seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Schlagwort: andere inspirieren

Selbsterkenntnis kann wehtun

Selbsterkenntnis kann wehtun. Momente  in denen wir erkennen, dass unsere Sicht der Dinge eben auch nur unsere Sicht der Dinge ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ein kleiner Ausschnitt des Ganzen.

Neulich erkannte ich im Gesicht meines Gegenübers ganz deutlich mich selbst; ich verstand, dass ich einen geliebten anderen Menschen, über den wir sprachen, auch nur mit meiner eingeschränkten Wahrnehmung – meinen eigenen Filtern und Erfahrungen – sah. Dabei registrierte ich eine Seite in mir, die mir nicht gefiel, für die ich mich in jenem Moment schämte: Es zeigte sich ein sich über den anderen erhebender Teil in mir, der meinte, in seiner Entwicklung weiter zu sein als der Mensch, über den ich mir Gedanken machte.

Im Nachhinein denke ich: Was genau weiß ich denn über die Entwicklung des anderen? Wie komme ich darauf, mir anmaßen zu können, zu wissen, vor welcher Aufgabe dessen Seele gerade steht?

Oft ist es so: Wir glauben einen uns nahstehenden Menschen zu kennen, wo wir uns doch in uns selbst nur sehr unzulänglich auskennen. Wir glauben zu wissen, was der andere tun müsse, was ihm gut täte, was richtig für ihn sei. Zum Glück stolpern wir oft an diesen Stellen über uns selbst, zum Glück bringt uns das Leben immer wieder dazu, uns einer Frage, einem Thema neu zu widmen, uns selbst zu hinterfragen (wenn wir uns das denn trauen), demütig zu werden.

Was meine eigene Entwicklung angeht, so spüre ich, dass die Kundaliniyoga-Praxis mich ganz schön durchschüttelt. Wie sagte unsere Ausbilderin Amrit Kaur so treffend? Yoga praktizieren bedeutet nicht, dass alles leicht, nett und schön ist. Das Karma, welches dir begegnen soll, strömt schneller auf dich zu. Oder anders formuliert: Dinge, die du lernen sollst, kommen zügiger und intensiver auf dich zu, Wachstumsimpulse werden schneller zu dir hingezogen. Nicht immer leicht und angenehm, wie ich feststelle.

Aufschlussreich sind auch jene Momente, in welchen ein anderer eben nicht das sagt, was wir gerne hören würden. Oft denken wir denselben Gedanken immer und immer wieder, er brennt sich ein in uns. Wir glauben uns im Recht. Umso überraschter sind wir, wenn wir plötzlich etwas Unerwartetes zu hören bekommen, einen Gedanken, der unserer „Denke“ nicht entspricht, manchmal auch komplett widerspricht.

Nun glaube ich zu wissen: Jene Situation, in der ich mich im anderen spiegelte, einen Zug an mir wahrnahm, der mir nicht schmeckte, meine Überzeugungen auseinander brachen und es wieder neu in mir zu denken begann, war Gold wert. Ich wurde sehr ruhig. Und traurig. Und plötzlich ließ etwas in mir los: Ich musste mich selbst nicht mehr davon überzeugen, im Recht zu sein. Es durfte plötzlich alles genau so sein, wie es gerade war. Die Schönheit der ungeschminkten Wahrheit offenbarte sich mir. Es waren heilige Momente, in denen ich innerlich sanft und weich wurde. Da ich weder mich selbst noch den anderen anders haben wollte.

Vor kurzem hatte ich ein tiefes Gespräch mit meiner Mutter: Ich erzählte ihr von meiner eigenen Familie, von vergangenen Schwierigkeiten und Dingen, die aus meiner Sicht nicht gut liefen jedoch zu gegebener Zeit offenbar nicht besser bewerkstelligt werden konnten. Meiner Mutter, der es bis dato meist schwer fiel, Negatives an sich heran zu lassen – direkt Betroffenes oder ihre Kinder betreffend – zeigte sich von einer sehr verständnisvollen, weisen Seite. Ich spürte, wie wohltuend es ist, sich zu öffnen – auch und gerade mit den Dingen, die angst- oder schambesetzt sind. Dieses Teilen mit meiner Mutter, dieses gemeinsame Erfahren von „Manchmal tut das Leben weh, doch es ist wie’s ist“ war ein erhabener Moment.

Nochmals: Was wäre, wenn wirklich alles da sein dürfte – die Selbstverurteilung, unliebsame Eigenschaften, für einen Moment auch das Verurteilen des anderen? Und was würde passieren, wenn wir einen anderen mit genau diesen weggedrückten, wiederentdecken Anteilen konfrontieren, uns öffnen würden?

Ich durfte diese Erfahrung in kurzer Zeit gehäuft machen: Was geschah war heilsam. Oder anders: Heilung geschah. Der Satz „Liebe umarmt alles“ kam mir in den Sinn. Je mehr und öfter ich Liebe statt Angst wähle und je mehr ich Liebe in die Welt trage, umso stärker kann ich andere inspirieren, ebenfalls in der Liebe zu sein! Ein schöner Gedanke. Und eine noch schönere Erfahrung.

 

Sich erheben und dabei berührbar bleiben

Skorpion der lächelt (Origami, gefaltet)Im Kontakt zueinander wird es meistens an den Grenzen spannend: an den Punkten, in den Momenten, in welchen wir stark durch die Worte oder das Verhalten des anderen berührt, bewegt oder auch verletzt werden. „Kontakt findet an Grenzen statt“, heißt es in der Gestalttherapie. Wir werden berührt, wenn wir in unserer Gänze gesehen werden, wenn das Gegenüber uns wirklich erkennt – manchmal vielleicht sogar, bevor wir selbst jenen Zug an uns entdeckt haben. Wir alle wünschen uns, so gesehen zu werden, wie wir wirklich sind. Ich glaube, dies ist unser tiefstes Bedürfnis und auch das, was uns am meisten Angst macht.

Wir fühlen uns aufgebrochen und gleichzeitig höchst verletzbar, wenn ein anderer unsere Scham – das Gefühl nicht liebenswert und nicht gut genug zu sein – wahrnimmt; gleichzeitig kann hier eine Nähe entstehen, ein tiefes Verständnis füreinander, welches uns bereichern, unsere Beziehung reifen lassen kann.

Unsere Verletzlichkeit ist der Weg zueinander“

sagt Autorin Brené Brown (Psychologie Heute, März 2017, Heft 3). Das denke ich auch. Immer mehr. Natürlich kann und möchte ich nicht jedem mein Herz ausschütten. Wir dürfen bewusst wählen, wen wir wann an welcher Thematik, an welchem Punkt unseres Lebens und dem was uns in der Tiefe beschäftigt teilhaben lassen. Viele Menschen gestehen sich nur schwer eigene Schwächen zu: Ihre Angst davor, was andere über sie denken könnten, ist so groß, dass sie auch nicht gut mit der Verletzlichkeit oder der Fehler-Toleranz anderer sich selbst gegenüber umgehen können. Brown rät dazu, uns zu fragen, ob die Beziehung das Gewicht der Geschichte aushält, bevor wir jemandem unser Herz ausschütten.

Wie sollen andere mir etwas zugestehen, was sie sich selbst nicht erlauben können? Oftmals fahren Menschen ihre Krallen aus oder senden Pfeile auf’s Gegenüber, die eigentlich ihnen selbst gelten: Unter Umständen triggert ein Verhalten den anderen an einem Punkt, an einem wunden Punkt. Bin ich auf dem Weg der Selbstfürsorge und –liebe, stelle ich mein Wohlergehen mehr und mehr ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit, so stößt das nicht überall auf Gegenliebe: Die Fürsorge sich selbst gegenüber ist wohlmöglich im System des anderen, sich stark kritisierenden Menschen (noch) gar nicht präsent. Daher fehlt hier vermutlich auch das Vermögen sich einzufühlen. Ein Mensch auf dem Weg in die innere Freiheit, in einen gesunden Egoismus kann zur Projektionsfläche, zur Zielscheibe unausgegorener Gedanken und unverarbeiteter Emotionen werden. Insofern würde es uns alle in unserer Entwicklung weiterbringen, wenn wir uns mehr und mehr trauen würden, uns „unseren Dämonen“ zu stellen, uns  unsere Schattenseiten anzuschauen und uns gleichzeitig darin zu üben, immer mehr unser Licht nach außen zu tragen.

Wenn wir uns erheben – ohne uns über andere zu erheben – wenn wir in unsere Kraft kommen, unsere Wahrheit kennen und nach außen tragen, halten wir unserem Umfeld einen klaren Spiegel vor: Wir strahlen aus, dass Veränderung ansteht, wir nicht mehr bereit sind, gewisse Glaubenssätze zu akzeptieren, oder wir zeigen, dass wir nicht weiter in selbst oder gesellschaftlich auferlegten Grenzen leben wollen und nicht mehr bereit sind, eine Art von „Kleinheit“ hinzunehmen. Dadurch irritieren wir den einen oder anderen, ruckeln an seinem Lebensmodell und sind auch weniger manipulierbar – unser Verhalten kann Unbehagen und Angst beim anderen auslösen.

Hier berührbar und offen zu bleiben, offen auch für konstruktive Kritik, kann meines Erachtens alle Beteiligten wachsen lassen; sich nicht angegriffen zu fühlen und sofort zurückzuschießen, gleichzeitig bewusst seine eigene Spur weiter aufzunehmen, ist eine Kunst. Klarheit zu transportieren, sich klar auszudrücken muss man üben und sich auch erlauben, denn: Klarheit bringt Präsenz und Sichtbarkeit mit sich, und nicht jeder in meinem Umfeld ist für (meine) Klarheit bereit.

Ich beobachte, dass viele von uns ihr Licht unter den Scheffel stellen. Vor Jahren habe ich mich beispielweise nicht getraut, für unser Schwesternduo Bluetwos – meine Schwester Kati & ich treten unter diesem Namen auf – verstärkt Werbung zu machen. „Verrückt“, denke ich heute. Oder aber ich war mir unsicher, wie Menschen in meinem nahen Umfeld auf diese Seite, seisofrei-lebenskunst und mein neues Sein als Schreiberling reagieren würden. Mittlerweile denke ich: Es muss ja nicht jede(r) etwas damit anfangen können. Dass ich viel Freude dabei habe, ist sicher niemandem entgangen. Das viele Schöne, das auch durch diesen Blog Einzug in mein Leben erhält, spricht für sich. Zurück zum Licht: Ich möchte dazu ermutigen, kühner zu denken, sich Großes zu wünschen und zu einer warmen, gütigen, selbstbewussten Sonne zu werden, die ihre Mitmenschen dazu inspiriert, sich auch zu ihrer Größe zu bekennen.

Ich bin mir sicher: Tief im Innern ist ein Ort in uns, der stets voller Vertrauen ist und nicht müde wird, Vertrauen in die Welt zu tragen. Deshalb: Trauen wir uns, unseren ganz eigenen Weg zu gehen.

 

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