seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: Berufung

Wachsen, lernen, geben

Meine größte Stärke besteht aus meinem Erleben darin, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie ok sind wie sie sind: Ich kann gut dafür sorgen, dass andere sich wohl fühlen mit mir. Atmosphäre zu schaffen, die Toleranz und Wärme transportiert, fällt mir leicht. Auch “schräge” oder schüchterne Zeitgenossen tauen in meiner Gegenwart oft auf.

Mein spiritueller Name, den ich als Kundalini-Yogalehrerin erhalten habe, Nivas Amrit – Nivas die Schutzstätte, ein Ort der Geborgenheit und des Mitgefühls, Amrit, der göttliche Nektar – transportiert ebenfalls diese meine Stärke und auch meinen Weg. Ich behaupte, das Herzliche, Menschen-Verbindende ist schon in meiner Ahnenkette – Mutter Renate, Oma Erna und Uroma Minna – zu finden. Meine Geschwister und ich, so unterschiedlich wir alle sind, haben etwas  Herzöffnendes. Warum erzähle ich das? Indem wir uns unserer größten Stärke, das was uns in der Tiefe ausmacht, bewusst werden, kommen wir unserem Sinn auf die Spur. Und Sinn lässt sich meines Erachtens dort finden, wo wir wachsen, lernen und geben. Gestoßen bin ich auf diesen Ansatz in einem Interview mit Bahar Yilmaz für das Online-Magazin compassioner. In diesem fiel die Frage:

Was kann ich geben dafür, dass andere Menschen wachsen?”

Hauke Prigge, der Interviewer und in jenen Tagen Redakteur beim compassioner, warf diese schöne Frage, welche mich damals und auch heute nicht losgelassen hat, in den Raum. Laut Bahar erfahren wir Erfüllung, wenn wir wachsen, lernen und geben. Das überzeugt mich. Denn wenn ich genau hinschaue, wann und wo sich tatsächlich etwas bewegt, ich mich wach und präsent fühle, sind es Momente, in denen genau diese Qualitäten – wachsen, lernen, geben – zum Tragen kommen. Hier kommen wir auch unserer Berufung auf die Schliche. Berufung oder das was mich ruft ist nicht in Stein gemeißelt, sondern das Leben entfaltet sich mit dem, was ich aktiv tue. Wenn du magst, reflektier doch mal, was für dich einen besonders gelungenen Tag ausmacht: Was habe ich getan? Was habe ich bewirkt? Welche Werkzeuge habe ich benutzt?

Für mich sind es jene Tage, an denen ich etwas Neues lerne: Details über therapeutische ätherische Öle, eine Gitarrenbegleitung zu einem neuen Song, inspirierende Impulse dank eines guten Gesprächs. Es sind Momente, in denen ich mich etwas getraut, Mut an den Tag gelegt habe – z. B. als ich Anita Maas vom Maas-Magazin fragte, ob sie einen Text von mir veröffentlicht. Wenn wir Komfortzonen verlassen, findet automatisch Wachstum statt. Wachsen bedeutet auch, sich aus einem Leben zu schälen, in dem ich mich nicht mehr zu Hause fühle.

Nun zum Geben. Ich glaube, geben ist im Grunde das Schönste, womit wir unser Leben füllen können. Vielleicht auch das, worum es tatsächlich geht. Mit geben meine ich nicht dieses oft an Erwartungen geknüpfte Helfen eines Menschen mit Helfersyndrom, sondern ein mich und den anderen berührendes Dienen. “Wo kann ich dienen? Wen kann ich heute beschenken?” Sich diese Fragen im Alltag zu stellen, lässt uns Sinnhaftigkeit erfahren, so mein Erleben. Und dienen kann bereits im Kleinen vollzogen werden: indem ich einem anderen eine Freude oder ein Kompliment mache, jemanden ein Lächeln oder etwas Zeit schenke. Wenn ich andere ermutige, inspiriere und stärke, kommt es zu mir zurück.

Für mich erkenne ich immer mehr: Schreiben ist nicht nur Hobby, sondern tatsächlich mein Sinn. Darüber hinaus erfahre ich Sinn auch in anderen Kontexten, in denen ich gebe: In Beziehungen, im Muttersein, im Therapeutin-Sein, im Musizieren für andere und innerhalb einer Musiktherapiestunde, dann, wenn ich eine Yoga-Übung teile und dem anderen dadurch Erkenntnis oder Heilsames schenke. Zurück zum Schreiben: Mir meine Themen und Fragen von der Seele zu schreiben und zugleich andere mit ebendiesen Themen und Fragen zu inpirieren ist das, was mich momentan mit am meisten erfüllt. Wachsen, lernen und geben laufen hierbei auf wunderbare Weise zusammen. Marianne Williamson sagte einmal, Menschen fühlten sich immer von jenen angezogen, von denen sie lernen können. Ich liebe es, andere anzustecken mit Themen oder Dingen, die mich berühren oder mir dienen. Gleichzeitig lasse ich mich sehr gerne inspirieren. Wenn du also Rückmeldungen, Kommentare, Fragen hast – zu mir, meinen Blog – gerne her damit, ich freue mich!

Uns allen wünsche ich nun einen schönen Start in den Frühling, auch wenn’s vielleicht noch etwas früh ist.

 

Potential und Berufung

Unser Sohn besucht ein Montessori Bildungshaus in Hannover, mittlerweile die 4. Klasse. Ich glaube weder, dass dieser pädagogische Ansatz für jeden Heranwachsenden der richtige, noch dass die „Staatsschule“ das Nonplusultra ist. Sicher kommt es auf den Schüler, die Schüler-Lehrer-Situation und vieles mehr an, ob ein Kind oder Jugendlicher in seiner schulischen Laufbahn „gut gedeiht“ oder nicht. Was uns betrifft: Es passt.

Was mir auffällt, wenn ich unseren Sohn und sein Schulleben beobachte: Er wird in seiner Persönlichkeit erkannt, entsprechend seiner Art zu ticken behandelt und gefördert. Die Lehrkräfte sorgen sowohl dafür, dass elementarer Schulstoff vermittelt, als auch, dass eine Lernumgebung geschaffen wird, die es dem Schüler ermöglicht, sich selbstständig Unterrichtsinhalte zu erschließen, die für diesen von Bedeutung, sprich intrinsisch sind. Ferner sind die Lehrer in der Lage, die Marotten unseres Sohnes wie beispielsweise sein permanentes “In-Bewegung-Sein” aufzufangen.

Ein taktiles Be-Greifen mit Hilfe der Montessori-Materialien und auch das Origami-Falten legten bei unserem Sohn die Grundsteine für das Erkennen von Mustern: Mittlerweile ist er sehr “analytisch”, stark in Mathe und Schach. Auch ein individualisiertes Lernsetting – alleine arbeiten, zu zweit, zu zweit im Klassenkontext, mitunter auch in benachbarten Räumlichkeiten – und die Möglichkeit, Unterrichtsgegenstand plus die Art der Auseinandersetzung mit diesem selbst zu wählen, kommem unserem Sohn entgegen. Gut finde ich‘s ebenso, dass die Kinder lernen, ihre eigene Arbeitsweise zu reflektieren und, gegebenenfalls mit Hilfe des Lehrers, Strategien zur Verbesserung zu entwickeln.

Ich achte sehr genau auf die Atmosphäre, die von Häusern und Räumen ausgeht. In der Montessori-Schule hatte ich sogleich das Gefühl, hier würde auch ich gerne lernen: Die Stimmung, das Treiben dort sind lebendig, gleichzeitig entspannt; Gebäude und Räumlichkeiten verströmen keinen Schulmief. Schule ist in unserer Gesellschaft sicher ein Auslese-Instrument, auch die Montessori-Schule; doch zeichnet es diese Schule meines Erachtens aus, dass Kontrolle abgegeben und dadurch gleichzeitig die Lernbereitschaft erhöht wird. Für sehr leistungsorientierte, sicherheitsbetonte Eltern mag das eventuell nicht passend oder unbefriedigend sein.

Mein Mann und ich sind von der Pike auf Grund- und Hauptschullehrer, so dass uns das ganze große Feld „Schule und Lernen“ nicht fremd ist. Wir wünschen uns Lehrer, die auch „um die Ecke denken“ können: Menschen mit Feingefühl, differenziertem Denken und einem breiten Horizont. Wenn ich mich umhöre in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind es nur wenige, die ihre eigene Schulzeit als schön und angenehm in Erinnerung haben. Mir selbst ergeht es da nicht anders. Natürlich hatte ich auch gute, charismatische Lehrer, doch habe ich heute nicht den Eindruck, dass mich das Gros meiner Lehrer dazu bestärkt hat, mein Potential zu entdecken geschweige denn zu entfalten. Einen guten Lehrer zeichnet meines Erachtens aus, dass er die Interessen eines Kindes erkennt und es schafft – neben dem “Stoff”, der transportiert werden muss – diese in welcher Form auch immer zu berücksichtigen.

Statt uns zu ermutigen, unser Potential von innen nach außen zu leben, wurden viele – so mein Eindruck – in Schubladen gesteckt: Wir alle haben uns mit demselben Zensurenspiegel auseinander setzen müssen und wurden an demselben Maßstab gemessen. So haben die meisten meiner Erfahrung nach nicht gelernt, ein feines Gefühl, ein Wissen darüber zu erlangen, wer sie sind und wie sie ticken. Dies hatte zur Folge, dass wir eher von der Frage „Wo passe ich rein?“ motiviert wurden, anstelle uns zu fragen:

„Was bin ich für ein System? Was sind die Rollen in meinem Leben, und bin ich mir bewusst, wie ich diese am besten ausfüllen kann?“

Heute weiß ich: Wir finden dieses ganz tiefe Seelenglück nur, wenn wir den Mut haben, immer wieder neu auf uns zu schauen und breitgetrampelte Wege zu verlassen. Wenn wir unseren Alltag daraufhin untersuchen, wer oder was uns Kraft, Freude und Anerkennung schenkt. So kommen wir auch dem was sich Berufung nennt auf die Schliche. Berufung ist meiner Vorstellung nach nicht deckungsgleich mit dem Job, der mir meinen Lebensunterhalt sichert: Berufung bezieht sich auch auf meine ganz unterschiedlichen Rollen und Aufgaben, die ich aus- und erfülle.

Ich zum Beispiel erfahre ein Mehr an Kraft, Freude und Anerkennung, wenn ich aufschreibe, was mich bewegt und dieses teile, wenn ich Menschen durch meine Worte oder meine Präsenz – vorausgesetzt ich bin entspannt und offen – Mut mache und sie inspiriere. Wenn ich für eine humorvolle, heitere Atmosphäre sorge, die andere als einladend erleben und sich so wertgeschätzt fühlen. Wenn ich musikalisch in Aktion trete, meine eigene Spielfreude transportiere und einen Raum auf diese Weise erhelle.

Gelingt es uns herauszufinden – und dies wünsche ich der jetzigen Schülergeneration von Herzen – wie wir unsere Kräfte, die wir in uns tragen, auch wirklich einsetzen können, erlangen wir tiefe Zufriedenheit. Ferner rutschen wir nicht mehr so schnell in die Muster des Vergleichens, des „Auf-den-andern-Schielens“. Dieses „Schauen, wie’s die anderen machen“ wird meiner Erfahrung nach weniger und unwichtiger.  Ich gehe sogar so weit zu behaupten: Auf der Suche nach unserem Potential können wir gleichermaßen dem Frieden in unserem Umfeld als auch dem Frieden in uns selbst dienlich sein.

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