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Erlebtes & Belebendes

Kategorie: Tiefen und Abgründe des Lebens (Seite 2 von 4)

Domestizierter Hund oder wilder Wolf?

Ich glaube, die meisten Menschen halten sich sehr zurück, wenn es darum geht, ihr Inneres nach Außen zu kehren. Ich frage mich oft, weshalb dem so ist – es muss mit Konditionierungen, ggf. in sehr frühen Zeiten zu tun haben. Wir deckeln uns alle ungemein. Warum? Vermutlich aus Angst.

Ich wage zu behaupten: Wir leben große Teile unseres Lebens unter einer Käseglocke. Wir verlieren – zumindest in unserer Kultur – die Reinheit, das Unschuldige, Spielerische, ja, auch das Wilde auf unserem Weg ins Erwachsenendasein. Wie schade. Und wie erfrischend gleichzeitig, Kinder in ihrer meist ungezügelten Art zu beobachten. Dies heißt keineswegs, dass aus introvertierten Zeitgenossen plötzlich expressive Extrovertierte werden sollen. Ich kann mein Introvertiert-Sein, mein Bedürfnis nach Einkehr und Zeit für mich ja wunderbar leben und gleichzeitig den inneren Regungen in mir neugierig begegnen ohne etwas zu unterdrücken.

An diesem Wochenende – während einer astrologischen Beratung bei „Navigator“ Harry und einem weiteren Ausbildungswochenende im Rahmen meiner Kundaliniyoga-Lehrerausbildung – habe ich sehr viel über mich und zwischenmenschliches Verhalten gelernt. Mir ist klar geworden, wie sehr ich mich selbst noch zurückhalte, wie schwer es mir fällt, mich zu trauen, ganz nah an mich heran zu treten und zu schauen, was da noch alles so in mir schlummert. Da ist immer noch Angst in mir – vor Selbstausdruck, vor Ablehnung durch andere, davor zu entdecken, wie machtvoll ich bin, wieviel Kraft und Energie in mir steckt. Verrückt. Doch wahr. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich damit nicht allein bin.

Es ist eine ungeheuerliche und gleichzeitig tief befreiende Entdeckung, eigenen blinden Flecken auf die Spur zu kommen. Auf einmal verstehe ich auch, weshalb ich einer Weggefährtin vor Jahren wiederholt vorgeworfen habe, sie sei so kontrolliert und hätte Angst, Farbe zu bekennen: Ich bin meiner eigenen Tendenz, Kontrolle ausüben zu wollen, meiner Angst, mich mit Angst und Unzulänglichkeit zu zeigen, auf die Schliche gekommen. Angst wiederum hält mich von bestimmten Gefühlen, beispielsweise Scham, fern, bzw. sie schützt mich vor Gefühlen wie Scham. Ich fühle nicht, doch ich lebe auch nicht. Scham ist das Gefühl, falsch zu sein – im Grunde der Knackpunkt, der uns vom Leben fernhält.

Ich sehne mich nach tiefem Vertrauen. Vertrauen in mich, dieses Leben, eine höhere Macht. Wahnsinnig gerne möchte ich mich hingeben, meinen Kopf ablegen – die ganzen Kopfgespenster und Sorgen Mutter Erde übergeben. (Im Übrigen ist die sog. „Baby Pose“ aus dem Yoga eine schöne Möglichkeit, das Herz über den Kopf „zu stellen“: Auf den Fersen sitzend beugen wir uns nach vorne und legen die Stirn auf den Boden). Das Bekannte für das Unbekannte aufgeben – wie oft trauen wir uns das wirklich?

Sicher können wir auch im Alltag viel spielerischer sein als wir’s oft sind: mit Worten, Bewegungen, Begegnungen und Situationen jonglieren. Eine alltägliche Verrichtung wie das Wasser-Einschenken und Trinken mal im Schneckentempo vollziehen, ganz achtsam. Grundlos Grimassen schneiden. Einem Gegenüber einen ungewöhnlichen Gedanken zuwerfen. Tanzen wenn uns danach ist. Seit diesem Wochenende übe ich mich in Folgendem: Wenn’s in mir denkt „Das ist jetzt aber beknackt“ tu ich’s trotzdem. Oder gerade. Herrlich.

Ich behaupte: Der Blick auf den sog. Ernst des Lebens geht uns dennoch nicht verloren. Da bin ich mir sicher. Die meisten von uns sind mehr als pflichtbewusst. Dinge, die aus selbst gewählter, uns auf unserem Herzensweg unterstützender Disziplin geschehen, sind sinnvoll und wunderbar, doch die von außen auferlegte, mitunter auch unreflektierte Pflichterfüllung darf meines Erachtens immer wieder hinterfragt werden. Dinge aus „innerer Einsicht“, resultierend aus den eigenen Wertmaßstäben heraus zu tun ist etwas anderes, als besinnungslos im Hamsterrad zu laufen, überspitzt formuliert.

Unseren inneren Kritiker können wir immer wenn er zu laut und dominant wird besten Gewissens liebevoll doch deutlich in die Schranken weisen. Wie sagte unser Yogalehrerausbilder Atma Singh kürzlich so treffend: „Gott segne dich, innerer Kritiker – doch ich unterrichte  jetzt Kundalini-Yoga.“ (Sollte unser Verstand beispielsweise während einer Unterrichtsstunde mal wieder zu sehr ins „Rödeln“ geraten und sich in den Vordergrund drängen).

Woran ich uns heute alle erinnern möchte: Lasst uns trauen, unsere Schleier nach und nach zu lüften, immer klarer zu werden und dabei zu denken:

„Das Leben passiert FÜR mich!“

 

Wenn uns etwas in Aufruhr versetzt…

Fragen Spiegeltechnik

 

Auch wenn’s schwer fällt: Es lohnt sich ungemein, sich diese Fragen zu stellen. Immer wenn dich etwas sehr stark berührt, in Aufruhr versetzt,empört, aufregt, ärgert. Ich wage sogar zu behaupten: Andernfalls bewegen wir uns nicht vom Fleck.

Gleichzeitig dürfen wir uns vergegenwärtigen:

Alles was der andere kritisiert an mir und mir vorwirft oder anders haben will und bekämpft, und mich dies nicht berührt, ist sein eigenes Bild, sein eigener Charakter, seine eigenen Unzulänglichkeiten, die er auf mich projiziert.

In diesem Sinne: Frohes Erkennen:-)!

 

 

Selbsterkenntnis kann wehtun

Selbsterkenntnis kann wehtun. Momente  in denen wir erkennen, dass unsere Sicht der Dinge eben auch nur unsere Sicht der Dinge ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ein kleiner Ausschnitt des Ganzen.

Neulich erkannte ich im Gesicht meines Gegenübers ganz deutlich mich selbst; ich verstand, dass ich einen geliebten anderen Menschen, über den wir sprachen, auch nur mit meiner eingeschränkten Wahrnehmung – meinen eigenen Filtern und Erfahrungen – sah. Dabei registrierte ich eine Seite in mir, die mir nicht gefiel, für die ich mich in jenem Moment schämte: Es zeigte sich ein sich über den anderen erhebender Teil in mir, der meinte, in seiner Entwicklung weiter zu sein als der Mensch, über den ich mir Gedanken machte.

Im Nachhinein denke ich: Was genau weiß ich denn über die Entwicklung des anderen? Wie komme ich darauf, mir anmaßen zu können, zu wissen, vor welcher Aufgabe dessen Seele gerade steht?

Oft ist es so: Wir glauben einen uns nahstehenden Menschen zu kennen, wo wir uns doch in uns selbst nur sehr unzulänglich auskennen. Wir glauben zu wissen, was der andere tun müsse, was ihm gut täte, was richtig für ihn sei. Zum Glück stolpern wir oft an diesen Stellen über uns selbst, zum Glück bringt uns das Leben immer wieder dazu, uns einer Frage, einem Thema neu zu widmen, uns selbst zu hinterfragen (wenn wir uns das denn trauen), demütig zu werden.

Was meine eigene Entwicklung angeht, so spüre ich, dass die Kundaliniyoga-Praxis mich ganz schön durchschüttelt. Wie sagte unsere Ausbilderin Amrit Kaur so treffend? Yoga praktizieren bedeutet nicht, dass alles leicht, nett und schön ist. Das Karma, welches dir begegnen soll, strömt schneller auf dich zu. Oder anders formuliert: Dinge, die du lernen sollst, kommen zügiger und intensiver auf dich zu, Wachstumsimpulse werden schneller zu dir hingezogen. Nicht immer leicht und angenehm, wie ich feststelle.

Aufschlussreich sind auch jene Momente, in welchen ein anderer eben nicht das sagt, was wir gerne hören würden. Oft denken wir denselben Gedanken immer und immer wieder, er brennt sich ein in uns. Wir glauben uns im Recht. Umso überraschter sind wir, wenn wir plötzlich etwas Unerwartetes zu hören bekommen, einen Gedanken, der unserer „Denke“ nicht entspricht, manchmal auch komplett widerspricht.

Nun glaube ich zu wissen: Jene Situation, in der ich mich im anderen spiegelte, einen Zug an mir wahrnahm, der mir nicht schmeckte, meine Überzeugungen auseinander brachen und es wieder neu in mir zu denken begann, war Gold wert. Ich wurde sehr ruhig. Und traurig. Und plötzlich ließ etwas in mir los: Ich musste mich selbst nicht mehr davon überzeugen, im Recht zu sein. Es durfte plötzlich alles genau so sein, wie es gerade war. Die Schönheit der ungeschminkten Wahrheit offenbarte sich mir. Es waren heilige Momente, in denen ich innerlich sanft und weich wurde. Da ich weder mich selbst noch den anderen anders haben wollte.

Vor kurzem hatte ich ein tiefes Gespräch mit meiner Mutter: Ich erzählte ihr von meiner eigenen Familie, von vergangenen Schwierigkeiten und Dingen, die aus meiner Sicht nicht gut liefen jedoch zu gegebener Zeit offenbar nicht besser bewerkstelligt werden konnten. Meiner Mutter, der es bis dato meist schwer fiel, Negatives an sich heran zu lassen – direkt Betroffenes oder ihre Kinder betreffend – zeigte sich von einer sehr verständnisvollen, weisen Seite. Ich spürte, wie wohltuend es ist, sich zu öffnen – auch und gerade mit den Dingen, die angst- oder schambesetzt sind. Dieses Teilen mit meiner Mutter, dieses gemeinsame Erfahren von „Manchmal tut das Leben weh, doch es ist wie’s ist“ war ein erhabener Moment.

Nochmals: Was wäre, wenn wirklich alles da sein dürfte – die Selbstverurteilung, unliebsame Eigenschaften, für einen Moment auch das Verurteilen des anderen? Und was würde passieren, wenn wir einen anderen mit genau diesen weggedrückten, wiederentdecken Anteilen konfrontieren, uns öffnen würden?

Ich durfte diese Erfahrung in kurzer Zeit gehäuft machen: Was geschah war heilsam. Oder anders: Heilung geschah. Der Satz „Liebe umarmt alles“ kam mir in den Sinn. Je mehr und öfter ich Liebe statt Angst wähle und je mehr ich Liebe in die Welt trage, umso stärker kann ich andere inspirieren, ebenfalls in der Liebe zu sein! Ein schöner Gedanke. Und eine noch schönere Erfahrung.

 

Sich dem Leben radikal zuwenden

Ich betrachte den Tod als besten Lehrmeister und Ratgeber: als Erinnerung und Chance, sich radikal dem Leben zuzuwenden. Ich möchte JETZT leben, voll und ganz – und vor allem auch vollständig. Immer häufiger nehme ich einen Aufruf wahr, zu lernen, die Dinge vollständig zu machen. So zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben. Dies ist ein Prozess, und ich kann nicht behaupten, dass ich das meiste schon zu einer Vollständigkeit, einer befriedigenden Vollendung gebracht hätte. Doch das Erinnern daran, das Inne-Halten und Sich-Bewusst-Machen, wie kurz unser Erdenleben letztendlich ist, hilft mir.

Aus yogischer Sicht wird angenommen, dass die Seele hier auf Erden nur eine zeitweise Behausung findet. So gesehen ist der Tod auch nichts Schreckliches. Yogi Bhajan vergleicht den Aufenthalt der Seele auf Erden mit dem Aufenthalt in einem Motel. Alle Spiritualität hat das Ziel, sich auf den Tod vorzubereiten, nicht in einem morbiden Sinne, sondern – da komme ich an den Anfang zurück – in einem totalen Ja zum Leben. Yogi Bhajan sagte:

Es ist dein Geburtsrecht glücklich zu sein.“

Wir müssen uns nicht mit einem unglücklichen Leben zufrieden geben, sondern können uns immer wieder auf den Weg, auf die Suche machen, das zu leben, was wirklich gelebt werden will – auf einer tiefen, erfüllenden Ebene. Das Ziel aus yogischer Sicht ist es, während des Lebens befreit zu werden und nicht damit zu warten, bis man tot ist. „Jiwan Mukt“ heißt soviel wie „befreites Leben“. Es bedeutet, mit einem tiefen Verständnis für die Wirklichkeit des Lebens, des Todes, der Seele und der eigenen Aufgabe zu leben.

Die Konzepte von Karma und Inkarnation mögen für jeden einzelnen unterschiedliche Bedeutung haben. Vom Leben und Tod hat ein jeder sicherlich seine ganz eigenen Vorstellungen, seinen eigenen Glauben und auch seine eigenen Hoffnungen. An was auch immer wir glauben: Es lohnt sich, sich die letzten 20 Minuten seines Lebens vorzustellen und sich zu fragen, was angesichts meines baldigen Todes tatsächlich bedeutsam ist, oder um mit Veit Lindau zu sprechen bzw. zu fragen:

Wie sollte ich mich in diesem Moment in meiner Vergangenheit entschieden haben, um jetzt, am Ende, zufrieden zurückschauen zu können?“. Und:

„Willst du am Ende sicher durchkommen oder voll geöffnet sein?“

Gerade vor ein paar Tagen habe ich meine – wie’s so schön modern heißt – Bucket-List aufgefrischt: Dinge, die ich in meinem Leben machen möchte. Gleichzeitig war ich froh zu bemerken, dass ich mir diverse Wünsche bereits erfüllt habe und wiederum andere Dinge heute keine Relevanz mehr haben. Momentan stehen dort Dinge wie: eine Zeit auf dem Land leben, mit meiner Schwester nach Bali reisen, jemandem beim Sterben begleiten, Artikel für ein Print-Magazin schreiben, Schlagzeugunterricht nehmen, mit unserem Sohn eine Fernreise, nach Japan oder in die USA unternehmen, auf das internationale Kundalini-Yoga-Festival nach Frankreich reisen, Yoga unterrichten, mit meinem Mann eine Ruhrpott-Radtour und eine Alm-Hüttenwandertour machen; „abgefahrene“ Dinge wie „einen Astrologen und Schamenen aufsuchen“, doch auch Profaneres wie z. B. Energiekugeln selber machen, im Sommer regelmäßig auf dem Balkon schlafen, Gemüse anbauen und, und.

Was am Ende zählt.

 

Von Lebenszyklen, Krisen und Veränderungen

Viele Menschen haben Angst vor Veränderung. Ich vermute, wir alle fürchten bestimmte Umbrüche im Leben: Trennungen, Verluste, hormonell und zyklisch bedingte Veränderungen, den Tod.

Heute möchte ich mit Euch Erkenntnisse, die ich in meiner Yoga-Ausbildung sammle, teilen. Gleich zu Beginn eine kühne These: Aus yogischer Sicht ändert sich nach 7 Jahren dein Bewusstsein, nach 11 Jahren deine Intelligenz und nach 18 Jahren dein ganzes Leben. Wie konkret diese Zahlen und Intervalle zustande kommen, vermag ich an dieser Stelle nicht zu sagen – ich schmeiße sie einfach in den Raum. Denn entscheidend ist, dass das Leben Veränderungen unterliegt – wie heißt es so schön?

Veränderung ist die einzige Konstante im Leben, das einzige, auf das du dich wirklich verlassen kannst.

Demnach gibt es Lebenszyklen & -rhythmen, die unser aller Leben gestalten.

Oft gehen Übergänge in etwas Neues mit Krisen einher – der neue Bewusstseinsschritt will vorbereitet werden. Krisen sind Transformationsprozesse, die in der Regel schmerzhaft ablaufen und uns am Ende – gesund überstanden – mit mehr Stärke ausrüsten und uns weiser machen können. Bei den Yogis heißt es, Krisen sollten weder vermieden noch krampfhaft aufgesucht werden. Ein manches Mal erleben wir auch nur ein leichtes „Geruckel“, keine handfeste Krise. In dem einen oder anderen Fall darf ich mich fragen:

Welche Themen habe ich mir noch nicht angeguckt?

Das Anschauen der eigenen Themen ist eine großartige Chance, doch oft blockieren wir hier, sind nicht dafür bereit.

Viele Menschen versuchen die Veränderung zu vermeiden. Wir alle haben Widerstände und Vermeidungsstrategien, um uns nicht zu konfrontieren. Unsere Yoga-Ausbilderin benutzte kürzlich folgendes Bild: Es ist als würden wir einen Gullideckel herunterhalten und unsere gesamte Energie darauf verwenden, diesen unten zu lassen.

Es gibt viele Methoden, sich unbewusst zu machen: rauchen, trinken, Drogen, wenig Schlaf, auch streiten. Wenn ich mir ein bestimmtes Thema über längere Zeit nicht angeguckt habe, kommt die Krise auch oft in Form einer Krankheit.

Jetzt wird’s noch mal spannend und für den einen oder anderen wohlmöglich befremdlich: Weiterentwicklung und Bewusstwerdung bedürfen eines durchlässigen Unterbewusstseins. In der Regel hat sich in unserem System viel Ungeklärtes aufgestaut: innere Muster, veraltete Glaubenssätze und Konditionierungen. Das Unterbewusstsein ist bildlich gesprochen verstopft. Um dieses durchlässiger zu machen, zu reinigen und somit immer bewusster zu werden, können verschiedene Methoden angewandt werden: Meditation ist eine wunderbare Möglichkeit, um sich vom Alltags-Bewusstsein immer mehr in Richtung unseres höheren Bewusstseins zu bewegen; das nächtliche Träumen gehört dazu, möglicherweise – und je nach Geschichte & Situation –  macht auch Psychotherapie Sinn, um unserem System Luft zu verschaffen; durch das  Älter-Werden, das Leben in und durch meinen Lebensrhythmus, wird unser System automatisch gereinigt.

An dieser Stelle noch ein paar abschließende Worte zur Krise: Im Krisenmodus ist es wichtig, sich zu erden: kochen, gut und bewusst essen, aufräumen, spazieren-gehen, Gartenarbeit – all dies kann helfen, um durch eine Krise nicht „weggepustet“ zu werden. Wenn du jemandem in der Krise helfen willst, muss ein Bein festen Boden haben – dieses Bild kannst du auch auf dich selbst anwenden.

Ich wünsche uns allen einen wachen Geist und ein weites Herz, um auch stürmischen Zeiten mit Wohlwollen, Weitsicht, einer gewissen Gelassenheit und Liebe zu begegnen.

 

Dem Sinn auf der Spur

Wer kennt sie nicht – diese Gedankenspiele: Warum ist mir damals dieses oder jenes widerfahren? Was wäre, wenn ich an der Stelle anders abgebogen wäre? Weshalb musste ich durch diese bestimmte Situation oder Zeit hindurch? Und warum passiert mir dieses oder jenes gerade jetzt?

Vor ca. 4, 5 Jahren war ich – ohne mir so bewusst darüber zu sein – auf der Suche: nach meinen Aufgaben im Leben, einem tieferen Sinn über die bisherigen Aufgaben und Rollen, insbesondere der der Mutter und Musiktherapeutin hinaus. Es war eine Zeit, in der für viele Familien mit einem Kind sicherlich ein zweites „angestanden hätte“ – doch dies war nicht unser Weg, aus verschiedenen Gründen. Nicht immer war ich glücklich und voll eins mit den Begebenheiten, und auch heute noch denke ich öfter darüber nach, wie Yossi sich mit einem Bruder oder einer Schwester entwickelt hätte.

Gleichzeitig weiß ich hier & heute: Es ist gut wie’s ist. Und: Offenbar sollte es so sein. Ich hadere nicht, auch wenn mich hin und wieder die Sehnsucht nach einem weiteren Kind heimsucht. Ich akzeptiere diese Sehnsucht mittlerweile und finde dieser Tage so viel Stimmigkeit und Fülle in meinem Leben, dass ich in erster Linie sehr dankbar und selig bin, für all das, was ist.
Was nicht heißen muss, dass diese Akzeptanz immer da sein wird: Eventuell bin ich irgendwann wieder einmal traurig, wenn ich darüber nachdenke, wie es mit weiteren Kindern gewesen wäre – auch das ist Teil des Lebens.

Vor besagten 4, 5 Jahren wusste ich noch nicht, dass ich einmal öffentlich schreiben würde, dass ich mich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lasse und sehr intensive Zeiten und wunderschöne Unternehmungen mit unserem Sohn – wir haben schon ein besonderes Verhältnis – genießen würde. Sehr gespannt bin ich, was nach so kommen mag. Ich fühle mich immer mehr verbunden, was ganz sicher auch Auswirkung des Kundalini-Yogas ist.

Damals gab es auch – der Engländer würde sagen – viel ‚struggle‚ in unserer kleinen Familie. Was da jedoch auch immer war: zum einen ein Gefühl von ‚Es soll so‘, ‚wir dürfen hier alle lernen und wachsen‘, zum anderen eine Ahnung von: ‚Da warten noch viele schöne Aufgaben für mich im Leben‘. Und diese Aufgaben, dieser tiefe Sinn in allem, der wird mir nun zunehmend bewusst.

Manchmal brauchen wir offenbar einen langen Atem, was nicht immer leicht ist. Wir dürfen aushalten lernen, dass uns nicht ständig zuteil wird, warum dies oder jenes gerade geschieht oder nicht geschieht, weshalb sich auch Träume gegebenenfalls nicht erfüllen. Oft kommen wieder neue Träume um die Ecke, oder aber der alte Traum entpuppt sich als eine Illusion, als etwas Fremdes, das offenbar doch nicht zu uns gehört.

Neulich hatte ich einen spannenden Emailaustausch mit einer sehr lieben Bekannten: In ihrem Leben haben sich innerhalb sehr kurzer Zeit gleich zwei sehr große Träume erfüllt – sie schien davon schon regelrecht benommen, und wir diskutierten die Frage, was dann eigentlich passiert, wenn Träume plötzlich geballt wahr werden. Gewissermaßen muss man sich davon erst mal erholen, fühlt sich gegebenenfalls auch leer, und fragt sich etwas ängstlich: „War’s das jetzt, oder folgen noch neue Träume?“

Ich glaube fest daran, dass auf erfüllte Träume auch neue Träume folgen. Überhaupt glaube ich daran, dass wir Träume leben und auf die Straße bringen sollten, dass wir uns zumindest immer wieder auf den Weg, auf (Sinn-) Suche begeben sollten. Die Seele will wachsen, reifen, fliegen. Das Leben will erfahren und voll ausgekostet werden. Nur zu.

Ganz liebe Grüße von mir

Kontakt findet an Grenzen statt

bild-kontakt-grenzenEine Heilpraktikerin sagte einmal zu mir: „Kontakt findet an Grenzen statt.“ Über diesen Satz habe ich oft nachgedacht und im Laufe der Zeit zahlreiche Beispiele für das Wahre an dieser Aussage gefunden: Beziehung wird immer dann spannend, wenn wir uns in unserer Tiefe begegnen, wenn wir den anderen an einem Punkt berühren, der ihn oder uns bewegt, der noch nachhallt oder einen von beiden in Aufruhr versetzt. Wenn wir den Mut haben, unsere innere Wahrheit mitzuteilen, unsere Bedürfnisse und Werte auf den Tisch zu legen, auch wenn wir dadurch verletzbarer werden und das Gegenüber gegebenenfalls enttäuscht oder ablehnend reagieren könnte.

Oft haben wir ein bestimmtes Bild von jemandem im Kopf, meinen ihn zu kennen und wollen auch keine große Energie aufwenden, dieses Bild zu ändern oder zu erweitern. Gerade in Momenten, in welchen der andere vielleicht nicht in der gewohnten oder erhofften Manier reagiert, können beide Beziehungspartner wachsen, kann die Beziehung reifen. Natürlich wird dann oft auch am Eigenen – an der bestehenden Lebensmethode, dem eigenen Lebensmodell – gerüttelt; das ganze System, das Feld, in dem sich die Beziehung bewegt, gestaltet sich neu. Diese Momente sind Chancen, auch wenn wir es eventuell nicht gleich wahrhaben wollen. Schaffen wir es, uns immer wieder für neue Erkenntnisse und Begegnungen mit uns nahen Menschen „leer“ zu machen, dem anderen immer wieder mit frischem, offenen Blick zu begegnen, so denken und fühlen wir uns frei, und es eröffnen sich ganz neue Spiel- und Begegnungsräume.

Jemand, der seine eigenen Gefühle gut wahrnehmen kann und auch Unangenehmes nicht unterdrückt, kann sich meines Wissens auch leichter und tiefer in andere Menschen einfühlen, wird empathischer. Nehme ich zu meinem eigenen Herzen mitfühlend immer engeren Kontakt auf, fällt es mir auch leichter, einen anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Lerne ich meine dunklen Seiten, meinen tiefsten Schmerz immer besser kennen, so wächst mein Verständnis für den anderen und seine „Abgründe“. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn wir in Bezug auf den anderen oder unsere Beziehung eine genaue Vorstellung haben, wie dieser bzw. diese aussehen sollte. Die Beziehung hat hier die Chance, in und an solchen „Grenzmomenten“ zu wachsen, tiefer zu werden, oder aber es trennen sich Wege vorrübergehend oder ganz.

Wenn eine deiner Werte mit denen deines Beziehungs-Gegenübers – Partner, Freund, Kollege – in Konflikt gerät, kann dies Stress erzeugen. Wünschenswert wäre es meines Erachtens, wenn beide Parteien akzeptieren könnten, dass jeder das Recht hat, der zu sein, der er ist. (Während ich den letzten Satz schreibe kommt mir der mich seit Tagen enorm bewegende Berlin-Anschlag in den Sinn und ein Teil von mir zweifelt extrem an dieser Aussage).

Wahrhaftige, tiefe Begegnung bedarf meiner Erfahrung nach des Mutes und der Ehrlichkeit: Lege ich meine Wahrheit möglichst offen auf den Tisch und formuliere meine Werte und ihre konkrete Bedeutung so klar wie möglich, können sich Missverständnisse auflösen.

Was ich auch lerne: Antworten finde ich stets in mir. Habe ich beispielweise einen Konflikt mit einem anderen, kann ich mich sehr auf diesen anderen, seine Fehler und Unzulänglichkeiten konzentrieren und mich immer weiter in das Beziehungsdrama einschwingen. Wirklich helfen wird es mir nicht. Ich darf mich stattdessen fragen: Was soll ich hier lernen? Was ist in mir noch nicht bereinigt? Und auch: Was darf ich getrost- und möglichst mitfühlend –  beim anderen lassen, was gehört nicht zu mir?

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Herzlichst, Carolin

 

Das Leben trägt

winterwaldDie folgenden Zeilen fallen mir schwer, gehen mir nicht wie so oft leicht von der Hand. Ganz einfach, da mir Worte fehlen und ich gleichzeitig etwas beschreiben und teilen möchte, das mir so wichtig ist: Im Grunde eine Art Lebensmotto, ein mir innewohnendes „In-der-Welt-Sein“:

Ich fühle mich vom Leben getragen. Nicht immer, doch zunehmend erlebe ich: Es kann noch so unangenehm zugehen, noch so schmerzhaft sein – das Leben trägt mich. Je länger ich lebe, je tiefer ich mir begegne, umso deutlicher spüre ich dieses Getragen-Werden.
Es heißt selbstverständlich nicht, dass mir das Leben nur das schenkt, was ich möchte. Und es heißt auch nicht, dass ich nicht oft auch tierisch großen Schiss habe, mich ins Ungewisse zu stürzen. Für mich heißt es, dass ich auch im Moment des Fallens, am Tiefpunkt einer Krise, im größten Schmerz spüre, dass es so sein darf, dass es Sinn macht, auch wenn dieser sich oft nicht sofort erschließt. Dass es zum Mutig-Losgehen der Angst bedarf, dass ich gerade in den Momenten, in denen ich keine Ahnung habe, was folgt, ja, getragen werde. Ich lerne: Ich kann mich dem Leben hingeben, seiner Weisheit vertrauen. Karoline Herfurth sagte einmal in einem Interview, das Leben sei oft klüger als man selbst.
Viele kleine oder große Sprünge ins Ungewisse lehren mich die Erfahrung des Getragen-Werdens. Ich lerne auch: Ich muss gar nicht alles hier und heute und sofort wissen. Gerade in diesem Nicht-Wissen, in dieser Leere, werden neue Erkenntnisse und Impulse geboren. Ich mache immer öfter die Erfahrung: Ich weiß alles was jetzt gerade wirklich wichtig für mich ist! Scheinbar paradox, und doch wieder gar nicht.
Kierkegaards Satz

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts

hat sich für mich schon viele Male als wahr erwiesen. Oft reicht es mir einfach zu wissen: „Du musst es zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen – es wird der Moment kommen, in dem du das Vergangene einordnen kannst.“
In meinem vor einiger Zeit besuchten „Liebe statt Angst“-Yogaworkshop machte eine Teilnehmerin eine für sie prägende Erfahrung:

Während einer 11-minütigen Meditation, in der es darum geht, sich selbst zu segnen, indem eine Hand auf das Herzzentrum gelegt wird und die andere den höchsten Punkt am Kopf, den Scheitelpunkt, berührt, hatte sie das Gefühl, dass nicht sie ihren Arm und ihre Hand hochhält, sondern dass diese getragen werden.
Die Frage „Was will das Leben von mir ?“ breitet sich mehr und mehr in mir aus, weniger: „Was will ich vom Leben?“ Mich zieht es immer mehr dahin, mich hinzugeben, zu empfangen – nicht permanent etwas zu wollen und wieder zu wollen, sondern auch mal abzuwarten, still zu werden, zu lauschen, was sich da leise – in mir, um mich – offenbaren möchte. In dieser Haltung beschenkt mich das Leben meist in besonders wertvoller Weise. Danke Leben!

Kennt Ihr diese Momente des Getragen-Werdens?

Ehrlich sich selbst gegenüber – Teil 2

Tränende HerzenLetztes Mal schrieb ich darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, sich einzugestehen, was wirklich gerade Sache ist, wo Veränderungsbedarf besteht. Heute möchte ich das Thema vertiefen, da ich spüre, wie wichtig es mir ist und welche immensen Entwicklungschancen es auch für das Miteinander bereithält.

Unser Umzug in eine neue Wohnung, das Ausmisten und Neustrukturieren bringt dieser Tage auch viele innere Prozesse – Erinnerungen, Wünsche, Abgeschlossenes, Nicht-Erledigtes oder -Erfülltes – nach außen. Ich staune, dass wir viel Freude und Humor an den Tag legen, trotz des Chaos‘ und der Arbeit, die uns umgeben. Wir hatten daheim bemerkenswert viel Spaß in jüngster Zeit. In diesem frischen, wahrhaftigen Austausch insbesondere mit meinem Mann kam auch vieles zur Sprache, das mich tief berührte, das mir auch weh tat, da es mich mit Seiten konfrontierte, die ich an mir nicht mag und auch nicht sehen will: Es sind Züge, die mit Dominanz, Raffinesse, „Dem-anderen-geschickt-etwas-Aufdrücken“ zu tun haben.

Ich war und bin mir bewusst, dass es mir schwer fällt, die eigenen Grenzen zu wahren und dem anderen aufzuzeigen – überhaupt die inneren Grenzen kennen- und respektieren zu lernen. Ich neige immer noch dazu, es anderen recht, bequem und unkompliziert zu machen. Unstimmigkeiten zwischen mir nahestehenden Menschen möchte ich ausgleichen, Harmonie ist mir wichtig. Dies sind Dinge, die ich als Kind gelernt und inhaliert habe. Was ich nun auch immer deutlicher sehe: wann ich selbst dazu in der Lage bin – wenn auch nicht häufig – Grenzen zu überschreiten.

Wir alle sind betriebsblind, gerade dann, wenn es um das Dunkle, die eigenen Schattenseiten geht. Da wo’s anfängt, verdammt weh zu tun, wo sich Widerstand zeigt, wir unserer eigenen Verletzlichkeit begegnen – da wird’s spannend. Und dort birgt sich meiner Erfahrung nach auch viel Potential. Wie heißt es so schön? „Wo Licht, da Schatten.“ Und umgekehrt. Wenn wir mehr und mehr von uns sehen, uns aushalten und uns auch dem anderen immer mehr zeigen und zumuten, kommen wir in unsere wahre Kraft und Größe. Unsere Beziehungen können dann eine Tiefe erlangen, die wir bis dahin nicht kannten.

In diesem Erkenntnisprozess, den ich kürzlich durchlief, begegnete ich unter Tränen einem Schmerz, einer tiefen Traurigkeit. Und während ich das fühlte, wurde mir bewusst, dass hier gerade etwas Entscheidendes und Wegbereitendes für mich geschah:  Etwas ließ mich los, und ich konnte mich dort hineinfallen lassen. Jetzt danke ich dem Leben für diese wunderbare Erfahrung, auch wenn sie nicht angenehm war.

Ich möchte dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und zu -spüren. Wir alle nehmen meines Erachtens wahr, wann wir aus der Spur geworfen werden, wir plötzlich Herzklopfen bekommen, jemand uns „die Knöpfe drückt“, wir weglaufen oder das was da aufkommt einfach wegdrücken wollen. Es ist auch vollkommen in Ordnung, es wegdrücken zu wollen; auch glaube ich, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Doch gleichzeitig erfahre ich auch den Schatz, das Potential, das ein Bewusstwerden, ein „Nach-Hause-Holen“ birgt. Darüber hinaus erspart es mir viele leidvolle Wiederholungen und viel Stress im Außen: Ich muss mich nicht beim anderen, dem Partner beispielweise, abrackern; der andere muss nicht „herhalten“ für all meinen auf ihn projizierten Neid, Egoismus, meine Ängste und Sorgen. Ich bin schlicht ein entspannteres Gegenüber.

Mein tiefer Wunsch ist es, das Leben in seiner vollen Breitseite, in seiner Tiefe zu erfahren. Den Mut zu finden auch mit Angst loszugehen.

Immer wieder.

Ehrlich sich selbst gegenüber

Ehrlich sich selbst gegenüberEhrlichkeit ist ja oft ne schwere Nummer. Über’s Ehrlich-Sein im Miteinander habe ich mich schon häufiger geäußert.

Was meines Erachtens noch viel elementarer ist, ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und diese ist häufig nicht weniger schwer: Sich wirklich einzugestehen, was gerade im Argen liegt, in welchem Lebensbereich sich Baustellen befinden, sich selbst gegenüber zuzugeben, wo genau Veränderungsbedarf liegt – das ist manchmal hart. Doch ich glaube, allein das Sich-Eingestehen ist die halbe Miete und ein guter Boden für Veränderungen, Schritt für Schritt, Baustelle für Baustelle – vorausgesetzt, ich möchte wirklich etwas ändern. Manchmal hilft es auch, sich dazu zu bekennen, dass man an einer Stelle (noch) nicht bereit ist, Veränderungen einzuleiten. Zu erkennen, da ist mein Schiss größer – ich bin (noch) nicht so weit, oder meine Bequemlichkeit hat hier die Oberhand. Auf Ausreden zu verzichten – auch das ist ehrlich.

Mir ist zum Beispiel vor kurzem bewusst geworden, dass ich dieser Tage viel im Internet daddle, für mein Empfinden zu viel. Auch in Zeiten – vor’m Schlafengehen beispielsweise – in denen es mir erfahrungsgemäß nicht gut tut. Allein dieses Eingeständnis mir selbst und kurz darauf einer engen Freundin gegenüber brachte Veränderung ins Haus: Ich bin nun wieder etwas bewusster, habe neue Bücher erstanden – optimal für die Herbstzeit, lege im Vorfeld Zeiten fest, in denen ich mir erlaube, im Netz zu stöbern und mache das Smartphone (ja, manchmal vermisse ich auch mein „Old-school-Handy“) meistens mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen aus.

Mein Mann meinte neulich, ich könnte ja auch mal wieder mehr Klavier spielen. Davon abgesehen, dass mir das gut bekommt und ich in intensiven Übezeiten – beispielsweise vor einem wichtigen Auftritt – insgesamt und vor allem mental fit bin, ist das Musizieren ein schöne Tätigkeit für’s Miteinander: Auch unserem Sohn wird dabei ein sinnvolles, ja kulturelles Schaffen nähergebracht. Oft denke ich: Wenn wir Yossi eine Vielfalt an wertvollen Aktivitäten schmackhaft machen wollen, dann sollten wir nicht nur labern („Der Computer wird in 10 Minuten ausgeschaltet!“), sondern uns auch selbst entsprechend – integer – verhalten.

Was ich auch schwierig finde: nicht „besser“ sein zu wollen, als ich tatsächlich bin. Mich nicht weiter in meiner Entwicklung zu machen, als ich’s bin. Neulich am Frühstückstisch habe ich meinem Mann gegenüber einen Gedanken geäußert, der eine gemeinsame Bekannte in ein weniger schönes Licht rücken ließ. Ich spürte in diesem Moment Lust, laut zu denken, und gleichzeitig Scham, da mich diese Äußerung auch nicht wer weiß wie glanzvoll dastehen ließ. Und dennoch denke ich: Auch das ist Leben, auch das bin ich. In diesem Bewusst-Werden und sich selbst die Erlaubnis Geben, auch „hässliche“ Gedanken zu denken und ggf. zu äußern kann ich mich gleichzeitig darin üben, eine wohlwollende, großherzige Haltung mir und anderen gegenüber zu kultivieren. Und mich daran erinnern: Der andere bin (auch) ich.

Auch ein Sich-kleiner-Machen, zum Beispiel indem ein empfundener Erfolg zurückgehalten wird, in der Befürchtung, der andere könnte einem diesen missgönnen, bringt niemanden weiter. Eigene Probleme und Baustellen anderen gegenüber dramatischer darzustellen, als ich sie selbst empfinde, nur weil es ggf. leichter ist, Leid zu teilen, als hervorzuheben, was gerade besonders glückt, ist auch nicht redlich.

Ehrlich sein bedeutet auch, mir einzugestehen, dass ich gerade an einer Stelle nicht weiter weiß. Das kann auch sehr befreiend sein. Insbesondere an Tagen, die eh schon voller Unannehmlichkeiten sind, hilft ein Anerkennen dessen was ist, ein Erst-mal-so-Lassen, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu kommen.

Mir ist es kein Anliegen, mich ständig zu optimieren – im Sinne von schneller, schlanker, effizienter, leistungsorientierter; ich möchte mich hingegen gerne mehr und mehr selbst erkennen, mich ausprobieren und entfalten und gleichzeitig immer wieder nüchtern betrachten, was in meinem Leben nicht stimmig ist und was ich gerne verändern möchte. Eine gute Richtschnur bieten mir meine Werte, die mir elementar wichtig sind. Es lohnt sich, sich dieser tatsächlich bewusst zu werden, sie aufzuschreiben, in sich zu bewegen und das eigene Leben mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen.

Wie schwer oder leicht fällt es Euch, aufrichtig anzuerkennen, was ist?

 

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