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Erlebtes & Belebendes

Kategorie: Tiefen und Abgründe des Lebens (Seite 1 von 5)

An den Ergebnissen erkennst du deine Absicht

Heute möchte ich “außer der Reihe” auf meinen aktuellen compassioner-Artikel aufmerksam machen: Die Welt gibt dir Feedback. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Thema bei vielen Resonanz findet, daher teile ich ihn hier.

Das Leben schenkt uns unentwegt Feedback. Die Welt kann zu einem großen, lehrreichen Spiegel werden, wenn wir uns trauen, hineinzublicken und wenn wir bereit sind, niemanden außer uns selbst für die eigenen Lebensumstände verantwortlich zu machen.

Viel Freude & Erkenntnisse beim Lesen, eine schöne Herbstzeit und alles Gute!

Die Welt gibt dir Feedback

Geschichten über mich und andere

Ich beschäftige mich dieser Tage intensiver mit dem Possibility Management. Dieser Ansatz kann dir dabei helfen, ungewohnt neuartig zu denken und Veränderungen zu initiieren. Es gibt die Möglichkeit, für sich selbst die sog. SPARKs – Übungen bzw. Experimente – zu machen, oder an mehrtägigen, transformatorischen Trainings teilzunehmen. Heute möchte ich zwei SPARKs vorstellen, die sich der Thematik Beziehung und Entwicklung in Beziehungen widmen.

Los geht’s:

“Du kannst verändern, wer du bist, indem du die Geschichten anderer Menschen über dich veränderst.”

Das fand ich spannend und fragte mich: Wie geht das? Eine Überlegung vorweg, vielleicht kennt Ihr das auch: Ihr seid der Meinung, ihr hättet eine bestimmte Entwicklung vollzogen, ein spezielles immer wieder kehrendes Thema nun endlich durchgekaut und verdaut, und dennoch begegnet Euch im Außen immer noch derselbe Käse – in Form von den gleichen unerwünschten Situationen und Reaktionen Eurer Mitmenschen. Der Beweis, dass du dich tatsächlich geändert hast, wird sich darin zeigen, dass andere Menschen auch anders auf dich reagieren. So liegt es an dir selbst, zu ändern, auf welche Weise dich deine Mitmenschen wahrnehmen, indem du die Geschichten veränderst, die sie über dich erzeugen. Um die Geschichten über dich zu verändern, musst du deinen Mitmenschen nun also neue Beweise liefern, und hierfür ist es erforderlich, dass du einige Eigenschaften deines Wesens wirklich änderst.

Ich erinnere mich an ein gemeinsames Essen mit meiner Herkunftsfamilie im Sommer 2016, als ich auf meinen Erfolg – es erschien gerade mein erster Artikel im Online-Magazin compassioner – anstoßen wollte. Allein das Wort “Erfolg” hat die eine oder andere Irritation hervorgerufen. Erfolg ist kein Begriff, der in meiner Familie oft benutzt wurde, oder anders: Auf Erfolg im engeren Sinn – Karriere, materieller Natur – wurde nie sonderlich großen Wert gelegt. Auch wenn ich mich noch etwas ungelenk fühlte beim Heben meines Glases, so war es doch ein schöner, spielerischer Moment, der seine Wirkung zeigte. A propos spielerisch: Du denkst vielleicht, hm, Wesenseigenschaften ändern, gar nicht so leicht, bin ich denn dann noch authentisch? Sieh das Ganze doch als bewusstes Theater, sprich zeig dein neues Verhalten als Theater – zum Zweck deiner eigenen Entwicklung. Das denke ich immer mehr: Warum oft so bierernst und immer gleich? Mir macht es Spaß, mit Rollen und Erwartungen zu spielen und nicht immer dasselbe Verhalten an den Tag zu legen. Im Possibility Management heißt es, du musst dich dazu verpflichten, eine Wesenseigenschaft zu verändern.

Mittlerweile reagiert mein Umfeld ganz eindeutig anders auf mich als noch vor 2,3 Jahren: Bestimmte Kontakte schlafen, andere sind von meinem Radar verschwunden, neue Menschen sind hinzugekommen, einige Verbindungen zu schon lange bestehenden, liebgewonnenen Menschen sind deutlich tiefer und intensiver geworden. Auch werden andere Themen und Fragen an mich herangetragen, ich werde viel öfter zu mir wirklich am Herzen liegenden Themen befragt, so z. B. zum Kundalini-Yoga und zu meinen ätherischen Ölen.

Hier ein Vorschlag, ein Experiment zu wagen: Du kannst bei einem Verhalten, das du ablegen möchtest, genau das gegenteilige Verhalten an den Tag legen und im Alltag mit Situationen spielen. Natürlich bedeutet das anfangs Herzklopfen und gefühlt eine große Risikobereitschaft, doch es beinhaltet starkes Transformationspotenzial. Laut sein wo du sonst leise bist. Sprechen wenn du normalerweise in der Zuhörerrolle bist. Bewusst nicht lächeln, wenn dir nicht danach ist und du es für gewöhnlich tust.

Der andere SPARK, der mich umtrieben hat die vergangenen Tage, lautet:

“Du kannst Menschen verändern, indem du deine Geschichten über sie veränderst.”

Mindestens genauso interessant. Auch das kennen wir sicherlich alle: Wir erzählen uns – in Form eines inneren Monologes oder auch im Austausch – stets dieselben Geschichten über Menschen, die wir gut zu kennen glauben. Wir stecken Menschen mit Vorliebe in Schubladen und sind oft viel zu bequem, um sie dort wieder herauszuholen – selbst wenn es noch so offensichtlich ist, dass es hier Neues zu entdecken gibt. Wir halten diese immergleichen Geschichten, die wir über andere erzählen, für wahr. Sprich die Art, wie ich eine andere Person erlebe, wird zwangsweise über meine Geschichten über diese Person beschränkt. Wenn wir davon ausgehen, dass JEDE Geschichte, die ich erfinde, auch als “wahr” bewiesen werden kann, so kann ich auch neu erfinden, wie Menschen sind, indem ich Geschichten neu erfinde, die ich über sie erzeuge. Klingt erstmal schräg und wirft Fragen auf. Doch auch mit diesem Ansatz lässt sich kreativ und spielerisch experimentieren, ohne dass ich mir untreu werden muss. Indem ich Beweise finde, mit denen ich eine neue Geschichte über jemanden stütze, ist diese Person verändert!

Gerade über Menschen, über die ich Geschichten erfunden habe, die tendenziell negativ besetzt sind, kann ich nun beginnen, Neues zu erzählen. Ich kann neue Aspekte am anderen beobachten und bemerken und wiederholt diese neuen Geschichten – auch Dritten gegenüber – erzählen. In diesem Prozess verändert sich auch meine innere Wahrnehmung. Ich habe mir vorgenommen, Menschen immer wieder neu zu sehen – ich glaube, das wird meinem Gegenüber zum einen gerechter, wenn wir bedenken, dass Menschen komplexe und auch widersprüchliche Wesen sind; zum anderen erhebe und ermächtige ich uns beide, wenn ich den anderen in seiner Größe und Vielfalt betrachte.

Wer Lust hat, mehr zu experimentieren, den möchte ich herzlich dazu einladen – ich mache mit und freue mich über Austausch!

Angst vor Ablehnung

Kennt Ihr das auch? Ihr unterlasst bestimmte Schritte – Schritte des Sich-Zeigens, Sich-neu-Erprobens – aus Angst vor Ablehnung? Ich erinnere mich, dass ich im 5. Schuljahr meine komplette Klasse zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen habe, nicht da mir alle wer weiß wie am Herzen lagen, sondern da ich mich bei niemandem unbeliebt machen wollte.

Die Angst nicht gemocht zu werden, zu missfallen, begleitete mich sehr lange. Mittlerweile ist es mir meist wurscht – abgesehen von mir sehr nah stehenden Menschen – was andere denken und meinen, wem ich gefalle und wem nicht. Im Gegenteil, ich erlebe es als völlig “normal” und auch wichtig, nicht von allen gemocht zu werden (denn letzteres wäre geradezu verdächtig und auch uninteressant). Das für mich mittlerweile Furchtbarste ist es, heuchlerisch oder kriecherisch zu sein. Lieber nehme ich in Kauf, dass meine manchmal auch schonungslose Ehrlichkeit nicht gut ankommt.

Ich erlebe es immer wieder: Wenn du zu neuen Ufern aufbrechen willst, musst du durch diese Angst hindurch, wiederholt und wiederholt. Spannend und auch befreiend wird es, wenn du erkennst, dass du und deine Schritte wohlmöglich gar nicht abgelehnt werden. Die These, dass Ablehnung eine Illusion sei, habe ich kürzlich bei Veit Lindau aufgeschnappt und lange in mir bewegt. Veit unterscheidet zwischen Ablehnung und etwas anderes wählen. Das habe ich mir auf der Zunge zergehen lassen: Der andere lehnt es oder dich nicht ab, er wählt an dieser Stelle nur etwas anderes! Das heißt ferner: Die Wahl des anderen ist kein Urteil über dich oder deinen Wert. Veit sagt, der einzige Mensch, der die Wahl habe, dich in solchen Momenten abzulehnen, bist du. In dich irritierenden oder auch schmerzhaften Momenten kannst du dich also fragen:

Bin ich von meinem Weg überzeugt? Von meinen Zielen und auch von meiner Vision? Kenne ich meine Werte?”

Momente, in denen ich zweifle – zum Beispiel daran, so offen und ehrlich öffentlich zu schreiben – Momente, in denen ich mich mit mir nah stehenden Menschen austausche, beispielsweise darüber, dass sie nicht möchten, dass irgendetwas über sie im Internet steht – sind also wahre Lehrmeister, wenn auch keine angenehmen. Ich bleibe bei dem Beispiel “private Dinge im Internet veröffentlichen”: Eine liebgewonnene Vertraute schrieb mir neulich – nachdem sie lange und interessiert in meinem Blog gestöbert hatte – sie würde private Dinge nicht ins Internet stellen. Gleichzeitig fragte sie sich selbst: Warum eigentlich nicht? Ich kann sie aus ihrer Warte – sie ist außerdem ein völlig “un-digitaler” Mensch – verstehen. Ich erwiderte, ich würde mein Schreiben als das mit Schönste und Abenteuerlichste erleben, dass ich bislang gestaltet habe. Abgesehen davon, dass mir das Schreiben irre viel Spaß macht, erfahre ich immer wieder, dass meine Zeilen auch anderen Mut machen: Von sich erzählen kann andere ermutigen, es kann sie zum Beispiel spüren lassen, sie sind nicht allein.

Gleichzeitig kann ich nachvollziehen, wenn andere das nicht wollen, sprich sich hier an dieser Stelle für “anders leben” entscheiden. Aus vielfältigsten Gründen. Zurück zum Anfang meines Textes – Ablehnung ist eine Illusion. Natürlich mag der eine oder andere das, was wir tun, ablehnen. Doch ich glaube, viel öfter, als dass etwas abgelehnt wird, wird schlicht anders gewählt, anders gelebt. Die meisten Menschen stecken, so meine Beobachtung, sehr tief und busy in ihrem eigenen Leben, sie registrieren gar nicht alles, was du tust, es interessiert auch nicht jeden alles. Geht mir doch genauso!

Daher meine Empfehlung: Mach doch einfach! Oder wie Veit so schön sagt: “Die, die genau auf dich gewartet haben, werden kommen!” Oft ist es so, dass ich selbst auch viel zu beschäftigt bin, als mir permanent über das Leben anderer Gedanken zu machen: Ich bin super neugierig, lasse mich gerne inspirieren, ich verschenke mich sehr gern – das ‘anderen Dienen und ihnen eine Freude machen’ ist für mich Teil und Konsequenz gelebter Selbstliebe. Da komme ich gar nicht zum ständigen “Abscannen”, Vergleichen und mich fragen, was der andere denn evtl. besser macht als ich. Soll heißen: Ich verbringe kaum bis keine Zeit mit Tratschen, Lästern, Ablehnen. Und frage mich: Warum sollten andere dies tun, Zeit mit Ablehnen verbringen;-)? Im Übrigen glaube ich, dass Selbstliebe, sprich die Qualität der Beziehung zu dir selbst DER Schlüssel ist in diesem ganzen “Werde-ich gemocht/abgelehnt-Spiel”.

Mir ist erneut klar geworden: Ich möchte meine Schritte gehen, sie nicht unterlassen. Der Schritt, mich nun mehr und mehr mit den ätherischen Ölen, die ich sehr liebe, zu zeigen, andere hier zu beraten, ihnen die Möglichkeit zu geben, die Öle über mich zu beziehen, ist mir auch nicht ganz leicht gefallen. Doch ich sage mir: Wenn es mich ruft, sollte ich folgen. Unbedingt. Und wenn es dann doch nicht meins ist, wird sich genau dies zeigen.

Und was das öffentliche Schreiben, den Einblick in mein Leben angeht: Mir ist es wichtig, offen zu sein und gleichzeitig genau hinzuspüren, wo sind Grenzen – meine eigenen und die des anderen. In die Tiefe gehen, ohne dass es für eine Seite unangenehm wird.

Und wenn du oder das, was du tust, dann doch abgelehnt werden, kannst du dich fragen: Über wen sagt diese Ablehnung etwas aus? In der Regel über denjenigen, der ablehnt – es ist Ausdruck seiner Werte, seiner Ansichten, seiner Moral, seines Geschmacks, seiner Ästhetik und Weltanschauung.

Welche Erfahrungen machst du mit der Angst vor Ablehnung? Kannst du recht entspannt durch sie hindurch gehen? Oder bremst sie dich oft?

Oh die Liebe

Ich schreibe selten zu “Mann-Frau-Beziehungs-Themen”, Geschlechterdiskussionen, Emanzipation. Letzteres hat mich nie wer weiß wie interessiert, vielleicht auch, da ich mich meistens als autonom, weder benachteiligt noch bevorzugt, wahrgenommen habe.

In letzter Zeit stoße ich immer wieder auf interessante Aspekte zum Thema Beziehung – in Gesprächen und auch durch das kürzlich erschienene Buch “Königin und Samurai” von Veit und Andrea Lindau. So möchte ich mich heut diesem schönen Thema widmen. Mir fällt es selbstverständlich leichter, aus Sicht der Frauen zu schauen und zu sprechen, was mich zum großen Thema “Beziehung” derzeit bewegt. Also los.

Zur Zeit erlebe ich diverse Trennungen in meinem Umfeld, bin bewegt von Geschichten über verletzendes Miteinander, sicher auch eine Konsequenz einer Überforderung und tiefen Erschöpfung, von der viele Familien heutzutage betroffen sind. Sowohl Männer als auch Frauen wirken vielerorts auf der Suche – nach (neuen) Rollen, dem Ausdruck und der Integration sowohl männlicher als auch weiblicher Anteile in sich. Ich stelle immer wieder fest: Die Begriffe “männlich” und “weiblich” werfen Fragen auf – ich ahne, was für mich “weiblich” oder “männlich” bedeutet, gleichzeitig laufe ich Gefahr, schnell in alten Klisches zu landen.

Tief verunsichert erscheint mir dabei der, die eine oder andere. Frauen wie Männer halten und jonglieren heute mehrere Bälle in der Hand – alles unter einen Hut zu kriegen scheint tendenziell immer noch eher Frauenintention zu sein. Mir hilft das Bild, möglichst spielerisch verschiedene Hüte zu tragen – je nach Situation und Anforderung, oder auch je nach Lust und Laune Mutter, Wegbegleiterin, Schwester, Ehefrau, Musiktherapeutin, Duo-Partnerin, Autorin, Öle-Beraterin oder auch einfach mal Närrin zu sein. Natürlich verkrampfe auch ich manchmal dabei und komme regelmäßig aus meiner Mitte.

Merkwürdigerweise habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht, ob ich eher klassisch Familie oder schwerpunktmäßig beruflich unterwegs sein will. Kinder wollte ich im Grunde immer, Karriere machen war zu keiner Zeit mein Ding. Ich folgte stets meiner Intuition, ferner meinem Prinzip “Versuch und Irrtum”. Den ganz großen Lebensentwurf hatte ich nie, auch suchte ich – zumindest nicht bewusst – keinen Mann, der mir (finanzielle) Sicherheit schenkte. Wonach ich stets geradezu dürstete waren und sind: immer tiefer werdende Selbsterkenntnis, schöpferischer Ausdruck – lange Zeit über die Musik, nun auch über Schrift und Wort – und ein Erleben von Freiheit.

Eine Herausforderung für Frauen dieser Zeit besteht meines Erachtens darin, ihre Weiblichkeit in einer immer noch stark leistungsbetonten Gesellschaft zu leben, sprich Mutterschaft zu leben, was nicht gleichzusetzen ist mit “ein Kind gebären”: Ich spreche eher von Qualitäten wie Dienen, Hingabe, Beziehungsgestaltung. Eine Frau kann gleichzeitig weich und empfangend sowie kristallklar und stark sein. All dies sind unsere Qualitäten, ich habe den Eindruck, wir müssen uns nur trauen und auch erlauben, sie herauszuholen und auch zu zeigen.

Eine weitere große Herausforderung für Frauen besteht darin, sich nicht permanent auf den Baustellen der anderen zu verlieren: Natürlich dürfen wir links und rechts schauen und helfen, wo unsere Hilfe benötigt wird. Gleichzeitig sollten wir unsere eigene Baustelle erkennen und uns zunächst selbst auffüllen – mit Kraft, Fürsorge, liebevoller Zuwendung, mit vielen vielen Pausen – bevor wir uns um andere kümmern.

Kürzlich sprach ich mit einer Freundin darüber, dass viele von uns Frauen irre viele Talente haben, sich jedoch immer noch schwer damit tun, mit diesen sichtbar zu werden, sanft und gleichzeitig stark in ihre Größe zu finden und dazu zu stehen, was sie ausmacht. Aufgerichtet und wirklich klar heraus. Auch für mich eine tägliche Übungsmatte, doch ich gewinne an Sicherheit und auch an Lust am Tun und Wirken.

Das Verbinden mit anderen Frauen, das Austauschen und sich gegenseitig Emporheben erlebe ich als immer wertvoller, je älter ich werde. Es macht mir Spaß, mir Vorbilder zu suchen, zu schauen, wie leben andere – ohne sofort in dieses Vergleichen zu kommen, womöglich noch gepaart mit Schwesternneid und –gezicke. Es kann so wohltuend sein, nicht gefallen zu wollen, zu sich zu stehen und würdevoll dieses Frausein zu zelebrieren – mit allem, was dazugehört, mit dem Männlichen und dem zutiefst Weiblichen in uns.

Wenn Frau und Mann immer mehr in ihre Kraft kommen, sich verletzlich zeigen, sich dabei im anderen erkennen und gesehen werden, kann ganz Wunderbares daraus enstehen und wachsen. Lasst uns einander wertschätzen und damit beginnen, den anderen nicht mehr für den eigenen Schmerz verantwortlich zu machen: Wenn wir uns nicht mehr brauchen, um eigene Mängel zu kompensieren, sondern wenn wir einfach Tag für Tag dafür gehen, immer tiefer zu lieben, dann sind wir meines Erachtens auf einem guten Weg. Das gilt meiner Erfahrung nach für alle engeren Beziehungen, die wir in unserem Leben gestalten: Wirklich lebendige Beziehungen leben von diesem “Nähetanz” – sich zeigen, den anderen sehen, da sein für den anderen, und ihn gleichzeitig nicht festhalten zu wollen.

Eine Frage habe ich heute nicht. Dennoch freu ich mich riesig über Rückmeldung und Austausch zu dem großen Thema Beziehung.

 

Deinen Neid willkommen heißen

Heute möchte ich erneut auf meine Artikel, die einmal monatlich regelmäßig im Online-Magazin compassioner erscheinen, aufmerksam machen. Diesen Monat ging es um das spannende und delikate Thema Neid: Wann taucht er auf? Was macht er mit uns? Und sollten wir ihn nicht einfach willkommen heißen?

Hier geht es zum Artikel!

Auf diese Zeilen habe ich schon zahlreiche Reaktionen, u.a. bei facebook, erhalten. Wenn Ihr mir hier noch ein paar Rückmeldungen, Impulse, Erfahrungen hinterlassen wollt, freu ich mich sehr! Auch freu ich mich über das persönliche Anschreiben:-)!

Fühlen ist okay

Hallelujah. Ein transformierendes, konkurrenzloses und einfach wunderbares Seminar liegt hinter mir: “Alte Wunden heilen lassen, auf dem Weg durch die Schatten” beim Schamanen Harry Hömpler. “Niemand kann dir Frieden geben, außer du dir selbst.” So lauteten die Eingangsworte der Seminarbeschreibung.

Ich spürte neben Freude auch Schiss im Vorfeld: Was wird da kommen und aus mir heraus strömen? Was ich wusste: Ich wollte vor allem mit meiner Wut in Kontakt kommen. Dass da viel Wut in mir ist – ob der Überforderung und der gefühlt zahlreichen Grenzüberschreitungen bereits in sehr frühen Jahren – spürte ich deutlich. Insbesondere in den vergangenen Wochen, in denen durch die Dynamik in der Herkunftsfamilie alte Emotionen getriggert wurden, wurde mir dies bewusst. Aus meinem Erleben stand ich anderen sehr oft zur Verfügung: In meiner Familie war ich das Nesthäckchen, die Unkomplizierte, der Sonnenschein – und auch die Kraft-Schenkende, Zuhörende, Helfende. Hier stecken auch viele meiner Kompetenzen: im Zuhören, im Da-Sein und Raum-Schaffen, wertschätzend und ermutigend. Doch was mir auch immer bewusster wurde und wird: Ich möchte all dies auch einfach nicht sein (müssen).

Ich möchte frei sein, mich glücklich fühlen, auch dann, wenn eine mir nahstehende Person gerade schwierige Zeiten durchmacht. Ich möchte klar für mich, meine Bedürfnisse und Werte einstehen. Die Verantwortung für meine – oft lange durchdachten und durchfühlten – Entscheidungen tragen, zu diesen stehen, und gleichzeitig Dinge, die nicht in meinen Verantwortungsbereich fallen, beim anderen lassen. Wenn es sich richtig anfühlt und sogar notwendig ist, will ich sagen: “Lasst mich in Ruhe”. Mich abgrenzen. Auch mal aus dem Kontakt gehen. Ich will so “Nein” sagen, dass das Nein auch ankommt und keine weitere Fragen oder Diskussionen nach sich zieht. Harrys Ansatz, einen geschützten Raum zu eröffnen – außerhalb aller kulturellen Bezüge, Regeln und Konventionen – diesen zu halten und alles da sein zu lassen, was sich zeigen will, hat mir enorm in meinem Klärungs- und Abgrenzungsprozess geholfen.

Harry bedient sich verschiedenster Technicken und Handwerkszeuge, viele seiner Impulse stammen aus dem sog. Possibility Management. Es ist, als würde Harry dir beim Klettern helfen, dir eine 8-spurige Autobahn an Möglichkeiten – sich (neu) zu entscheiden, zu handeln, zu kreieren – anbieten. Meist haben wir das Gefühl, uns in einer Einbahnstraße zu befinden und sehr eingeschränkt zu sein in unseren Möglichkeiten. Wenn sich eine Szene aus der Vergangenheit, ein “Problem” herauskristallisiert, erhälst du hier die Gelegenheit, ein dominierendes Gefühl wie Wut oder Angst, frei von jeglicher Wertung zu fühlen. Du darfst fühlen! Wie wohltuend. Denn die meisten von uns haben sich in der Regel eine hohe Taubheitsschwelle zugelegt.

Mit Harrys Begleitung kannst du rein gehen in das Gefühl, mit Hilfe von Utensilien z. B. deine Wut herausschreien und -schlagen, auch mit derben Ausdrücken, ganz egal – du kannst das Gefühl größer werden lassen, mit ihm spielen. Plötzlich spürst du auch wie dein Körper, der sehr weise ist, antwortet, wie deine Selbstheilungskräfte zu arbeiten beginnen. Mein Wut-Kloß auf Solarplexushöhe rutschte zunächst auf Herzhöhe, als säße mir jemand auf der Brust. Dann fing es an in mir zu vibrieren, Töne entwichen mir, ein wohltuendes Brummen machte sich breit. Ich spürte ein Kribbeln in Händen und Füßen und schüttelte mich unweigerlich. Da ging was.

Die meisten von uns haben in der Vergangenheit etwas erlebt und gefühlt, das sehr unangenehm oder schier nicht auszuhalten war. Wir haben damals eine Entscheidung getroffen, das Gefühl eingeschlossen, uns gedeckelt. Wenn wir nun – als verantwortungsvolle Erwachsene – erneut in dieses Gefühl gehen, es prozentual größer werden lassen und uns dann neu entscheiden, wie wir uns fortan in bestimmten Lebenssituationen verhalten wollen, kann das ungemein befreiend sein: Emotionen, welche im Gegensatz zu Gefühlen stets darauf hinweisen, dass es etwas zu heilen gibt, können von dannen ziehen. Die zu den Emotionen gehörenden Geschichten, die wir uns oft wiederholt und wiederholt erzählen, dürfen sich auflösen. Das Schöne ist auch: Wir können neue Entscheidungen treffen. Und dies jederzeit. Wir können uns selbst autorisieren, uns erlauben, von nun an völlig anders über eine Situation, einen Charakterzug oder einen Menschen zu denken. Ich bestimme, wie ich fühle. Und: Fühlen ist ok. Wir können etwas für uns deklarieren: “Ich darf glücklich sein, unabhängig von äußeren Umständen.” “Ich bin frei, so ist es.”

Was wir brauchen ist Klarheit. Klarheit zu unterscheiden. Ich erkenne: Es gibt viele Möglichkeiten, ich habe die Freiheit, zu unterscheiden, zu wählen, wie ich mich zu einer Situation, einem mir nah stehenden Menschen ausrichten will. Die meisten von uns laufen mit unzähligen unbestätigten Annahmen herum. Wir glauben, der andere könnte denken, dass wir denken, dass… Klarheit schafft Bewusstheit. Ich kann jederzeit korrigieren. Das Leben als Spielfeld betrachten. Und was ich total spannend finde: Ich kann grundlos handeln, ohne Auslöser von außen. Ich kann die Ursache von der Wirkung entkoppeln, den Auslöser vom Gefühl. Wenn ich will, kann ich mit meinen Möglichkeiten experimentieren und je nach Experimentierfreude und Mut dies meinem Umfeld vorher mitteilen. Wenn der Postbote klingelt, kann ich das Fenster aufmachen und die Musik aufdrehen;-).

Es mag abstrus klingen, doch ich finde, es hat auch was. Unabhängig von Gründen zu entscheiden. Sich zu sagen: Ich habe die Wahl. Genauso wie ich einst beschlossen habe, mir etwas zu verbieten, so kann ich heute entscheiden, es mir zu erlauben. Ich kann sagen: “Ich will das.” Oder: “So bin ich jetzt!” Wenn ich große Ängste ausspreche, so wie hier in der kleinen Seminargruppe – “Ich könnte mal nicht warmherzig und offen, sondern egoistisch, hart, kalt wahrgenommen werden”, und von außen plötzlich kommt “Na und, dann biste das. Und? Ich mag dich auch so” – es ist unglaublich, was dann mit dir geschieht, wie sich etwas in dir öffnet und freilegt. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte.

Gefühls- und Schattenarbeit bewegt auch das jeweilige Umfeld. Daheim liegt gerade eine besondere Stimmung in der Luft. Es kribbelt und brizzelt. Und es ist schön. Natürlich meldet sich die Wut auch immer wieder. Soll sie.

Ich kann nur sagen: Danke, Harry – du bist der Knaller:-)!

Radikal leben

Neulich kaufte ich mir seit langem mal wieder eine Zeitschrift. Im Vorwort hieß es, Autor unbekannt: “Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

In diesen Zeilen fand ich mich wieder und dachte: Ich bin schon ganz gut unterwegs. Doch dann wurde mir klar, dass ich noch viel radikaler leben möchte in Zukunft: Wirklich noch vollständiger, noch elementarer meine Zeit so gestalten, wie ich es für richtig und sinnvoll halte.

Gerade habe ich ein paar Tage mit unserem Sohn im Harz verbracht. Wir haben Nostalgiehotel, Sole-Therme und Luchsgehege genossen. Wobei letzteres – verbunden mit einer kleinen Wanderung – nur bei mir Anklang fand. Radikal leben heißt für mich auch, die Zeit mit unserem Sohn so bewusst wie möglich zu gestalten. In dem Wissen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass es vermutlich nicht mehr lange dauern wird, bis er sich von den Eltern abgrenzt.

Radikal leben kann auch heißen, an wichtigen Stellen keinen Kompromiss einzugehen: Auf dem Weg zum Luchsgehege wurde Yossi nicht müde zu betonen, wie besch… er das kleine Stück Wanderung (den Teil zwischen Hochseilbahn und “mit Bus zurück”) fand. Ich hab dann etwas getan, was ich noch nie gemacht habe: Ich bin alleine weiter gestratzt (Yossi meinte, er ginge zurück zu Bahn). Mir war das so wichtig, auszuschreiten, ich hatte mich drauf gefreut und es extra sehr kurz gehalten. Auch hatten wir den Deal, im Anschluss ein zweites Mal in die Sole-Therme zu gehen. Am Luchsgehege eingetroffen stand Yossi plötzlich neben mir. Offenbar hat er sich dann doch selbst auf den Weg gemacht und ist der Beschilderung gefolgt.

Ich glaube, es war eine gute Erfahrung für uns beide. Ich habe mir erlaubt, mein Bedürfnis vornanzustellen und darauf zu vertrauen, dass nichts passieren wird (ein Kleinkind hätte ich sicher nicht alleine gelassen). Wie sagte eine Freundin, als ich ihr davon erzählte, so schön? Sie nannte es die “liebevolle Konsequenz, die aus der Liebe zu sich selbst und auch aus der Liebe zu dem Kind und im Bemühen um eine gesunde Beziehung zueinander, absolut wichtig ist. Dem Kind Grenzen aufzeigen und die eigenen Bedürfnisse vertreten, ohne ihm die Liebe zu entziehen.”

Mir wird bewusst: Ich möchte im Leben sehr tief lieben. Natürlich möchte ich meine Liebe teilen und weit streuen – ich behaupte ich habe ein großes Herz – doch noch wichtiger ist es mir, umfassende, enge Beziehungen mit wenigen Menschen einzugehen und mich diesen radikal zu widmen. So auch meinem Mann. In mir wohnt das klare, schöne Bild, mit ihm an ein Ende, sprich bis zum Tod gemeinsam zu gehen. Sicher weiß ich nicht, was kommen wird, doch dieser Wunsch, diese tiefe Absicht ist für mich mehr als gewiss. Und noch wichtiger, als regelmäßig Wochenenden mit Freunden zu verbringen ist es mir, den Großteil meiner Zeit meiner kleinen Familie zu widmen.

Radikal leben heißt insofern auch, wirklich sehr bewusst zu wählen, mit welchen Menschen ich mich warum und wann umgebe. Mich dort voll einzubringen, wo es mich hinzieht, ich mich gesehen und geliebt fühle. Manche meiner einst engen Kontakte sind gerade etwas verschlafen, sicher auch, da es in den jeweiligen Leben zurzeit nur wenige Schnittmengen gibt. Ich habe beschlossen:  Das lasse ich jetzt erst einmal so, selbst wenn es darauf hinausläuft, dass wir nur wenige Male im Jahr Kontakt haben.

Momentan fühle ich mich sehr zu Menschen hingezogen, die Lust haben zu wachsen und die auch mich wachsen sehen wollen. Die mich und meine Eigenarten, meinen Wunsch nach Alleinzeit, meine Ehrlichkeit und Klarheit gut aushalten können. Das sind sowohl einige mir sehr vertraute, schon viele Jahre bestehende Verbindungen, als auch neue Menschen, die mir begegnen, on- und offline  – die ebenso Träume haben und sich ein sattes, erfülltes Leben wünschen.

Was mir auch essentiell wichtig ist: Meinen Gefühlen mehr als bisher zu trauen. Freund und Navigator Harry schrieb mir kürzlich:

„Deine Gefühle sind die Wahrheit. Die Weisheit deines Körpers. Unabhängig ob es dir oder anderen “gefällt”.

Von diesem Punkt aus möchte ich leben. Wenn da Wut ist, dann soll diese den ihr gebührenden Raum erhalten. Und dann dürfen auch Konsequenzen folgen, indem ich aus meinem Zentrum heraus klare Grenzen setze. Ein anderes Beispiel: Noch immer denkt’s in mir, dieses oder jenes müsste ich jetzt aber tun, z. B. eine Wochenend-Verabredung einhalten, die mir schon jetzt aus verschiedenen Gründen Stressgefühle bereitet. Nein, muss ich nicht. Was ich schon gar nicht muss: Meine Freizeit in irgendeiner Form stressig (v)erleben.

Vollständig, sprich so zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben, bedeutet für mich in allererster Linie: sich zu erlauben, diejenige zu sein, die ich sein möchte und dasjenige mit der Welt zu teilen, das ich aus tiefstem Herzen teilen will. Unabhängig davon, wie andere das finden mögen. Seitdem ich mich z. B. stärker auf die Menschen konzentriere, bei denen meine Zeilen resonieren, die etwas mit dem, was ich teilen möchte, anfangen können, anstelle mir Gedanken darüber zu machen, wer meine Texte oder mich ablehnen könnte, blüht vieles in meinem Leben neu auf: Es kommen Menschen und Situationen auf mich zu, die mich voranbringen – Menschen, die mich etwas fragen oder um etwas bitten, das ich gerne gebe, Gegebenheiten, die mich in der Tiefe ausfüllen. Radikal leben heißt demnach für mich: die eigenen Erwartungen leben und damit aufhören, die Erwartungen anderer zu leben. Denn letzteres kostet unnötig viel Energie, Zeit und Lebensfreude.

Zum Muttertag schenkte mein Mann mir eine Blume, die “Schwarzäugige Susanne” – einen “unermüdlichen Dauerblüher”, mit den Worten, diese passe zu mir. Und dies ist mein Wunsch: Selbst wenn der Tag beschissen war, am nächsten Morgen erneut aufzublühen, immer mehr in meine Kraft zu kommen und andere mit meinem So-Sein anzustecken.

Was heißt für Euch radikal, vollständig leben? Was darf nicht fehlen?

 

Interview “Sich verletzlich zeigen”

Andrea Breitenmoser, eine tolle, kraftvolle & mutige Frau, Coach, Mutter hat mich zum Thema Verletzlichkeit befragt. Es war ein sehr lebendiges, intensives Gespräch, das ich heute gerne mit Euch teilen möchte.

Wann zeigst du dich mit deiner verletzlichen Seite? Wann fällt es dir leicht? Wann eher schwer? Unter anderem diese Fragen behandeln wir – schaut & hört doch mal rein. Für mich war dieses Interview auch eine mutige Premiere. Doch nun bin ich sehr froh, mich ins kalte Wasseer geschubst zu haben. Alles Gute zu Euch!

Zeig dich verletzlich

Ich habe viele Fragen. Neulich dachte ich: Warum nicht mal ein Interview führen, mit einem spannenden Menschen zu Themen, die hier in meinen Lebenskunst-Blog passen? Da kam mir Harry in den Sinn: Harry brachte mich schon zu diversen Erkenntnissen. Ich habe an Horoskopberatungen bei ihm teilgenommen. Gemeinsam mit ihm und meiner Schwester habe ich tiefe, interessante Gespräche geführt – über Gott und die Welt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Harry hat sich mit vielen Aspekten und Tiefen des Lebens auseinandergesetzt, bietet neben seinen astrologischen Beratungen Wutarbeit und Feuerlauf für Gruppen an. Auch arbeitet er mit Runen als Orakel, bzw. mit Runenstellen, ähnlich wie Yoga. Und was ich besonders an ihm schätze: Ich habe das Gefühl, alles im Miteinander darf sein – Harrys Worte und Impulse öffnen dich, zeigen dir Chancen auf, zu welchen Möglichkeiten dich das Leben einlädt. Ich kann mich wunderbar in ein Gespräch mit ihm hineinentspannen und das gemeinsame Emporschwingen im Miteinander genießen.  Solche Menschen und Momente sind Gold wert. Los geht’s:

 

Harry, magst du dich und deine Arbeit kurz vorstellen?

Ich verstehe mich als Raumhalter für einen Raum, in den du sprechen kannst – ohne  Unterbrechung, ohne Urteil, ohne Tipps und Ratschläge. Ferner als Navigator: Ich weise die Richtung. Ich bin Reisebegleiter, auf dem Weg zu dir selbst. Geburtshelfer, beim Aus-dem-Ei-Schlüpfen. Ein gefährlicher Fragensteller, dessen Fragen zu AHA-Effekten führen können. Ein Heiler, dessen Medizin die Klarheit ist. Und immer mehr ein Krieger des Lichts, in der Domäne des „Nichtwissens“. Das ist meine größte Herausforderung. Ich bin so geboren, da war kein besonderes Ereignis. Ich bin da immer mehr hineingewachsen. Mit all den Schmerzen, wie jeder andere Mensch auch. Ich habe erstmal lernen müssen, dass ich so bin – meinen Job anzunehmen. Es begeistert mich, all dies an Interessierte weiterzugeben.

Ja, und ich bin eine davon🙂. Du meinst also, wir kommen mit bestimmten Fähigkeiten und auch Aufgaben zur Welt, die uns das Leben dann zuteil werden lässt? Sprich denen wir folgen sollten?

 Ja. Nur merken wir das nicht immer sofort, oder wir wehren uns sogar dagegen. Meiner Meinung nach ist Karma/ Bestimmung unpersönlich. Wenn ich es nicht annehme, macht es wer anders. So wie meine Vorfahren. Jetzt kann ich wählen, ob ich den Job annehme. Das geht aber erst, wenn ich vorher aufgebe. Mich ergebe. Mich verpflichte. Das geht sogar bevor ich weiß WIE. Das bezeichne ich als Domäne des Nichtwissens.

Wir haben schon häufiger, auch zu dritt mit Kati (Anmerkung: meine Schwester) über Un-Verschämtsein im wahrsten Sinne des Wortes gesprochen. Was verstehst du darunter?

Unverschämtsein meint „schamlos, ohne Scham, frei von Scham“ sein, und dies führt zu mehr Verletzlichkeit. Zum Sichtbarer-Werden. Genauso mit Mitgefühl: Du kannst auch FREI von Mitgefühl sein, was nicht heißt, dass du OHNE Mitgefühl bist. Wenn du nicht FREI von Mitgefühl bist, zieht es dir Energie ab, weil dich das andere System, das des anderen, am Haken hat. Frei sein bedeutet: Bleibe dem Haken fern. Von etwas frei zu sein heißt nicht, dass du es nicht mehr haben kannst. Du kannst es jederzeit haben, ES hat dich aber nicht mehr. Das ist die Freiheit.

Wow, noch kann ich folgen. Sprich ich kann frei entscheiden, was ich in den Raum gebe…

Du kannst grundlos handeln, sprich ohne Trigger von außen. Keine roten Knöpfe mehr haben. Aktion, statt Reaktion. Das ist kreieren. Das ist für mich radikale Verantwortung: Du bist kein Opfer mehr. Du brauchst keine Gründe. Gleichzeitig ist alles möglich, wenn du willst. Das ist nicht egoistisch, nicht rücksichtslos. Wenn sich jemand verletzt fühlen will, ist das SEINE Entscheidung. Er will Opfer sein. Er gibt die Verantwortung ab. Das muss nicht bewusst sein. Sich dessen bewusst zu werden, kann man lernen und trainieren, z.B. bei mir. Dieser Prozess kann schmerzhaft sein, niemanden mehr zu haben, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann.

Warum trauen sich viele nicht, Wut zu zeigen und damit evtl. anzuecken?

Wenn Wut da ist, wollen wir sie oft nicht sehen geschweige denn zeigen. Doch Energien wollen fließen. Nicht gewollte Wut ist wie ein ungeliebtes Kind. Auch die ungeliebten Kinder brauchen Umarmung, wollen gesehen werden. Ist die Angst anzuecken wirklich die Angst, anzuecken? Oder ist es die Angst vor der Angst? Wieder nicht fühlen zu wollen? Ich kann mich fragen: Ist da wirklich eine Bedrohung? Habe ich das überprüft oder ist es eine unbestätigte Annahme? Hier kann Transformation stattfinden. Wenn du wirklich willst, dass sich etwas ändert und du neue Möglichkeiten schaffen willst, fühle die Angst. Zeig sie, zeig dich verletzt und lass dich überraschen, was dann alles möglich ist. Lass dich auf das Abenteuer ein. Auf das Abenteuer des Lebens. Löse deine Bremsen. Vertraue. Lass dich führen. Hab den Mut dich zu zeigen wie du bist. Auch oder gerade vor dir selbst. Du kannst zufrieden, in Frieden sein. Jetzt. Nicht erst im Himmel. Nicht erst wenn du die Regeln kennst oder befolgst. Es sind nicht deine. Die Belohnung ist die Freude, du selbst zu sein.

Zum Anecken: Was ist denn anecken? Dem anderen gefallen wollen? Nicht gut dazustehen beim anderen? Sein SelbstBILD aufrechterhalten wollen? So sein wollen wie es der andere (vermutlich) will, weil man Angst vor dem Verlassenwerden hat? Ich habe ein BILD erzeugt, eine Maske, in die sich der Partner verliebt hat, und es kostet zunehmend mehr Energie dieses BILD aufrechtzuerhalten. Ich habe höllische Angst, durch mein Verhalten erkannt zu werden, wer ich wirklich bin. Der Preis ist, dass ich mich immer einsamer und unverstandener fühle. Doch womit ich beim einem anecke, ist vielleicht das, was ein anderer an mir liebt. Ohne gefallen zu wollen, lebt es sich viel entspannter. Genau diese Erkenntnisse sind heilsam. Zu erkennen, wie unsicher ich wirklich bin. Wie verletzlich. Wie menschlich. DAS verbindet.

Harry, das sind genau meine Themen: innerlich frei werden, sich trauen, sich erlauben, du selbst zu sein. Zurück zu deiner Arbeit: Wie konkret kann Wutarbeit, die du anbietest, ablaufen?

Entscheiden kannst du immer nur im Jetzt. Nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Wir alle haben – um uns zu schützen – in einer Situation, die nicht sicher oder unerträglich war, eine Entscheidung getroffen – und sie dann vergessen. Ich biete dir einen sicheren Raum an und begleite dich dorthin zurück. Dazu musst du nicht unbedingt konkret wissen was da war, sondern es reicht, das damalige Gefühl zu fühlen, es zu Ende zu fühlen. Jetzt bist du ja erwachsen und nicht mehr so hilflos wie damals und DANN bist du in der Lage, dich NEU zu entscheiden. Das alte Programm läuft dann nicht mehr. Zwischendurch ist Platz für den theoretischen Teil und Fragen.

Wunderbar, das macht neugierig. Meine vorletzte Frage: Welche, glaubst du, sind die größten Tabus hierzulande in der zwischenmenschlichen Kommunikation?

Ein Tabu ist die Gewalt. Wer Aufmerksamkeit haben will, wer gesehen werden will, wendet Gewalt an. Das sieht man bei Jugendlichen, sowie auch bei Terroristen. Gewalt lässt sich nicht ignorieren. Sie ist das letzte Mittel, wenn man sich hilflos fühlt. Auch gibt es Gewalt in Beziehungen: Sich nicht trauen sich zu äußern, nicht NEGATIV sein dürfen. Erwartungen erfüllen wollen. Sich nicht gesehen fühlen. Etwas in sich hineinfressen. Und dann explodiert ES und trifft die, die wir lieben. Erwachsene Wut ist dazu da, die Dinge zu erreichen, die ich erreichen will. Was ist, wenn ich mich nicht traue wütend zu sein? (Tabu: Sowas macht man nicht). Ich werde immer ärgerlicher, aber die Wut geht nicht weg.

Ein weiteres Tabu ist es, herausragend zu sein. Die Angst vor dem Neid der anderen. Die Menschheit kann sich aber besser weiterentwickeln, wenn alle versuchen so herausragend wie möglich zu sein. Noch ein Tabu ist Verletzlichkeit. Immer cool sein zu wollen. Alles im Griff zu haben. Alles zu wissen und die Kontrolle nicht zu verlieren, scheint für viele das Ziel zu sein. Der Preis dafür ist der Verlust von Beziehung und Intimität.

Hattest du ein Schlüsselerlebnis, welches sich dir im Zusammenhang mit Un-Verschämtsein(dürfen) eingeprägt hat?

Ich habe mehrere Erlebnisse gehabt, wo sich jemand so benommen hat, wie ich mich das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht getraut hätte. Jemand zeigte ein Verhalten, welches ich als peinlich empfunden hätte. Ich fand das sehr beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Personen die schrecklichsten Dinge gesagt oder getan haben und habe mich gefragt, was mich davon abhält das genauso zu tun. Beispiel: Ich als Deutscher traue mich nicht oder habe mindestens ein komisches Gefühl, wenn ich einen Judenwitz erzählen würde. Im Urlaub in der Türkei, beim Plaudern mit einem Busfahrer sagt dieser, ganz selbstverständlich (unverschämt), dass alle Kurden Verbrecher sind und umgebracht werden sollten. Ein weniger krasses Beispiel: Beim Vorbereiten einer Party schnappt sich einer ein großes Stück vom Geburtstagskuchen und wird angesprochen: „Du hättest ja wenigstens vorher fragen können.“  Antwort: „Wenn ich gefragt hätte, hättest du doch sowieso ja gesagt. Warum soll ich also fragen?“

Oh ja, herrlich. Harry, das war viel Tobak;-) – doch sehr wertvoller und wichtiger Stoff. Ich danke dir von Herzen für diese spannenden Ausführungen und freue mich sehr auf weiteren Austausch. Gehab dich so richtig wohl.

 

Wenn Ihr Fragen habt, zu Harry, zum Interview, gerne her damit! Auch kann ich Euch Sitzungen bei ihm wärmstens empfehlen!

Harry Hömpler

05105 5912772

KHAMIEL@WEB.DE

 

Neulich waren wir noch jung

Mich beschäftigt das Älterwerden. Schon eine Weile. Insbesondere seitdem letztes und vorletztes Jahr meine Eltern verstorben sind und ich vergangenen Sommer die 40 erreicht habe. Mein Mann und meine Geschwister sind (um die) 50. Auch das spielt sicher eine Rolle, denn aus meiner heutigen Wahrnehmung ist 50 definitiv nicht mehr jung. Ich gestehe: Das gefühlt schnelle Verstreichen der Zeit macht mir auch Angst. Menschen jenseits der 70 denken sicher: Ich bin mit meinen 40 Jahren doch noch jung. Gleichzeitig betiteln mich 20-Jährige vermutlich als “mittelalt”.

Wenn junge Menschen – FSJlerinnen und “Buftis” – in meinen Musiktherapiestunden hospitieren, spüre ich die Altersdifferenz nun deutlich: Einerseits kann ich mich wunderbar in sie hineinfühlen, auch in diese Vielfalt der Optionen, die das Leben für einen mit knapp 20 Jahren bereithält. Alles ist oder erscheint offen. Diese Offenheit vermisse ich manchmal. Vielleicht mag jemand erwidern: Ich kann mich ja jeden Tag neu entscheiden, doch gefühlt schränken sich die Möglichkeiten mit der Vereinbarung von Familie und Beruf ein. Das kennen sicher die meisten von Euch, die in der Lebensphase stecken, in welcher Kinder – sofern vorhanden – noch daheim in unserer Obhut, sprich nicht erwachsen sind.

Im Zusammensein mit meinen Hospitantinnen muss ich aufpassen, keine – wenn auch gut gemeinten – Ratschläge zu erteilen, wenn es um die Frage geht: “Was soll ich (als nächstes) tun?” Je älter ich werde, umso öfter denkt es in mir: “Entspann dich.” Im Grunde ist es unerheblich, ob ich a oder b wähle, denn das was Leben aus- und interessant macht, sind die Kapriolen, die es schlägt, Um- und Abwege. Oder auch Irrwege, die sich im Nachhinein als besonders wertvoll herausstellen.

Meine Schwester fragte mich hier auf Teneriffa, ob ich nochmal 27 sein möchte. (Wir haben auf der Insel eine tolle, unsere Dreierkonstellation bereichernde junge Frau kennen gelernt). Ich bin mir nicht sicher. Mit dem Wissen von heute vielleicht. Gleichzeitig war ich mit Ende 20 deutlich unsicherer. Heute bin ich mir meiner selbst und meines Wertes schlicht sicherer. Insofern stimmt die These: Älterwerden bringt auch wachsende Gelassenheit mit sich.

Was ich ebenfalls sehr schätze: Heute habe ich mit Menschen ganz unterschiedlicher Generation zu tun, sowohl privat als auch beruflich. Ich liebe es Geschichten zu hören – von früher, von heute – und erzähle selbst auch gerne Anekdoten. Manch ein Gespräch ist so tief und lebendig, dass es keine Rolle spielt, ob mein Gegenüber 20 oder 70 ist.

A propos Gespräch: Es macht mir unheimlich viel Spaß, fremden Geprächen zu lauschen (ja, ich weiß: Macht man nicht). Möglichst unauffällig, wenn mir das auch nicht immer gelingt. Letzten Herbst verbrachte ich mit meinem Mann ein Wochenende in einem Kloster im Harz. Wunderschön und wiederholungsbedürftig war das. Beim Frühstück beobachtete ich eine Gruppe von Theologie-Studenten, wie sich herausstellte: ein bunter Haufen von wild diskutierenden jungen Leuten. Wir fragten uns, was sie umtreibt, welche Themen und Fragen sie haben. Zwischen meinem Mann und mir entwickelte sich ein interessantes Gespräch. “Neulich waren wir noch jung”, hörte ich ihn sagen und musste lachen. Ja, manchmal kommt es mir auch so vor, als sei es gar nicht lange her, dass Dinge noch anders waren.

Auch wenn da Ängste und Widerstände in mir sind, was das Älterwerden angeht, so liebe ich mein Leben immer mehr. In Momenten, in denen es mich so packt, wie kürzlich am Atlantik (siehe Foto oben), bin ich echt ergriffen und den Tränen nicht nur nah. “Magnifico”, kann ich da nur sagen.

Wie ergeht es Euch mit Eurem Alter und dem unterschiedlich empfundenen Verstreichen der Zeit?

 

 

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