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Erlebtes & Belebendes

Neulich waren wir noch jung

Mich beschäftigt das Älterwerden. Schon eine Weile. Insbesondere seitdem letztes und vorletztes Jahr meine Eltern verstorben sind und ich vergangenen Sommer die 40 erreicht habe. Mein Mann und meine Geschwister sind (um die) 50. Auch das spielt sicher eine Rolle, denn aus meiner heutigen Wahrnehmung ist 50 definitiv nicht mehr jung. Ich gestehe: Das gefühlt schnelle Verstreichen der Zeit macht mir auch Angst. Menschen jenseits der 70 denken sicher: Ich bin mit meinen 40 Jahren doch noch jung. Gleichzeitig betiteln mich 20-Jährige vermutlich als “mittelalt”.

Wenn junge Menschen – FSJlerinnen und “Buftis” – in meinen Musiktherapiestunden hospitieren, spüre ich die Altersdifferenz nun deutlich: Einerseits kann ich mich wunderbar in sie hineinfühlen, auch in diese Vielfalt der Optionen, die das Leben für einen mit knapp 20 Jahren bereithält. Alles ist oder erscheint offen. Diese Offenheit vermisse ich manchmal. Vielleicht mag jemand erwidern: Ich kann mich ja jeden Tag neu entscheiden, doch gefühlt schränken sich die Möglichkeiten mit der Vereinbarung von Familie und Beruf ein. Das kennen sicher die meisten von Euch, die in der Lebensphase stecken, in welcher Kinder – sofern vorhanden – noch daheim in unserer Obhut, sprich nicht erwachsen sind.

Im Zusammensein mit meinen Hospitantinnen muss ich aufpassen, keine – wenn auch gut gemeinten – Ratschläge zu erteilen, wenn es um die Frage geht: “Was soll ich (als nächstes) tun?” Je älter ich werde, umso öfter denkt es in mir: “Entspann dich.” Im Grunde ist es unerheblich, ob ich a oder b wähle, denn das was Leben aus- und interessant macht, sind die Kapriolen, die es schlägt, Um- und Abwege. Oder auch Irrwege, die sich im Nachhinein als besonders wertvoll herausstellen.

Meine Schwester fragte mich hier auf Teneriffa, ob ich nochmal 27 sein möchte. (Wir haben auf der Insel eine tolle, unsere Dreierkonstellation bereichernde junge Frau kennen gelernt). Ich bin mir nicht sicher. Mit dem Wissen von heute vielleicht. Gleichzeitig war ich mit Ende 20 deutlich unsicherer. Heute bin ich mir meiner selbst und meines Wertes schlicht sicherer. Insofern stimmt die These: Älterwerden bringt auch wachsende Gelassenheit mit sich.

Was ich ebenfalls sehr schätze: Heute habe ich mit Menschen ganz unterschiedlicher Generation zu tun, sowohl privat als auch beruflich. Ich liebe es Geschichten zu hören – von früher, von heute – und erzähle selbst auch gerne Anekdoten. Manch ein Gespräch ist so tief und lebendig, dass es keine Rolle spielt, ob mein Gegenüber 20 oder 70 ist.

A propos Gespräch: Es macht mir unheimlich viel Spaß, fremden Geprächen zu lauschen (ja, ich weiß: Macht man nicht). Möglichst unauffällig, wenn mir das auch nicht immer gelingt. Letzten Herbst verbrachte ich mit meinem Mann ein Wochenende in einem Kloster im Harz. Wunderschön und wiederholungsbedürftig war das. Beim Frühstück beobachtete ich eine Gruppe von Theologie-Studenten, wie sich herausstellte: ein bunter Haufen von wild diskutierenden jungen Leuten. Wir fragten uns, was sie umtreibt, welche Themen und Fragen sie haben. Zwischen meinem Mann und mir entwickelte sich ein interessantes Gespräch. “Neulich waren wir noch jung”, hörte ich ihn sagen und musste lachen. Ja, manchmal kommt es mir auch so vor, als sei es gar nicht lange her, dass Dinge noch anders waren.

Auch wenn da Ängste und Widerstände in mir sind, was das Älterwerden angeht, so liebe ich mein Leben immer mehr. In Momenten, in denen es mich so packt, wie kürzlich am Atlantik (siehe Foto oben), bin ich echt ergriffen und den Tränen nicht nur nah. “Magnifico”, kann ich da nur sagen.

Wie ergeht es Euch mit Eurem Alter und dem unterschiedlich empfundenen Verstreichen der Zeit?

 

 

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  1. Olli

    Liebe Calli!
    Mag es daran liegen, dass wir ähnlich alt sind, aber es passt sehr! Dieser Möglichkeitenreichtum, den wir eigentlich nur aus dem “Alter” bewundern können. Dennoch nah genug dran, um diesen Entscheidungswust zu spüren und auch distanziert genug, um ihn nicht mit allen Konsequenzen zurück zu wollen. Mir scheint dieses aktuelle Alter gerade sehr gut – aber es mischt sich auch etwas Sorge um das Altern, wenn man genauer um sich schaut. Da ist es schön, immer wieder “tolle alte Menschen” kennen zu lernen, an denen man sich ein Beispiel nehmen. Wenn wir uns in intensive und tiefe Erfahrungen begeben, bleibt ja manchmal quasi die Zeit stehen und wir damit alterslos, das schöne, gemeinsame Momente! Herzlich, Dein Olli

    • Carolin

      Wunderbar, Olli! Ja, auch ich finde dieses Alter schön, gerade weil ich echt viel Zufriedenheit & Glück erfahre. So ganz furchtbaren “Entscheidungswust” (schönes Wort!) erlebe ich tatsächlich nicht mehr.
      Bin sehr froh, diesen Text und dieses Thema herausgebracht zu haben: Mich erreichen wundervolle, mutmachende Rückmeldungen. Spannend fand ich z.B.auch die These, dass Angst vor dem Älterwerden in Wahrheit die Angst davor ist, nicht UNSER Leben zu leben.

      Bis Ende April, ich freue mich auf unser Date!
      Deine Calli

  2. Ich liebe das Älterwerden, da es bedeutet, zu sich selbst zu finden.
    Und das wollen wir doch nicht verpassen! Das Leben ist gut zu uns.

    • Carolin

      Da ist was Wahres dran, Alfredo! Und nein: Das möchte ich beim besten Willen nicht verpassen;-)! Komisch, ne, dass wir erst – wie merkwürdig das klingt – in die Jahre kommen müssen, um zu uns selbst zu finden?! Und das, was wir da entdecken, mag uns manchmal selbst erstaunen…Dann wiederum ist es auch schön, die Entdeckungsreise mal ruhen zu lassen, bzw. alles auch mal so sein zu lassen, wie es gerade ist…
      Ich grüße dich & wünsche dir schöne Zeiten,
      Carolin

  3. Harry Hömpler

    Hallo Calli,
    jeder Tag, den ich lebe, ist ein Tag MEHR Leben und egal wie ALT ich bin, jeder neue Tag ist wieder NEU. Ich war da noch nicht. Ich weiß NICHT.

    Liebe so, als wärst du noch nie verletzt worden.

    LG
    Harry

    • Carolin

      Lieber Harry,

      ich danke dir: für deine erfrischenden Impulse zum Neu-Denken und Neu-Fühlen und dafür, dass du mein Sein so bereicherst! “Jeder Tag ist neu. Ich war da noch nicht.” Ne janze Menge Weises – und so wahr. Das hilft mir gerad voll.
      Über dem letzten Satz muss ich erst mal brüten, doch ich ahne, auch dieser ist gut.
      Ich hoffe du hattest inspirierende Zeiten in Bielefeld und sage: Bis spätestens Ende April wieder persönlich!

      Mach’s gut, deine Calli

  4. Liebe Carolin,

    was für ein spannendes Thema! Ich gebe zu, dass mich das Älterwerden tatsächlich überhaupt nicht beschäftigt. In Bezug auf Altersvorsorge finanzieller Art natürlich schon, aber sonst nicht. Irgendwie empfinde ich mich selbst als alterslos … Alter ist bloß eine Zahl, mehr nicht. Manchmal begegne ich jungen Menschen, um die 20, die sind im Kopf älter als ich – und ich bin biologisch gesehen immerhin etwa doppelt so alt. 😀 Ich denke, ich habe mir eine Art kindliche Neugier und ein gewisses Staunen bewahrt. Vielleicht ist es das, was mich gefühlt “ohne Alter” sein lässt. Jedenfalls fühlt es sich gut an. Deshalb hatte ich auch noch nie das Bedürfnis, noch einmal jünger zu sein. So wie es ist, ist es in jedem Moment gut und dafür bin ich sehr dankbar.

    Liebste Grüße
    Simone

    • Carolin

      Liebe Simone,

      hab herzlichen Dank für deine erfrischende Rückmeldung: Von dir schneide ich mir ne dicke Scheibe ab, herrlich! Deine Neugier und dein Staunen passen so gut zu dir und zu dem, was ich von dir kennen lernen durfte und darf.
      Das Thema Endlicheit beschäftigt mich sicher auch, da Tod früher (Bruderverlust) und auch aktuell (Elternverlust) präsent ist in meinem Leben.
      Doch unter anderem Kundalini-Yoga hält mich wach und fit:-).

      Alles Liebe zu dir & deinen Lieben,
      Carolin

  5. Liebe Carolin,

    über mein Alter und das meines Gegenübers mache ich mir gar keine Gedanken.
    Ich mochte schon immer die Geschichten von früher und habe mit meiner Nachbarin nächtelang damit zugebracht.
    Für mich sind wir alle letztendlich alles Menschen, die sich begegnen. Warum sollte das Alter dabei eine Rolle spielen?

    Liebe Grüße von Gwynnefer Sylvia

    • Carolin

      Gwynnefer, ich bin echt froh, mit diesem Thema “nach draußen” gegangen zu sein: Es kommen viele tolle, erfrischende Reaktionen, und ich denke immer mehr: Wie beknackt, sich über das Alter, Älterwerden Gedanken zu machen. Letzendlich sind es Momente und Geschichten, die wir teilen, in welchem Lebensabschnitt auch immer wir uns gerade befinden. Ich habe Bock auf ein schönes (Er-) Leben und Schöpfen aus dem Vollen – wach, bewusst und dankbar. Auch dir danke ich für alles! Von Herzen, Carolin

  6. Anja

    Liebe Carolin,
    ich danke dir für diesen Text, dem ich mich derzeit so nah fühle. Mir geht es ähnlich wie dir … vielleicht, weil es eine Zeit für mich ist, in der sich (leider) einige Menschen aus meinem Umfeld vom Leben verabschieden müssen. In der Tat denke ich dadurch auch öfter an die Endlichkeit und das Älterwerden. Aber ich werde dadurch auch zunehmend entspannter, nehme vieles nicht mehr so ernst und genieße öfter. Ich bin im letzten Jahr 40 geworden und muss sagen, bin jetzt auch emotional dort angekommen. Ich genieße es zunehmend, mich nicht mehr beweisen zu müssen , sondern einfach nur zu leben und die Momente zu genießen.
    Herzlichst …
    Anja

    • Carolin

      Liebe Anja, wie sehr ich mich freue, hier von dir zu lesen! Danke dir für’s (Mit-) Teilen! Ich staune gerad, dass du letztes Jahr auch 40 geworden bist – ich habe dich etwas jünger eingeschätzt (hast dich gut gehalten;-)).
      “Vieles nicht mehr so ernst Nehmen” ist tatsächlich eine schöne Begleiterscheinung des Älterwerdens. Dass sich auch aus deinem Feld einige liebe Menschen aus dem Leben verabschieden mussten, tut mir leid. Da merkt man erst, wie fragil Leben auch ist…
      Ich hoffe, ich sehe dich Montag bei Nadine! Morgen früh will ich endlich mal wieder ne vollständige Kriya machen: Gerade habe ich mir eine für’s Herzzentrum und Magnetfeld herausgesucht.
      Umarme dich & sage auf ganz bald,
      Carolin

  7. Hallo Carolin,
    ich schreibe einfach mal meine Gedanken hier runter, zu denen mich Dein Artikel angeregt hat….
    dieses Jahr steht mir wieder ein runder Geburtstag bevor. Diesmal steht eine “6” vorne dran. Und ich schmunzle über Deinen Artikel, in dem Du dich mit zwanzig Jahren weniger schon irgendwie “älter” fühlst.
    Aber natürlich ging mir das auch so wie Du es beschreibst –
    mit 20 fand ich 40 uralt, mit 40 fand ich 60 uralt – und nun bin ich selbst dort angekommen ……….
    Meine Mutter ist 95 – für sie bin ich (und auch mein Bruder mit 74) immer noch Kind – das fühlt sich manchmal “schräg” an.
    Wenn ich mit Klassenkameradinnen schreibe oder spreche, dann fühle ich mich genauso jung wie in der Schulzeit. Wir knüpfen irgendwie immer wieder dort an.
    Wenn ich morgens aufstehe, dann fühle ich mich allerdings nicht mehr soooooo jung ;-))))))
    Ich arbeite in einem Team, das bunt altersgemischt ist – im IT-Bereich – da geht es immer hip und modern zu. Ich glaube, das hält mich jung. Ich fühle mich nicht wie 60. Wenn ich ein gefühltes Alter benennen sollte, dann wäre das vermutlich bei 47 . Also, so, wie ich glaube, dass frau mit 47 sich fühlt ……… vielleicht fühle ich mich mit 80 dann wie 60?
    Ich nehme aber auch Frauen und Männer “in meinem Alter” wahr, die bereits seit vielen Jahren nur auf die Rente warten – und dabei die Chancen und Werte in ihrem aktuellen Leben völlig übersehen – das finde ich sehr schade.
    Als ich studiert habe, gab es noch die Altersgrenze für Frauen ab 60 Jahren. Das ist nun Geschichte. Ein bisschen bedaure ich das. Meine Arbeit macht mir sehr viel Freude – aber der Druck und die Erwartungen steigen von Jahr zu Jahr. Meine Kräfte aber nicht mehr. Wenn ich also meinen eigenen Anspruch an meine Arbeit erfüllen will, dann “muss” ich viele andere Dinge in meinem Leben aktuell zur Seite stellen. Nicht für alle Hobbies und nicht für alle Treffen mit Freunden bleibt so viel Kraft und Energie wie ich gerne möchte.
    An diesem Punkt muss ich mir dann eben doch eingestehen, dass ich “älter” werde ;-)))
    Mit lieben Grüßen
    Lydia

    • Carolin

      Liebe Lydia, als ich deine Zeilen las dachte ich: Cool, die Lydia ist gut unterwegs:-). Im Ernst, das ist schön und inspirierend, was du schreibst! Und total nachvollziehbar (auch aus meiner Warte mit “jungen” 40!). Toll auch, dass Eure Mutter 95 ist – da zieh ich den Hut.
      Ich wünsche dir Kraft & ein feines Gewahrsein für all das – auch beruflich – wozu das Leben dich herausfordert. Danke, dass du hier so ausführlich & interessant berichtet hast.
      Alles alles Gute,
      Carolin

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