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Erlebtes & Belebendes

Radikal leben

Neulich kaufte ich mir seit langem mal wieder eine Zeitschrift. Im Vorwort hieß es, Autor unbekannt: “Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

In diesen Zeilen fand ich mich wieder und dachte: Ich bin schon ganz gut unterwegs. Doch dann wurde mir klar, dass ich noch viel radikaler leben möchte in Zukunft: Wirklich noch vollständiger, noch elementarer meine Zeit so gestalten, wie ich es für richtig und sinnvoll halte.

Gerade habe ich ein paar Tage mit unserem Sohn im Harz verbracht. Wir haben Nostalgiehotel, Sole-Therme und Luchsgehege genossen. Wobei letzteres – verbunden mit einer kleinen Wanderung – nur bei mir Anklang fand. Radikal leben heißt für mich auch, die Zeit mit unserem Sohn so bewusst wie möglich zu gestalten. In dem Wissen, wie schnell die Zeit vergeht, und dass es vermutlich nicht mehr lange dauern wird, bis er sich von den Eltern abgrenzt.

Radikal leben kann auch heißen, an wichtigen Stellen keinen Kompromiss einzugehen: Auf dem Weg zum Luchsgehege wurde Yossi nicht müde zu betonen, wie besch… er das kleine Stück Wanderung (den Teil zwischen Hochseilbahn und “mit Bus zurück”) fand. Ich hab dann etwas getan, was ich noch nie gemacht habe: Ich bin alleine weiter gestratzt (Yossi meinte, er ginge zurück zu Bahn). Mir war das so wichtig, auszuschreiten, ich hatte mich drauf gefreut und es extra sehr kurz gehalten. Auch hatten wir den Deal, im Anschluss ein zweites Mal in die Sole-Therme zu gehen. Am Luchsgehege eingetroffen stand Yossi plötzlich neben mir. Offenbar hat er sich dann doch selbst auf den Weg gemacht und ist der Beschilderung gefolgt.

Ich glaube, es war eine gute Erfahrung für uns beide. Ich habe mir erlaubt, mein Bedürfnis vornanzustellen und darauf zu vertrauen, dass nichts passieren wird (ein Kleinkind hätte ich sicher nicht alleine gelassen). Wie sagte eine Freundin, als ich ihr davon erzählte, so schön? Sie nannte es die “liebevolle Konsequenz, die aus der Liebe zu sich selbst und auch aus der Liebe zu dem Kind und im Bemühen um eine gesunde Beziehung zueinander, absolut wichtig ist. Dem Kind Grenzen aufzeigen und die eigenen Bedürfnisse vertreten, ohne ihm die Liebe zu entziehen.”

Mir wird bewusst: Ich möchte im Leben sehr tief lieben. Natürlich möchte ich meine Liebe teilen und weit streuen – ich behaupte ich habe ein großes Herz – doch noch wichtiger ist es mir, umfassende, enge Beziehungen mit wenigen Menschen einzugehen und mich diesen radikal zu widmen. So auch meinem Mann. In mir wohnt das klare, schöne Bild, mit ihm an ein Ende, sprich bis zum Tod gemeinsam zu gehen. Sicher weiß ich nicht, was kommen wird, doch dieser Wunsch, diese tiefe Absicht ist für mich mehr als gewiss. Und noch wichtiger, als regelmäßig Wochenenden mit Freunden zu verbringen ist es mir, den Großteil meiner Zeit meiner kleinen Familie zu widmen.

Radikal leben heißt insofern auch, wirklich sehr bewusst zu wählen, mit welchen Menschen ich mich warum und wann umgebe. Mich dort voll einzubringen, wo es mich hinzieht, ich mich gesehen und geliebt fühle. Manche meiner einst engen Kontakte sind gerade etwas verschlafen, sicher auch, da es in den jeweiligen Leben zurzeit nur wenige Schnittmengen gibt. Ich habe beschlossen:  Das lasse ich jetzt erst einmal so, selbst wenn es darauf hinausläuft, dass wir nur wenige Male im Jahr Kontakt haben.

Momentan fühle ich mich sehr zu Menschen hingezogen, die Lust haben zu wachsen und die auch mich wachsen sehen wollen. Die mich und meine Eigenarten, meinen Wunsch nach Alleinzeit, meine Ehrlichkeit und Klarheit gut aushalten können. Das sind sowohl einige mir sehr vertraute, schon viele Jahre bestehende Verbindungen, als auch neue Menschen, die mir begegnen, on- und offline  – die ebenso Träume haben und sich ein sattes, erfülltes Leben wünschen.

Was mir auch essentiell wichtig ist: Meinen Gefühlen mehr als bisher zu trauen. Freund und Navigator Harry schrieb mir kürzlich:

„Deine Gefühle sind die Wahrheit. Die Weisheit deines Körpers. Unabhängig ob es dir oder anderen “gefällt”.

Von diesem Punkt aus möchte ich leben. Wenn da Wut ist, dann soll diese den ihr gebührenden Raum erhalten. Und dann dürfen auch Konsequenzen folgen, indem ich aus meinem Zentrum heraus klare Grenzen setze. Ein anderes Beispiel: Noch immer denkt’s in mir, dieses oder jenes müsste ich jetzt aber tun, z. B. eine Wochenend-Verabredung einhalten, die mir schon jetzt aus verschiedenen Gründen Stressgefühle bereitet. Nein, muss ich nicht. Was ich schon gar nicht muss: Meine Freizeit in irgendeiner Form stressig (v)erleben.

Vollständig, sprich so zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben, bedeutet für mich in allererster Linie: sich zu erlauben, diejenige zu sein, die ich sein möchte und dasjenige mit der Welt zu teilen, das ich aus tiefstem Herzen teilen will. Unabhängig davon, wie andere das finden mögen. Seitdem ich mich z. B. stärker auf die Menschen konzentriere, bei denen meine Zeilen resonieren, die etwas mit dem, was ich teilen möchte, anfangen können, anstelle mir Gedanken darüber zu machen, wer meine Texte oder mich ablehnen könnte, blüht vieles in meinem Leben neu auf: Es kommen Menschen und Situationen auf mich zu, die mich voranbringen – Menschen, die mich etwas fragen oder um etwas bitten, das ich gerne gebe, Gegebenheiten, die mich in der Tiefe ausfüllen. Radikal leben heißt demnach für mich: die eigenen Erwartungen leben und damit aufhören, die Erwartungen anderer zu leben. Denn letzteres kostet unnötig viel Energie, Zeit und Lebensfreude.

Zum Muttertag schenkte mein Mann mir eine Blume, die “Schwarzäugige Susanne” – einen “unermüdlichen Dauerblüher”, mit den Worten, diese passe zu mir. Und dies ist mein Wunsch: Selbst wenn der Tag beschissen war, am nächsten Morgen erneut aufzublühen, immer mehr in meine Kraft zu kommen und andere mit meinem So-Sein anzustecken.

Was heißt für Euch radikal, vollständig leben? Was darf nicht fehlen?

 

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Tief fühlen

  1. Dein Erlebnis mit Deinem Sohn auf der Wanderung hat mir besonders gut gefallen. Raus aus dem “Eine Mutter muss x oder y oder z….” hin zu “jetzt tue ich das, was sich gut anfühlt. PUNKT!” Solche Erlebnisse hatte ich auch schon und es erforderte für mich mutig zu sein und dem Universum zu vertrauen. Umso mehr ich mich darauf einlasse, umso stärker werde ich (und meine Kinder)…. Es lohnt sich zu vertrauen und den eigenen Weg gehen. Letztendlich ist das eine Inspiration für alle anderen…. Danke Dir 🙂

    • Carolin

      Oh wie schön, du Liebe – von dir zu lesen! Ich habe mich tatsächlich kurz gefragt, ob ich das schreiben kann (aus Angst “rabenmamamäßig” wahrgenommen zu werden), mich doch dann dafür entschieden. Und genau auf diese Stelle bin ich nun auch schon mehrfach zustimmend angesprochen worden, interessant. Wenn du mir diese Rückmeldung gibst, bestärkt mich das sehr, da ich dich als Frau und Mama sehr respektiere und beobachte, wie klar, liebe- und auch humorvoll du mit deinen Kindern umgehst! Und dass nicht nur du, sondern auch deine Kindern stärker werden – auch und gerade in diesem so wertschätzenden und auch mutigen Rahmen – das glaube ich gern! Hoffentlich auf bald wieder, drücke dich fest.

  2. Liebe Carolin, ich mag deine Ehrlichkeit und kann gut nachvollziehen, was du schreibst. Authentisch und bewusst leben statt blind und ferngesteuert. Ja, das Leben verändert sich und somit auch die Art von Menschen, mit denen man zu tun hat. Ist man auf dem Weg der eigenen Wahrheit zu folgen, gibt es keinen Weg zurück und das ist gut so. Dauerblüher, wie wunderbar 🙂

    • Carolin

      Liebe Stefanie Carla,

      ich danke dir für deine schönen, wertschätzenden Worte. Auch deine Art – dein Frohsinn, dein Keckes und dein Mut – finde ich sehr schön, spricht mich an. Bin gespannt, wohin uns unsere Wege führen. Und bin sehr gespannt auf dein neues Buch! Hab’s gut, feine Pfingsttage!

  3. Liebe Carolin,

    ja Tatschlich, eine neue Zeitqualität beginnt. Bei dir, bei mir, bei uns allen.
    Meiner Meinung nach darf nicht fehlen, dass sich jeder die Frage stellt: Was bedeutet Erfüllung für mich?

    Du bist da bereits auf einem guten Weg.
    Ich wünsche dir weiterhin “herausfordernde” Wegbegleiter, wie deinen Sohn. 🙂

    Alles Liebe zu dir
    Gwynnefer Sylvia

    • Carolin

      Liebe Gwynnefer,

      danke dir sehr für deine Rückmeldung. Interessant, dass Veränderung gerade bei vielen & in vielen Lebensbereichen zu beobachten ist. Vermutlich verdanken wir dies mitunter auch Uranus;-).
      “Was bedeutet Erfüllung für mich?” Schön. Ich glaube, Erfüllung ergibt sich aus einem vollständig gelebten Leben, sprich lässt sich davon gar nicht trennen. Je klarer, bewusster und konsequenter ich mein Leben lebe, umso erfüllter lebe ich auch. Herausfordernde Wegbegleiter, gerade auch in Sachen Grenzensetzen, habe ich dieser Tage einige;-).
      Alles Liebe zu dir! Ich fand dein Life-Interview mit Elke Dola zum Thema “Wie Rechtfertigung schwächt” gut. Schöne Pfingsten!

  4. Sabine

    Liebe Carolin, danke für deine aufrichtigen Gedanken. Ich bin ganz bei dir und empfinde es als stimmig, aus dem eigenen Zentrum heraus zu agieren. Wenn im inneren Dialog die Sätze “ich sollte” und “ich müsste” auftauchen, bin ich schon wieder im außen.
    Du beschreibst so schön, dass du aufblühst, wenn du deinen Focus nicht darauf richtest, ob du abgelehnt oder missverstanden wirst. Es ist so viel kraftvoller ganz bei sich zubleiben und integer zu leben – den eigenen Werten und dem eigenen Sinn folgend. Gleichzeitig empfinde ich es jeden Tag wieder als Herausforderung mir selbst treu zu bleiben und nicht in die alten Muster der Anpassung zu verfallen. Es bleibt spannend :-).

    • Carolin

      Boah schön, Sabine! Wir surfen in vielen Hinsichten echt auf einer Welle! Das erlebe ich auch so, dass ich viel kraftvoller bin, wenn ich aus mir heraus lebe, schöpfe. Und ja: Es ist ein tägliches Üben. Das was du mir zu dieser Situation im Harz mit Yossi schriebst hat mich echt berührt und mir geholfen. Als Mutter bin ich oft unsicher und fühle mich häufig alles andere als kompetent. Erziehen im Sinne von Strukturieren, autoritär und konsequent sein liegt mir nicht so. Auch hier übe ich;-). Sehen wir uns bald wieder, vielleicht beim Yoga? Ich will’s hoffen! Schöne Pfingsten! Wir sind mit Freunden in Rotterdam. Alles Liebe!

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