seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Fühlen ist okay

Hallelujah. Ein transformierendes, konkurrenzloses und einfach wunderbares Seminar liegt hinter mir: “Alte Wunden heilen lassen, auf dem Weg durch die Schatten” beim Schamanen Harry Hömpler. “Niemand kann dir Frieden geben, außer du dir selbst.” So lauteten die Eingangsworte der Seminarbeschreibung.

Ich spürte neben Freude auch Schiss im Vorfeld: Was wird da kommen und aus mir heraus strömen? Was ich wusste: Ich wollte vor allem mit meiner Wut in Kontakt kommen. Dass da viel Wut in mir ist – ob der Überforderung und der gefühlt zahlreichen Grenzüberschreitungen bereits in sehr frühen Jahren – spürte ich deutlich. Insbesondere in den vergangenen Wochen, in denen durch die Dynamik in der Herkunftsfamilie alte Emotionen getriggert wurden, wurde mir dies bewusst. Aus meinem Erleben stand ich anderen sehr oft zur Verfügung: In meiner Familie war ich das Nesthäckchen, die Unkomplizierte, der Sonnenschein – und auch die Kraft-Schenkende, Zuhörende, Helfende. Hier stecken auch viele meiner Kompetenzen: im Zuhören, im Da-Sein und Raum-Schaffen, wertschätzend und ermutigend. Doch was mir auch immer bewusster wurde und wird: Ich möchte all dies auch einfach nicht sein (müssen).

Ich möchte frei sein, mich glücklich fühlen, auch dann, wenn eine mir nahstehende Person gerade schwierige Zeiten durchmacht. Ich möchte klar für mich, meine Bedürfnisse und Werte einstehen. Die Verantwortung für meine – oft lange durchdachten und durchfühlten – Entscheidungen tragen, zu diesen stehen, und gleichzeitig Dinge, die nicht in meinen Verantwortungsbereich fallen, beim anderen lassen. Wenn es sich richtig anfühlt und sogar notwendig ist, will ich sagen: “Lasst mich in Ruhe”. Mich abgrenzen. Auch mal aus dem Kontakt gehen. Ich will so “Nein” sagen, dass das Nein auch ankommt und keine weitere Fragen oder Diskussionen nach sich zieht. Harrys Ansatz, einen geschützten Raum zu eröffnen – außerhalb aller kulturellen Bezüge, Regeln und Konventionen – diesen zu halten und alles da sein zu lassen, was sich zeigen will, hat mir enorm in meinem Klärungs- und Abgrenzungsprozess geholfen.

Harry bedient sich verschiedenster Technicken und Handwerkszeuge, viele seiner Impulse stammen aus dem sog. Possibility Management. Es ist, als würde Harry dir beim Klettern helfen, dir eine 8-spurige Autobahn an Möglichkeiten – sich (neu) zu entscheiden, zu handeln, zu kreieren – anbieten. Meist haben wir das Gefühl, uns in einer Einbahnstraße zu befinden und sehr eingeschränkt zu sein in unseren Möglichkeiten. Wenn sich eine Szene aus der Vergangenheit, ein “Problem” herauskristallisiert, erhälst du hier die Gelegenheit, ein dominierendes Gefühl wie Wut oder Angst, frei von jeglicher Wertung zu fühlen. Du darfst fühlen! Wie wohltuend. Denn die meisten von uns haben sich in der Regel eine hohe Taubheitsschwelle zugelegt.

Mit Harrys Begleitung kannst du rein gehen in das Gefühl, mit Hilfe von Utensilien z. B. deine Wut herausschreien und -schlagen, auch mit derben Ausdrücken, ganz egal – du kannst das Gefühl größer werden lassen, mit ihm spielen. Plötzlich spürst du auch wie dein Körper, der sehr weise ist, antwortet, wie deine Selbstheilungskräfte zu arbeiten beginnen. Mein Wut-Kloß auf Solarplexushöhe rutschte zunächst auf Herzhöhe, als säße mir jemand auf der Brust. Dann fing es an in mir zu vibrieren, Töne entwichen mir, ein wohltuendes Brummen machte sich breit. Ich spürte ein Kribbeln in Händen und Füßen und schüttelte mich unweigerlich. Da ging was.

Die meisten von uns haben in der Vergangenheit etwas erlebt und gefühlt, das sehr unangenehm oder schier nicht auszuhalten war. Wir haben damals eine Entscheidung getroffen, das Gefühl eingeschlossen, uns gedeckelt. Wenn wir nun – als verantwortungsvolle Erwachsene – erneut in dieses Gefühl gehen, es prozentual größer werden lassen und uns dann neu entscheiden, wie wir uns fortan in bestimmten Lebenssituationen verhalten wollen, kann das ungemein befreiend sein: Emotionen, welche im Gegensatz zu Gefühlen stets darauf hinweisen, dass es etwas zu heilen gibt, können von dannen ziehen. Die zu den Emotionen gehörenden Geschichten, die wir uns oft wiederholt und wiederholt erzählen, dürfen sich auflösen. Das Schöne ist auch: Wir können neue Entscheidungen treffen. Und dies jederzeit. Wir können uns selbst autorisieren, uns erlauben, von nun an völlig anders über eine Situation, einen Charakterzug oder einen Menschen zu denken. Ich bestimme, wie ich fühle. Und: Fühlen ist ok. Wir können etwas für uns deklarieren: “Ich darf glücklich sein, unabhängig von äußeren Umständen.” “Ich bin frei, so ist es.”

Was wir brauchen ist Klarheit. Klarheit zu unterscheiden. Ich erkenne: Es gibt viele Möglichkeiten, ich habe die Freiheit, zu unterscheiden, zu wählen, wie ich mich zu einer Situation, einem mir nah stehenden Menschen ausrichten will. Die meisten von uns laufen mit unzähligen unbestätigten Annahmen herum. Wir glauben, der andere könnte denken, dass wir denken, dass… Klarheit schafft Bewusstheit. Ich kann jederzeit korrigieren. Das Leben als Spielfeld betrachten. Und was ich total spannend finde: Ich kann grundlos handeln, ohne Auslöser von außen. Ich kann die Ursache von der Wirkung entkoppeln, den Auslöser vom Gefühl. Wenn ich will, kann ich mit meinen Möglichkeiten experimentieren und je nach Experimentierfreude und Mut dies meinem Umfeld vorher mitteilen. Wenn der Postbote klingelt, kann ich das Fenster aufmachen und die Musik aufdrehen;-).

Es mag abstrus klingen, doch ich finde, es hat auch was. Unabhängig von Gründen zu entscheiden. Sich zu sagen: Ich habe die Wahl. Genauso wie ich einst beschlossen habe, mir etwas zu verbieten, so kann ich heute entscheiden, es mir zu erlauben. Ich kann sagen: “Ich will das.” Oder: “So bin ich jetzt!” Wenn ich große Ängste ausspreche, so wie hier in der kleinen Seminargruppe – “Ich könnte mal nicht warmherzig und offen, sondern egoistisch, hart, kalt wahrgenommen werden”, und von außen plötzlich kommt “Na und, dann biste das. Und? Ich mag dich auch so” – es ist unglaublich, was dann mit dir geschieht, wie sich etwas in dir öffnet und freilegt. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich dachte.

Gefühls- und Schattenarbeit bewegt auch das jeweilige Umfeld. Daheim liegt gerade eine besondere Stimmung in der Luft. Es kribbelt und brizzelt. Und es ist schön. Natürlich meldet sich die Wut auch immer wieder. Soll sie.

Ich kann nur sagen: Danke, Harry – du bist der Knaller:-)!

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Werkzeuge aus meinem Alltag

  1. Tanja

    Einen sehr schönen Artikel hast du da geschrieben, liebe Carolin Stark. Ich freue mich mit euch über ein gelungenes Seminar. Ich finde diese Arbeit auch extrem wichtig und wertvoll und kann mich deinen Worten über Harry nur anschließen.

    • Carolin

      Danke dir, liebe Tanja! Klasse, dass Harry auch dir gutes Handwerkszeug oder das was du gerade brauchtest geben konnte! Lass es dir gut ergehen, Carolin

  2. Olli

    Hey Calli, das klingt intensiv und freilegend oder befreiend für das was alles gerade so los ist und war, oder? Und es klingt auch stark und stärkend! Hast Du Dir eigentlich deshalb Deinen Namen ausgesucht? 😉
    Stark! Echt stark – und das bist Du auch mit Deinen Texten, die aus Dir sprechen und gleichsam anderen starke Anregung sein können!
    Wenn Du magst, gerne nochmal mehr Details beizeiten! Und mit stark sein meine ich natürlich nicht „müssen“, sondern es sein mit aller Fragilität, allen Schatten und allem Schönen! Herzensgruß, Dein Olli

    • Carolin

      Liebster Olli, so fühl ich das auch, wie du es beschreibst. Ich habe immer stärker das Gefühl, dass dies auch meine Aufgabe hier auf Erden ist: mich freilegen, verletzlich zeigen und dadurch andere anstecken und stärken.
      Als ich vor gut einem Jahr Harry beim Analysieren meines Geburtshoroskops kennen lernte, sagte er, ich habe offenbar meine eigene Stärke (mit)geheiratet, als ich 2014 Andreas heiratete;-). Ja, so ist es wohl. Und genauso wie du sagst: Manchmal und sehr oft bedeutet stark sein eben gerade, sich auch mit offener Wunde zu zeigen. Ich hatte kürzlich ein berührendes Gespräch mit meiner Schwägerin, in dem wir feststellten, dass ich Heilsames in die Familie bringe durch mein So-Sein. Sicher auch durch meine konsequente Praxis von Selbstliebe & -fürsorge. Und natürlich ist mein Sein, meine Klarheit und auch meine Stärke auch konfrontativ, das bleibt nicht aus. Und darf auch so sein.
      Gerne bei Gelegenheit mehr. Ich drücke dich fest, Olli!

  3. Harry Hömpler

    Hallo und Danke, Calli.
    Schöner Text. Besonders die letzten Sätze. Wenn die Wut wiederkommt. Soll sie. Ja. DAS kannst du nur schreiben, wenn du weißt: DU bist größer als deine Wut. Danke für´s lernen.
    Berührt.
    Harry

    • Carolin

      Vielen lieben Dank, Harry – das bestärkt mich jetzt nochmal neu. Denn gestern war sie wieder da, die Wut, als unser Sohn morgens (sensible Zeit) eine dicke Diskussion mit mir startete, hartnäckigst. Und ich dachte: Lass mich doch damit in Ruh, verdammt! Einmal kurz meine Wut herausgelassen, gezeigt – gut war’s dann auch wieder. Ich fand auch deinen Hinweis sehr wertvoll, seine Wut gleich zu zeigen. Glaube, den Fehler habe ich lange Zeit gemacht, dass ich geschluckt habe und diese Scheiß-Harmonie, die offenbar in unserer Familie mitunter so wichtig war, aufrecht erhalten wollte. Wat für’n Käse;-)!
      Mach’s gut, du – bis Freitag!

  4. Alex Waldsee

    Liebe Carolin, dein Text ist sehr intensiv und gehaltvoll… ; fordert mich zum erneuten Lesen auf. Toll, wie du deine Wut spüren kannst… Ich habe mich an einigen Stellen wiedererkannt und Parallelen entdeckt. Solarplexus… angestaute Wut… ein Nicht-Spüren-Wollen… wohin damit…? Ich frage mich einfach, wie ich in Kontakt mit dieser Wut kommen kann; habe das Gefühl, sie ist abgekapselt… eben eine „hohe Taubheitsschwelle“… Keine Ahnung, das Ganze fühlt sich sehr unsicher an… Vielleicht hast du ja einen Tipp… Liebe Grüße von Alex Waldsee

    • Carolin

      Liebe Alex,
      wovor hast du Angst? Meist haben wir Angst vor der Angst, wollen nicht fühlen. Du kannst dich fragen: Ist da wirklich eine Bedrohung? Habe ich das überprüft oder ist es eine unbestätigte Annahme? Wenn du wirklich willst, dass sich etwas ändert und du neue Möglichkeiten schaffen willst, kommst du nicht umhin, deine Angst zu fühlen. Du kannst den Gefühlen Angst und Wut getrennt begegnen, sie einladen, sich dir zu zeigen. Trau dich, dich verletzlich zu zeigen, in erster Linie vor dir selbst. Und wenn du einen dir nah stehenden Menschen an deiner Seite hast, dann sprich doch mit ihm ruhig mal genau darüber: dass du dich manchmal unsicher fühlst, das Gefühl hast, von deiner Wut abgeschnitten zu sein. Und während du sprichst kannst du deinen Körper sehr fein wahrnehmen, das kommen lassen, was da kommt, selbst wenn es unangenehm ist. Das sind meine Gedanken:-). Alles Liebe zu dir & danke für deine Rückmeldung, Carolin

  5. Liebe Carolin,

    was für ein schöner Text. Klingt nach einem Seminar, das viel bewegt (hat). Manchmal habe ich den Eindruck, dass Wut ein höchst unerwünschtes Gefühl ist. Wir gestehen sie uns selbst und anderen oft nicht zu, was sehr schade ist. Dabei darf die Wut einfach sein. So wie jedes andere Gefühl auch.

    Herzliche Grüße
    Simone

    • Carolin

      Liebe Simone,
      du glaubst nicht, wie wichtig das ist, was du geschrieben hast;-)!! Voll erkannt: Wut ist überhaupt nicht immer und überall erwünscht. Natürlich ist es unschön und unangenehm, seine Wut zu missbrauchen – im Sinne von “überall alles raus lassen”. Doch Wut zu fühlen, genau wie Trauer, Freude, Angst, wirklich zu fühlen – davor scheuen sich die meisten. Harry kritisiert – zu recht, wie ich finde – dass in der psycho-spirituellen Szene schnell von der “Herzenergie”, vom Fühlen gesprochen wird, doch wahrhaftig fühlen wollen die wenigsten. Bei Angst haben die meisten die höchste Taubheitsschwelle: Angst macht uns Angst. Und über der Wut liegen oft Glaubenssätze wie “Wut/ Aggression ist schlecht/ unangebracht” o.ä. Dabei ist tatsächlich nichts gut oder schlecht, sondern einfach da. Selbst Freude gestehen sich viele nicht zu, oder es wird belächelt, kritisch (neidisch) beäugt, wenn jemand seiner reinen (kindlichen) Freude freien Lauf lässt.
      Lasst uns fühlen. Und uns auch mit offener Wunde zeigen. Denn das macht uns zutiefst menschlich.
      Danke, Simone – für deine wertvollen Zeilen!

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