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Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: bewusst atmen

Tage voller Leben – vom Glück der Fülle

Das Leben feiernIn meinem Leben wünsche ich mir vor allem eins: Tage voller Leben zu leben. Das „Glück der Fülle“, wie es Wilhelm Schmid beschreibt, wahrzunehmen und zu schätzen – die hohen, heftigen Glücksspitzen, eine tiefe, manchmal unspektakuläre Zufriedenheit und auch das bewusste Aufnehmen von Leid und Schmerz. Der Herbst naht, und oft empfinde ich in dieser Zeit auch (Abschieds-)Wehmut und Melancholie. All dies lässt mich wach und lebendig fühlen – ich mag das, auch wenn’s nicht immer angenehm ist.

Tage voller Leben leben kann ganz vieles bedeuten. Für mich zeigt es sich z. B. darin, sich auch im sog. Alltag Zeit für sich und Schönes zu nehmen, für die Freuden des Lebens empfänglich zu sein. Den Tee oder Kaffee zu genießen, zwischendurch Beine und Seele baumeln zu lassen, seine Gedanken ans Meer zu schicken. Es bedeutet, Verbindung zu einem mir nah stehenden Menschen zu suchen – wenn auch „nur“ über ein liebevolle Kurznachricht. Sich auszutauschen, gemeinsam zu lachen. Sich selbst, seine kleinen und großen Erfolge und das Leben zu feiern, immer wieder.

Einen Geburtstag mehrmals mit lieben Menschen zu begießen – auch das sind Freudentage, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte. Sich morgens – wenn auch nur für zehn Minuten – Zeit für sich zu nehmen, bewusst zu atmen und zu agieren. In neue Rollen und Aufgaben zu schlüpfen – beispielweise beim Holzhacken oder Reiten.

Stunden voller Leben zu gestalten lernte ich auch durch meinen Vater: Was uns mitunter verbindet ist eine kühne Neugier. Wir schauen in fremde Fenster, Löcher und Luken. Dabei male ich mir aus, wie die Menschen dort leben, was sie treiben, was sie treibt. Auf Spaziergängen sammeln wir vieles und zeigen es uns gegenseitig. Diese Gepflogenheit gebe ich nun an unserem Sohn weiter. Ich liebe es, mich zu unbekannten Orten, Szenen und Menschen aufzumachen– zu gucken, zu staunen. Meine Mutter gab uns Kindern eine – wie es meine Schwester nennt – unkonventionelle Herzlichkeit mit auf den Weg. Auch diese macht Tage sehr lebendig: fremde Menschen ansprechen, ihnen Komplimente machen, Fragen stellen, spontan sein.

Tage voller Leben leben heißt vor allem auch, mich zu fragen, wann, wo oder bei wem mein Herz aufgeht und ich mich wohl, weit und frei fühle. Es bedeutet, dass ich mich frage, was ich wirklich will, welche Werte ich lebe, wie ich schöpferisch tätig werden möchte, wer oder was mir wichtig ist, welchen Fußabdruck ich hinterlassen will.

Ich möchte so wenig wie möglich aufschieben, Momente mit meinen Eltern und anderen Herzensmenschen bewusst genießen, auch in dem Wissen, dass nichts selbstverständlich und von Ewigkeit ist. Ich will mich bewegen, auch indem ich mich traue Fehler zu machen, mehr und mehr sichtbar zu werden.

Der Vollständigkeit halber möchte ich einräumen, dass sich auch meine Tage selbstverständlich nicht immer voller Leben anfühlen: Manchmal fühle ich mich innerlich nervös und überfordert, dumpf und gelangweilt oder schlicht nicht zu Hause bei mir. Auch das ist Leben.

In dem Roman „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann spricht die 82-jährige Esther in der Verabschiedungsszene zu Stella, der weiblichen Hauptperson, die Worte: „Zögern Sie nie! Das ganze Leben ist ein Abgrund, und je weniger Sie sich fürchten, je länger Sie hineinschauen, desto mehr haben Sie davon.“ (in: Aller Liebe Anfang, Judith Hermann, 2014, S. 200).

Mit diesen denkwürdigen Worten schließe ich und wünsche allen alles Liebe durch die Zeiten!

Vertrauensvorschuss – “Leap of faith”

Vertrauen lernenBei den unterschiedlichsten Gegebenheiten fallen mir drei Worte ein: “Leap of faith”. Ich stolperte über diesen Ausdruck in einem Buch einer großen, ich würde sagen weisen Kundalini-Yogalehrerin, Gurmukh (Gurmukh: Die 8 Gaben des Menschen, 2015). Gurmukh beschreibt “Leap of faith” als einen Vertrauensvorschuss, einen Sprung ins Ungewisse, im Vertrauen darauf, dass alles gut endet. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass dieses “Leap of faith” eine große Bedeutung für mich hat, dass mir Situationen etwas sagen wollen, in denen es in mir denkt: Vertraue(n)!

Häufig betrifft es kleine Alltagsmomente: Ist das jetzt richtig? Ob ich das wohl schaffe? Wird das heute noch was? Oder größere Fragen: Wird das überhaupt was? Wie gestaltet sich die Situation “Y. & Schule”? Kommt mein Vater wieder in seine Kraft? Wo soll’s für mich und uns mal hingehen (gerne wortwörtlich oder im übertragenen Sinne)? Immer wieder fordert uns das Leben auf, uns hinzugeben, manchmal auch einfach nur abzuwarten. Dann wieder: den nächsten, naheliegenden Schritt zu tun – oft im Unwissen, wie der darauffolgende Schritt aussehen wird.

Wie gerne haben wir alles im Griff! Wie vermeintlich sicher fühlen wir uns, wenn Kontrolle die unsere ist! Spannend jedoch wird es an den Brüchen, den Schnittstellen zwischen “Alles ist fein gerade und soll bitte so bleiben” und “Oh nein, bloß das nicht!” Manchmal hilft es schon, Angst und andere unangenehme Empfindungen einfach kommen und wieder ziehen zu lassen, sie nicht “wegzudrücken”, sondern als selbstverständliche, uns prägende und uns etwas mitteilen wollende Erscheinungen zu begreifen.

Sich überhaupt darüber bewusst zu werden, dass da Stimmen in uns sind, die uns sagen wollen: Irgendetwas ist gerade absolut nicht in Ordnung. Den Widerstand gegen das was ist zu spüren und anzuerkennen. Die “Vogelperspektive” einzunehmen und den unterschiedlichen Stimmen in uns zu lauschen.

Wenn es uns gelingt, innezuhalten und still zu werden, spricht’s leise aus uns heraus: Eine Stimme meldet sich, die uns Mut zuflüstert und ermuntert, vielleicht doch diesen neuen gewagten Schritt zu gehen – oder ihn gerade nicht zu gehen, auch wenn das Umfeld ihn möglicherweise erwartet. Entscheidungen zu treffen, bevor das Leben für uns entscheidet. (Auch letzteres stellt sich oft als stimmig heraus).

Mehr und mehr lerne ich – Yoga und Meditation in welcher Form auch immer sind hierbei wunderbare Werkzeuge – meiner (Herzens-) Stimme zu vertrauen, ihr zunehmend Gehör zu schenken, intuitiver zu werden. Dankend zu beobachten, dass diese Stimme lauter wird, je mehr und öfter ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke.

Unabhängig davon wie unerträglich die äußeren Umstände manchmal auch sein mögen: Da war und ist stets etwas in mir, das unantastbar ist, das immer da ist. Ich nenne es “meinen Kern” und trage hierfür das Bild einer goldenen Kugel in mir, ungefähr auf Höhe des Zwerchfells. Dieses Bild nutze ich, um mich wieder aufzurichten und neu auszurichten, wenn ich einsacke oder mich zerstreue. Dort “reinzuatmen” hilft mir, überhaupt: bewusst zu atmen. Ich bin mir sicher: Wir alle haben einen unantastbaren Kern in uns, eine Kraft, die wir wahrnehmen, indem wir vertrauen und uns sagen: Es wird sich finden.

Gurmukh beschreibt in diesem Zusammenhang die Vorstellung von “tröstenden Arme(n) eines liebendes Gottes”, der sie auffängt und tröstet. Wie oder an was auch immer wir glauben: Wir alle können lernen, uns und dem was da kommen mag zu vertrauen.

In Sachen “Y. & Schule” tun sich im Übrigen zurzeit viele Perspektiven auf, auch konkretere Chancen und Alternativen zur jetzigen Situation zeigen sich. Und was meinen geliebten nicht mehr taufrischen Vater angeht: Hier schätze und genieße ich einfach das was wir jetzt haben und teilen. Darauf kommt es an.

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