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Erlebtes & Belebendes

Kategorie: Tiefen und Abgründe des Lebens (Page 1 of 5)

Deinen Neid willkommen heißen

Heute möchte ich erneut auf meine Artikel, die einmal monatlich regelmäßig im Online-Magazin compassioner erscheinen, aufmerksam machen. Diesen Monat ging es um das spannende und delikate Thema Neid: Wann taucht er auf? Was macht er mit uns? Und sollten wir ihn nicht einfach willkommen heißen?

Hier geht es zum Artikel!

Auf diese Zeilen habe ich schon zahlreiche Reaktionen, u.a. bei facebook, erhalten. Wenn Ihr mir hier noch ein paar Rückmeldungen, Impulse, Erfahrungen hinterlassen wollt, freu ich mich sehr! Auch freu ich mich über das persönliche Anschreiben:-)!

Fühlen ist okay

Hallelujah. Ein transformierendes, konkurrenzloses und einfach wunderbares Seminar liegt hinter mir: “Alte Wunden heilen lassen, auf dem Weg durch die Schatten” beim Schamanen Harry Hömpler. “Niemand kann dir Frieden geben, außer du dir selbst.” So lauteten die Eingangsworte der Seminarbeschreibung.

Ich spürte neben Freude auch Schiss im Vorfeld: Was wird da kommen und aus mir heraus strömen? Was ich wusste: Ich wollte vor allem mit meiner Wut in Kontakt kommen. Dass da viel Wut in mir ist – ob der Überforderung und der gefühlt zahlreichen Grenzüberschreitungen bereits in sehr frühen Jahren – spürte ich deutlich. Insbesondere in den vergangenen Wochen, in denen durch die Dynamik in der Herkunftsfamilie alte Emotionen getriggert wurden, wurde mir dies bewusst. Aus meinem Erleben stand ich anderen sehr oft zur Verfügung: In meiner Familie war ich das Nesthäckchen, die Unkomplizierte, der Sonnenschein – und auch die Kraft-Schenkende, Zuhörende, Helfende. Hier stecken auch viele meiner Kompetenzen: im Zuhören, im Da-Sein und Raum-Schaffen, wertschätzend und ermutigend. Doch was mir auch immer bewusster wurde und wird: Ich möchte all dies auch einfach nicht sein (müssen).

Ich möchte frei sein, mich glücklich fühlen, auch dann, wenn eine mir nahstehende Person gerade schwierige Zeiten durchmacht. Ich möchte klar für mich, meine Bedürfnisse und Werte einstehen. Die Verantwortung für meine – oft lange durchdachten und durchfühlten – Entscheidungen tragen, zu diesen stehen, und gleichzeitig Dinge, die nicht in meinen Verantwortungsbereich fallen, beim anderen lassen. Wenn es sich richtig anfühlt und sogar notwendig ist, will ich sagen: “Lasst mich in Ruhe”. Mich abgrenzen. Auch mal aus dem Kontakt gehen. Ich will so “Nein” sagen, dass das Nein auch ankommt und keine weitere Fragen oder Diskussionen nach sich zieht. Harrys Ansatz, einen geschützten Raum zu eröffnen – außerhalb aller kulturellen Bezüge, Regeln und Konventionen – diesen zu halten und alles da sein zu lassen, was sich zeigen will, hat mir enorm in meinem Klärungs- und Abgrenzungsprozess geholfen.

Harry bedient sich verschiedenster Technicken und Handwerkszeuge, viele seiner Impulse stammen aus dem sog. Possibility Management. Es ist, als würde Harry dir beim Klettern helfen, dir eine 8-spurige Autobahn an Möglichkeiten – sich (neu) zu entscheiden, zu handeln, zu kreieren – anbieten. Meist haben wir das Gefühl, uns in einer Einbahnstraße zu befinden und sehr eingeschränkt zu sein in unseren Möglichkeiten. Wenn sich eine Szene aus der Vergangenheit, ein “Problem” herauskristallisiert, erhälst du hier die Gelegenheit, ein dominierendes Gefühl wie Wut oder Angst, frei von jeglicher Wertung zu fühlen. Du darfst fühlen! Wie wohltuend. Denn die meisten von uns haben sich in der Regel eine hohe Taubheitsschwelle zugelegt.

Mit Harrys Begleitung kannst du rein gehen in das Gefühl, mit Hilfe von Utensilien z. B. deine Wut herausschreien und -schlagen, auch mit derben Ausdrücken, ganz egal – du kannst das Gefühl größer werden lassen, mit ihm spielen. Plötzlich spürst du auch wie dein Körper, der sehr weise ist, antwortet, wie deine Selbstheilungskräfte zu arbeiten beginnen. Mein Wut-Kloß auf Solarplexushöhe rutschte zunächst auf Herzhöhe, als säße mir jemand auf der Brust. Dann fing es an in mir zu vibrieren, Töne entwichen mir, ein wohltuendes Brummen machte sich breit. Ich spürte ein Kribbeln in Händen und Füßen und schüttelte mich unweigerlich. Da ging was.

Die meisten von uns haben in der Vergangenheit etwas erlebt und gefühlt, das sehr unangenehm oder schier nicht auszuhalten war. Wir haben damals eine Entscheidung getroffen, das Gefühl eingeschlossen, uns gedeckelt. Wenn wir nun – als verantwortungsvolle Erwachsene – erneut in dieses Gefühl gehen, es prozentual größer werden lassen und uns dann neu entscheiden, wie wir uns fortan in bestimmten Lebenssituationen verhalten wollen, kann das ungemein befreiend sein: Emotionen, welche im Gegensatz zu Gefühlen stets darauf hinweisen, dass es etwas zu heilen gibt, können von dannen ziehen. Die zu den Emotionen gehörenden Geschichten, die wir uns oft wiederholt und wiederholt erzählen, dürfen sich auflösen. Das Schöne ist auch: Wir können neue Entscheidungen treffen. Und dies jederzeit. Wir können uns selbst autorisieren, uns erlauben, von nun an völlig anders über eine Situation, einen Charakterzug oder einen Menschen zu denken. Ich bestimme, wie ich fühle. Und: Fühlen ist ok. Wir können etwas für uns deklarieren: “Ich darf glücklich sein, unabhängig von äußeren Umständen.” “Ich bin frei, so ist es.”

Was wir brauchen ist Klarheit. Klarheit zu unterscheiden. Ich erkenne: Es gibt viele Möglichkeiten, ich habe die Freiheit, zu unterscheiden, zu wählen, wie ich mich zu einer Situation, einem mir nah stehenden Menschen ausrichten will. Die meisten von uns laufen mit unzähligen unbestätigten Annahmen herum. Wir glauben, der andere könnte denken, dass wir denken, dass… Klarheit schafft Bewusstheit. Ich kann jederzeit korrigieren. Das Leben als Spielfeld betrachten. Und was ich total spannend finde: Ich kann grundlos handeln, ohne Auslöser von außen. Ich kann die Ursache von der Wirkung entkoppeln, den Auslöser vom Gefühl. Wenn ich will, kann ich mit meinen Möglichkeiten experimentieren und je nach Experimentierfreude und Mut dies meinem Umfeld vorher mitteilen. Wenn der Postbote klingelt, kann ich das Fenster aufmachen und die Musik aufdrehen;-).

Es mag abstrus klingen, doch ich finde, es hat auch was. Unabhängig von Gründen zu entscheiden. Sich zu sagen: Ich habe die Wahl. Genauso wie ich einst beschlossen habe, mir etwas zu verbieten, so kann ich heute entscheiden, es mir zu erlauben. Ich kann sagen: “Ich will das.” Oder: “So bin ich jetzt!” Wenn ich große Ängste ausspreche, so wie hier in der kleinen Seminargruppe – “Ich könnte mal nicht warmherzig und offen, sondern egoistisch, hart, kalt wahrgenommen werden”, und von außen plötzlich kommt “Na und, dann biste das. Und? Ich mag dich auch so” – es ist unglaublich, was dann mit dir geschieht, wie sich etwas in dir öffnet und freilegt. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte.

Gefühls- und Schattenarbeit bewegt auch das jeweilige Umfeld. Daheim liegt gerade eine besondere Stimmung in der Luft. Es kribbelt und brizzelt. Und es ist schön. Natürlich meldet sich die Wut auch immer wieder. Soll sie.

Ich kann nur sagen: Danke, Harry – du bist der Knaller:-)!

Radikal leben

Neulich kaufte ich mir seit langem mal wieder eine Zeitschrift. Im Vorwort hieß es, Autor unbekannt: “Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

In diesen Zeilen fand ich mich wieder und dachte: Ich bin schon ganz gut unterwegs. Doch dann wurde mir klar, dass ich noch viel radikaler leben möchte in Zukunft: Wirklich noch vollständiger, noch elementarer meine Zeit so gestalten, wie ich es für richtig und sinnvoll halte.

Gerade habe ich ein paar Tage mit unserem Sohn im Harz verbracht. Wir haben Nostalgiehotel, Sole-Therme und Luchsgehege genossen. Wobei letzteres – verbunden mit einer kleinen Wanderung – nur bei mir Anklang fand. Radikal leben heißt für mich auch, die Zeit mit unserem Sohn so bewusst wie möglich zu gestalten. In dem Wissen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass es vermutlich nicht mehr lange dauern wird, bis er sich von den Eltern abgrenzt.

Radikal leben kann auch heißen, an wichtigen Stellen keinen Kompromiss einzugehen: Auf dem Weg zum Luchsgehege wurde Yossi nicht müde zu betonen, wie besch… er das kleine Stück Wanderung (den Teil zwischen Hochseilbahn und “mit Bus zurück”) fand. Ich hab dann etwas getan, was ich noch nie gemacht habe: Ich bin alleine weiter gestratzt (Yossi meinte, er ginge zurück zu Bahn). Mir war das so wichtig, auszuschreiten, ich hatte mich drauf gefreut und es extra sehr kurz gehalten. Auch hatten wir den Deal, im Anschluss ein zweites Mal in die Sole-Therme zu gehen. Am Luchsgehege eingetroffen stand Yossi plötzlich neben mir. Offenbar hat er sich dann doch selbst auf den Weg gemacht und ist der Beschilderung gefolgt.

Ich glaube, es war eine gute Erfahrung für uns beide. Ich habe mir erlaubt, mein Bedürfnis vornanzustellen und darauf zu vertrauen, dass nichts passieren wird (ein Kleinkind hätte ich sicher nicht alleine gelassen). Wie sagte eine Freundin, als ich ihr davon erzählte, so schön? Sie nannte es die “liebevolle Konsequenz, die aus der Liebe zu sich selbst und auch aus der Liebe zu dem Kind und im Bemühen um eine gesunde Beziehung zueinander, absolut wichtig ist. Dem Kind Grenzen aufzeigen und die eigenen Bedürfnisse vertreten, ohne ihm die Liebe zu entziehen.”

Mir wird bewusst: Ich möchte im Leben sehr tief lieben. Natürlich möchte ich meine Liebe teilen und weit streuen – ich behaupte ich habe ein großes Herz – doch noch wichtiger ist es mir, umfassende, enge Beziehungen mit wenigen Menschen einzugehen und mich diesen radikal zu widmen. So auch meinem Mann. In mir wohnt das klare, schöne Bild, mit ihm an ein Ende, sprich bis zum Tod gemeinsam zu gehen. Sicher weiß ich nicht, was kommen wird, doch dieser Wunsch, diese tiefe Absicht ist für mich mehr als gewiss. Und noch wichtiger, als regelmäßig Wochenenden mit Freunden zu verbringen ist es mir, den Großteil meiner Zeit meiner kleinen Familie zu widmen.

Radikal leben heißt insofern auch, wirklich sehr bewusst zu wählen, mit welchen Menschen ich mich warum und wann umgebe. Mich dort voll einzubringen, wo es mich hinzieht, ich mich gesehen und geliebt fühle. Manche meiner einst engen Kontakte sind gerade etwas verschlafen, sicher auch, da es in den jeweiligen Leben zurzeit nur wenige Schnittmengen gibt. Ich habe beschlossen:  Das lasse ich jetzt erst einmal so, selbst wenn es darauf hinausläuft, dass wir nur wenige Male im Jahr Kontakt haben.

Momentan fühle ich mich sehr zu Menschen hingezogen, die Lust haben zu wachsen und die auch mich wachsen sehen wollen. Die mich und meine Eigenarten, meinen Wunsch nach Alleinzeit, meine Ehrlichkeit und Klarheit gut aushalten können. Das sind sowohl einige mir sehr vertraute, schon viele Jahre bestehende Verbindungen, als auch neue Menschen, die mir begegnen, on- und offline  – die ebenso Träume haben und sich ein sattes, erfülltes Leben wünschen.

Was mir auch essentiell wichtig ist: Meinen Gefühlen mehr als bisher zu trauen. Freund und Navigator Harry schrieb mir kürzlich:

„Deine Gefühle sind die Wahrheit. Die Weisheit deines Körpers. Unabhängig ob es dir oder anderen “gefällt”.

Von diesem Punkt aus möchte ich leben. Wenn da Wut ist, dann soll diese den ihr gebührenden Raum erhalten. Und dann dürfen auch Konsequenzen folgen, indem ich aus meinem Zentrum heraus klare Grenzen setze. Ein anderes Beispiel: Noch immer denkt’s in mir, dieses oder jenes müsste ich jetzt aber tun, z. B. eine Wochenend-Verabredung einhalten, die mir schon jetzt aus verschiedenen Gründen Stressgefühle bereitet. Nein, muss ich nicht. Was ich schon gar nicht muss: Meine Freizeit in irgendeiner Form stressig (v)erleben.

Vollständig, sprich so zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben, bedeutet für mich in allererster Linie: sich zu erlauben, diejenige zu sein, die ich sein möchte und dasjenige mit der Welt zu teilen, das ich aus tiefstem Herzen teilen will. Unabhängig davon, wie andere das finden mögen. Seitdem ich mich z. B. stärker auf die Menschen konzentriere, bei denen meine Zeilen resonieren, die etwas mit dem, was ich teilen möchte, anfangen können, anstelle mir Gedanken darüber zu machen, wer meine Texte oder mich ablehnen könnte, blüht vieles in meinem Leben neu auf: Es kommen Menschen und Situationen auf mich zu, die mich voranbringen – Menschen, die mich etwas fragen oder um etwas bitten, das ich gerne gebe, Gegebenheiten, die mich in der Tiefe ausfüllen. Radikal leben heißt demnach für mich: die eigenen Erwartungen leben und damit aufhören, die Erwartungen anderer zu leben. Denn letzteres kostet unnötig viel Energie, Zeit und Lebensfreude.

Zum Muttertag schenkte mein Mann mir eine Blume, die “Schwarzäugige Susanne” – einen “unermüdlichen Dauerblüher”, mit den Worten, diese passe zu mir. Und dies ist mein Wunsch: Selbst wenn der Tag beschissen war, am nächsten Morgen erneut aufzublühen, immer mehr in meine Kraft zu kommen und andere mit meinem So-Sein anzustecken.

Was heißt für Euch radikal, vollständig leben? Was darf nicht fehlen?

 

Interview “Sich verletzlich zeigen”

Andrea Breitenmoser, eine tolle, kraftvolle & mutige Frau, Coach, Mutter hat mich zum Thema Verletzlichkeit befragt. Es war ein sehr lebendiges, intensives Gespräch, das ich heute gerne mit Euch teilen möchte.

Wann zeigst du dich mit deiner verletzlichen Seite? Wann fällt es dir leicht? Wann eher schwer? Unter anderem diese Fragen behandeln wir – schaut & hört doch mal rein. Für mich war dieses Interview auch eine mutige Premiere. Doch nun bin ich sehr froh, mich ins kalte Wasseer geschubst zu haben. Alles Gute zu Euch!

Zeig dich verletzlich

Ich habe viele Fragen. Neulich dachte ich: Warum nicht mal ein Interview führen, mit einem spannenden Menschen zu Themen, die hier in meinen Lebenskunst-Blog passen? Da kam mir Harry in den Sinn: Harry brachte mich schon zu diversen Erkenntnissen. Ich habe an Horoskopberatungen bei ihm teilgenommen. Gemeinsam mit ihm und meiner Schwester habe ich tiefe, interessante Gespräche geführt – über Gott und die Welt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Harry hat sich mit vielen Aspekten und Tiefen des Lebens auseinandergesetzt, bietet neben seinen astrologischen Beratungen Wutarbeit und Feuerlauf für Gruppen an. Auch arbeitet er mit Runen als Orakel, bzw. mit Runenstellen, ähnlich wie Yoga. Und was ich besonders an ihm schätze: Ich habe das Gefühl, alles im Miteinander darf sein – Harrys Worte und Impulse öffnen dich, zeigen dir Chancen auf, zu welchen Möglichkeiten dich das Leben einlädt. Ich kann mich wunderbar in ein Gespräch mit ihm hineinentspannen und das gemeinsame Emporschwingen im Miteinander genießen.  Solche Menschen und Momente sind Gold wert. Los geht’s:

 

Harry, magst du dich und deine Arbeit kurz vorstellen?

Ich verstehe mich als Raumhalter für einen Raum, in den du sprechen kannst – ohne  Unterbrechung, ohne Urteil, ohne Tipps und Ratschläge. Ferner als Navigator: Ich weise die Richtung. Ich bin Reisebegleiter, auf dem Weg zu dir selbst. Geburtshelfer, beim Aus-dem-Ei-Schlüpfen. Ein gefährlicher Fragensteller, dessen Fragen zu AHA-Effekten führen können. Ein Heiler, dessen Medizin die Klarheit ist. Und immer mehr ein Krieger des Lichts, in der Domäne des „Nichtwissens“. Das ist meine größte Herausforderung. Ich bin so geboren, da war kein besonderes Ereignis. Ich bin da immer mehr hineingewachsen. Mit all den Schmerzen, wie jeder andere Mensch auch. Ich habe erstmal lernen müssen, dass ich so bin – meinen Job anzunehmen. Es begeistert mich, all dies an Interessierte weiterzugeben.

Ja, und ich bin eine davon🙂. Du meinst also, wir kommen mit bestimmten Fähigkeiten und auch Aufgaben zur Welt, die uns das Leben dann zuteil werden lässt? Sprich denen wir folgen sollten?

 Ja. Nur merken wir das nicht immer sofort, oder wir wehren uns sogar dagegen. Meiner Meinung nach ist Karma/ Bestimmung unpersönlich. Wenn ich es nicht annehme, macht es wer anders. So wie meine Vorfahren. Jetzt kann ich wählen, ob ich den Job annehme. Das geht aber erst, wenn ich vorher aufgebe. Mich ergebe. Mich verpflichte. Das geht sogar bevor ich weiß WIE. Das bezeichne ich als Domäne des Nichtwissens.

Wir haben schon häufiger, auch zu dritt mit Kati (Anmerkung: meine Schwester) über Un-Verschämtsein im wahrsten Sinne des Wortes gesprochen. Was verstehst du darunter?

Unverschämtsein meint „schamlos, ohne Scham, frei von Scham“ sein, und dies führt zu mehr Verletzlichkeit. Zum Sichtbarer-Werden. Genauso mit Mitgefühl: Du kannst auch FREI von Mitgefühl sein, was nicht heißt, dass du OHNE Mitgefühl bist. Wenn du nicht FREI von Mitgefühl bist, zieht es dir Energie ab, weil dich das andere System, das des anderen, am Haken hat. Frei sein bedeutet: Bleibe dem Haken fern. Von etwas frei zu sein heißt nicht, dass du es nicht mehr haben kannst. Du kannst es jederzeit haben, ES hat dich aber nicht mehr. Das ist die Freiheit.

Wow, noch kann ich folgen. Sprich ich kann frei entscheiden, was ich in den Raum gebe…

Du kannst grundlos handeln, sprich ohne Trigger von außen. Keine roten Knöpfe mehr haben. Aktion, statt Reaktion. Das ist kreieren. Das ist für mich radikale Verantwortung: Du bist kein Opfer mehr. Du brauchst keine Gründe. Gleichzeitig ist alles möglich, wenn du willst. Das ist nicht egoistisch, nicht rücksichtslos. Wenn sich jemand verletzt fühlen will, ist das SEINE Entscheidung. Er will Opfer sein. Er gibt die Verantwortung ab. Das muss nicht bewusst sein. Sich dessen bewusst zu werden, kann man lernen und trainieren, z.B. bei mir. Dieser Prozess kann schmerzhaft sein, niemanden mehr zu haben, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann.

Warum trauen sich viele nicht, Wut zu zeigen und damit evtl. anzuecken?

Wenn Wut da ist, wollen wir sie oft nicht sehen geschweige denn zeigen. Doch Energien wollen fließen. Nicht gewollte Wut ist wie ein ungeliebtes Kind. Auch die ungeliebten Kinder brauchen Umarmung, wollen gesehen werden. Ist die Angst anzuecken wirklich die Angst, anzuecken? Oder ist es die Angst vor der Angst? Wieder nicht fühlen zu wollen? Ich kann mich fragen: Ist da wirklich eine Bedrohung? Habe ich das überprüft oder ist es eine unbestätigte Annahme? Hier kann Transformation stattfinden. Wenn du wirklich willst, dass sich etwas ändert und du neue Möglichkeiten schaffen willst, fühle die Angst. Zeig sie, zeig dich verletzt und lass dich überraschen, was dann alles möglich ist. Lass dich auf das Abenteuer ein. Auf das Abenteuer des Lebens. Löse deine Bremsen. Vertraue. Lass dich führen. Hab den Mut dich zu zeigen wie du bist. Auch oder gerade vor dir selbst. Du kannst zufrieden, in Frieden sein. Jetzt. Nicht erst im Himmel. Nicht erst wenn du die Regeln kennst oder befolgst. Es sind nicht deine. Die Belohnung ist die Freude, du selbst zu sein.

Zum Anecken: Was ist denn anecken? Dem anderen gefallen wollen? Nicht gut dazustehen beim anderen? Sein SelbstBILD aufrechterhalten wollen? So sein wollen wie es der andere (vermutlich) will, weil man Angst vor dem Verlassenwerden hat? Ich habe ein BILD erzeugt, eine Maske, in die sich der Partner verliebt hat, und es kostet zunehmend mehr Energie dieses BILD aufrechtzuerhalten. Ich habe höllische Angst, durch mein Verhalten erkannt zu werden, wer ich wirklich bin. Der Preis ist, dass ich mich immer einsamer und unverstandener fühle. Doch womit ich beim einem anecke, ist vielleicht das, was ein anderer an mir liebt. Ohne gefallen zu wollen, lebt es sich viel entspannter. Genau diese Erkenntnisse sind heilsam. Zu erkennen, wie unsicher ich wirklich bin. Wie verletzlich. Wie menschlich. DAS verbindet.

Harry, das sind genau meine Themen: innerlich frei werden, sich trauen, sich erlauben, du selbst zu sein. Zurück zu deiner Arbeit: Wie konkret kann Wutarbeit, die du anbietest, ablaufen?

Entscheiden kannst du immer nur im Jetzt. Nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Wir alle haben – um uns zu schützen – in einer Situation, die nicht sicher oder unerträglich war, eine Entscheidung getroffen – und sie dann vergessen. Ich biete dir einen sicheren Raum an und begleite dich dorthin zurück. Dazu musst du nicht unbedingt konkret wissen was da war, sondern es reicht, das damalige Gefühl zu fühlen, es zu Ende zu fühlen. Jetzt bist du ja erwachsen und nicht mehr so hilflos wie damals und DANN bist du in der Lage, dich NEU zu entscheiden. Das alte Programm läuft dann nicht mehr. Zwischendurch ist Platz für den theoretischen Teil und Fragen.

Wunderbar, das macht neugierig. Meine vorletzte Frage: Welche, glaubst du, sind die größten Tabus hierzulande in der zwischenmenschlichen Kommunikation?

Ein Tabu ist die Gewalt. Wer Aufmerksamkeit haben will, wer gesehen werden will, wendet Gewalt an. Das sieht man bei Jugendlichen, sowie auch bei Terroristen. Gewalt lässt sich nicht ignorieren. Sie ist das letzte Mittel, wenn man sich hilflos fühlt. Auch gibt es Gewalt in Beziehungen: Sich nicht trauen sich zu äußern, nicht NEGATIV sein dürfen. Erwartungen erfüllen wollen. Sich nicht gesehen fühlen. Etwas in sich hineinfressen. Und dann explodiert ES und trifft die, die wir lieben. Erwachsene Wut ist dazu da, die Dinge zu erreichen, die ich erreichen will. Was ist, wenn ich mich nicht traue wütend zu sein? (Tabu: Sowas macht man nicht). Ich werde immer ärgerlicher, aber die Wut geht nicht weg.

Ein weiteres Tabu ist es, herausragend zu sein. Die Angst vor dem Neid der anderen. Die Menschheit kann sich aber besser weiterentwickeln, wenn alle versuchen so herausragend wie möglich zu sein. Noch ein Tabu ist Verletzlichkeit. Immer cool sein zu wollen. Alles im Griff zu haben. Alles zu wissen und die Kontrolle nicht zu verlieren, scheint für viele das Ziel zu sein. Der Preis dafür ist der Verlust von Beziehung und Intimität.

Hattest du ein Schlüsselerlebnis, welches sich dir im Zusammenhang mit Un-Verschämtsein(dürfen) eingeprägt hat?

Ich habe mehrere Erlebnisse gehabt, wo sich jemand so benommen hat, wie ich mich das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht getraut hätte. Jemand zeigte ein Verhalten, welches ich als peinlich empfunden hätte. Ich fand das sehr beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Personen die schrecklichsten Dinge gesagt oder getan haben und habe mich gefragt, was mich davon abhält das genauso zu tun. Beispiel: Ich als Deutscher traue mich nicht oder habe mindestens ein komisches Gefühl, wenn ich einen Judenwitz erzählen würde. Im Urlaub in der Türkei, beim Plaudern mit einem Busfahrer sagt dieser, ganz selbstverständlich (unverschämt), dass alle Kurden Verbrecher sind und umgebracht werden sollten. Ein weniger krasses Beispiel: Beim Vorbereiten einer Party schnappt sich einer ein großes Stück vom Geburtstagskuchen und wird angesprochen: „Du hättest ja wenigstens vorher fragen können.“  Antwort: „Wenn ich gefragt hätte, hättest du doch sowieso ja gesagt. Warum soll ich also fragen?“

Oh ja, herrlich. Harry, das war viel Tobak;-) – doch sehr wertvoller und wichtiger Stoff. Ich danke dir von Herzen für diese spannenden Ausführungen und freue mich sehr auf weiteren Austausch. Gehab dich so richtig wohl.

 

Wenn Ihr Fragen habt, zu Harry, zum Interview, gerne her damit! Auch kann ich Euch Sitzungen bei ihm wärmstens empfehlen!

Harry Hömpler

05105 5912772

KHAMIEL@WEB.DE

 

Neulich waren wir noch jung

Mich beschäftigt das Älterwerden. Schon eine Weile. Insbesondere seitdem letztes und vorletztes Jahr meine Eltern verstorben sind und ich vergangenen Sommer die 40 erreicht habe. Mein Mann und meine Geschwister sind (um die) 50. Auch das spielt sicher eine Rolle, denn aus meiner heutigen Wahrnehmung ist 50 definitiv nicht mehr jung. Ich gestehe: Das gefühlt schnelle Verstreichen der Zeit macht mir auch Angst. Menschen jenseits der 70 denken sicher: Ich bin mit meinen 40 Jahren doch noch jung. Gleichzeitig betiteln mich 20-Jährige vermutlich als “mittelalt”.

Wenn junge Menschen – FSJlerinnen und “Buftis” – in meinen Musiktherapiestunden hospitieren, spüre ich die Altersdifferenz nun deutlich: Einerseits kann ich mich wunderbar in sie hineinfühlen, auch in diese Vielfalt der Optionen, die das Leben für einen mit knapp 20 Jahren bereithält. Alles ist oder erscheint offen. Diese Offenheit vermisse ich manchmal. Vielleicht mag jemand erwidern: Ich kann mich ja jeden Tag neu entscheiden, doch gefühlt schränken sich die Möglichkeiten mit der Vereinbarung von Familie und Beruf ein. Das kennen sicher die meisten von Euch, die in der Lebensphase stecken, in welcher Kinder – sofern vorhanden – noch daheim in unserer Obhut, sprich nicht erwachsen sind.

Im Zusammensein mit meinen Hospitantinnen muss ich aufpassen, keine – wenn auch gut gemeinten – Ratschläge zu erteilen, wenn es um die Frage geht: “Was soll ich (als nächstes) tun?” Je älter ich werde, umso öfter denkt es in mir: “Entspann dich.” Im Grunde ist es unerheblich, ob ich a oder b wähle, denn das was Leben aus- und interessant macht, sind die Kapriolen, die es schlägt, Um- und Abwege. Oder auch Irrwege, die sich im Nachhinein als besonders wertvoll herausstellen.

Meine Schwester fragte mich hier auf Teneriffa, ob ich nochmal 27 sein möchte. (Wir haben auf der Insel eine tolle, unsere Dreierkonstellation bereichernde junge Frau kennen gelernt). Ich bin mir nicht sicher. Mit dem Wissen von heute vielleicht. Gleichzeitig war ich mit Ende 20 deutlich unsicherer. Heute bin ich mir meiner selbst und meines Wertes schlicht sicherer. Insofern stimmt die These: Älterwerden bringt auch wachsende Gelassenheit mit sich.

Was ich ebenfalls sehr schätze: Heute habe ich mit Menschen ganz unterschiedlicher Generation zu tun, sowohl privat als auch beruflich. Ich liebe es Geschichten zu hören – von früher, von heute – und erzähle selbst auch gerne Anekdoten. Manch ein Gespräch ist so tief und lebendig, dass es keine Rolle spielt, ob mein Gegenüber 20 oder 70 ist.

A propos Gespräch: Es macht mir unheimlich viel Spaß, fremden Geprächen zu lauschen (ja, ich weiß: Macht man nicht). Möglichst unauffällig, wenn mir das auch nicht immer gelingt. Letzten Herbst verbrachte ich mit meinem Mann ein Wochenende in einem Kloster im Harz. Wunderschön und wiederholungsbedürftig war das. Beim Frühstück beobachtete ich eine Gruppe von Theologie-Studenten, wie sich herausstellte: ein bunter Haufen von wild diskutierenden jungen Leuten. Wir fragten uns, was sie umtreibt, welche Themen und Fragen sie haben. Zwischen meinem Mann und mir entwickelte sich ein interessantes Gespräch. “Neulich waren wir noch jung”, hörte ich ihn sagen und musste lachen. Ja, manchmal kommt es mir auch so vor, als sei es gar nicht lange her, dass Dinge noch anders waren.

Auch wenn da Ängste und Widerstände in mir sind, was das Älterwerden angeht, so liebe ich mein Leben immer mehr. In Momenten, in denen es mich so packt, wie kürzlich am Atlantik (siehe Foto oben), bin ich echt ergriffen und den Tränen nicht nur nah. “Magnifico”, kann ich da nur sagen.

Wie ergeht es Euch mit Eurem Alter und dem unterschiedlich empfundenen Verstreichen der Zeit?

 

 

Wachsen, lernen, geben

Meine größte Stärke besteht aus meinem Erleben darin, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie ok sind wie sie sind: Ich kann gut dafür sorgen, dass andere sich wohl fühlen mit mir. Atmosphäre zu schaffen, die Toleranz und Wärme transportiert, fällt mir leicht. Auch “schräge” oder schüchterne Zeitgenossen tauen in meiner Gegenwart oft auf.

Mein spiritueller Name, den ich als Kundalini-Yogalehrerin erhalten habe, Nivas Amrit – Nivas die Schutzstätte, ein Ort der Geborgenheit und des Mitgefühls, Amrit, der göttliche Nektar – transportiert ebenfalls diese meine Stärke und auch meinen Weg. Ich behaupte, das Herzliche, Menschen-Verbindende ist schon in meiner Ahnenkette – Mutter Renate, Oma Erna und Uroma Minna – zu finden. Meine Geschwister und ich, so unterschiedlich wir alle sind, haben etwas  Herzöffnendes. Warum erzähle ich das? Indem wir uns unserer größten Stärke, das was uns in der Tiefe ausmacht, bewusst werden, kommen wir unserem Sinn auf die Spur. Und Sinn lässt sich meines Erachtens dort finden, wo wir wachsen, lernen und geben. Gestoßen bin ich auf diesen Ansatz in einem Interview mit Bahar Yilmaz für das Online-Magazin compassioner. In diesem fiel die Frage:

Was kann ich geben dafür, dass andere Menschen wachsen?”

Hauke Prigge, der Interviewer und in jenen Tagen Redakteur beim compassioner, warf diese schöne Frage, welche mich damals und auch heute nicht losgelassen hat, in den Raum. Laut Bahar erfahren wir Erfüllung, wenn wir wachsen, lernen und geben. Das überzeugt mich. Denn wenn ich genau hinschaue, wann und wo sich tatsächlich etwas bewegt, ich mich wach und präsent fühle, sind es Momente, in denen genau diese Qualitäten – wachsen, lernen, geben – zum Tragen kommen. Hier kommen wir auch unserer Berufung auf die Schliche. Berufung oder das was mich ruft ist nicht in Stein gemeißelt, sondern das Leben entfaltet sich mit dem, was ich aktiv tue. Wenn du magst, reflektier doch mal, was für dich einen besonders gelungenen Tag ausmacht: Was habe ich getan? Was habe ich bewirkt? Welche Werkzeuge habe ich benutzt?

Für mich sind es jene Tage, an denen ich etwas Neues lerne: Details über therapeutische ätherische Öle, eine Gitarrenbegleitung zu einem neuen Song, inspirierende Impulse dank eines guten Gesprächs. Es sind Momente, in denen ich mich etwas getraut, Mut an den Tag gelegt habe – z. B. als ich Anita Maas vom Maas-Magazin fragte, ob sie einen Text von mir veröffentlicht. Wenn wir Komfortzonen verlassen, findet automatisch Wachstum statt. Wachsen bedeutet auch, sich aus einem Leben zu schälen, in dem ich mich nicht mehr zu Hause fühle.

Nun zum Geben. Ich glaube, geben ist im Grunde das Schönste, womit wir unser Leben füllen können. Vielleicht auch das, worum es tatsächlich geht. Mit geben meine ich nicht dieses oft an Erwartungen geknüpfte Helfen eines Menschen mit Helfersyndrom, sondern ein mich und den anderen berührendes Dienen. “Wo kann ich dienen? Wen kann ich heute beschenken?” Sich diese Fragen im Alltag zu stellen, lässt uns Sinnhaftigkeit erfahren, so mein Erleben. Und dienen kann bereits im Kleinen vollzogen werden: indem ich einem anderen eine Freude oder ein Kompliment mache, jemanden ein Lächeln oder etwas Zeit schenke. Wenn ich andere ermutige, inspiriere und stärke, kommt es zu mir zurück.

Für mich erkenne ich immer mehr: Schreiben ist nicht nur Hobby, sondern tatsächlich mein Sinn. Darüber hinaus erfahre ich Sinn auch in anderen Kontexten, in denen ich gebe: In Beziehungen, im Muttersein, im Therapeutin-Sein, im Musizieren für andere und innerhalb einer Musiktherapiestunde, dann, wenn ich eine Yoga-Übung teile und dem anderen dadurch Erkenntnis oder Heilsames schenke. Zurück zum Schreiben: Mir meine Themen und Fragen von der Seele zu schreiben und zugleich andere mit ebendiesen Themen und Fragen zu inpirieren ist das, was mich momentan mit am meisten erfüllt. Wachsen, lernen und geben laufen hierbei auf wunderbare Weise zusammen. Marianne Williamson sagte einmal, Menschen fühlten sich immer von jenen angezogen, von denen sie lernen können. Ich liebe es, andere anzustecken mit Themen oder Dingen, die mich berühren oder mir dienen. Gleichzeitig lasse ich mich sehr gerne inspirieren. Wenn du also Rückmeldungen, Kommentare, Fragen hast – zu mir, meinen Blog – gerne her damit, ich freue mich!

Uns allen wünsche ich nun einen schönen Start in den Frühling, auch wenn’s vielleicht noch etwas früh ist.

 

Weißes Tantra Yoga

Eine Erfahrung der ganz besonderen Art konnte ich vergangenen Samstag beim Weißen Tantra Yoga in Hamburg machen: Paare in weißer Kleidung sitzen sich in langen Reihen gegenüber, nehmen bestimmte Hand- und Armhaltungen ein, singen Mantren oder schweigen, oft auch mit direktem Augenkontakt. Die Meditationen haben eine Länge von 31 oder 62 Minuten. Es heißt, Weißes Tantra Yoga bewirke eine effektive innere Reinigung und das Lösen tiefliegender innerer Blockaden.

Letztes Jahr in Berlin bei meiner Tantra-Premiere saß mir ein fremder, Mitte 30-jähriger Typ gegenüber, zum Glück sehr sympathisch und lustig. Spannend war’s, diese doch auch intime und extreme Situation miteinander zu teilen, sich hinzugeben ohne auch nur im Entferntesten zu wissen, was einen erwartet. Jemandem so lang und intensiv in die Augen und somit in die Seele zu schauen, kann dir neue Welten eröffnen – und dich vor allem deine eigene innere Welt erschließen lassen.

Dieses Jahr teilte ich die Erfahrung mit einer mir bekannten Person, einer Yogalehrerin aus meiner Ausbildungstruppe. Es war schön, sie wiederzusehen und bereichernd, mich gemeinsam mit ihr durch die Kriyas zu atmen. Spannend fand ich, mit meinen Grenzen zu spielen, meinen Geist zu beobachten, der mal wild am Schimpfen war („Wann ist der Scheiß hier endlich vorbei?“ „Was mache ich jetzt mit meinem rechten Bein?“ „Ich kann nicht mehr!“), mir dann wieder sehr gut und liebevoll zusprach („Das schaffst du – nur noch 4 Minuten!“, „Es tut dir gut.“).

In den Augen meines Gegenübers konnte ich mich selbst erkennen: meine Hingabe, mein Genervtsein, meine Verletzlichkeit und meinen Schmerz. Wieder einmal kam mir Yogi Bhajans „Recognize the other person is you“ in den Sinn. Wie wahr. Sich verletzbar zu zeigen, nicht nur mit dem Kopf zu denken, sondern auch mit dem Herzen wahrzunehmen eröffnet unglaublich schöne Erfahrungsräume – das wurde mir hier erneut bewusst. Vermutlich kann ich auch nur dann in Beziehungen heilen, wenn ich mich eben nicht von meiner Schokoladenseite zeige, sondern auch meine Schwächen unter ein Vergrößerungsglas halte und dem anderen das, was ich sehe, nicht vorenthalte.

Beim Tantra wurde mir genau dies nochmal sehr klar: Es geht nicht darum, da möglichst glatt und konfliktfrei durchzukommen, sondern es geht um das „Sich-Einlassen“ und „Alles-da-sein-Lassen“ was da ist. So gesehen ist die Essenz des Weißen Tantras ein heilender Entgiftungsprozess auf vielen Ebenen: Körperlich-energetisch wird das System durchgepustet und wieder mit neuer Kraft aufgeladen; in der unmittelbaren Nähe zum Gegenüber können einem Muster und Glaubenssätze bewusst werden, die aus dem eigenen System ausgeschieden und verabschiedet werden dürfen, so zum Beispiel: „Ich muss das alleine schaffen“ oder: „Ich muss jetzt dabeibleiben und durchhalten.“

Das Spiel mit Grenzen ist eine sehr essentielle Erfahrung, die besonders intensiv beim Weißen Tantra erfahren werden kann: Eine Stunde lang eine bestimmte Haltung einzunehmen kann deinen Geist tanzen und fluchen lassen. Sich immer wieder auf das, was zu tun ist, zu fokussieren, immer wieder zurückzukehren zu diesem Fokus, gleichzeitig seinen Schmerz im Arm wahrzunehmen, kann wahrlich herausfordernd sein. Da durchzugehen, und da auch durchzukommen kann wiederum sehr befreiend und ekstatisch sein.

A propos Ekstase: Meine tiefe Überzeugung ist, dass jeder nach Ekstase, nach stimulierenden Momenten und Begeisterung in einem selbst sucht – gerade hierzulande sind die meisten oft etwas zu ernst und verbissen unterwegs, so mein Eindruck. Man muss nicht zwangsläufig am Weißen Tantra Yoga teilnehmen, um ekstatische Momente zu erleben – der Alltag bietet uns hier ausreichend Spielraum, vorausgesetzt wir öffnen uns für das Spielerische und Unerwartete. Ekstase erlebe ich stets dann, wenn ich Begeisterung zulasse, mein Potential entdecke und entfalte und mir auch erlaube, dieses zu tun. Wenn ich wach und kreativ bin, schöpferisch und offen. Und wenn ich immer mal wieder etwas ‘ein klein wenig’ anders tue als bisher.

Neulich in der Sauna, kurz vor Weihnachten, als gefühlt die meisten um mich herum gestresst waren, wurde ich erneut in der Überzeugung bestärkt, wir brauchen hierzulande mehr Ekstase: Ich saß eng an eng mit anderen Saunierenden auf einen Aufguss wartend. Der Mann, der für den Aufguss verantwortlich war, wedelte sich mit seinem Handtuch geradezu in Rage – sehr kunstvoll und ästhetisch wohlgemerkt. Die schwitzende Meute fing plötzlich an, im Beat seines Wedel-Rhythmus‘ mitzuklatschen. Tempo und Lautstärke stiegen und kulminerten in ein lautes Gegröle und Gestampfe. Ich war überrascht und zugleich mitgerissen – hatte ich Sauna bislang eher als Ort der Ruhe kennengelernt. Hinterher dachte ich: Das tat allen gut – sich so körperlich und fast archaisch zu erleben.

In diesem Sinne: Auf mehr Beziehung, Grenzerfahrung und Ekstase:-)! Und ich kann mich die kommenden Wochen auf mehr Energie und Kraft freuen – ein wunderbarer Nebeneffekt des Weißen Tantras, welches einem Aufladen und Auftanken gleicht. Momentan bin ich innerlich kristallklar, was ich sehr genieße.

Alles Liebe zu Euch!

Vom Entwicklen und Verändern

Hast du Lust oder spürst du eine Notwendigkeit, dich zu verändern, dich spirituell zu entwickeln, was auch immer das konkret für dich heißt?  Eine Zeit lang dachte ich, es müsse doch in jedermanns Sinne sein, bewusster zu werden, sich in der Tiefe kennen zu lernen und ein verändertes Sein anzustreben. Innere Arbeit, in welcher Form auch immer, zu praktizieren. Mittlerweile beobachte ich: Dem ist nicht so. Und mittlerweile denke ich: Dem muss auch nicht so sein.

Vor einigen Jahren hatte ich stärker als heute die Tendenz, immer mal wieder jemanden zu behelligen, diesen oder jenen Entwicklungsschritt zu unternehmen: Es würde ihm doch gut tun, ihm helfen. Das ist ne schwierige Kiste. Je mehr wir insistieren, je stärker wir versuchen, an den Stellschrauben des anderen zu drehen, uns auf fremden Baustellen aufhalten, umso stärker kann das Gegenüber in den Widerstand gehen und sich von uns distanzieren. Auch ist es anmaßend zu meinen, „erwachte“ oder sehr bewusste Zeitgenossen – wer oder was konkret das auch sein mag – seien die „weiteren“, „reiferen“, wohlmöglich „besseren“ Menschen. Bei irgend so einem elitären Gedanken ertappe auch ich mich immer wieder mal.

Und lerne: Wichtig ist es doch, Menschen nicht in irgendwelche Kasten einzuordnen, sondern ihnen vielmehr mit Respekt vor ihrem So-Sein zu begegnen. Keine Trennungen vorzunehmen, sondern immer wieder zu sich und seinen eigenen Lebensaufgaben zurückzukehren, in seinem eigenen Mitgefühl und Verständnis für den anderen und seine Situation zu bleiben. Und wenn das so gar nicht geht: Den anderen zumindest zu lassen – nicht in Resonanz gehen, sondern sich wieder dem Eigenen widmen.

Inzwischen glaube ich auch zu wissen: Nicht jeder möchte in neue Rollen schlüpfen, sich selbst immer und überall verwirklichen. Manch einer kommt gar nicht in die Verlegenheit oder ist frei von Leidensdruck, so dass Veränderung nicht ansteht. Ein anderer ist wohlmöglich in seinem Tun und Schaffen so sehr eingespannt und wird vom Leben so hart rangenommen, dass ihm Persönlichkeitsentwicklung unter Umständen wie Nabelschau oder Luxus erscheinen mag.

Heutzutage lasse ich den anderen viel häufiger so, wie er ist oder gerade sein will. Jedem Tierchen sein Plaisierchen. Was gleichzeitig geschieht: Menschen fühlen sich mit mir wohl, kommen auf mich zu, wünschen sich mein Ohr oder gegebenenfalls auch mal einen Rat. Dann fühle ich mich frei, einen Impuls zu geben – und nur dann macht dieser meiner Erfahrung nach wirklich Sinn.

Ich weiß gar nicht, ob Veränderung – der ich selbst offen gegenüber stehe – immer und für jeden Sinn macht. Doch ich möchte Lust auf Veränderung machen, selbst wenn einem vielleicht gar nicht danach ist. Denn in der Regel begegnen einem in solchen Prozessen wieder Lebensmut und Lebensfreude, die in der Routine des Alltags häufig verblassen. Sicher kommt es darauf an, wie stark ausgeprägt mein Bedürfnis nach Sicherheit ist, welche meine Werte, meine Sehnsüchte und Ziele im Leben sind. Und, mal ehrlich: Wenn ich hier und heute alles, nur nicht derjenige bin, der ich sein möchte, darf ich ruhig mal über Veränderung nachdenken. Wenn ich unzufrieden oder gar kreuzunglücklich bin, macht es Sinn, bekannte Pfade zu verlassen. Spüre ich Stagnation, die mich mit Frust, Ärger und Anspannung füllt, ist es sicher auch Zeit, meinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Die Fragen „Wozu möchte ich mich verändern? Und wohin möchte ich mich verändern?“ können einem helfen, mit sich selbst in Tuchfühlung zu kommen. Für mich waren Veränderungsimpulse im Leben zum Beispiel Beziehungen, in denen ich mich nicht mehr wohl und frei fühlte und in denen ich spürte, dass das Alte nicht mehr trug. Oder aber ich wurde mir zunehmend meiner in mir schlummernden Talente und Gaben gewahr, welche gelebt und feiner ausgepackt werden wollten.

Ambivalenzen – etwas wollen und es auch wieder nicht wollen – machen das Sich-Bewegen und Verändern schwer. Hier darf sorgfältig reflektiert und abgewägt werden, wobei ich persönlich daran glaube, dass das Herz stets weiß, wohin es gehen will: Wem es gelingt, mutig und wirklich in sich hineinzuhören, Angst und Furcht Angst und Furcht sein zu lassen, der wird wahrnehmen, was wirklich wichtig ist und gerade ansteht. Mein Vater sagte oft den Satz: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Sicher. Doch will ich wirklich all meinen alten Gewohnheiten treu bleiben?

Leicht ist es nicht, Veränderungen zu leben. Es bedarf Mut, Disziplin, Verzicht, das Ertragen von Ängsten. Auch muss ich bereit sein, den Preis zu zahlen, den die Veränderung mit sich bringt: Es mögen uns Enttäuschung und Unverständnis entgegenschlagen. Ich muss mich von alten, mitunter liebgewonnenen Glaubenssätzen und Mustern trennen. Ich muss aushalten, dass ich unter Umständen nicht mehr „everybody’s darling“ bin und Menschen auch mit Ablehnung auf mich oder mein Verhalten reagieren.

Zu guter Letzt: Selbst wenn ich keine Notwendigkeit sehe, mich auf neues Terrain zu begeben und Veränderungen im Innen und Außen einzuleiten, so macht es meiner Erfahrung nach tierisch Spaß, seinen Bequemlichkeitsbereich immer mal wieder zu verlassen. Es kann wie ein kleines Abenteuer erlebt werden, jedoch anders als dieses ganze „kick-betonte“ Tun – Computerspiele, Bungeejumping – unserer Zeit. Wir fühlen uns wach, voller Neugier – das Nebeneinander von Angst und Mut macht uns lebendig. Wir überraschen und uns andere. Und seien wir mal ehrlich: Das Leben ist kurz. Warum nicht also mehr Wagnis, mehr schillernden Alltag, mehr Übung und Experiment?

Sich dem Partner nähern

Von Jens Corssen, Verhaltenstherapeut und Spezialist für mentale Selbstführung, stammt der Satz “Die Beziehung ist kein Erlösungsort”. Sprich: Dein Partner ist nicht dafür zuständig, deinen Mangel an Glück, Zufriedenheit, Erfülltheit auszugleichen. Dein Partner ist nicht dafür da, dich von Leid zu befreien, dich aufzufüllen. Letztere sind deine Aufgaben. Darüber hinaus soll und darf es natürlich auch Spaß machen, die Freude deines Partners, deines Gegenübers generell, zu mehren. Den anderen dabei zu unterstützen, Glück zu erfahren, sich als selbstwirksam zu erleben.

Corssen meint, wenn du bei dir anfängst, dich selbst entwickelst, laufe die Beziehung. Ich gebe ihm dahingehend recht, dass wir das Glück des anderen steigern können, wenn wir uns selbst in eine gehobene Gestimmtheit bringen, wenn wir schlicht dafür sorgen, dass es uns gut geht, dass unsere Bedürfnisse erfüllt sind – auch ohne, dass unser Partner uns dabei behilflich ist. Was nicht heißt, dass wir uns nicht selbstverständlich vom anderen wünschen können, er möge uns ein bestimmtes Bedürfnis erfüllen. Das Sich-Selbst-Entwickeln kann natürlich auch Unruhe in die Partnerschaft bringen. Oft höre oder lese ich den Satz, bei dem ich schmunzeln muss:“Mein Mann ist so unspirituell, ich habe mich viel mehr entwickelt als er.” Das mag die eine oder andere so empfinden. Auch ich kenne den Gedanken oder auch die Angst in mir,  über andere hinauszuwachsen. Was sowieso nie voll umfänglich geschieht, sondern meist nur in einem Bereich.

 

Wenn ich möchte, dass die Beziehung wieder blüht, muss ich in mich selbst investieren, meinen eigenen Energielevel heben. Mein Mann und ich haben in letzter Zeit sehr spannende Gespräche geführt und tiefe, innige Momente geteilt. Ich merke: Auch wenn ich mich in den letzten Jahren sicher verändert und entfaltet habe, und auch wenn er nicht jede Welle mitsurft, so finden wir doch immer wieder zusammen. Manchmal auf Umwegen: Wir sprechen zum Beispiel selten über meine Blogtexte (da ich auch kritikempfindlich bin, und mein Mann ein großer wenn auch feinsinniger Kritiker ist;-)), finden dennoch auch in meinen (Blog-) Themen zueinander, diskutieren, tauschen uns aus, reflektieren gemeinsam. Mittlerweile teilen wir sogar das Kundalini-Yoga, welches mein Mann bisher durchaus interessiert, doch nicht praktizierend an meiner Seite verfolgte. Darüber freue ich mich natürlich besonders.

 

Und was ich auch lerne: Es bringt nichts und kann sogar nach hinten losgehen, wenn ich versuche, dem anderen meins überzustülpen, ihn wohlmöglich zu missionieren (“Jetzt mach das doch auch mal so!”, “Dies oder jenes würde dir so gut tun!” o.ä.). Ich glaube, was wirklich überzeugt, ist das was du selbst tust in deinem Leben – für dich, für andere, den anderen freilassend in dem was er tut. Eine starke, schöne Präsenz zu haben, in seine Kraft zu kommen, sich selbst zu bemuttern, Liebe ins Feld einzuspeisen – das ist meines Erachtens der größte Gewinn für alle. Da mag der andere auch gerne folgen, vorausgesetzt er fühlt sich durch dich inspiriert, traut sich selbst, zu wachsen.

 

Eine schöne Partnerschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ich mich so sicher fühle, dass ich mich entspannen kann, und mich gleichzeitig so frei fühle, dass ich mich entfalten kann. Ich möchte mir selbst immer wieder fremd werden, und ich lade auch die Fremdheit des anderen ein, sich mir zu zeigen. Denn Beziehung braucht stets beides, wenn sie lebendig bleiben soll – Vertrautheit und Fremdheit. Und sollte der andere mal plötzlich zu fremd werden, hilft Humor ungemein.

 

Es gab viele Momente in den letzten Wochen, in denen ich mich getraut habe, mich meinem Mann gegenüber auch mit schambesetzten Themen zu öffnen. Von mir zu erzählen, Worte auszuspucken und währenddessen wahrzunehmen, dass mir heiß wird, dass da alte Ängste hochkommen, dass ich gerad selbst nicht weiß, wie ich mich finde. Und zu erleben: Auch das geht, ist möglich, der andere ist immer noch da, und nicht nur das: Er ist ganz präsent, hört wirklich zu. Im Anschluss an solche Momente fühlen wir uns oft sensibilisiert und gleichzeitig tief gestärkt. Auch teilen wir unserem Unbewussten, unserem ganzen System mit: Wir stehen wirklich für uns ein und leben Integrität, leben unsere WerteEhrlichkeit, Aufrichtigkeit, Mut zum Beispiel. Wir reden nicht nur davon, dass diese und jene unsere Werte sind, sondern lassen Taten folgen, auch wenn’s unbequem wird.

 

So begebe ich mich also wie wir alle jeden Tag auf die Übungsmatte des Lebens, experimentiere und halte es mit Goethe:

“Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde,

bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.”

Gehabt Euch wohl, schöne Tage, Raunächte, schönes Einkehren & einen wunderbaren Start ins neue Jahr!

Herzlichst, Carolin

 

 

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