seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Autor: Carolin (Seite 1 von 7)

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

Trauriges verbindet – ich sage „danke“

O Täler weit, o Höhen

Sterbebegleitung, die von Herzen kommt, ist eine tiefgreifende und auch schöne Erfahrung. Unsere Mutter ist vor drei Tagen friedlich daheim eingeschlafen. Meine Schwester und ich haben Mama die letzten Tage begleitet – Kati hatte sich schon seit Wochen sehr intensiv gekümmert. Da unsere Mutter schwer erkrankt war, war uns allen klar, dass sie nur noch wenig Zeit haben würde. Nun ging es sehr schnell.

Der erste Tag, den unsere Mutter fast ausschließlich im Bett verbrachte, war Himmelfahrt. Mama hat sich schnell mit ihrer horizontalen Lage zufrieden gegeben („Schön im Bett“) – im Gegensatz zu Kati & mir: In einer aufwendigen Aktion beförderten wir unsere Mutter in ihren Liegestuhl in den sonnigen Garten. Dort angekommen war Mama zufrieden und behauptete, sie wolle noch leben – jedoch „nicht so doof“. (Sie litt unter ihren Einschränkungen, dem Verlust ihrer Stimme, die nur noch hauchend erklang und unserer Mutter, leidenschaftliche Chorsängerin, den letzten (Lebens-) Nerv raubte). Eine gute Stunde zuvor machte Mama Schwimmbewegungen mit dem Oberkörper und sagte mit verklärtem, motivierten Ausdruck, sie wolle in den Himmel fahren. Zwei Minuten später fragte sie: „Welcher Tag ist heute?“ Ich erwiderte: „Himmelfahrt“. Den Witz hat selbst meine Mutter in ihrem desolaten Zustand noch verstanden.

Wir verloren in diesen Tagen das Zeitgefühl. Und lernten Geduld und Demut. Mama erkundigte sich morgens, zwei Tage vor ihrem Tod, nach der Uhrzeit. „Viertel nach acht“, so meine Worte. „Das geht ja noch“ erwiderte Mama. Was auch immer dies hieß – es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Einstimmig stellten wir fest, dass Mama nun keine Termine mehr habe. Der Zustand unserer Mutter verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie wollte kaum noch etwas zu sich nehmen. Neben der Schwere, die mich umgab und die ich auch in mir fühlte, waren da auch tiefe Dankbarkeit, Freude und immer wieder sehr wohltuender Humor.

Zwei Tage vor ihrem Tod fragte Mama Kati: „Was mache ich hier?“ Die Frage war berechtigt. Und sie transportierte fehlende Orientierung, vielleicht auch Angst – selbst wenn unsere Mutter immer behauptete, sie habe keine Angst vor dem Sterben. Ihr christlicher Glaube half ihr hierbei enorm. Kati antwortete sehr ehrlich: „Mama, du liegst hier und wartest auf den lieben Gott und auf Papa. Und du kannst es genießen, dass wir dich hier gut versorgen.“

Wir sind sehr offen mit der Tatsache umgegangen, dass wir bald ohne Renate weiterleben würden. Mama wollte auch definitiv gehen. Nach dem Tod unseres Vaters hat sie die Kurve nicht mehr gekriegt und ist – mit Ausnahme weniger heller, freudvoller Momente – in ein tiefes Loch gefallen.

Kurz vor ihrem Tod drückten wir ihr noch das Telefon ans Ohr, so dass sie Schwester und Schwager in Kanada hören konnte. Sie selbst sagte nicht mehr viel, doch es war viel Liebe unter den Kommunizierenden zu spüren, zwischen den Zeilen auch Verzweiflung. Es war ergreifend, dieses letzte Gespräch unter Schwestern mitzuerleben. Momente, die ich sicher stets erinnern werde.

Ein Tag vor ihrem Tod verabschiedeten mein Bruder und seine Frau sich unter Tränen von Mama. Meine Schwägerin schlief neben Mama ein, und ich bewunderte Emel für den natürlichen Umgang, die Selbstverständlichkeit und Hingabe, die von ihr ausgingen. Wir drei Geschwister saßen später auch gemeinsam am Sterbebett – Claus, unseren verstorbenen Bruder, haben wir mit einbezogen.

Während wir Mama zärtliche Worte und Gesten schenkten sagte unser Bruder „Mama, du hast es so gut gemacht“. Da öffnete sie mit aller Kraft ihre Augen und schaute etwas ungläubig drein: „Was habe ich gut gemacht?“ Wir drei daraufhin einstimmig: „Alles!“ Letzteres war vielleicht etwas übertrieben, doch in jenem Momenten dachten wir offenbar: „Keine Einschränkungen mehr an dieser Stelle.“ Es waren auch lustige Momente, z. B. als Martin – sich positiv über den Tod äußernd – meinte: Nun, ganz so sicher sei er sich nicht, er habe mal gehört: „Alle die den Himmel loben waren noch nicht oben.“

Ich habe kurz vor ihrem Tod für Mama gesungen – Eichendorfs „O Täler weit, o Höhen“ und Bonhoeffers „Von guten Mächten“. Hier kam die Musiktherapeutin in mir durch. Ich glaube, es war auch stimmig – Mama sagte „schöne Stimme“ und ich spürte ihren inneren Aufruhr. Kurz darauf übergab sie sich, und ich zweifelte wieder daran, ob meine Gesangseinlage so passend war.

Am Morgen des 31. Mai – die Morhpintherapie in sehr geringen Dosen hatte am Tag zuvor begonnen – hatte Mama bereits ungewöhnlich kalt-klamme Hände – wie ich jetzt weiß ein Zeichen für den nahenden Tod, ein Erlöschen des Feuer-Elements, würden die Yogis sagen. Noch atmete sie. Interessant war auch, dass sie quer über das ganze Ehebett, sprich auch Papas Seite, ausgebreitet lag – was sie bis dato nie tat. Als wolle sie ihm näher und näher rücken.

Kati und ich stärkten uns am Vormittgag des 31. mit Hilfe einer Yoga-Kriya für starke Nerven. Es tat uns gut. Gleichzeitig erwähnte Kati immer wieder unsere Mutter – ob wir nicht oben bei ihr Yoga machen sollten. Ich meinte, da sei kein Platz. Wir blieben unten im Wohnzimmer. In dieser Stunde muss unsere Mutter „hinüber geglitten“ sein. Wir fanden sie – nun war auch das Luft-Element erloschen –  friedlich in ihrem Bett vor. Es heißt, es sei ideal, wenn ein Mensch zu Hause im eigenen Bett oder in einem guten Hospiz sterben kann. Wir sind so traurig wie dankbar, diese Erfahrung und Nähe geteilt haben zu können.

Ich fange an, den Tod tatsächlich gar nicht mehr so schlimm zu finden. Ich meine etwas von dem Frieden und Glück der anderen Seite erfahren zu haben. Vielleicht bedeutet der Tod ja wirklich kein Ende, sondern eine Transformation. Vielleicht brauchen wir keine Angst vor dem Tod zu haben und können stattdessen – frei von Todesangst – ein mutiges, erfülltes Leben leben.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Mamas Schwester in Kanada schlicht wusste, dass Renate genau an diesem Tag gestorben war. Eine enge Freundin meiner Schwester spürte dies ebenso –  sogar in der entsprechenden Stunde. Als Kati versuchte, kurz nach Mamas Tod unseren Freund und Pastor telefonisch zu erreichen und nur der Anrufbeantworter ertönte, war dieser offenbar bereits unterwegs und stand wenige Minuten später vor unserer Haustür. Es tat uns gut, mit ihm gemeinsam für Renate zu beten.

Vermutlich gibt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die unser Verstand schwer greifen kann. Eine Seele auf ihrer Reise ist ein schönes und gleichzeitig viele Fragen aufwerfendes Bild. Zutiefst dankbar sind wir unserem Onkel Heiner, Mamas Bruder, der die vergangenen Tage mit uns geteilt und uns viel Trost und Unterstützung geschenkt hat.

„Um leben zu können, musst du wissen, wie man stirbt.“

Satya Singh, Kundalini-Yoga-Ausbilder

 

Unsere tiefste Absicht

Heute möchte ich zu einem Gedankenexperiment, einem Perspektivwechsel einladen, bei welchem wir Erstaunliches über uns lernen können. Ich habe diesen Blickwinkel bei Veit Lindau aufgeschnappt und viele Tage in mir bewegt, auch damit gehadert und gekämpft. Ich bin verschiedene Situationen und Beziehungen meines Lebens gedanklich und emotional durchgegangen und habe mich gefragt: „Ist dem wirklich so?“

Nun zum Hintergrund:

Kann es sein, dass Dinge tatsächlich so passieren, mir gehäuft widerfahren, da sie meiner tiefsten Absicht entsprechen? Selbst wenn ich etwas bewusst nicht will, mir mein Verstand einredet, dies oder jenes zu wollen oder eben nicht zu wollen – ist es möglich, dass alles was mir bis jetzt passiert ist dennoch meiner tiefsten und wahrsten Absicht entspricht? Und wenn ja: Was ist der verborgene Nutzen?

Ein Beispiel: Angenommen, du gerätst immer wieder in Partnerschaften oder Beziehungen, die dir nicht gut tun, dir Kraft rauben. Du willst diese Beziehung nicht wirklich. Doch gibt es hier – auf der Ebene eines übergeordneten „kosmischen“ Wissens – eine Art größeres, ewiges Feld, an das wir angeschlossen sind – nicht evtl. eine wichtige Aufgabe für dich zu lernen?

Ein anderes Beispiel: Du willst Erfolg, einen ganz bestimmten Erfolg, doch stattdessen erlebst du dauerhaften Misserfolg, den du dir nicht erklären kannst. Kann es sein, dass du dich selbst boykottierst, bzw. ein Teil in dir boykottiert? Wohlmöglich begegnest du hier Ängsten, die dir vielleicht gar nicht bewusst sind. Erfolg könnte auch mehr Sichtbarkeit, Projektionsfläche für Neid und Unmut, neue Aufgaben, denen du dich evtl. noch nicht gewachsen fühlst bedeuten. Ist es möglich, dass ein Teil von dir diese Nebenschauplätze des Erfolgs lieber gar nicht erleben möchte? Oder umgekehrt: Wer sagt, dass bestimmte Dinge in deinem Erleben, die du mit deinem bewussten Verstand als Niederlage erlebst, auf der Ebene des „kosmischen“ Wissens vielleicht eine ganz wichtige Lektion sind, die du zu lernen hast?

Angenommen, du kannst dir nicht erklären, weshalb du einen bestimmten Menschen oder eine Situation meidest: Im Grunde siehst du hier nur Vorteile, andere sprechen dir auch gut zu und glauben, der oder das täte dir gut, würde dir zuträglich sein. Und trotzdem schwankst du, etwas in dir zögert. Im Nachhinein wird dir oft klar, dass deine Intuition dir etwas anderes zugeflüstert hat, etwas, das rational nicht zu erklären war und dennoch einer tiefen Wahrheit, deiner Wahrheit entsprach.

Was auch immer gerade schräg oder auf den ersten Blick unbefriedigend läuft in deinem Leben, frag dich doch mal:

Warum könnte dies meine wahre Absicht sein?

Was habe ich davon? Was sind die verborgenen Vorteile an dem, wie es ist?

Ich weiß selbst noch nicht, was ich von dieser Sichtweise halten soll, ob sie immer und überall zutrifft. Auch habe ich keine mathematischen Beweise. Dann sehe ich die Gefahr von „Schuldzuweisungen“, die das Einnehmen dieses Blickwinkels beinhalten könnte: „Ich bin selbst schuld, wenn mir dies und jenes wiederholt widerfährt.“ Ich glaube, darum geht es nicht. Es gibt schlicht zu viele Variablen und Einflüsse, die in die jeweilige Situationen und die Lebensumstände einfließen. Dennoch lohnt es sich, Situationen zu hinterfragen und sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Ein Jeder hat sicher schon viele kluge Dinge bei sich erkannt, doch an der Umsetzung hapert es. Dies liegt schlicht daran, dass unser Bewusstsein nicht nur Tages-, sondern auch Unterbewusstsein beinhaltet. Die treibenden Motoren in unserem Leben arbeiten die meiste Zeit über unterbewusst, wir nehmen sie nicht wahr. Selbst wenn wir glauben, etwas verstanden zu haben, lenken uns dennoch unterbewusste Prozesse, weshalb es uns zum Beispiel auch so schwer fällt, bestimmte Vorsätze tatsächlich in die Tat umzusetzen und durchzuhalten. Veit Lindau beschreibt in seinem Buch „Werde verrückt“ Methoden, anhand derer es uns gelingen kann, unser Unterbewusstsein für neue Richtungen zu begeistern.

Ich mache die Erfahrung: Jeder Mensch, der in mein Leben kommt, hilft mir, mich besser zu verstehen und mich weiterzuentwickeln. Interessanterweise verlassen Menschen meine Wirklichkeit auch wieder, oder ich ziehe mit zunehmender Weiterentwicklung andere Leute in mein System – Menschen, die mehr zu mir und meiner Art zu ticken passen.

Ich glaube, die Dinge passieren nicht „einfach so“, sondern entwickeln sich von innen heraus – aus für uns oft unersichtlichen oder erst im Nachhinein verstehbaren Gründen.

„Kalte Depression“ – von der Seele entfernt

Menschen unserer Zeit werden in Folge eines Riesenangebots an äußeren Stimuli und zahlreicher Herausforderungen immer rast- und orientierungsloser. Viele Erdenbürger wirken abgeschnitten, geradezu entfremdet. Nie war die Menge an verfügbaren Informationen größer als dieser Tage. Unsere Gesellschaft tut so, als sei ein hoher und andauernder Level an Stress völlig normal. Wenn du keinen Stress hast, gehörst du nicht zum produktiven Teil der Gesellschaft. So denkt es auch oft in mir. Zum Glück immer seltener.

Mir ist durchaus bewusst, dass Stress auch Flow, Freude und Dranbleiben bedeuten kann und phasenweise absolut Sinn macht. Mir ist auch klar, dass es Umstände gibt, die einem nicht immer erlauben, „Fünfe gerade sein zu lassen“. Doch ehrlich gesprochen gehört nicht viel dazu zu erkennen, dass viele Menschen in eine extreme Schieflage geraten sind und sich weit von ihrer Seele entfernen. Die eigene Lebendigkeit und Vitalität, die Lebenskraft kann nicht mehr gespürt werden.

Der yogische Begriff der „kalten Depression“ beschreibt einen Zustand vor einer „echten“ Depression bzw. einem Burn Out: Äußerlich ist dieser Zustand nicht als Depression erkennbar. Innerlich zeichnet er sich dadurch aus, dass Menschen gefühllos sich selbst gegenüber sind und innere Impulse nicht mehr spüren. Es besteht ein Konflikt zwischen dem was deine Seele dir sagt und dem was von Außen kommt. Folgst du „dem Außen“ und reagierst darauf – Smartphone, Werbung, Meinungen, „falsche“ bzw. fremde Ziele – so kannst du innere Impulse nicht mehr spüren; du fühlst dich leer und getrennt. Von „kalter Depression“ gebeutelte Menschen kreieren Gefühle der Lebendigkeit, indem sie das Maß an äußeren Stimuli erhöhen: Sie entwickeln eine Wahrnehmung, die gewissermaßen nicht real ist und glauben, dass Stress ihre Lebenskraft ist. Fehlende Lebendigkeit wird durch Adrenalin kompensiert – eine entsprechende Umgebung wird geschaffen, indem Spannung erzeugt und erhöht wird, extreme Erlebnisse und Sportarten aufgesucht und hohe Risiken eingegangen werden.

Überspitzt formuliert: Ohne Adrenalin fühlen wir uns taub. Aus Taubheit resultiert ein Verlangen, zu fühlen. Es kann erschreckend und gleichzeitig hilfreich sein, sein eigenes Verhalten zu beobachten: Wo und wann fühle ich mich getrennt von meinen Seelenimpulsen? Wie schwer fällt es mir, dass Smartphone oder Tablet mal für eine Zeit lang ruhen zu lassen?

Das Fatale ist, dass Leistung bzw. Leisten und grenzenloser Stress in unserer Gesellschaft anerkannt sind und belohnt werden. Produktiv-Sein sieht gut aus. Wir bleiben dabei und glauben, dies sei Erfolg. Problem dabei ist, dass uns Zustände von „kalter Depression“ auch körperlich krank machen und unser Immunsystem schwächen. Adrenalinreserven sind endlich, sprich unsere Nebennieren sind irgendwann „durchgeritten“.

Ich glaube fest daran, dass der natürliche Zustand des Menschen im Verlangen besteht, mit seiner Seele verbunden zu sein. Das Singen von Mantren ist eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Wir können „nach innen führende Bahnen wieder freischwingen“, uns wieder spüren.

Wir haben alles, was uns zufrieden macht in uns selbst. Sich aus sich selbst heraus vollständig zu fühlen – wenn uns dies gelingt, sind wir wahrhaft zufrieden. Wenn du es immer wieder schaffst, das zu tun, was dich mit deinen inneren Impulsen verbindetmeditieren, tanzen, spazieren, sich ausruhen, gut ernähren – erfährst du Lebenssinn und -glück. Im Übrigen hilft uns eine starke Intuition uns im Informationsüberfluss zu navigieren.

Ich schließe mit einem Zitat von Rumi:

„Suche das Licht nicht im Außen. Finde es in dir und lass es aus deinem Herzen strahlen.“

 

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Von der Schönheit des Nicht-Wissens

Domestizierter Hund oder wilder Wolf?

Ich glaube, die meisten Menschen halten sich sehr zurück, wenn es darum geht, ihr Inneres nach Außen zu kehren. Ich frage mich oft, weshalb dem so ist – es muss mit Konditionierungen, ggf. in sehr frühen Zeiten zu tun haben. Wir deckeln uns alle ungemein. Warum? Vermutlich aus Angst.

Ich wage zu behaupten: Wir leben große Teile unseres Lebens unter einer Käseglocke. Wir verlieren – zumindest in unserer Kultur – die Reinheit, das Unschuldige, Spielerische, ja, auch das Wilde auf unserem Weg ins Erwachsenendasein. Wie schade. Und wie erfrischend gleichzeitig, Kinder in ihrer meist ungezügelten Art zu beobachten. Dies heißt keineswegs, dass aus introvertierten Zeitgenossen plötzlich expressive Extrovertierte werden sollen. Ich kann mein Introvertiert-Sein, mein Bedürfnis nach Einkehr und Zeit für mich ja wunderbar leben und gleichzeitig den inneren Regungen in mir neugierig begegnen ohne etwas zu unterdrücken.

An diesem Wochenende – während einer astrologischen Beratung bei „Navigator“ Harry und einem weiteren Ausbildungswochenende im Rahmen meiner Kundaliniyoga-Lehrerausbildung – habe ich sehr viel über mich und zwischenmenschliches Verhalten gelernt. Mir ist klar geworden, wie sehr ich mich selbst noch zurückhalte, wie schwer es mir fällt, mich zu trauen, ganz nah an mich heran zu treten und zu schauen, was da noch alles so in mir schlummert. Da ist immer noch Angst in mir – vor Selbstausdruck, vor Ablehnung durch andere, davor zu entdecken, wie machtvoll ich bin, wieviel Kraft und Energie in mir steckt. Verrückt. Doch wahr. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich damit nicht allein bin.

Es ist eine ungeheuerliche und gleichzeitig tief befreiende Entdeckung, eigenen blinden Flecken auf die Spur zu kommen. Auf einmal verstehe ich auch, weshalb ich einer Weggefährtin vor Jahren wiederholt vorgeworfen habe, sie sei so kontrolliert und hätte Angst, Farbe zu bekennen: Ich bin meiner eigenen Tendenz, Kontrolle ausüben zu wollen, meiner Angst, mich mit Angst und Unzulänglichkeit zu zeigen, auf die Schliche gekommen. Angst wiederum hält mich von bestimmten Gefühlen, beispielsweise Scham, fern, bzw. sie schützt mich vor Gefühlen wie Scham. Ich fühle nicht, doch ich lebe auch nicht. Scham ist das Gefühl, falsch zu sein – im Grunde der Knackpunkt, der uns vom Leben fernhält.

Ich sehne mich nach tiefem Vertrauen. Vertrauen in mich, dieses Leben, eine höhere Macht. Wahnsinnig gerne möchte ich mich hingeben, meinen Kopf ablegen – die ganzen Kopfgespenster und Sorgen Mutter Erde übergeben. (Im Übrigen ist die sog. „Baby Pose“ aus dem Yoga eine schöne Möglichkeit, das Herz über den Kopf „zu stellen“: Auf den Fersen sitzend beugen wir uns nach vorne und legen die Stirn auf den Boden). Das Bekannte für das Unbekannte aufgeben – wie oft trauen wir uns das wirklich?

Sicher können wir auch im Alltag viel spielerischer sein als wir’s oft sind: mit Worten, Bewegungen, Begegnungen und Situationen jonglieren. Eine alltägliche Verrichtung wie das Wasser-Einschenken und Trinken mal im Schneckentempo vollziehen, ganz achtsam. Grundlos Grimassen schneiden. Einem Gegenüber einen ungewöhnlichen Gedanken zuwerfen. Tanzen wenn uns danach ist. Seit diesem Wochenende übe ich mich in Folgendem: Wenn’s in mir denkt „Das ist jetzt aber beknackt“ tu ich’s trotzdem. Oder gerade. Herrlich.

Ich behaupte: Der Blick auf den sog. Ernst des Lebens geht uns dennoch nicht verloren. Da bin ich mir sicher. Die meisten von uns sind mehr als pflichtbewusst. Dinge, die aus selbst gewählter, uns auf unserem Herzensweg unterstützender Disziplin geschehen, sind sinnvoll und wunderbar, doch die von außen auferlegte, mitunter auch unreflektierte Pflichterfüllung darf meines Erachtens immer wieder hinterfragt werden. Dinge aus „innerer Einsicht“, resultierend aus den eigenen Wertmaßstäben heraus zu tun ist etwas anderes, als besinnungslos im Hamsterrad zu laufen, überspitzt formuliert.

Unseren inneren Kritiker können wir immer wenn er zu laut und dominant wird besten Gewissens liebevoll doch deutlich in die Schranken weisen. Wie sagte unser Yogalehrerausbilder Atma Singh kürzlich so treffend: „Gott segne dich, innerer Kritiker – doch ich unterrichte  jetzt Kundalini-Yoga.“ (Sollte unser Verstand beispielsweise während einer Unterrichtsstunde mal wieder zu sehr ins „Rödeln“ geraten und sich in den Vordergrund drängen).

Woran ich uns heute alle erinnern möchte: Lasst uns trauen, unsere Schleier nach und nach zu lüften, immer klarer zu werden und dabei zu denken:

„Das Leben passiert FÜR mich!“

 

Wenn uns etwas in Aufruhr versetzt…

Fragen Spiegeltechnik

 

Auch wenn’s schwer fällt: Es lohnt sich ungemein, sich diese Fragen zu stellen. Immer wenn dich etwas sehr stark berührt, in Aufruhr versetzt,empört, aufregt, ärgert. Ich wage sogar zu behaupten: Andernfalls bewegen wir uns nicht vom Fleck.

Gleichzeitig dürfen wir uns vergegenwärtigen:

Alles was der andere kritisiert an mir und mir vorwirft oder anders haben will und bekämpft, und mich dies nicht berührt, ist sein eigenes Bild, sein eigener Charakter, seine eigenen Unzulänglichkeiten, die er auf mich projiziert.

In diesem Sinne: Frohes Erkennen:-)!

 

 

Selbsterkenntnis kann wehtun

Selbsterkenntnis kann wehtun. Momente  in denen wir erkennen, dass unsere Sicht der Dinge eben auch nur unsere Sicht der Dinge ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ein kleiner Ausschnitt des Ganzen.

Neulich erkannte ich im Gesicht meines Gegenübers ganz deutlich mich selbst; ich verstand, dass ich einen geliebten anderen Menschen, über den wir sprachen, auch nur mit meiner eingeschränkten Wahrnehmung – meinen eigenen Filtern und Erfahrungen – sah. Dabei registrierte ich eine Seite in mir, die mir nicht gefiel, für die ich mich in jenem Moment schämte: Es zeigte sich ein sich über den anderen erhebender Teil in mir, der meinte, in seiner Entwicklung weiter zu sein als der Mensch, über den ich mir Gedanken machte.

Im Nachhinein denke ich: Was genau weiß ich denn über die Entwicklung des anderen? Wie komme ich darauf, mir anmaßen zu können, zu wissen, vor welcher Aufgabe dessen Seele gerade steht?

Oft ist es so: Wir glauben einen uns nahstehenden Menschen zu kennen, wo wir uns doch in uns selbst nur sehr unzulänglich auskennen. Wir glauben zu wissen, was der andere tun müsse, was ihm gut täte, was richtig für ihn sei. Zum Glück stolpern wir oft an diesen Stellen über uns selbst, zum Glück bringt uns das Leben immer wieder dazu, uns einer Frage, einem Thema neu zu widmen, uns selbst zu hinterfragen (wenn wir uns das denn trauen), demütig zu werden.

Was meine eigene Entwicklung angeht, so spüre ich, dass die Kundaliniyoga-Praxis mich ganz schön durchschüttelt. Wie sagte unsere Ausbilderin Amrit Kaur so treffend? Yoga praktizieren bedeutet nicht, dass alles leicht, nett und schön ist. Das Karma, welches dir begegnen soll, strömt schneller auf dich zu. Oder anders formuliert: Dinge, die du lernen sollst, kommen zügiger und intensiver auf dich zu, Wachstumsimpulse werden schneller zu dir hingezogen. Nicht immer leicht und angenehm, wie ich feststelle.

Aufschlussreich sind auch jene Momente, in welchen ein anderer eben nicht das sagt, was wir gerne hören würden. Oft denken wir denselben Gedanken immer und immer wieder, er brennt sich ein in uns. Wir glauben uns im Recht. Umso überraschter sind wir, wenn wir plötzlich etwas Unerwartetes zu hören bekommen, einen Gedanken, der unserer „Denke“ nicht entspricht, manchmal auch komplett widerspricht.

Nun glaube ich zu wissen: Jene Situation, in der ich mich im anderen spiegelte, einen Zug an mir wahrnahm, der mir nicht schmeckte, meine Überzeugungen auseinander brachen und es wieder neu in mir zu denken begann, war Gold wert. Ich wurde sehr ruhig. Und traurig. Und plötzlich ließ etwas in mir los: Ich musste mich selbst nicht mehr davon überzeugen, im Recht zu sein. Es durfte plötzlich alles genau so sein, wie es gerade war. Die Schönheit der ungeschminkten Wahrheit offenbarte sich mir. Es waren heilige Momente, in denen ich innerlich sanft und weich wurde. Da ich weder mich selbst noch den anderen anders haben wollte.

Vor kurzem hatte ich ein tiefes Gespräch mit meiner Mutter: Ich erzählte ihr von meiner eigenen Familie, von vergangenen Schwierigkeiten und Dingen, die aus meiner Sicht nicht gut liefen jedoch zu gegebener Zeit offenbar nicht besser bewerkstelligt werden konnten. Meiner Mutter, der es bis dato meist schwer fiel, Negatives an sich heran zu lassen – direkt Betroffenes oder ihre Kinder betreffend – zeigte sich von einer sehr verständnisvollen, weisen Seite. Ich spürte, wie wohltuend es ist, sich zu öffnen – auch und gerade mit den Dingen, die angst- oder schambesetzt sind. Dieses Teilen mit meiner Mutter, dieses gemeinsame Erfahren von „Manchmal tut das Leben weh, doch es ist wie’s ist“ war ein erhabener Moment.

Nochmals: Was wäre, wenn wirklich alles da sein dürfte – die Selbstverurteilung, unliebsame Eigenschaften, für einen Moment auch das Verurteilen des anderen? Und was würde passieren, wenn wir einen anderen mit genau diesen weggedrückten, wiederentdecken Anteilen konfrontieren, uns öffnen würden?

Ich durfte diese Erfahrung in kurzer Zeit gehäuft machen: Was geschah war heilsam. Oder anders: Heilung geschah. Der Satz „Liebe umarmt alles“ kam mir in den Sinn. Je mehr und öfter ich Liebe statt Angst wähle und je mehr ich Liebe in die Welt trage, umso stärker kann ich andere inspirieren, ebenfalls in der Liebe zu sein! Ein schöner Gedanke. Und eine noch schönere Erfahrung.

 

Seite 1 von 7

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén