seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

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Mach mal Pause

Heute zum Ende der Woche möchte ich gern daran erinnern, wie wichtig & – ich wage zu behaupten – überlebensnotwendig Pausen für unser System sind. Ich weiß, es klingt abgedroschen, doch wenn wir nicht pausieren, drehen wir hohl, routieren wir bis ins Unermessliche, bis uns unser Körper oft unerbittlich daran erinnern muss, dass Grenzen erreicht sind.

Pausen sind für mich: kurzes Innehalten, bewusst einen bestimmten Duft, z. B. ein ätherisches Öl riechen, einfach eine Runde „um den Block“ gehen, oder noch effektiver: ein Waldbad nehmen, sprich mal ab den Wald; wenige gymnastische- oder Yogaübungen, ein paar Minuten aus dem Fenster schauen, Musik an & tanzen…Da fällt uns sicher allen etwas ein!

Ein letzter kleiner Tipp: Positiv besetzte, wohltuende einzelne Wörter denken, bewusst laut aussprechen hilft mir oft enorm! Neulich testete ich, wie sich das Wort „Geduld“ anfühlt, und ich stellte fest: gut, entschleunigend. So transportiert das Foto für mich (siehe oben, herzlicher Gruß aus dem Südschwarzwald!) ein ganz wohliges, Geborgenheit schenkendes Gefühl.

 

In diesem entspannten Sinne, gehabt Euch wohl!

Vom Manipulieren

Was verbindet ihr mit dem Begriff Manipulation? Sicher nichts Gutes! Ich behaupte, Manipulation ist in den meisten Köpfen negativ konnotiert – im Sinne von „heuchlerisch vorgehen, um sich einen Vorteil zu verschaffen“. Wenn wir sagen „Die oder derjenige ist aber ganz schön manipulativ“ ist das sicher kein Kompliment. Der Ursprung jedoch, das lateinische Wort manipulus, bedeutet ganz wertfrei „eine Handvoll“. Manipulatio heißt auch „Handgriff, Verfahren, Kunstgriff“. Und hier schließen sich die Fragen an: Ist Manipulation also nicht etwas Wertfreies, zutiefst Menschliches, unaufhörlich Stattfindendes?

Inspiriert wurde ich durch Kommunikations-Impulse von Veit Lindau. Dieser sagt, wir würden alle permanent manipulieren, dies sei auch nichts Schlimmes, im Gegenteil: In unserer Kommunikation versuchen wir in der Regel etwas zu erreichen oder eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Die Frage ist nur: Wie erfolgreich und ethisch integer manipulieren wir? Denn gewiss: Wir können auch hinterrücks, unethisch manipulieren. Dann etwa, wenn Heuchelei im Spiel ist – wenn wir so tun, also ob wir nicht manipulieren wollen und nicht zu dem stehen, was mir mit unserer Manipulation erreichen möchten. Oder aber wir üben Druck auf den anderen aus, wollen unser Gegenüber unbedingt von etwas überzeugen. Rat-Schläge können auch – ungefragt und zu massiv daherkommend – nach hinten losgehen, so dass der andere „dicht macht“ oder mit Gegendruck reagiert, selbst wenn der Ratschlag noch so gut gemeint und eventuell sogar hilfreich gewesen wäre. Sinnvoller ist es für mein Empfinden, den anderen zu fragen, ob er offen für Feedback ist.

Veit Lindau meint, oft würden wir auch extrinsisch, sprich von außen manipulieren – davon ausgehend, dass den anderen dieselben Sachen motivieren und begeistern wie einen selbst.

Warum nicht also von vornherein die Karten auf den Tisch legen? Sich gegenseitig möglichst authentisch und klar zu begegnen, Transparenz zu leben lässt die Kommunikation deutlich lebendiger und konstruktiver werden. Voraussetzung hierbei ist, dass du selbst klar bist, wie du manipulieren möchtest. Manipulation an sich ist wie gesagt nichts Verwerfliches, wir müssen nur wissen, was wir wollen.

Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind in manchen Kinderfreundschaften nicht getraut habe, verliehene Sachen wieder zurück zu verlangen. Meist habe ich mich gewunden und fadenscheinige Gründe gesucht, weshalb ich dieses oder jenes gerade wieder bräuchte, anstelle einfach zu sagen: „Bitte gib mir das zurück!“ Auch gerade in der Beziehung zum Partner formulieren wir Wünsche oft sehr gestelzt und unklar, anstelle zu kommunizieren: „Ich würde mich irre freuen, wenn du heute für uns kochst.“ Oder auch: „Was bräuchtest du, um das gerne zu tun?“ Häufig habe ich es schon erlebt, dass Menschen versuchen, mir irgendetwas schmackhaft zu machen, mich zu irgendetwas zu bewegen, die eigentliche Message jedoch umschiffen. Heute bin ich mir sicher: Hätte der andere klar formuliert, worum es ihm geht und offen zugegeben, dass ich etwas Bestimmtes für ihn tun sollte – es wäre wahrscheinlich völlig ok und machbar gewesen.

Wenn ich klar, bewusst und direkt manipuliere, Wünsche und Karten offen auf den Tisch lege, spare ich mir auch Irrtümer und vor allem (Gedanken-) Energie. Wichtig ist, dass die Manipulation einladend geschehen sollte, wie gesagt ohne Druck und Heuchelei. Das bringt mit sich, dass ich auch ein „Nein“ meines Gegenübers aushalten können muss, denn einladen bedeutet auch freilassen. Hier werde ich unter Umständen mit meiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert, denn ich mache mich mit meinen klar geäußerten Manipulationen und Wünschen auch sichtbar. Das „Nein“ des Gegenübers sollte meines Erachtens auch nicht zu persönlich genommen werden – er wird ja seine Gründe haben.

Veit Lindau brachte zum Thema „Wünschen“ mal einen wunderbaren Impuls, den ich in vergangener Zeit schon oft beherzigt habe. Er lautet wie folgt:

„Offen wünschen bedeutet: Der andere sieht wirklich, was in dir vorgeht und was du dir genau wünschst. Respektvoll wünschen bedeutet: Du wünschst es dir in dem Wissen, dass niemand verpflichtet ist dir deinen Wusch zu erfüllen.“

Ich finde: Das kann man regelrecht üben. So kann ich mir auch alle indirekten Wunschäußerungen wie zum Beispiel „Es müsste mal wieder das Bad geputzt werden“ oder ähnlich sparen.

Letztendlich geht es wie so oft in Beziehungen um ein liebevolles Aushandeln: Es geht darum, Schritte aufeinander zuzugehen und Schnittmengen zwischen meinen Wünschen und denen des anderen zu finden. Viel Freude dabei, und keine Angst vor’m Manipulieren!

Von der Falle weiter sein zu wollen

An dieser Stelle möchte ich einfach mal wieder an meine regelmäßig im Online-Magazin compassioner erscheinenden Artikel erinnern.

Dieses Mal habe ich mich folgendem Phänomen gewidmet: „Spirituell gesinnte Zeitgenossen“ wähnen sich oft in ihrer Entwicklung „weiter“ als sie’s tatsächlich sind. So gerne wollen wir oft freundlich, empathisch, liebenswürdig sein, um im Alltag festzustellen, dass wir manchmal auch gar keine Lust darauf haben – und uns gerne mal abgrenzen, vom Acker machen, den anderen sch… finden. Was ich auch nicht will: Stets den eigenen Anteil in einer (delikaten) Situation suchen, auch da ich gar nicht sicher bin, ob das immer sinnvoll ist.

Viel Spaß beim Lesen und weiterhin schöne Sommertage Euch:-)!

Echte Kommunikation – Von der Falle, weiter sein zu wollen, als man ist

 

Kundalini-Yoga

BlumenarrangementEine langjährige Freundin meiner Schwester – und auch ein mir sehr liebgewonnener Mensch – bat mich, Näheres über meine Erfahrungen mit Kundalini-Yoga zu schreiben. Nicht mit der Intention, alle Welt zum Praktizieren von Kundalini-Yoga zu animieren, sondern um meinen eigenen Weg zu mir, in mein Verständnis von innerer Freiheit zu beschreiben. Und sicher auch, um Wege, Werkzeuge, Methoden aufzuzeigen, die uns helfen können, uns in diesen (w)irren Zeiten auszurüsten und zu navigieren.

Hier nun also. Kundalini-Yoga wird oft als das „Yoga des Bewusstseins“ beschrieben. Es beinhaltet zahlreiche dynamische Übungen, Meditationen und das Singen von Mantren. Es geht darum, Bewusstseinsprozesse und –veränderungen zu initiieren, sprich immer klarer und bewusster zu werden, eigene Schleier nach und nach zu lüften. Der Zustand von Shunia, von Leere oder Stille – der sog. „Null-Zustand“, den wir suchen, ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Kundalini-Energie wird oft als die am unteren Ende der Wirbelsäule, wie eine Schlange zusammengerollte schlafende Kraft beschrieben, welche durch yogische Praktiken erweckt werden und aufsteigen kann. Ich persönlich finde das Bild hilfreicher, die Kundalini-Energie als unsere Lebensenergie zu betrachten, nicht als etwas Mysteriös-Externes. Im Praktizieren geht es um einen graduellen Prozess von Lebendiger- und Bewusster-Werden – es geht darum, immer vollständiger sein eigenes Leben zu leben.

Oft sind Menschen im (Irr-)Glauben, Kundalini-Yoga sei etwas Gefährliches, da immer wieder wilde Geschichten um das Erwachen der Energie kursieren. Das Kundalini-Syndrom gibt es tatsächlich, auch ist es ein feststehender Begriff in der Psychopathologie. Doch in der Tradition des Unterrichts von Yogi Bhajan arbeiten wir daran, die Energie langsam wachsen zu lassen. Die Kriyas (feststehende Übungsreihen) sind so konzipiert, dass „Sicherungen“ eingebaut sind, um sich immer wieder zu erden, sprich nicht abzuheben, so dass die Energie unten“ gesettelt“ bleibt.

Kundalini-Yoga ist eine Technik – vergleichbar mit einem Raketentreibsatz – die auch im Alltag praktikabel ist. Durch die bewegte Komponente kommt etwas Weiteres hinzu: Wir arbeiten am elektromagnetischen Feld, dies wiederum hat eine Rückwirkung auf unser Nervensystem, welches dank Kundalini-Yoga immer stärker wird. Wir lernen, uns immer weniger von den Polaritäten des Lebens hin- und herwerfen zu lassen. Wir lernen auch, selbst Energie generieren zu können und unseren Energielevel aufzufüllen, so dass wir mehr haben als wir brauchen. Unter diesen Umständen ziehen wir auch Menschen an. Voraussetzungen hierfür sind Selbstfürsorge und –liebe.

Satya Singh beschreibt Yoga auch als eine Veränderung in der Gesellschaft, deiner Position in der Gesellschaft – nicht nur als einen innerlichen Prozess. Das Ziel des Yoga, so Satya Singh, sei kein „von anderen losgelöster Erleuchtungszustand“, der dich in einem Ozean von ewigem Frieden schweben lasse, während alle anderen Leute weiter Probleme haben, sondern Ziel sei es, das untere Dreieck, sprich die unteren Chakren mit dem oberen Dreieck, den oberen Chakren, zu verbinden – hin zum Herzchakra. Es gehe darum, so menschlich wie möglich zu sein – Humor, Liebe, Toleranz walten zu lassen. Durch meine Ausstrahlung und Präsenz andere Menschen zu erheben.

Was ich außerdem wunderbar an Kundalini-Yoga finde: Es ist eine hervorragende Möglichkeit, deine Grenzen zu verändern und zu erweitern, mit den körperlichen die geistigen und emotionalen. Wir leben mit und durch Programme(n): „Ich muss pünktlich sein.“ „Ich sollte dies und jenes machen oder können.“ Und, und. Mit Yoga programmieren wir uns neu. Der Körper weiß, was ihm gut tut. Wir achten nur oft nicht darauf, da wir ein anderes Programm fahren. Es heißt, sobald du Kundalini Yoga praktizierst, wirst du wachsen und dich wie eine Schlange alter Häute entledigen müssen, um immer mehr zu dem oder der zu werden, der oder die du bist. Oder einfacher: Wir machen Yoga, um immer mehr wir selbst zu sein.

Die Frage „Welche Dinge stimulieren dich innerlich in deiner Seele?“ klopft dank Kundalini-Yoga immer dringlicher und lauter an. Mich zu trauen zu schreiben, auch öffentlich, ist in diesem Zusammenhang eine weitere „Nebenerscheinung“. Oft spüre ich, dass Menschen neben und mit mir zur Ruhe kommen, sich angenommen fühlen. Neben diesen heilsamen Aspekten konfrontierst du als Kundalini-Yogalehrer auch unbewusst: Du wirst zum Spiegel. Geschieht das Konfrontieren aus Liebe, ist es wunderbar und hat seinen Platz.

Was ich auch merke: Manchmal macht mich die Praxis schlicht glücklich, auch euphorisch – wenn nicht während der Asanas spätestens im Anschluss daran. Wie sagte unsere Ausbilderin so schön? Wir müssen unser Nervensystem auch erst einmal trainieren, es auszuhalten glücklich zu sein. In der Regel überflutet und unser Geist ja mit zahllosen Gedanken, den wenigsten davon zuträglich.

Sobald ich selbst Unterrichtserfahrungen als Kundalini-Yogalehrerin gesammelt habe, lasse ich Euch wissen, welche weiteren Erfahrungen ich mache. Wie hieß es so treffend in der Ausbildung? „Wenn ich selbst eine Erfahrung habe, kann ich meine Erfahrung auch weitergeben.“ Dies gilt sicherlich für viele Lebensbereiche.

Ich hoffe, ich konnte mit Euch das Geschenk teilen, welches mir dank Kundalini-Yoga zuteilwurde.

Alles Liebe von mir.

Antworten findest du in dir

Alles zu seiner Zeit

Oft will ich vieles sofort. Oder Bestimmtes genau jetzt. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Dinge Zeit brauchen, Antworten dann kommen, wenn sie dran sind. Wie häufig tendieren wird dazu, unser Leben fest im Griff haben zu wollen, Dinge beeinflussen und kontrollieren zu wollen!

Das Verrückte ist: Je häufiger ich einen Gang herunter schalte und es mir tatsächlich gelingt, etwas laufen und einfach sein zu lassen, nicht verändern zu wollen, umso eher und schneller kommt die Veränderung auch. Umgekehrt gilt: Je stärker ich die Zügel anziehe, je mehr ich mich krampfhaft, von außen motiviert anstrenge und in einen oft schon übereifrigen Aktionismus verfalle, umso verspannter und blockierter werde ich auch: Die gewünschte Veränderung lässt dann auf sich warten. Wenn ich feststecke in einer Gedankenschleife oder einer sich im Kreis drehenden Handlung gehe ich nun immer häufiger vor die Tür und vertrete mir die Beine im benachbarten Stadtwald. Ich kenne fast nichts – außer manchmal einfach nur dazusitzen – was mich wieder mehr zu mir selbst bringt, den Fokus vom Außen auf das Innen lenkt.

Das Zauberwort heißt Geduld. Oder ein schlichtes: Alles kommt zu seiner Zeit. Alles braucht seine Zeit. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich alles haben können, doch ich glaube, wir können vieles haben – nur nicht sofort, sondern dann wenn die Zeit und wir dafür reif sind. Je mehr ich so denke, umso stärker kann ich mich in mich hinein entspannen, umso tiefer kann ich ausatmen und somit loslassen.

Im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter kommen nun zahlreiche Aufgaben und Fragen auf meine Geschwister und mich zu. Zu allem Überfluss mussten wir kürzlich einen Wasserschaden im Elternhaus beheben und uns darin üben, die Dinge Schritt für Schritt anzugehen, uns da durch zu ackern und zu atmen. Viele Fragen sind offen, momentan wissen wir nicht, was konkret mit dem Haus geschieht, doch auch hier heißt es: Geduld. Es wird sich finden, und es wird sich fügen.

Manchmal brauchen auch unsere Träume Zeit. Nicht jeder alte Traum erweist sich in der Gegenwart als noch aktuell, gleichzeitig erfüllt sich ein großer Wunsch oft schneller als wir ahnen. Oder aber es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich ein Wunschtraum erfüllt. „In Sachen Schreiben“ hat sich für mich ein großer Traum verwirklicht bzw. wird sich voraussichtlich Ende des Jahres erfüllen – dazu mehr, wenn es soweit ist.

Zu unterscheiden, wann es Zeit ist loszulassen und wann es angezeigt ist dranzubleiben, ist oft alles andere als leicht. Von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, stammt der Ausspruch „Keep up and you’ll be kept!“, „Halte durch und du wirst gehalten!“, welcher mir schon in vielen Lebenssituationen geholfen hat, nicht nur in meiner Yogapraxis. Es gibt Dinge, z. B. eine 90-tägige Yoga-Kriya, zu denen verpflichte ich mich freiwillig, da ich davon überzeugt bin, dass sie mir zuträglich sind, auch wenn ich zwischendurch aufgeben möchte. Anderes wiederum, oft Dinge von denen wir meinen, sie machen zu müssen, kann ich fallen lassen, wenn sie mich hindern, meine eigene Spur aufzunehmen und zu verfolgen. Für dieses Unterscheiden sensibilisiert zu werden kann ich meiner Erfahrung nach üben. Oft schickt uns das Leben Zeichen, die wir nicht sogleich deuten wollen oder können. Es erfordert auch Mut, diese Zeichen nicht als Humbug abzutun, sondern wach und fein hinzuschauen und zu –spüren:

Was ist es, das sich zeigen will? Was konkret will mir das Leben gerade sagen? Wann darf ich geduldiger sein?

Genießt den Juli.

 

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

Trauriges verbindet – ich sage „danke“

O Täler weit, o Höhen

Sterbebegleitung, die von Herzen kommt, ist eine tiefgreifende und auch schöne Erfahrung. Unsere Mutter ist vor drei Tagen friedlich daheim eingeschlafen. Meine Schwester und ich haben Mama die letzten Tage begleitet – Kati hatte sich schon seit Wochen sehr intensiv gekümmert. Da unsere Mutter schwer erkrankt war, war uns allen klar, dass sie nur noch wenig Zeit haben würde. Nun ging es sehr schnell.

Der erste Tag, den unsere Mutter fast ausschließlich im Bett verbrachte, war Himmelfahrt. Mama hat sich schnell mit ihrer horizontalen Lage zufrieden gegeben („Schön im Bett“) – im Gegensatz zu Kati & mir: In einer aufwendigen Aktion beförderten wir unsere Mutter in ihren Liegestuhl in den sonnigen Garten. Dort angekommen war Mama zufrieden und behauptete, sie wolle noch leben – jedoch „nicht so doof“. (Sie litt unter ihren Einschränkungen, dem Verlust ihrer Stimme, die nur noch hauchend erklang und unserer Mutter, leidenschaftliche Chorsängerin, den letzten (Lebens-) Nerv raubte). Eine gute Stunde zuvor machte Mama Schwimmbewegungen mit dem Oberkörper und sagte mit verklärtem, motivierten Ausdruck, sie wolle in den Himmel fahren. Zwei Minuten später fragte sie: „Welcher Tag ist heute?“ Ich erwiderte: „Himmelfahrt“. Den Witz hat selbst meine Mutter in ihrem desolaten Zustand noch verstanden.

Wir verloren in diesen Tagen das Zeitgefühl. Und lernten Geduld und Demut. Mama erkundigte sich morgens, zwei Tage vor ihrem Tod, nach der Uhrzeit. „Viertel nach acht“, so meine Worte. „Das geht ja noch“ erwiderte Mama. Was auch immer dies hieß – es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Einstimmig stellten wir fest, dass Mama nun keine Termine mehr habe. Der Zustand unserer Mutter verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie wollte kaum noch etwas zu sich nehmen. Neben der Schwere, die mich umgab und die ich auch in mir fühlte, waren da auch tiefe Dankbarkeit, Freude und immer wieder sehr wohltuender Humor.

Zwei Tage vor ihrem Tod fragte Mama Kati: „Was mache ich hier?“ Die Frage war berechtigt. Und sie transportierte fehlende Orientierung, vielleicht auch Angst – selbst wenn unsere Mutter immer behauptete, sie habe keine Angst vor dem Sterben. Ihr christlicher Glaube half ihr hierbei enorm. Kati antwortete sehr ehrlich: „Mama, du liegst hier und wartest auf den lieben Gott und auf Papa. Und du kannst es genießen, dass wir dich hier gut versorgen.“

Wir sind sehr offen mit der Tatsache umgegangen, dass wir bald ohne Renate weiterleben würden. Mama wollte auch definitiv gehen. Nach dem Tod unseres Vaters hat sie die Kurve nicht mehr gekriegt und ist – mit Ausnahme weniger heller, freudvoller Momente – in ein tiefes Loch gefallen.

Kurz vor ihrem Tod drückten wir ihr noch das Telefon ans Ohr, so dass sie Schwester und Schwager in Kanada hören konnte. Sie selbst sagte nicht mehr viel, doch es war viel Liebe unter den Kommunizierenden zu spüren, zwischen den Zeilen auch Verzweiflung. Es war ergreifend, dieses letzte Gespräch unter Schwestern mitzuerleben. Momente, die ich sicher stets erinnern werde.

Ein Tag vor ihrem Tod verabschiedeten mein Bruder und seine Frau sich unter Tränen von Mama. Meine Schwägerin schlief neben Mama ein, und ich bewunderte Emel für den natürlichen Umgang, die Selbstverständlichkeit und Hingabe, die von ihr ausgingen. Wir drei Geschwister saßen später auch gemeinsam am Sterbebett – Claus, unseren verstorbenen Bruder, haben wir mit einbezogen.

Während wir Mama zärtliche Worte und Gesten schenkten sagte unser Bruder „Mama, du hast es so gut gemacht“. Da öffnete sie mit aller Kraft ihre Augen und schaute etwas ungläubig drein: „Was habe ich gut gemacht?“ Wir drei daraufhin einstimmig: „Alles!“ Letzteres war vielleicht etwas übertrieben, doch in jenem Momenten dachten wir offenbar: „Keine Einschränkungen mehr an dieser Stelle.“ Es waren auch lustige Momente, z. B. als Martin – sich positiv über den Tod äußernd – meinte: Nun, ganz so sicher sei er sich nicht, er habe mal gehört: „Alle die den Himmel loben waren noch nicht oben.“

Ich habe kurz vor ihrem Tod für Mama gesungen – Eichendorfs „O Täler weit, o Höhen“ und Bonhoeffers „Von guten Mächten“. Hier kam die Musiktherapeutin in mir durch. Ich glaube, es war auch stimmig – Mama sagte „schöne Stimme“ und ich spürte ihren inneren Aufruhr. Kurz darauf übergab sie sich, und ich zweifelte wieder daran, ob meine Gesangseinlage so passend war.

Am Morgen des 31. Mai – die Morhpintherapie in sehr geringen Dosen hatte am Tag zuvor begonnen – hatte Mama bereits ungewöhnlich kalt-klamme Hände – wie ich jetzt weiß ein Zeichen für den nahenden Tod, ein Erlöschen des Feuer-Elements, würden die Yogis sagen. Noch atmete sie. Interessant war auch, dass sie quer über das ganze Ehebett, sprich auch Papas Seite, ausgebreitet lag – was sie bis dato nie tat. Als wolle sie ihm näher und näher rücken.

Kati und ich stärkten uns am Vormittgag des 31. mit Hilfe einer Yoga-Kriya für starke Nerven. Es tat uns gut. Gleichzeitig erwähnte Kati immer wieder unsere Mutter – ob wir nicht oben bei ihr Yoga machen sollten. Ich meinte, da sei kein Platz. Wir blieben unten im Wohnzimmer. In dieser Stunde muss unsere Mutter „hinüber geglitten“ sein. Wir fanden sie – nun war auch das Luft-Element erloschen –  friedlich in ihrem Bett vor. Es heißt, es sei ideal, wenn ein Mensch zu Hause im eigenen Bett oder in einem guten Hospiz sterben kann. Wir sind so traurig wie dankbar, diese Erfahrung und Nähe geteilt haben zu können.

Ich fange an, den Tod tatsächlich gar nicht mehr so schlimm zu finden. Ich meine etwas von dem Frieden und Glück der anderen Seite erfahren zu haben. Vielleicht bedeutet der Tod ja wirklich kein Ende, sondern eine Transformation. Vielleicht brauchen wir keine Angst vor dem Tod zu haben und können stattdessen – frei von Todesangst – ein mutiges, erfülltes Leben leben.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Mamas Schwester in Kanada schlicht wusste, dass Renate genau an diesem Tag gestorben war. Eine enge Freundin meiner Schwester spürte dies ebenso –  sogar in der entsprechenden Stunde. Als Kati versuchte, kurz nach Mamas Tod unseren Freund und Pastor telefonisch zu erreichen und nur der Anrufbeantworter ertönte, war dieser offenbar bereits unterwegs und stand wenige Minuten später vor unserer Haustür. Es tat uns gut, mit ihm gemeinsam für Renate zu beten.

Vermutlich gibt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die unser Verstand schwer greifen kann. Eine Seele auf ihrer Reise ist ein schönes und gleichzeitig viele Fragen aufwerfendes Bild. Zutiefst dankbar sind wir unserem Onkel Heiner, Mamas Bruder, der die vergangenen Tage mit uns geteilt und uns viel Trost und Unterstützung geschenkt hat.

„Um leben zu können, musst du wissen, wie man stirbt.“

Satya Singh, Kundalini-Yoga-Ausbilder

 

Unsere tiefste Absicht

Heute möchte ich zu einem Gedankenexperiment, einem Perspektivwechsel einladen, bei welchem wir Erstaunliches über uns lernen können. Ich habe diesen Blickwinkel bei Veit Lindau aufgeschnappt und viele Tage in mir bewegt, auch damit gehadert und gekämpft. Ich bin verschiedene Situationen und Beziehungen meines Lebens gedanklich und emotional durchgegangen und habe mich gefragt: „Ist dem wirklich so?“

Nun zum Hintergrund:

Kann es sein, dass Dinge tatsächlich so passieren, mir gehäuft widerfahren, da sie meiner tiefsten Absicht entsprechen? Selbst wenn ich etwas bewusst nicht will, mir mein Verstand einredet, dies oder jenes zu wollen oder eben nicht zu wollen – ist es möglich, dass alles was mir bis jetzt passiert ist dennoch meiner tiefsten und wahrsten Absicht entspricht? Und wenn ja: Was ist der verborgene Nutzen?

Ein Beispiel: Angenommen, du gerätst immer wieder in Partnerschaften oder Beziehungen, die dir nicht gut tun, dir Kraft rauben. Du willst diese Beziehung nicht wirklich. Doch gibt es hier – auf der Ebene eines übergeordneten „kosmischen“ Wissens – eine Art größeres, ewiges Feld, an das wir angeschlossen sind – nicht evtl. eine wichtige Aufgabe für dich zu lernen?

Ein anderes Beispiel: Du willst Erfolg, einen ganz bestimmten Erfolg, doch stattdessen erlebst du dauerhaften Misserfolg, den du dir nicht erklären kannst. Kann es sein, dass du dich selbst boykottierst, bzw. ein Teil in dir boykottiert? Wohlmöglich begegnest du hier Ängsten, die dir vielleicht gar nicht bewusst sind. Erfolg könnte auch mehr Sichtbarkeit, Projektionsfläche für Neid und Unmut, neue Aufgaben, denen du dich evtl. noch nicht gewachsen fühlst bedeuten. Ist es möglich, dass ein Teil von dir diese Nebenschauplätze des Erfolgs lieber gar nicht erleben möchte? Oder umgekehrt: Wer sagt, dass bestimmte Dinge in deinem Erleben, die du mit deinem bewussten Verstand als Niederlage erlebst, auf der Ebene des „kosmischen“ Wissens vielleicht eine ganz wichtige Lektion sind, die du zu lernen hast?

Angenommen, du kannst dir nicht erklären, weshalb du einen bestimmten Menschen oder eine Situation meidest: Im Grunde siehst du hier nur Vorteile, andere sprechen dir auch gut zu und glauben, der oder das täte dir gut, würde dir zuträglich sein. Und trotzdem schwankst du, etwas in dir zögert. Im Nachhinein wird dir oft klar, dass deine Intuition dir etwas anderes zugeflüstert hat, etwas, das rational nicht zu erklären war und dennoch einer tiefen Wahrheit, deiner Wahrheit entsprach.

Was auch immer gerade schräg oder auf den ersten Blick unbefriedigend läuft in deinem Leben, frag dich doch mal:

Warum könnte dies meine wahre Absicht sein?

Was habe ich davon? Was sind die verborgenen Vorteile an dem, wie es ist?

Ich weiß selbst noch nicht, was ich von dieser Sichtweise halten soll, ob sie immer und überall zutrifft. Auch habe ich keine mathematischen Beweise. Dann sehe ich die Gefahr von „Schuldzuweisungen“, die das Einnehmen dieses Blickwinkels beinhalten könnte: „Ich bin selbst schuld, wenn mir dies und jenes wiederholt widerfährt.“ Ich glaube, darum geht es nicht. Es gibt schlicht zu viele Variablen und Einflüsse, die in die jeweilige Situationen und die Lebensumstände einfließen. Dennoch lohnt es sich, Situationen zu hinterfragen und sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Ein Jeder hat sicher schon viele kluge Dinge bei sich erkannt, doch an der Umsetzung hapert es. Dies liegt schlicht daran, dass unser Bewusstsein nicht nur Tages-, sondern auch Unterbewusstsein beinhaltet. Die treibenden Motoren in unserem Leben arbeiten die meiste Zeit über unterbewusst, wir nehmen sie nicht wahr. Selbst wenn wir glauben, etwas verstanden zu haben, lenken uns dennoch unterbewusste Prozesse, weshalb es uns zum Beispiel auch so schwer fällt, bestimmte Vorsätze tatsächlich in die Tat umzusetzen und durchzuhalten. Veit Lindau beschreibt in seinem Buch „Werde verrückt“ Methoden, anhand derer es uns gelingen kann, unser Unterbewusstsein für neue Richtungen zu begeistern.

Ich mache die Erfahrung: Jeder Mensch, der in mein Leben kommt, hilft mir, mich besser zu verstehen und mich weiterzuentwickeln. Interessanterweise verlassen Menschen meine Wirklichkeit auch wieder, oder ich ziehe mit zunehmender Weiterentwicklung andere Leute in mein System – Menschen, die mehr zu mir und meiner Art zu ticken passen.

Ich glaube, die Dinge passieren nicht „einfach so“, sondern entwickeln sich von innen heraus – aus für uns oft unersichtlichen oder erst im Nachhinein verstehbaren Gründen.

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