seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Oh die Liebe

Ich schreibe selten zu “Mann-Frau-Beziehungs-Themen”, Geschlechterdiskussionen, Emanzipation. Letzteres hat mich nie wer weiß wie interessiert, vielleicht auch, da ich mich meistens als autonom, weder benachteiligt noch bevorzugt, wahrgenommen habe.

In letzter Zeit stoße ich immer wieder auf interessante Aspekte zum Thema Beziehung – in Gesprächen und auch durch das kürzlich erschienene Buch “Königin und Samurai” von Veit und Andrea Lindau. So möchte ich mich heut diesem schönen Thema widmen. Mir fällt es selbstverständlich leichter, aus Sicht der Frauen zu schauen und zu sprechen, was mich zum großen Thema “Beziehung” derzeit bewegt. Also los.

Zur Zeit erlebe ich diverse Trennungen in meinem Umfeld, bin bewegt von Geschichten über verletzendes Miteinander, sicher auch eine Konsequenz einer Überforderung und tiefen Erschöpfung, von der viele Familien heutzutage betroffen sind. Sowohl Männer als auch Frauen wirken vielerorts auf der Suche – nach (neuen) Rollen, dem Ausdruck und der Integration sowohl männlicher als auch weiblicher Anteile in sich. Ich stelle immer wieder fest: Die Begriffe “männlich” und “weiblich” werfen Fragen auf – ich ahne, was für mich “weiblich” oder “männlich” bedeutet, gleichzeitig laufe ich Gefahr, schnell in alten Klisches zu landen.

Tief verunsichert erscheint mir dabei der, die eine oder andere. Frauen wie Männer halten und jonglieren heute mehrere Bälle in der Hand – alles unter einen Hut zu kriegen scheint tendenziell immer noch eher Frauenintention zu sein. Mir hilft das Bild, möglichst spielerisch verschiedene Hüte zu tragen – je nach Situation und Anforderung, oder auch je nach Lust und Laune Mutter, Wegbegleiterin, Schwester, Ehefrau, Musiktherapeutin, Duo-Partnerin, Autorin, Öle-Beraterin oder auch einfach mal Närrin zu sein. Natürlich verkrampfe auch ich manchmal dabei und komme regelmäßig aus meiner Mitte.

Merkwürdigerweise habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht, ob ich eher klassisch Familie oder schwerpunktmäßig beruflich unterwegs sein will. Kinder wollte ich im Grunde immer, Karriere machen war zu keiner Zeit mein Ding. Ich folgte stets meiner Intuition, ferner meinem Prinzip “Versuch und Irrtum”. Den ganz großen Lebensentwurf hatte ich nie, auch suchte ich – zumindest nicht bewusst – keinen Mann, der mir (finanzielle) Sicherheit schenkte. Wonach ich stets geradezu dürstete waren und sind: immer tiefer werdende Selbsterkenntnis, schöpferischer Ausdruck – lange Zeit über die Musik, nun auch über Schrift und Wort – und ein Erleben von Freiheit.

Eine Herausforderung für Frauen dieser Zeit besteht meines Erachtens darin, ihre Weiblichkeit in einer immer noch stark leistungsbetonten Gesellschaft zu leben, sprich Mutterschaft zu leben, was nicht gleichzusetzen ist mit “ein Kind gebären”: Ich spreche eher von Qualitäten wie Dienen, Hingabe, Beziehungsgestaltung. Eine Frau kann gleichzeitig weich und empfangend sowie kristallklar und stark sein. All dies sind unsere Qualitäten, ich habe den Eindruck, wir müssen uns nur trauen und auch erlauben, sie herauszuholen und auch zu zeigen.

Eine weitere große Herausforderung für Frauen besteht darin, sich nicht permanent auf den Baustellen der anderen zu verlieren: Natürlich dürfen wir links und rechts schauen und helfen, wo unsere Hilfe benötigt wird. Gleichzeitig sollten wir unsere eigene Baustelle erkennen und uns zunächst selbst auffüllen – mit Kraft, Fürsorge, liebevoller Zuwendung, mit vielen vielen Pausen – bevor wir uns um andere kümmern.

Kürzlich sprach ich mit einer Freundin darüber, dass viele von uns Frauen irre viele Talente haben, sich jedoch immer noch schwer damit tun, mit diesen sichtbar zu werden, sanft und gleichzeitig stark in ihre Größe zu finden und dazu zu stehen, was sie ausmacht. Aufgerichtet und wirklich klar heraus. Auch für mich eine tägliche Übungsmatte, doch ich gewinne an Sicherheit und auch an Lust am Tun und Wirken.

Das Verbinden mit anderen Frauen, das Austauschen und sich gegenseitig Emporheben erlebe ich als immer wertvoller, je älter ich werde. Es macht mir Spaß, mir Vorbilder zu suchen, zu schauen, wie leben andere – ohne sofort in dieses Vergleichen zu kommen, womöglich noch gepaart mit Schwesternneid und –gezicke. Es kann so wohltuend sein, nicht gefallen zu wollen, zu sich zu stehen und würdevoll dieses Frausein zu zelebrieren – mit allem, was dazugehört, mit dem Männlichen und dem zutiefst Weiblichen in uns.

Wenn Frau und Mann immer mehr in ihre Kraft kommen, sich verletzlich zeigen, sich dabei im anderen erkennen und gesehen werden, kann ganz Wunderbares daraus enstehen und wachsen. Lasst uns einander wertschätzen und damit beginnen, den anderen nicht mehr für den eigenen Schmerz verantwortlich zu machen: Wenn wir uns nicht mehr brauchen, um eigene Mängel zu kompensieren, sondern wenn wir einfach Tag für Tag dafür gehen, immer tiefer zu lieben, dann sind wir meines Erachtens auf einem guten Weg. Das gilt meiner Erfahrung nach für alle engeren Beziehungen, die wir in unserem Leben gestalten: Wirklich lebendige Beziehungen leben von diesem “Nähetanz” – sich zeigen, den anderen sehen, da sein für den anderen, und ihn gleichzeitig nicht festhalten zu wollen.

Eine Frage habe ich heute nicht. Dennoch freu ich mich riesig über Rückmeldung und Austausch zu dem großen Thema Beziehung.

 

Zurück

Deinen Neid willkommen heißen

Nächster Beitrag

Ins Spüren kommen

  1. Sonja

    Sehr schön und treffend beschrieben. Haben wir verlernt, wie man liebt?

    • Carolin

      Liebe Sonja, ich danke dir sehr herzlich für’s Lesen & Rückmelden. “Haben wir verlernt, wie man liebt?” Die Frage kann ich nicht beantworten, nur für mich sprechen: Nein, ich übe mich jeden Tag in der Liebe. Liebe ist immer da, wir müssen sie nur heben und uns für sie entscheiden. Und ich glaube, wir Frauen müssen unbedingt beknacktes Konkurrenzgehabe aufgeben und uns stattdessen gegenseitig stärken und lieben. Sich gemeinsam erheben – nicht gegen die Männer, sondern für das Leben – wie Andrea Lindau so treffend sagt. Alles Gute für dich!

  2. Liebe Carolin,

    jedesmal wenn ich einen deiner Beiträge lese, will ich dir antworten 😉 aber natürlich will ich den Artikel zuerst wirken lassen und mir dann auch die Zeit nehmen, einen „schönen” Kommentar zu schreiben…

    Und dann… kommt schon dein nächster Blog und ich habe dir immer noch nicht geantwortet…

    Und heute habe ich die Kommentarfunktion auf deiner Seite nicht gefunden…

    Daher kriegst du jetzt einfach mal eine E-Mail! Ich finde dich und deine Schreibweise und deine Themen wunder-voll ❤ Du sprichst mir oft so aus dem Herzen – und ich würde nicht solche Worte dafür finden.

    Ich weiß, dass ich andere Worte finde – ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen 😉

    Ich finde es einfach so inspirierend – dass mir Leute im Netz begegnen, die ich im „echten” Leben so nicht getroffen – oder vielleicht auch gar nicht wahrgenommen – hätte.

    Und ich merke, dass es mir einfach immer wieder gut tut, so kleine Anstupser von außen zu kriegen – machen muss ich dann schon selber – das ist mir bewußt. 😊

    Ich habe das Buch „Liebe radikal” seit längerer Zeit schon auf meinem Nachttisch liegen – aber ich komme mit dem Lesen nicht so recht voran… obwohl ich Veit Lindau von seinen Posts und Video-Beiträgen her gerne mag. Vielleicht mag ich mich ja auch noch nicht so recht auf das Thema Beziehung einlassen. Und nachdem ich das eine Buch noch nicht zu Ende gelesen habe, wollte ich mir das neue noch nicht kaufen.

    Hast du beide gelesen?

    Ich freue mich, wenn es mir gelingt, mehr mit dir im Austausch zu bleiben – gerne auch „öffentlich”.

    Ich wünsche dir eine gute Zeit – wie immer auch für die „gut” aussieht 😊 ❤

    Deine Andrea

    P.S. – Wie du siehst, habe ich Kommentarfeld doch noch gefunden 😉

    • Carolin

      Super, Andrea! Ein großes Dankeschön von mir.
      Deine Worte ermutigen mich sehr und bestärken mich in meinem Tun: Wie ich es liebe, anzustupsen! Und angestupst zu werden. Erlebe es wie du: Mir begegnen auch ganz außerordentliche Menschen im Netz (natürlich nicht nur hier;-)). Das möchte ich nicht mehr missen, auch wenn der Kontakt von Aug’ zu Aug’ unübertrefflich ist.
      Ja, gib dir ruhig mal das Buch “Liebe radikal”! Und wenn du nicht hineinfindest, pick dir doch einfach mal ein Kapitel heraus. Finde, es geht auch nicht nur um Liebesbeziehungen, sondern generell um lebendige Beziehungen – Freunde, Kollegen, und, und. Da gibt’s sicher für uns alle noch Spielraum nach oben – in Sachen Sich-Zeigen, wirklich lauschen, spiegeln, konfrontieren, einfach da sein.
      Gehab dch wohl, du Liebe. “Königin und Samurai” habe ich nur angelesen – auch toll!
      Herzlichst, Carolin

  3. Ingomar

    Liebe Carolin,

    die Liebe, was für ein schönes und füllendes Thema, dem du dich in deinem neuesten Artikel widmest.

    Ich vermute, da reicht ein Erdenleben nicht aus, um die LIEBE wirklich zu verstehen!!! Ich kann da natürlich nur für mich sprechen.
    Es fängt ja schon damit an, wie ich das Wort Liebe überhaupt definiere.
    Da mich dieses Thema schon ewig brennend interessiert, setze ich mich schon lange damit auseinander.Aber umso mehr ich darüber erfahre, sei es durch Reflektion eigener Beziehungen und eigenem Verhalten, intensiver neugieriger Gespräche mit Anderen, Lesen spezieller Lektüre oder auch Anschauen psychologischer Ansätze, umso klarer wird mir auch, wie schwierig und komplex dieses Thema ist.

    Was mir persönlich in den letzten Jahren zu dem Thema Liebe und Beziehung am meisten auffällt, ist eine riesengrosse VERUNSICHERUNG, sowohl bei den Frauen wie auch bei den Männern.
    Da stimme ich dir in vollem Umfang zu!!!
    Das habe ich früher so nicht wahrgenommen. Da scheint sich etwas total in den Menschen verändert zu haben.Vielleicht hat es neben den, im Vergleich zu früher, veränderten Frauen- und Männerrollen auch noch mit der momentanen Zeitqualität zu tun, die uns verstärkt dazu drängt wieder unsere verlorenen weiblichen-und männlichen Anteile zu integrieren.Dies erfordert natürlich auch viel Selbstreflektion, deren Erkenntnis bei manch Einem sicher auch zu erheblicher Verunsicherung führen kann.

    Was mir in letzter Zeit noch besonders in persönlichen Beziehungen und Kontakten auffällt, ist, dass dieses verletzlich zeigen, worüber du ja auch so schön schreibst, wieder erheblich weniger geworden ist.Ich habe das Gefühl, viele ziehen sich zur Zeit wieder in ihr Kokon zurück.
    Es würde mich mal interessieren, ob andere diese Erfahrung momentan auch machen, oder ob nur ich es so wahrnehme.

    Und noch etwas zu Sonjas Kommentar und ihrer Frage: “Haben wir verlernt, wie man liebt?
    Diese Frage bedingt ja, dass wir mal wussten wie man liebt.Und da habe ich mittlerweile so meine Zweifel ob wir das je wussten……..Wir haben vielleicht einfach nur das getan, was wir für Liebe hielten.

    Dies ist mein kleiner Beitrag und meine persönlichen Erfahrungen in der momentanen Zeit zu diesem Thema.

    Caroline, herzlichen Dank dafür, dass du in dem Artikel die Ansicht einer Frau zu dem schönen und interessanten Thema preisgegeben hast.

    Noch eine schöne Sommerzeit und lieben Gruss, Ingomar

    • Carolin

      Ich danke dir, lieber Ingomar!
      Aus deinen Zeilen spricht eine große Liebe zur Liebe:-).
      Ja, was ist das eigentlich? Es bleibt spannend. Und erforschenswert.
      Ich glaube, dass das Wort “Liebe” oft auch missbraucht wird: “Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du jetzt xy tun/ nicht tun.” Das klingt für mich nicht nach Liebe, keineswegs.
      Und was ich mir auch vorstellen kann: Unsicherheit rührt tatsächlich auch daher, dass wir in uns selbst oft unsicher sind, in unserem Frau- oder Mannsein – und uns darüber hinaus in unseren dunklen Ecken noch nicht hinreichend auskennen. Aus meiner Sicht bedarf es der Schattenarbeit eines einzelnen, wenn ich mich wirklich voll & ganz auf einen anderen einlassen und ihn gleichzeitig nicht mit meinem eigenen Mist “zumüllen” will.
      Ob wir wieder (mehr) Angst haben, uns verletzlich zu zeigen? Ich weiß es nicht genau. Eine Sehnsucht, sich so zu zeigen, wie man ist, auch und gerade in der eigenen Verletzlichkeit, die ist sicher mehr denn je da. Die Frage ist, ob wir uns auch im völlig überfrachteten Alltag den Raum geben, aus diesem Roboterhaften auszusteigen, um all die leisen Stimmen in uns auch wahrzunehmen.
      Nun mach ich Schluss, nachdenklich, inspiriert, auch ein wenig melancholisch;-).
      Hab’s gut, du! Auf bald,
      Carolin

  4. Wieder ein sehr schöner Text aus deiner Feder. Nähe – Distanz und immer wieder Nähe -Distanz fühlen, akzeptieren und annehmen. Wobei meine Beobachtungen sind, dass Frauen Distanz zum Partner schlecht aushalten können. Dafür finde ich Frauenräume ganz wunderbar. So überfrachten wir unsere Partner nicht mit unseren Gefühlen.

    • Carolin

      Das ist eine gute Ergänzung, Gwynnefer! Schätze deinen ergänzenden, differenzierten Blick zum wiederholten Male:
      Eine interessante Beobachtung, dass viele Frauen Distanz zum Partner schwer ertragen. Kann mir gut vorstellen, dass da etwas dran ist. Klar gibt es auch zahlreiche Männer, die beispielsweise viel reden;-), doch bei vielen Frauen beobachte ich ein sich oft zurückbestätigen lassen müssen – stets in Verbindung und Austausch sein wollen. Da sind Frauenräume, Schwesternschaften sicherlich eine wunderbare Gelegenheit, um sich nah zu sein und auszutoben.
      Nochmals danke für’s hier Teilen!
      🙂

  5. Danke liebe Caroline! …für die Einblicke in ein Frauenherz, dessen Beziehung und Bewusstsein in die Tiefe münden und Weggefährten in diese Tiefen mitnimmt.
    Und schön, wenn sich Wege der verschiedenen Tiefen ergeben, wo man zusammen unterwegs ist.
    Ich denke, dass solche Qualitäten dem Leben die Fülle geben.
    Ob für Paare wohl Kundalini Yoga oder annähernde Rhyten zu dieser einen sehnsuchtsvollen Vollendung auf metaphysischer Eben führen würde?
    Danke nochmals für deine schönen und offenen Gedanken und Einblicke, die zu einem Spiegel unserer selbst werden.

    • Carolin

      Lieber Alfredo,

      hab herzlichen Dank für deine Worte!
      Ich freue mich auch sehr über Weggefährten & das gemeinsame in die Tiefe Gehen. Und in der Tat gibt es im Kundalini-Yoga auch Partner-Übungen, sich vereinende. Darin bin ich bislang unerfahren, doch ich kann mir vorstellen, dass dies tolle Erfahrungen sein können. Muss mich mal umhören…

      Gute Nacht & alles Gute für dich,
      Carolin

  6. Liebe Carolin,
    du sprichst mir aus dem Herzen. Ich finde mich klar wieder. Danke für den superschönen Text.
    Liebe Grüße
    Claudia

    • Carolin

      Oh wie schön, Claudia! Das freut mich sehr! Auch, dass wir hier im Netz verbunden sind! Mach’s gut, Carolin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén