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Erlebtes & Belebendes

Potentialentfaltung und Umgebung

Dank eines Eckart von Hirschhausen-Videos stieß ich kürzlich auf das “Pinguin-Prinzip”: Im Kern ging es darum, dass die Umgebung wichtig ist, damit das, was du kannst, überhaupt zum Vorschein kommt. Ein Pinguin wird auch auch nach etlichen Jahren Psychotherapie keine Giraffe werden. Hirschhausen meinte, wir würden permanent Urteile fällen und könnten damit komplett danebenliegen, gerade wenn wir Menschen nur in einer bestimmten Situation gesehen haben.

Und ich ergänze: Umgekehrt ist es schon verrückt, dass wir uns unseren (Selbst-)Wert auch als autonome Erwachsene ständig durch andere Menschen spiegeln lassen und uns viel zu oft davon abhängig machen, was andere uns zurückspiegeln.

Auf dem Weg zum Erkenne-dich-selbst geht es doch im Kern immer um die Fragen: “Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Was sind meine Stärken?” Aus mir wird sicher nie eine beflissene Finanzbuchhalterin werden, auch keine Top-Managerin in einem Chemiekonzern. Ich bin eher ein kreativer Chaot, und meine Stärken liegen in anderen Bereichen. Auch bin ich definitiv kein Workaholic im “klassischen” Sinne, dafür genieße ich zu gern und habe furchtbar gern möglichst viel Freizeit. Doch wenn ich für etwas brenne oder spüre, dass etwas – auch Unangenehmes – wirklich getan werden muss, kann ich zum Arbeitstier werden.

Diese meine Stärken und auch Schwachstellen zu erkennen, zu akzeptieren und sich gleichzeitig nicht selbst in Stein zu meißeln, halte ich für erstrebenswert. Sich selbst Schicht für Schicht freizulegen, sich zu häuten und zu dem vorzudringen, was ich meine Essenz, meine Seele nenne, ist ein solch’ schöner Weg, den ich mit immer mehr Lust und Hingabe gehe. Potential, von lateinisch “Stärke, Macht”, ist die Fähigkeit zur Entwicklung – es beinhaltet noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten. Diese Idee, dass da immer noch viel mehr geht, dass noch vieles mehr in mir schlummert, ich auch Wunder erleben und für Wunder offen sein darf, beflügelt mich.

Es stärkt den Selbstwert ungemein, sich Stück für Stück aus dieser oft schon in Kindheitstagen antrainierten Spiegelung – Wie komme ich an? Werde ich gemocht? Bin ich (gut) genug? – zu lösen. Dies ist nicht einfach, doch möglich. Sich tatsächlich auf seine eigenen Gedanken und Gefühle, auf das, was einen ausmacht, zu besinnen, erfordert den bewussten Prozess der Reflektion. Ich muss mich hinsetzen, es wirklich tun: reflektieren, Dinge notieren, neue Leitgedanken deklarieren. Es reicht nicht, wenn ich es mal gehört habe, wie es geht, nein, ich muss es machen, in den Alltag integrieren, wenn ich den Boden für etwas Neues säen möchte.

Unsere Potentialentfaltung ist also abhängig von unserer Umgebung. Wenn ich Menschen dabei unterstützen möchte, dass ihr Potential aufgeht, anstelle sich zu verschließen, kann ich sie z. B. ermutigen, etwas zu wagen: Etwas zu tun, das sie am anderen bewundern. Sich nicht zurückzuhalten, sondern ihre ganze Kraft zu entfalten. Meine Stärke ist es, Besonderheiten im anderen zu erkennen, außerdem Mut zu machen, sich zu zeigen, zu sich zu stehen und auch immer mal wieder im eigenen Dreck zu wühlen – sprich seine Schatten eizuladen.

Jetzt da ich es weiß, wie sehr meine Entwicklung von meiner Umgebung abhängt, suche ich immer öfter Felder auf, in denen ich erblühen kann: In meinem Umfeld gibt es einige Menschen, die sich sehr frei denken können: Die um die Ecke denken. Gemeinsam schwingen wir uns empor, kreieren neue Ideen und Projekte. Ich brauche Freigeister mit Tiefgang, humorvolle und auch mutige Menschen um mich, um weiter zu kommen, um die nächste Zone der (geistigen) Entwicklung zu erklimmen. Da ich gerne schreibe, suche ich auch hier Menschen auf, die diesen Kanal ebenso lieben und sich mit mir austauschen wollen.

Spannend ist es auch, sich in Felder zu begeben, in denen Menschen etwas leben, wovon man selbst träumt: Autoren, die an ihrem Buch sitzen, Reisende, die Yoga-Retreats aufsuchen, große Wanderungen auf sich nehmen oder sich eine längere Zeit aus dem Alltag lösen. Sprich Menschen, die einen Weg bereits gegangen sind, den man sich selbst für sich vorstellen kann. Gleichzeitig finde ich es wichtig, auch immer mal wieder mit Leuten in Kontakt zu kommen und sich wirklich auf ein Gespräch, eine Szene einzulassen, die einem normalerweise fremd sind: Neulich tobte ich mich gemeinsam mit anderen Müttern während eines Fußball-Punktspiels unserer Söhne auf dem Platz aus – eine höchst interessante Erfahrung! Auch hier kann man sich neu entdecken, in Rollen schlüpfen, die man für gewöhnlich meidet.

Zu guter Letzt: Wenn unsere Angst vor Ablehnung oder unsicherem Terrain zu groß wird, kann es helfen, sich auf eine gesunde Art und Weise selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen. Auf einer Party z. B. fühlt sich die eine oder andere unbehaglich, doch die eigene Person wird von anderen Menschen überhaupt nicht so fokussiert wahrgenommen, wie man sich selbst wahrnimmt.

Also: Auf zu neuen Ufern und neuen Fehlern;-)!

Mich interessiert brennend, in welcher Umgebung, unter welchen Bedingungen Euer Potential aufgeht? Was braucht es, damit Ihr Euch in für Euch wünschenswerte Richtungen entfalten könnt?

 

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Werkzeuge aus meinem Alltag

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Deinen Neid willkommen heißen

  1. Sabine Lange

    Ach Carolin, das hast du wieder sehr treffend beschrieben und genau beleuchtet. In deiner Selbstwahrnehmung als kreative Chaotin habe ich mich wieder gefunden. So wir du es beschreibst, ist es viel leichter anzunehmen und sich so auch zu mögen.
    Was mir auch gefällt ist, dass du von “Arbeit” sprichst, in Zusammenhang mit der Selbstentfaltung. Ja, das ist herausfordernd und es bedarf einer Entscheidung, immer wieder. Und gleichzeitig ist es so lohnenswert, so bereichernd. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier sind um zu lernen und uns zu ent-wickeln. Das Leben ist Veränderung und Wachstum. Und das ist gut so. Das macht es doch erst spannend, aufregend und freudvoll. Wir Menschen brauchen das Gegenüber, die Anderen, um uns im Austausch miteinander, im Reiben aneinander zu erkennen und wahrzunehmen. Deshalb ist es so entscheidend, mit wem ich den Austausch suche. Je weiter ich auf dem Weg der Selbsterkenntnis gehen und je konsequenter ich mich meinem wahren Selbst nähere und es lebe, desto klarer werde ich für andere erkennbar. Ich stoße die ab, mit denen es keine oder wenig Resonanz gibt und ziehe mehr und mehr die Menschen und die Dinge in mein Leben, die mich bereichern. Dadurch erhöht sich die Energie und es wird ein Raum geschaffen, in dem Menschen aufblühen. Das brauchen wir! Mehr Menschen, die sich selbst erkennen und in ihre Kraft, in ihr Strahlen kommen. Du trägst mit deinem Schreiben und deiner Inspiration dazu bei. 😘

    • Carolin

      Liebe Sabine,
      da surfen wir voll auf einer Welle: Auch ich betrachte das Leben als Lern- & Wachstumsfeld. Und ja, seinen ureigenen Weg zu finden und zu gehen ist oft auch unangenehm und unbequem. Je klarer, “ganzer” und auch sichtbarer wir werden, je mehr wir unseren eigenen Regeln folgen, umso mehr konfrontieren wir auch. Du schreibst vom Abstoßen, wenn keine Resonanz da ist. Ich würde es eher “Aus-dem-Radius-Fallen” nennen, sprich diejenigen, die wirklich ganz unterwegs sind als du, verlassen deine Wirklichkeit. Veit hat einmal was Schönes gesagt: Es ging um Menschen, die ihre Bedürfnisse so gar nicht kennen, nicht wer weiß wie viel Bock auf Lernen haben und gleichzeitig ihre ganze Unzufriedenheit nach außen projizieren. Was tun? Ich kann es erklären, mich erklären, wie es mir mit demjenigen geht. Ich kann aber auch für mich entscheiden: “Ich liebe dich – aus der Entfernung. Wenn du eine Frage an mich hast, ich etwas für dich tun kann: lass es mich wissen.” Das fand ich sehr schön. Denn manchmal passt es ja nicht mehr – oder eine Zeitlang nicht – mit Menschen, die einem einst nahestanden.
      Danke dir für dein schönes “Strahlen-Kompliment”:-)!
      Auf ganz bald wieder, deine Carolin

  2. Liebe Carolin,

    was für schöne Gedanken Du wieder zu Papier gebracht hast. 🙂 Danke dafür!

    Ich empfinde es als ganz entscheidend, dass man immer wieder in sich hineinfühlt und klärt, ob das Umfeld wirklich passend ist. Wenn wir ehrlich sind, dann fühlen wir ganz genau, ob unsere Umgebung das Beste in uns zum Vorschein bringt und wir unsere Stärken voll ausleben können oder ob sie uns Energie raubt.

    Nur: Das Umfeld im Zweifel zu verändern, fällt vielen Menschen sehr schwer. Vor allem, wenn die Veränderung Menschen betrifft, die einem nahe stehen. Ich bin im Laufe der Jahre sehr klar darin geworden, wen ich tiefer in mein Leben lasse und von wem ich mich bewusst abgrenze bzw. wen ich ziehen lasse. Das tut mir gut, ist aber immer wieder eine Herausforderung.

    Liebste Grüße
    Simone

    • Carolin

      Liebe Simone,
      zunächst: Ich danke dir. Es ist wirklich so schön, andere mit Worten berühren zu können. Und etwas anzustoßen, was andere auch beschäftigt. Du sprichst die Umgebung an: Wir fühlen in der Tat sehr deutlich, ob diese das Beste in uns zum Vorschein bringen möchte oder nicht. Nachrichten unserer Seele erfahren wir sehr schnell und unmittelbar über unseren Körper. Dann innezuhalten, wenn sich etwas meldet, das ist die Kunst. Nicht sofort in ablenkendes Tun zu kommen.
      Ich glaube, dass ein Teil der Menschen, auch uns sehr nahstehender Menschen, uns alles Glück der Welt wünscht. Einem anderen Teil sind Dinge, die wir tun, gleich, sprich: Bestimmte Teilbereiche unserer selbst ziehen am anderen vorbei. Und dann gibt es sicher auch Menschen, die vergleichen:
      Was wir mit diesem Vergleich anstellen, hängt von unserer Bereitschaft nach Wachstum ab: Wollen wir wachsen, so werden wir von anderen inspiriert. Trauen wir uns jedoch nicht zu, uns zu verändern, werden wir neidisch oder eifersüchtig. Ich glaube, wirkliche Freunde, die auch bleiben, unterstützen einen auch in der persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren diese. Wenn Freunde dich jedoch weiter so haben wollen, wie sie dich schon immer kannten und du das Gefühl hast, nicht mehr ganz du selbst sein zu können, wird’s schwierig. Und in der Tat – wie du schreibst – wird’s immer wieder zur Herausforderung zu schauen: Mit wem ziehe ich jetzt weiter, und wen lasse ich erst mal ohne mich weiterziehen?

      Gutes Gelingen dir und alles Liebe!
      Deine Carolin

  3. Liebe Carolin,

    wie immer wunderschön geschrieben.

    Für mich gibt es einige Vorraussetzungen um voll zu erblühen.
    – Anerkennung für geleistete Arbeit und wertschätzender Umgang
    (das vermisse ich am allermeisten)
    – Ich benötige die Möglichkeit Führungsaufgaben zu übernehmen und eine kontinuierliche Erweiterung des Verantwortungsbereiches.
    (das geht im Heim gar nicht. Dafür baue ich immer wieder an meinem Business)
    – Ich brauche ein hohes Mass an Selbstbestimmung und abwechslungsreicher und vielfältiger Aufgaben.
    – Und…ich brauche die Sicherheit am Arbeitsplatz und längerfristige Planbarkeit der eigenen Zukunft.

    Das ist nicht immer leicht umzusetzen. Aber ich bin auf einem guten Weg, für mich unterwegs.

    Alles Liebe
    Gwynnefer

    • Carolin

      Oh, das ist interessant, Gwynnefer. Ich danke dir sehr für deine Rückmeldung und die differenzierte Antwort auf meine Schlussfrage. Zum Stichwort Anerkennung und Wertschätzung fiel mir ein: Hätte ich “nur” meine musiktherapeutische Arbeit, würde ich sicher u.a. in dieser Hinsicht einiges missen. Da die Arbeit mit der mitunter sehr “schwachen”, “beeinträchtigten” Klientel oft extrem kleinschrittig und mühsam ist und oft auch die Rückmeldung fehlt – einige meiner Kinder sprechen nicht – fehlt auch mir positives Feedback, eine bestimmte Ansprache. Zum Glück habe ich ein tolles, buntes Team und eine prima Vorgesetzte.
      Durch das Schreiben in meinem Blog erhalte ich viel Anerkennung und Wertschätzung, auch in anderen Bereichen. So habe ich für mich beschlossen, mich neben meiner musiktherapeutischen Arbeit noch schriftstellerisch und musikalisch auszutoben. Gerne würde ich auch mit dem Schreiben dazuverdienen, doch weiß hier nicht wie. Nun habe ich einen Glaubenssatz entdeckt, der mir dieser Zeiten dient: “Geld kommt mühelos zu mir, auf bekannten und unbekannten Wegen.” Das gefällt mir:-).
      Zu den Führungsaufgaben und der “Mehr-Verantwortung”: Hier fällt mir Wahrnehmungsguide Claudia Heipertz ein, die da wunderbare Impulse gibt und offenbar auch demnächst Veränderungen in ihrem Business vornimmt. Find’s immer hilfreich, links und rechts zu schauen – nicht um des Vergleichens Willens, sondern um mich inspirieren zu lassen. Geht dir sicher ähnlich.

      Alles Liebe, schön, dass wir uns austauschen!

  4. Carolin

    Ich möchte gern noch etwas ergänzen: Eine Bekannte schrieb mich an, gab mir eine wertvolle Rückmeldung und sagte, ja, auch sie reize der Gedanke der Potentialentfaltung, des Weiterkommens auf ihrem Weg. Gleichzeitig sei es ihr dieser Tage wichtig, immer mal wieder innezualten, sich zu fragen: “Was ist denn gerade gut, und was darf auch gerne mal so bleiben, wieso muss alles immer noch mehr optimiert werden?”
    Ich bin da voll bei ihr. Auch ich habe keine Lust, stets und ständig an mir zu arbeiten. Und dann kamen mir verschiedene Gedanken, und ich antwortete ihr: “Potentialentfaltung hat für mich auch weniger mit einem (mehr-)Machen zu tun, als vielmehr mit einem Bleiben-Lassen von dem, was mich schwächt. Mich in mein ganz wahrhaftiges Sein hineinentspannen. Dann kommt das Potential, das was mich ausmacht, von ganz allein, so mein Eindruck. Und klar, ein paar Dinge bedeuten Arbeit: sich bewusst zu werden, welche alte Dinge & Geschichten da noch in mir wirksam sind, da muss ich mich schon mal mit auseinandersetzen (…). Habt ein schönes, gesundes Wochenende!

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