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Erlebtes & Belebendes

Kategorie: Selbstfürsorge (Seite 1 von 3)

Von Anmut und Würde

Das letzte Wochenende im Oktober verbrachte ich mit einigen wunderbaren Frauen im Wendland, genauer in Zargleben in einem urigen, denkmalgeschützten Bauernhaus. Wir kamen zu einem privaten Frauen-Kundalini-Yoga-Camp zusammen, teilten Yoga, unsere schöpferischen Kräfte und unser Können.

Eine bereichernde Erfahrung war, dass wir kein Konzept im engeren Sinne hatten und es dennoch – oder gerade deshalb – mehr als ertragreich war: Es gab keinen Zeitplan – kein konkretes, zeitlich gegliedertes Programm – sondern lediglich die Idee, dass eine jede das in die Runde wirft, was sie weitergeben möchte: Wir teilten Yoga-Comedy, Breath-Walk an der frischen, stürmischen Luft, Fuß- & Klangmassagen, ausgewählte Meditationen und Yoga-Kriyas. Ich selbst brachte meine Liebe zur Musik mit ein und sang Mantren mit den anderen. Meine ätherischen Öle, die mich immer mehr in meinem Alltag unterstützen, fanden ebenfalls Resonanz.

Auch kulinarisch versorgten wir uns bestens – mit köstlicher Kürbis-Rote-Beete-Suppe, warmem Apple-Crumble, Energiebällchen, Frischkornbrei und Chai-Tea. Ich erinnerte mich einmal mehr, wie gut es tut, in Gesellschaft zu genießen und das Essen bewusst zu segnen.

Das Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Tage zog, lautete wie folgt: „Mit Anmut und Würde gestärkt durch den Wandel“. Anmut und Würde sind Qualitäten, die uns Frauen ausmachen und dennoch in vielen von uns noch zurückgehalten werden. Für mich haben Anmut und Würde mit Integrität – sprich der Übereinstimmung meiner Werte mit meinem Tun – und darüber hinaus mit einem inneren Strahlen, der eigenen Selbstsicherheit zu tun. „Wandel“ kann vieles bedeuten und steht für Übergang, Veränderung: der Übergang in die Wechseljahre, in eine unbekannte Kraft und Stärke, einen neuen Lebensabschnitt oder auch ein ganz neues Zeitalter. Guru Rattana, eine langjährige Schülerin Yogi Bhajans, sagt, eine Frau habe ein großes Reservoir an Widerstandskraft und ein fast grenzenloses Potential, Dinge geschehen zu lassen. Ihre Energie könne jedoch durch zu viel Stress erschöpft werden. Umso wichtiger, sich hin und wieder Auszeiten zu nehmen, um in die eigene Kraft zu kommen.

Eine Yogini erzählte von ihrem vier-jährigen Sohn, der oft wenn er etwas verzapft hatte und daraufhin “Schimpfe bekam”, klar und deutlich entgegnete: „Das hab’ ICH gemacht“, woraufhin seine Mutter nichts wirklich Sinnvolles erwidern konnte. Wie herrlich selbstbewusst, die eigene Verantwortung übernehmend! Von dieser Haltung wollten wir uns nun etwas abschneiden und immer wenn wir uns vorschnell für jeden Pup entschuldigen, „Das hab’ ICH gemacht!“ in den Raum werfen. Das Ganze gestaltete sich sehr spielerisch und lustig, vor allem: erhellend. Es ist unglaublich, wie schnell wir Frauen ein „Entschuldige bitte“ aussprechen! In den meisten Fällen ist dies schlicht nicht nötig und transportiert ein überflüssiges „Sich-klein-Machen“. Und nicht nur das: Es kann das Gegenüber auch aggressiv machen, wenn sich jemand ständig entschuldigt.

Wir tauschten uns über all das aus, was uns dankbar macht, ferner über (Yoga-) Literatur, Yoga-Unterricht, Ernährung, den Alltag, Träume und Visionen. Was ich besonders schätze: Wir kamen auf Augen- und Herzhöhe zusammen, lachten viel und begegneten uns sehr authentisch. Ich finde nichts angenehmer, als wenn Menschen sich untereinander wertschätzen, Komplimente machen, sich gegenseitig erheben. Gerade bei uns Frauen potenziert sich meiner Erfahrung nach unsere schöpferische Kraft, unser Können, wenn wir gemeinsam für etwas gehen, uns unterstützen und liebevoll begleiten. Dies ist sicher nicht die Regel – oft blockieren wir uns gegenseitig durch Konkurrenzdenken und Sich-etwas-Neiden – doch eine jede, die die Erfahrung des sich Miteinander-Stärker-Fühlens gemacht hat, wird diese nicht missen wollen und immer öfter Felder mit dieser schönen Energie aufsuchen.

Natürlich war da nicht nur Konsens unter uns: Nicht jede steht auf die früh morgens praktizierte sog. Sadhana, und auch Vorstellungen darüber, wie konkret das Japji, Teil der Sadhana, rezitiert wird, variierten. In diesen Momenten ist es interessant genauer hinzuschauen und zu –spüren, was ich aus der jeweiligen Situation mitnehmen kann. Authentische, offene Frauen sind hervorragende Spiegel füreinander.

Ich fühlte beim Ankommen daheim einen tiefen Frieden in mir, eine Weite und Ruhe. Zu Hause stellte ich fest, dass ich bei Kleinigkeiten oder Worten nicht sofort reagierte, beispielweise mit einer Erklärung oder Rechtfertigung, sondern dass es da tatsächlich eine Lücke in mir gab zwischen Reiz und Reaktion. Am folgenden Tag war dann wieder viel Aufruhr in mir, und “meine Themen” – wunde Punkte, Dinge, die mich in der Tiefe bewegen – begegneten mir wie unter einem Vergrößerungsglas.

Es bleibt spannend. Ich wünsche mir, diese dort erlebte Authentizität mit in den Alltag zu nehmen.

Allen Gefühlen Raum geben

allen Gefühlen Raum gebenNimmst du dir Zeit, deine Gefühle zu leben, sie wirklich wahrzunehmen, mit und aus ihnen zu lernen? Wie gut gelingt es dir, deine Gefühlspalette zu zeigen und zu teilen? In den vergangenen 96 Stunden war ich in sehr nahem Kontakt mit meinen Gefühlen, allen voran den unangenehmen. Mir fällt auf, dass es zwei für mich typische emotionale Schwerpunkte gibt – Zustände, die immer wieder kehren, emotionale Frequenzfelder, die ich mit meinen Emotionen um mich herum erzeuge: Ganz oft fühle ich mich freudig-energetisiert. Es sind Momente, in denen ich vieles aufnehme, in mir bewege, mich inspirieren lasse, mich auch ein wenig hektisch oder aufgeladen fühle. Dieses Befinden ist meist angenehm; manchmal ist es auch ein nervöses Wachsein, wenn ich mich zu “kribbelig” fühle.

Ein weiterer für mich typischer Zustand ist ein Empfinden von Frust-Stagnation-Unzufriedenheit. Was erst einmal unschön und wenig erstrebenswert klingt, hat wiederum auch seine ganz eigene Qualität und wirkt wie ein Triebwerk: Meistens säe ich in Zeiten, die überwiegend von diesem Zustand geprägt sind, neue Ideen, Impulse, Projekte, die dann zu einem späteren Zeitpunkt zum Leben erweckt und manifestiert werden. In der Tat empfinde ich oft so etwas wie Schöpfungsstau, wenn meine kreative Kraft keinen Kanal findet, sich auszudrücken: Ich brauche das Schreiben, mich Schriftlich-Sortieren, das „Etwas-ins-Bild-Rücken“, beispielweise während des Fotografierens, und auch das Stimmlich-Musikalisch-Aktiv-Sein. Ich suche das (Selbst-) Gespräch genauso wie ich mich immer wieder mit essentiellen, philosophischen Fragen beschäftigen muss.

Zurück zu den Erkenntnissen der vergangenen Tage: Mir wurden Dinge bewusst, die mir zuvor nicht so klar waren wie zu jenen Stunden. Ich ertappte mich dabei, dass ich in den vergangenen Wochen gekämpft habe an verschiedenen Fronten. Das große Reizthema dieser Tage ist der Tablet-Gebrauch unseres Sohnes. Sicher können hier einige Eltern diverse Lieder singen: Wie oft, wie lange, was konkret darf gespielt, gezockt werden? Ich kämpfte den Tablet-Kampf, und kämpfe ihn immer noch, wenn momentan auch etwas entspannter.

Mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass ich, die mir Freiheit, Freilassen und Freigelassen-Werden so wichtig sind, sehr wohl dazu neige, andere beeinflussen, sie zu etwas bringen zu wollen, was ich für richtig halte. Während ich das schreibe, kommt Scham in mir hoch. Übrigens eins der unangenehmsten, negativsten Emotionen, neben Schuld. Und dennoch zu uns gehörend und uns Verschiedenes lehrend.

Ein Beispiel: Wie gerne würde ich mit meinem Mann Kundalini-Yoga-Kriyas  teilen, die Übungsreihen inklusive gemeinsamem Ein- und Ausstimmen mit einem Mantra, entspannen, meditieren an ihn weitergeben, so wie sie mir nahegebracht wurden? Es ist nicht so, dass ihn Lehre und Praxis nicht interessieren; darüber hinaus ist er auch alles andere als blutiger Anfänger, doch bestimmte Aspekte irritieren, missfallen ihm. Oder anders: Er möchte selbst frei entscheiden dürfen, was er machen will und was nicht. Logo. Und doch für mich manchmal schwer zu verdauen, gerade wenn ich das Gefühl habe: Es tät ihm gut. Am Sonntag, als ich auch mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Familien-Radtour bei kaiserlichstem Oktoberwetter nicht landen konnte und letztendlich allein losfuhr, wurde es plötzlich sehr still in mir. Ich spürte Müdigkeit ob dieses Kämpfens, auch: Frust, Traurigkeit. Und dahinter: Schmerz und Ohnmacht. Erinnerungen an meinen verstorbenen Bruder, den ich nicht habe „retten“ können, der schlicht seine ganz eigenen Erfahrungen machen musste, kamen hoch.

Unter dieser ganzen „kampf-betonten Betriebsamkeit“ lagen sie nun also: Schichten von Traurigkeit und Ohnmacht, von altem Schmerz. Im Wahr- und Annehmen dieser Gefühle kam plötzlich auch ein starker Frieden zu mir, eine Ruhe, die mich ausfüllte. Das ist das Schöne: Wenn ein Gefühl seinen ihm gebührenden Raum erhält, wenn es sein darf, kann es auch losgelassen werden. Und es kann wieder Platz entstehen für andere, nach oben ausgerichtete Emotionen – wie Mut, Hingabe, Liebe. Plötzlich kann eine Kraft in uns entfacht werden, die uns wieder in neue Höhen katapultiert: Gerade indem ich mich durch dunkle Ecken meiner selbst navigiere und nicht innerlich kämpfe, komme ich wieder mit meiner Stärke in Kontakt; es ist, als hätte ein Reinigungsprozess auf emotionaler und mentaler Ebene stattgefunden, der wieder Platz für Neues schafft. Ich ahne, warum es heißt, ein Großteil deiner Kraft liegt im Schatten. Spannend.

Lasst uns trauen, zu fühlen, uns zu fühlen – all das zu spüren, was in unserem schnelltaktigen, leistungsbetonten Alltag oft keinen Raum erhält.

Mach mal Pause

Heute zum Ende der Woche möchte ich gern daran erinnern, wie wichtig & – ich wage zu behaupten – überlebensnotwendig Pausen für unser System sind. Ich weiß, es klingt abgedroschen, doch wenn wir nicht pausieren, drehen wir hohl, routieren wir bis ins Unermessliche, bis uns unser Körper oft unerbittlich daran erinnern muss, dass Grenzen erreicht sind.

Pausen sind für mich: kurzes Innehalten, bewusst einen bestimmten Duft, z. B. ein ätherisches Öl riechen, einfach eine Runde “um den Block” gehen, oder noch effektiver: ein Waldbad nehmen, sprich mal ab den Wald; wenige gymnastische- oder Yogaübungen, ein paar Minuten aus dem Fenster schauen, Musik an & tanzen…Da fällt uns sicher allen etwas ein!

Ein letzter kleiner Tipp: Positiv besetzte, wohltuende einzelne Wörter denken, bewusst laut aussprechen hilft mir oft enorm! Neulich testete ich, wie sich das Wort „Geduld“ anfühlt, und ich stellte fest: gut, entschleunigend. So transportiert das Foto für mich (siehe oben, herzlicher Gruß aus dem Südschwarzwald!) ein ganz wohliges, Geborgenheit schenkendes Gefühl.

 

In diesem entspannten Sinne, gehabt Euch wohl!

Kundalini-Yoga

BlumenarrangementEine langjährige Freundin meiner Schwester – und auch ein mir sehr liebgewonnener Mensch – bat mich, Näheres über meine Erfahrungen mit Kundalini-Yoga zu schreiben. Nicht mit der Intention, alle Welt zum Praktizieren von Kundalini-Yoga zu animieren, sondern um meinen eigenen Weg zu mir, in mein Verständnis von innerer Freiheit zu beschreiben. Und sicher auch, um Wege, Werkzeuge, Methoden aufzuzeigen, die uns helfen können, uns in diesen (w)irren Zeiten auszurüsten und zu navigieren.

Hier nun also. Kundalini-Yoga wird oft als das „Yoga des Bewusstseins“ beschrieben. Es beinhaltet zahlreiche dynamische Übungen, Meditationen und das Singen von Mantren. Es geht darum, Bewusstseinsprozesse und –veränderungen zu initiieren, sprich immer klarer und bewusster zu werden, eigene Schleier nach und nach zu lüften. Der Zustand von Shunia, von Leere oder Stille – der sog. „Null-Zustand“, den wir suchen, ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Kundalini-Energie wird oft als die am unteren Ende der Wirbelsäule, wie eine Schlange zusammengerollte schlafende Kraft beschrieben, welche durch yogische Praktiken erweckt werden und aufsteigen kann. Ich persönlich finde das Bild hilfreicher, die Kundalini-Energie als unsere Lebensenergie zu betrachten, nicht als etwas Mysteriös-Externes. Im Praktizieren geht es um einen graduellen Prozess von Lebendiger- und Bewusster-Werden – es geht darum, immer vollständiger sein eigenes Leben zu leben.

Oft sind Menschen im (Irr-)Glauben, Kundalini-Yoga sei etwas Gefährliches, da immer wieder wilde Geschichten um das Erwachen der Energie kursieren. Das Kundalini-Syndrom gibt es tatsächlich, auch ist es ein feststehender Begriff in der Psychopathologie. Doch in der Tradition des Unterrichts von Yogi Bhajan arbeiten wir daran, die Energie langsam wachsen zu lassen. Die Kriyas (feststehende Übungsreihen) sind so konzipiert, dass „Sicherungen“ eingebaut sind, um sich immer wieder zu erden, sprich nicht abzuheben, so dass die Energie unten“ gesettelt“ bleibt.

Kundalini-Yoga ist eine Technik – vergleichbar mit einem Raketentreibsatz – die auch im Alltag praktikabel ist. Durch die bewegte Komponente kommt etwas Weiteres hinzu: Wir arbeiten am elektromagnetischen Feld, dies wiederum hat eine Rückwirkung auf unser Nervensystem, welches dank Kundalini-Yoga immer stärker wird. Wir lernen, uns immer weniger von den Polaritäten des Lebens hin- und herwerfen zu lassen. Wir lernen auch, selbst Energie generieren zu können und unseren Energielevel aufzufüllen, so dass wir mehr haben als wir brauchen. Unter diesen Umständen ziehen wir auch Menschen an. Voraussetzungen hierfür sind Selbstfürsorge und –liebe.

Satya Singh beschreibt Yoga auch als eine Veränderung in der Gesellschaft, deiner Position in der Gesellschaft – nicht nur als einen innerlichen Prozess. Das Ziel des Yoga, so Satya Singh, sei kein „von anderen losgelöster Erleuchtungszustand“, der dich in einem Ozean von ewigem Frieden schweben lasse, während alle anderen Leute weiter Probleme haben, sondern Ziel sei es, das untere Dreieck, sprich die unteren Chakren mit dem oberen Dreieck, den oberen Chakren, zu verbinden – hin zum Herzchakra. Es gehe darum, so menschlich wie möglich zu sein – Humor, Liebe, Toleranz walten zu lassen. Durch meine Ausstrahlung und Präsenz andere Menschen zu erheben.

Was ich außerdem wunderbar an Kundalini-Yoga finde: Es ist eine hervorragende Möglichkeit, deine Grenzen zu verändern und zu erweitern, mit den körperlichen die geistigen und emotionalen. Wir leben mit und durch Programme(n): „Ich muss pünktlich sein.“ „Ich sollte dies und jenes machen oder können.“ Und, und. Mit Yoga programmieren wir uns neu. Der Körper weiß, was ihm gut tut. Wir achten nur oft nicht darauf, da wir ein anderes Programm fahren. Es heißt, sobald du Kundalini Yoga praktizierst, wirst du wachsen und dich wie eine Schlange alter Häute entledigen müssen, um immer mehr zu dem oder der zu werden, der oder die du bist. Oder einfacher: Wir machen Yoga, um immer mehr wir selbst zu sein.

Die Frage „Welche Dinge stimulieren dich innerlich in deiner Seele?“ klopft dank Kundalini-Yoga immer dringlicher und lauter an. Mich zu trauen zu schreiben, auch öffentlich, ist in diesem Zusammenhang eine weitere „Nebenerscheinung“. Oft spüre ich, dass Menschen neben und mit mir zur Ruhe kommen, sich angenommen fühlen. Neben diesen heilsamen Aspekten konfrontierst du als Kundalini-Yogalehrer auch unbewusst: Du wirst zum Spiegel. Geschieht das Konfrontieren aus Liebe, ist es wunderbar und hat seinen Platz.

Was ich auch merke: Manchmal macht mich die Praxis schlicht glücklich, auch euphorisch – wenn nicht während der Asanas spätestens im Anschluss daran. Wie sagte unsere Ausbilderin so schön? Wir müssen unser Nervensystem auch erst einmal trainieren, es auszuhalten glücklich zu sein. In der Regel überflutet und unser Geist ja mit zahllosen Gedanken, den wenigsten davon zuträglich.

Sobald ich selbst Unterrichtserfahrungen als Kundalini-Yogalehrerin gesammelt habe, lasse ich Euch wissen, welche weiteren Erfahrungen ich mache. Wie hieß es so treffend in der Ausbildung? „Wenn ich selbst eine Erfahrung habe, kann ich meine Erfahrung auch weitergeben.“ Dies gilt sicherlich für viele Lebensbereiche.

Ich hoffe, ich konnte mit Euch das Geschenk teilen, welches mir dank Kundalini-Yoga zuteilwurde.

Alles Liebe von mir.

Alles zu seiner Zeit

Oft will ich vieles sofort. Oder Bestimmtes genau jetzt. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Dinge Zeit brauchen, Antworten dann kommen, wenn sie dran sind. Wie häufig tendieren wird dazu, unser Leben fest im Griff haben zu wollen, Dinge beeinflussen und kontrollieren zu wollen!

Das Verrückte ist: Je häufiger ich einen Gang herunter schalte und es mir tatsächlich gelingt, etwas laufen und einfach sein zu lassen, nicht verändern zu wollen, umso eher und schneller kommt die Veränderung auch. Umgekehrt gilt: Je stärker ich die Zügel anziehe, je mehr ich mich krampfhaft, von außen motiviert anstrenge und in einen oft schon übereifrigen Aktionismus verfalle, umso verspannter und blockierter werde ich auch: Die gewünschte Veränderung lässt dann auf sich warten. Wenn ich feststecke in einer Gedankenschleife oder einer sich im Kreis drehenden Handlung gehe ich nun immer häufiger vor die Tür und vertrete mir die Beine im benachbarten Stadtwald. Ich kenne fast nichts – außer manchmal einfach nur dazusitzen – was mich wieder mehr zu mir selbst bringt, den Fokus vom Außen auf das Innen lenkt.

Das Zauberwort heißt Geduld. Oder ein schlichtes: Alles kommt zu seiner Zeit. Alles braucht seine Zeit. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich alles haben können, doch ich glaube, wir können vieles haben – nur nicht sofort, sondern dann wenn die Zeit und wir dafür reif sind. Je mehr ich so denke, umso stärker kann ich mich in mich hinein entspannen, umso tiefer kann ich ausatmen und somit loslassen.

Im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter kommen nun zahlreiche Aufgaben und Fragen auf meine Geschwister und mich zu. Zu allem Überfluss mussten wir kürzlich einen Wasserschaden im Elternhaus beheben und uns darin üben, die Dinge Schritt für Schritt anzugehen, uns da durch zu ackern und zu atmen. Viele Fragen sind offen, momentan wissen wir nicht, was konkret mit dem Haus geschieht, doch auch hier heißt es: Geduld. Es wird sich finden, und es wird sich fügen.

Manchmal brauchen auch unsere Träume Zeit. Nicht jeder alte Traum erweist sich in der Gegenwart als noch aktuell, gleichzeitig erfüllt sich ein großer Wunsch oft schneller als wir ahnen. Oder aber es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich ein Wunschtraum erfüllt. „In Sachen Schreiben“ hat sich für mich ein großer Traum verwirklicht bzw. wird sich voraussichtlich Ende des Jahres erfüllen – dazu mehr, wenn es soweit ist.

Zu unterscheiden, wann es Zeit ist loszulassen und wann es angezeigt ist dranzubleiben, ist oft alles andere als leicht. Von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, stammt der Ausspruch „Keep up and you’ll be kept!“, „Halte durch und du wirst gehalten!“, welcher mir schon in vielen Lebenssituationen geholfen hat, nicht nur in meiner Yogapraxis. Es gibt Dinge, z. B. eine 90-tägige Yoga-Kriya, zu denen verpflichte ich mich freiwillig, da ich davon überzeugt bin, dass sie mir zuträglich sind, auch wenn ich zwischendurch aufgeben möchte. Anderes wiederum, oft Dinge von denen wir meinen, sie machen zu müssen, kann ich fallen lassen, wenn sie mich hindern, meine eigene Spur aufzunehmen und zu verfolgen. Für dieses Unterscheiden sensibilisiert zu werden kann ich meiner Erfahrung nach üben. Oft schickt uns das Leben Zeichen, die wir nicht sogleich deuten wollen oder können. Es erfordert auch Mut, diese Zeichen nicht als Humbug abzutun, sondern wach und fein hinzuschauen und zu –spüren:

Was ist es, das sich zeigen will? Was konkret will mir das Leben gerade sagen? Wann darf ich geduldiger sein?

Genießt den Juli.

 

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Was Frauen gut tut

Heute richte ich mich in erster Linie an uns Frauen, was nicht heißt, dass Männer die Themen nicht ebenso interessieren könnten.

Sowohl uns Frauen als auch Männern werden in diesen Zeiten viele Aufgaben und Rollen zuteil, die uns immer wieder an unsere Grenzen bringen. Wir alle beobachten – bei uns selbst und Menschen in unserem Umfeld – wie gestresst, wie überflutet, unruhig und abgelenkt wir oft sind.

In der Yogalehrer-Ausbildung bekamen wir Frauen vor einiger Zeit eine Hausaufgabe, die uns offenbar erstaunlich schwer fällt: Wir sollen – am besten zeitlebens – zwei Mal täglich 11 Minuten komplett entspannen, idealerweise in der Rückenlage, tief ruhend. Im Übrigen wird Männern empfohlen, einmal am Tag für 31 Minuten ein Nickerchen zu machen. Während wir von einem zum nächsten Ausbildungswochenende noch fleißig dabei waren zu entspannen, verlor der Großteil der Gruppe die Aufgabe in den sich anschließenden Wochen aus dem Fokus. Im besten Fall wurde dann einmal am Tag 11 Minuten entspannt. Ähnliches kann ich bei mir selbst beobachten. (Zumal nun auch noch eine 31-minütige Meditation in den Tag mit aufgenommen werden will…).

Tief entspannen und somit die Verteilung von Prana, der vitalen Lebenskraft, im Körper zu verändern, neu auszubalancieren, bedeutet auch: wirklich alles fallen zu lassen, an den Boden abzugeben. Den meisten Menschen fällt Entspannung aufgrund von unterschwellig vorhandenem emotionalen Konflikt oder Aufruhr sehr schwer. Ein Leben in innerem Aufruhr entspricht voll und ganz dem Zeitgeist. So gesehen ist unsere Fähigkeit, uns zu entspannen, umso wichtiger und für das körperliche und geistige Wohlbefinden unentbehrlich. Oft begleitet uns – wenn wir nicht geübt darin sind, innezuhalten und unseren Geist bewusst zu lenken – ein innerer Dialog aus Besorgnis und Angst. Im Yoga heißt es: Frauen denken 6 Dinge gleichzeitig – dies ist der „normale“ Bewusstseinszustand einer Frau und hat zur Folge, dass wir uns auch schnell ablenken lassen. Meine Beobachtung: Eine Frau, die entspannt ist und gut in sich hineinlauscht, erhält jede Antwort.

Jede Antwort, die du in jenem Moment wissen musst und die wirklich relevant ist, findest du in dir, kannst du nur in dir empfangen – nicht im Außen.

Je entspannter du bist, umso klarer, vom Herzen her kannst du kommunizieren. Ich spreche gern und viel mit mir selbst, oft auch laut. Und frage mich: Was ist gerade los? Habe ich Angst, habe ich Stress? Was fehlt mir, oder was traue ich mich gerade nicht zu tun oder zu sagen?

Schau was dir hilft, dich zu entspannen! Neben der Tiefenentspannung in Rückenlage können das Aktivitäten in der Natur sein, das Spielen eines Instruments; einfach nur dazusitzen mit einem Tee oder Kaffee, in der Wanne abzutauchen – all dies kann dich in Kontakt mit dir selbst bringen.

Ein wichtiger Gedanke, der uns Frauen meines Erachtens auch enorm hilft: Sei dir bewusst, dass eine Frau zwischen zwei Polaritäten hin und her schwingt (diese Erkenntnis habe ich auch in meiner Yoga-Ausbildung gewonnen und glaube zutiefst an ihren Wahrheitsgehalt): die der Frau und die der Mutter (der Hegenden und Pflegenden). Die Frau-Seite impliziert eine energische Qualitätklar, analytisch, scharf. Die Mutter-Seite wiederum ist gebender, vergebender und dienender Natur. Auch Frauen ohne eigene Kinder verfügen über diesen mütterlichen Aspekt. Beide Seiten wollen gelebt, beide Aspekte genutzt werden. Selbstverständlich bist du mehr in deiner „Mutter-Energie“, wenn du zwei Kleinkinder hast. Doch eine Frau wird sich sicher ausgeglichener, fröhlicher und auch energiegeladener fühlen, wenn sie sich Zeit für sich selbst nimmt.

Im Übrigen sind auch Männer mit zwei Polaritäten konfrontiert: Mann und Vater. Da ist auf der einen Seite der Familienmensch bzw. „der zivilisierte Mann“, welcher es behaglich mag und ein gemütliches Zuhause schaffen möchte; gleichzeitig wohnt in einem Mann auch der „wilde Mann“ – „maximal mit einem Messer ausgerüstet“, der seine Freiheit leben möchte. Verantwortung versus Frei-Sein – beides muss gelebt werden, damit Mann glücklich werden kann. So wird es sicher auch nicht funktionieren, Männer komplett anzubinden – letztendlich wird so niemand in der Partnerschaft glücklich.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass diese Bilder natürlich klischeehaft wirken. Es gibt pauschale Aussagen, die uns helfen sollen, Tendenzen zu sehen, zu verstehen – und es gibt Individuen.

Uns Frauen tut es auch ausgesprochen gut, uns mit anderen Frauen kraft- und liebevoll zu verbinden. Sich auszutauschen, zu ermutigen, mal in den Arm zu nehmen und sich möglichst wenig miteinander zu vergleichen. Ich genieße z. B. die Power und den Zusammenhalt in unserer Ausbildungsgruppe enorm.

Ich fühle mich innerlich durchflutet mit Leben, wenn es mir gelingt, in Frieden mit mir selbst zu sein, meinem Inneren zu vertrauen und mich vom Leben führen zu lassen. Ich glaube, eine Frau, die in sich ruht, stark in sich selbst steht ist auch ein großes Geschenk für eine Gemeinschaft.

Uns Frauen wünsche ich, dass wir uns trauen, voll und ganz wir selbst zu sein, zu inspirieren, Wachstum zu ermöglichen und zu fördern.

Was bedeutet für Euch Entspannt-Sein? Was macht es mit Euch?

 

 

Sich erheben und dabei berührbar bleiben

Skorpion der lächelt (Origami, gefaltet)Im Kontakt zueinander wird es meistens an den Grenzen spannend: an den Punkten, in den Momenten, in welchen wir stark durch die Worte oder das Verhalten des anderen berührt, bewegt oder auch verletzt werden. „Kontakt findet an Grenzen statt“, heißt es in der Gestalttherapie. Wir werden berührt, wenn wir in unserer Gänze gesehen werden, wenn das Gegenüber uns wirklich erkennt – manchmal vielleicht sogar, bevor wir selbst jenen Zug an uns entdeckt haben. Wir alle wünschen uns, so gesehen zu werden, wie wir wirklich sind. Ich glaube, dies ist unser tiefstes Bedürfnis und auch das, was uns am meisten Angst macht.

Wir fühlen uns aufgebrochen und gleichzeitig höchst verletzbar, wenn ein anderer unsere Scham – das Gefühl nicht liebenswert und nicht gut genug zu sein – wahrnimmt; gleichzeitig kann hier eine Nähe entstehen, ein tiefes Verständnis füreinander, welches uns bereichern, unsere Beziehung reifen lassen kann.

Unsere Verletzlichkeit ist der Weg zueinander“

sagt Autorin Brené Brown (Psychologie Heute, März 2017, Heft 3). Das denke ich auch. Immer mehr. Natürlich kann und möchte ich nicht jedem mein Herz ausschütten. Wir dürfen bewusst wählen, wen wir wann an welcher Thematik, an welchem Punkt unseres Lebens und dem was uns in der Tiefe beschäftigt teilhaben lassen. Viele Menschen gestehen sich nur schwer eigene Schwächen zu: Ihre Angst davor, was andere über sie denken könnten, ist so groß, dass sie auch nicht gut mit der Verletzlichkeit oder der Fehler-Toleranz anderer sich selbst gegenüber umgehen können. Brown rät dazu, uns zu fragen, ob die Beziehung das Gewicht der Geschichte aushält, bevor wir jemandem unser Herz ausschütten.

Wie sollen andere mir etwas zugestehen, was sie sich selbst nicht erlauben können? Oftmals fahren Menschen ihre Krallen aus oder senden Pfeile auf’s Gegenüber, die eigentlich ihnen selbst gelten: Unter Umständen triggert ein Verhalten den anderen an einem Punkt, an einem wunden Punkt. Bin ich auf dem Weg der Selbstfürsorge und –liebe, stelle ich mein Wohlergehen mehr und mehr ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit, so stößt das nicht überall auf Gegenliebe: Die Fürsorge sich selbst gegenüber ist wohlmöglich im System des anderen, sich stark kritisierenden Menschen (noch) gar nicht präsent. Daher fehlt hier vermutlich auch das Vermögen sich einzufühlen. Ein Mensch auf dem Weg in die innere Freiheit, in einen gesunden Egoismus kann zur Projektionsfläche, zur Zielscheibe unausgegorener Gedanken und unverarbeiteter Emotionen werden. Insofern würde es uns alle in unserer Entwicklung weiterbringen, wenn wir uns mehr und mehr trauen würden, uns „unseren Dämonen“ zu stellen, uns  unsere Schattenseiten anzuschauen und uns gleichzeitig darin zu üben, immer mehr unser Licht nach außen zu tragen.

Wenn wir uns erheben – ohne uns über andere zu erheben – wenn wir in unsere Kraft kommen, unsere Wahrheit kennen und nach außen tragen, halten wir unserem Umfeld einen klaren Spiegel vor: Wir strahlen aus, dass Veränderung ansteht, wir nicht mehr bereit sind, gewisse Glaubenssätze zu akzeptieren, oder wir zeigen, dass wir nicht weiter in selbst oder gesellschaftlich auferlegten Grenzen leben wollen und nicht mehr bereit sind, eine Art von „Kleinheit“ hinzunehmen. Dadurch irritieren wir den einen oder anderen, ruckeln an seinem Lebensmodell und sind auch weniger manipulierbar – unser Verhalten kann Unbehagen und Angst beim anderen auslösen.

Hier berührbar und offen zu bleiben, offen auch für konstruktive Kritik, kann meines Erachtens alle Beteiligten wachsen lassen; sich nicht angegriffen zu fühlen und sofort zurückzuschießen, gleichzeitig bewusst seine eigene Spur weiter aufzunehmen, ist eine Kunst. Klarheit zu transportieren, sich klar auszudrücken muss man üben und sich auch erlauben, denn: Klarheit bringt Präsenz und Sichtbarkeit mit sich, und nicht jeder in meinem Umfeld ist für (meine) Klarheit bereit.

Ich beobachte, dass viele von uns ihr Licht unter den Scheffel stellen. Vor Jahren habe ich mich beispielweise nicht getraut, für unser Schwesternduo Bluetwos – meine Schwester Kati & ich treten unter diesem Namen auf – verstärkt Werbung zu machen. „Verrückt“, denke ich heute. Oder aber ich war mir unsicher, wie Menschen in meinem nahen Umfeld auf diese Seite, seisofrei-lebenskunst und mein neues Sein als Schreiberling reagieren würden. Mittlerweile denke ich: Es muss ja nicht jede(r) etwas damit anfangen können. Dass ich viel Freude dabei habe, ist sicher niemandem entgangen. Das viele Schöne, das auch durch diesen Blog Einzug in mein Leben erhält, spricht für sich. Zurück zum Licht: Ich möchte dazu ermutigen, kühner zu denken, sich Großes zu wünschen und zu einer warmen, gütigen, selbstbewussten Sonne zu werden, die ihre Mitmenschen dazu inspiriert, sich auch zu ihrer Größe zu bekennen.

Ich bin mir sicher: Tief im Innern ist ein Ort in uns, der stets voller Vertrauen ist und nicht müde wird, Vertrauen in die Welt zu tragen. Deshalb: Trauen wir uns, unseren ganz eigenen Weg zu gehen.

 

Selbstliebe und gesunder Egoismus

Der dieser Tage fast inflationär gebrauchte Begriff Selbstliebe lässt die einen an etwas Erstrebenswertesdie Grundlage allen Seins, aller Beziehungen denken; die anderen wiederum assoziieren schnell und meist unreflektiert Egoismus mit diesem Begriff, etwas „das man nicht haben darf“.

Insbesondere christlich geprägte Frauen-Generationen unserer Mütter und Großmütter hatten mit Selbstliebe wenig am Hut: Es ging eher um’s Schaffen, die Familie-Zusammenhalten, Funktionieren, Sich-Zurückstellen. Heute, in einer Zeit, in der jeder scheinbar alles sein oder verwirklichen kann, in der wir hierzulande materiell sehr gesättigt sind und es oft um das Befriedigen schnellen, hedonistischen Glücks geht, rückt die Selbstliebe immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Was ist dran an der Selbstliebe, inwieweit hilft und fördert sie uns? Und warum haben wir solche Angst davor, egoistisch zu sein bzw. als egoistisch zu gelten, wenn wir uns um uns selbst kümmern?

Es ist offenbar unrühmlich, egoistisch zu sein. Veit Lindau brachte kürzlich in einem Interview auf die Frage, wie man Menschen klar machen könne, dass Selbstliebe eben nichts mit Egoismus zu tun habe, die kühne Antwort: Es habe miteinander zu tun, Selbstliebe sei egoistisch. Und weiter – diese Worte bringen Klärung:

Gesunder (!) Egoismus sei seines Erachtens Pflicht – es stelle sich also die Frage: „Wie kann ich Egoismus gesund etablieren und weiter entwickeln?“ Wie kann ich von einer Egozentrik, im Übrigen eine wichtige Entwicklungsphase in der Kindheit, in eine “Ethnozentrik” kommen, wo ich anfange, auch immer mehr die anderen mit einzubeziehen – sich weiter entwickelnd in eine „Welt- bzw. Kosmo-Zentrik“, in der ich beginne, alles zu sehen? Interessante Fragen.

Da ich Lindaus Ansicht zum Thema „Selbstliebe“ teile, hier ein schönes Zitat:

„Gesunde Selbstliebe schafft immer Raum für andere Menschen. Ich entspanne mich. Und sehe Menschen um mich herum. Mehr Mitgefühl entsteht.“

Ich glaube, darum geht es: sich zunächst selbst aufzufüllen – mit dem, was ich brauche, insbesondere Liebe, aus dieser Fülle heraus durchflutet zu sein mit Leben und ein „Mehr“ an Energie auch für andere einzusetzen. Meine Intuition immer wieder zu fragen: „Was brauche ich gerade?“. Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen anstelle still und heimlich zu erwarten, der andere möge dies oder jenes tun und merke doch, was man selber wolle. Ganz ehrlich: Eine solche Erwartungshaltung, ein solches Verhalten nervt schlicht! Du kannst dich darin üben, Dinge aus innerer Klarheit und einem reinem Gewissen heraus zu sagen, zu begründen anstelle zu rechtfertigen.

Diese Haltung der Selbstliebe bzw. -fürsorge hat nichts mit Ellenbogen-Egoismus oder gar Narzissmus zu tun, im Gegenteil: Menschen mit einem ausgewogenen, gesunden Egoismus sind meiner Erfahrung nach entspannte Zeitgenossen. Wenn jemand von sich behauptet, nein, er sei nicht egoistisch, sondern denke in erster Linie an andere, so kann man sich fragen: Ist dieser jemand nicht genauso egoistisch, wählt jedoch eine andere Strategie um auf diesem Wege Anerkennung zu erhaschen?

Ich glaube fest daran: Wir haben alle mehr voneinander, wenn wir gut für uns und unsere Gesundheit sorgen, mit dem was wir lieben erfolgreich sind und diese Gaben großzügig teilen. Wenn wir unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Wohle anderer einsetzen.

Falls du Angst oder Bedenken haben solltest, gegenüber einem anderen, um Hilfe oder einen Gefallen bittenden Menschen ein „Nein“ auszusprechen hilft der Gedanke: „Ich bin mit meinem „Nein“ nicht egoistischer als mein Gegenüber, das meine Hilfe erbittet.“ Ich darf und muss oft auch „Nein“ sagen. Was im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass du nicht um Hilfe bitten sollst. Vielleicht dürfen wir alle mit der Zuschreibung „egoistisch“ etwas freundlicher und milder umgehen und uns selbst auch eine angemessene Portion Egoismus zugestehen.

Eine Erfahrung aus meiner Yoga-Praxis ist: Je stärker meine Ausstrahlung, meine Aura ist, umso stärker strahlen meine Bedürfnisse nach außen und werden mir oft von meinen Mitmenschen erfüllt.

Ich versuche immer mehr, Situationen zum Wohle aller Beteiligten zu lösen – zu meinem Wohl und zu dem meines Umfelds. Was paradox klingt und natürlich nicht immer gelingt ist doch möglich, wenn wir unseren Geist dehnen und neue Gedanken denken, neue Ideen entstehen lassen. Es müssen und können auch nicht stets alle Bedürfnisse aller auf einmal erfüllt werden, doch ich kann mit gewissem Weitblick Situationen so gestalten, dass möglichst viele auf ihre Kosten kommen, frei nach dem Motto: „Heut bin ich dran, morgen du – oder umgekehrt.“

 

 

 

 

Wunschgefühle

Origami-DracheZiele sind gut und schön. Welche zu haben und zu verfolgen macht oft Sinn. Doch noch sinnvoller kann es sein, darüber nachzudenken und in sich aufzuspüren, weshalb ich bestimmte Dinge erreichen will, was konkret mich antreibt.

Leitfaden sind unsere GefühleWunschgefühle, die wir immer wieder bewusst oder unbewusst suchen, bestimmte emotionale Zustände, die uns erfüllen.

“Empfindungsglück” – hedonistische Freude oder Genuss im Augenblick – erleben wir, wenn wir etwas Schönes erfahren, ja, wenn wir genießen. Hier erleben wir Freude, Lust, Zufriedenheit, Wohlbehagen: Ein Spa- oder Saunabesuch, ein kulinarischer Moment oder eine herzliche Umarmung können uns diese Form des Glücks bescheren.

“Erfüllungsglück” – das Erleben eines guten, sinnhaften Lebens – hat viel mit auf mich zugeschnittenen Tätigkeiten und damit verbundener intrinsischer Motivation zu tun. Darüber hinaus erfüllt es mich, meine Talente und Träume “auf die Straße zu bringen” und mich bewusst an andere zu verschenken, in einer mir und meinem Umfeld zuträglichen Weise zu dienen.

Veit Lindau spricht vom inneren und äußeren Ruf – wenn es mir gelingt, diesen zu finden, erlebe ich meines Erachtens auch “Erfüllungsglück”: Meinem inneren Ruf komme ich auf die Spur, wenn ich mich frage, was – insbesondere auch langfristig – Freude und Kraft in mir auslöst, was sich richtig anfühlt. Gleichzeitig kann ich mich fragen, wann andere stärker mit Anerkennung und Freude auf mich reagieren – wann sie mich sehen, und was genau sie sehen (äußerer Ruf).

Zurück zu den Wunschgefühlen. Meine absoluten Wunschgefühle sind: frei, voller Liebe, geborgen, verbunden (mit Menschen und einer “höheren Kraft”), mutig, freudig-erregt, begeistert, reich (im Sinne von “voller Fülle”). Darüber hinaus fühle ich mich gerne dankbar, tief entspannt, sortiert (klar), weit, großzügig, sanft, ekstatisch.

Oft bin ich auch gerne melancholisch oder sentimental, ja, hin und wieder kann ich ebenso der Wehmut einiges abgewinnen. Wut kann unangenehm sein, setzt gleichzeitig jedoch auch oft eine starke Kraft in mir frei. Trauer hat auch ihren Platz, nur scheinbar grundlos traurig sein lässt mich einsam und verloren fühlen. Scham und Ohnmacht sind “Zustände”, die ich ganz fürchterlich finde, auch auf Angst kann ich meistens gut verzichten, es sei denn, es gelingt mir, diese in “freudige Erregung” umzuwandeln, umzudeuten.

Autorin und Lifecoach Franziska Schulze formulierte in einem ihrer Videobeiträge folgenden Satz:

Äußere Ziele sind immer eine Projektion von Zuständen, die wir fühlen wollen.

Womit wir wieder beim Anfang meines Textes wären:-).

Bevor wir nun also wild Vorsätze und Ziele für 2017 oder wann auch immer formulieren, dürfen wir zunächst einen genauen Blick auf unsere Gefühle richten.

Welche sind Eure Wunschgefühle?

P.S.: Auf dem Bild neben dem Beitrag seht Ihr einen gefalteten Origami-Drachen unseres Sohnes – dieser entstand im absoluten Flow, passend zum Thema.

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