Selbstakzeptanz finde ich wunderbar – diese geht mit Selbstliebe einher. An bestimmten Zügen und Verhaltensweisen immer wieder zu feilen und sich gleichzeitig auch nicht dafür zu peinigen, wenn man mal wieder „mit niederen Motiven unterwegs war“. Je großzügiger ich mit meinen eigenen Fehlern bin, je mehr sich mein System entspannt, umso relaxter wird auch mein Umfeld. Die Erfahrung mache ich nun immer wieder.
Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn ich Ärger in mir anstaue, meine Klappe nicht aufkriege und sich – nun deutlich mehr Ärger – für das Gegenüber plötzlich unerwartet heftig entlädt. Zum Glück kommen diese Situationen immer seltener vor, je mehr ich mich traue, gleich etwas anzusprechen – auch auf die Gefahr hin, dass der andere not amused ist und die Stimmung zwischen uns getrübt sein könnte.

Manchmal formuliere ich Kritik zu hart, auch wenn ich sehr bemüht bin, passende Worte zu finden. Ich kann auch schonungslos ehrlich sein – die Betonung liegt auf schonungslos. Da Ehrlichkeit einer meiner mir wichtigsten Werte ist, mache ich es mir und dem anderen auch nicht immer leicht. Das weiß ich, und da versuche ich, wach und aufmerksam zu bleiben und einen Weg zu finden, der allen dient.
Ich finde mich nervig, wenn ich zu hektisch werde, von A nach B springe und zig Sachen gleichzeitig angehe. Meistens halte ich mich für wer weiß wie flexibel und anpassungsfähig um dann festzustellen, dass die Sturheit und die Hartnäckigkeit, die ich meinem Sohn vorwerfe, auch die meine ist.
Unser Vater legte viel Wert darauf, Lebensmittel auf eine sehr akribische, eine bestimmte Struktur und Ästhetik verkörpernde Art zu verpacken und zu verschließen – oder Verpackungen auf eine ganz bestimmte Weise zu öffnen. Unglücklicherweise ging diese Marotte weit über den Bereich Lebensmittel hinaus: Ich erinnere mich zum Beispiel, dass es Stunden dauerte, bis unser alter gelber Opel damals urlaubs-abmarschbereit gepackt war: Horsti war es wichtig, Koffer, Taschen und alles andere so zu verstauen, dass es aus seiner Sicht „perfekt“ war. Und das konnte dauern. Auch ich bin manchmal etwas „zwänglich“, wie ich immer wieder erschrocken feststelle, und in mir zieht sich alles zusammen, wenn jemand in meiner Nähe eine neue Verpackung einfach aufreißt.
Diese Belanglosigkeiten mussten gerade raus, was ich sagen will: Seien wir doch milder mit uns! Humor hilft hier ungemein. Über sich selbst Lachen bringt die nötige Entspannung. Und was las ich neulich? Erfolgreiche Menschen unterscheiden sich dadurch von sog. erfolglosen, dass sie ihre Stärken und Schwächen kennen und sich auf die Stärken konzentrieren. Ein anderes Thema – Erfolg ist ein schillernder Begriff und bedeutet ja für jeden etwas anderes.
Das lebenslange Aussöhnen mit sich, all dem „Unschönen“, „Unfertigen“, seinem eigenen Schatten schenkt uns und unserem Leben Tiefe, so meine Erfahrung. Warum mal einfach nicht seinen eigenen Neid zugeben bei der betreffenden Person, ihn ansprechen und als Chance nutzen, daraus etwas zu machen, zu wachsen?
Seine eigenen Schwachstellen, sein eigenes Ungeliebtes kennen zu lernen und zu sich nach Hause zu holen hat auch den ungemeinen Vorteil, dass wir unser Umfeld schlicht weniger nerven: Je besser und tiefer ich mich kenne, umso weniger muss ich meinen eigenen Mist beim anderen abladen, umso weniger projiziere ich.
Und wenn’s mal wieder nicht so läuft wie wir’s gerne hätten: C’est la vie.

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