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Erlebtes & Belebendes

Weißes Tantra Yoga

Eine Erfahrung der ganz besonderen Art konnte ich vergangenen Samstag beim Weißen Tantra Yoga in Hamburg machen: Paare in weißer Kleidung sitzen sich in langen Reihen gegenüber, nehmen bestimmte Hand- und Armhaltungen ein, singen Mantren oder schweigen, oft auch mit direktem Augenkontakt. Die Meditationen haben eine Länge von 31 oder 62 Minuten. Es heißt, Weißes Tantra Yoga bewirke eine effektive innere Reinigung und das Lösen tiefliegender innerer Blockaden.

Letztes Jahr in Berlin bei meiner Tantra-Premiere saß mir ein fremder, Mitte 30-jähriger Typ gegenüber, zum Glück sehr sympathisch und lustig. Spannend war’s, diese doch auch intime und extreme Situation miteinander zu teilen, sich hinzugeben ohne auch nur im Entferntesten zu wissen, was einen erwartet. Jemandem so lang und intensiv in die Augen und somit in die Seele zu schauen, kann dir neue Welten eröffnen – und dich vor allem deine eigene innere Welt erschließen lassen.

Dieses Jahr teilte ich die Erfahrung mit einer mir bekannten Person, einer Yogalehrerin aus meiner Ausbildungstruppe. Es war schön, sie wiederzusehen und bereichernd, mich gemeinsam mit ihr durch die Kriyas zu atmen. Spannend fand ich, mit meinen Grenzen zu spielen, meinen Geist zu beobachten, der mal wild am Schimpfen war („Wann ist der Scheiß hier endlich vorbei?“ „Was mache ich jetzt mit meinem rechten Bein?“ „Ich kann nicht mehr!“), mir dann wieder sehr gut und liebevoll zusprach („Das schaffst du – nur noch 4 Minuten!“, „Es tut dir gut.“).

In den Augen meines Gegenübers konnte ich mich selbst erkennen: meine Hingabe, mein Genervtsein, meine Verletzlichkeit und meinen Schmerz. Wieder einmal kam mir Yogi Bhajans „Recognize the other person is you“ in den Sinn. Wie wahr. Sich verletzbar zu zeigen, nicht nur mit dem Kopf zu denken, sondern auch mit dem Herzen wahrzunehmen eröffnet unglaublich schöne Erfahrungsräume – das wurde mir hier erneut bewusst. Vermutlich kann ich auch nur dann in Beziehungen heilen, wenn ich mich eben nicht von meiner Schokoladenseite zeige, sondern auch meine Schwächen unter ein Vergrößerungsglas halte und dem anderen das, was ich sehe, nicht vorenthalte.

Beim Tantra wurde mir genau dies nochmal sehr klar: Es geht nicht darum, da möglichst glatt und konfliktfrei durchzukommen, sondern es geht um das „Sich-Einlassen“ und „Alles-da-sein-Lassen“ was da ist. So gesehen ist die Essenz des Weißen Tantras ein heilender Entgiftungsprozess auf vielen Ebenen: Körperlich-energetisch wird das System durchgepustet und wieder mit neuer Kraft aufgeladen; in der unmittelbaren Nähe zum Gegenüber können einem Muster und Glaubenssätze bewusst werden, die aus dem eigenen System ausgeschieden und verabschiedet werden dürfen, so zum Beispiel: „Ich muss das alleine schaffen“ oder: „Ich muss jetzt dabeibleiben und durchhalten.“

Das Spiel mit Grenzen ist eine sehr essentielle Erfahrung, die besonders intensiv beim Weißen Tantra erfahren werden kann: Eine Stunde lang eine bestimmte Haltung einzunehmen kann deinen Geist tanzen und fluchen lassen. Sich immer wieder auf das, was zu tun ist, zu fokussieren, immer wieder zurückzukehren zu diesem Fokus, gleichzeitig seinen Schmerz im Arm wahrzunehmen, kann wahrlich herausfordernd sein. Da durchzugehen, und da auch durchzukommen kann wiederum sehr befreiend und ekstatisch sein.

A propos Ekstase: Meine tiefe Überzeugung ist, dass jeder nach Ekstase, nach stimulierenden Momenten und Begeisterung in einem selbst sucht – gerade hierzulande sind die meisten oft etwas zu ernst und verbissen unterwegs, so mein Eindruck. Man muss nicht zwangsläufig am Weißen Tantra Yoga teilnehmen, um ekstatische Momente zu erleben – der Alltag bietet uns hier ausreichend Spielraum, vorausgesetzt wir öffnen uns für das Spielerische und Unerwartete. Ekstase erlebe ich stets dann, wenn ich Begeisterung zulasse, mein Potential entdecke und entfalte und mir auch erlaube, dieses zu tun. Wenn ich wach und kreativ bin, schöpferisch und offen. Und wenn ich immer mal wieder etwas ‘ein klein wenig’ anders tue als bisher.

Neulich in der Sauna, kurz vor Weihnachten, als gefühlt die meisten um mich herum gestresst waren, wurde ich erneut in der Überzeugung bestärkt, wir brauchen hierzulande mehr Ekstase: Ich saß eng an eng mit anderen Saunierenden auf einen Aufguss wartend. Der Mann, der für den Aufguss verantwortlich war, wedelte sich mit seinem Handtuch geradezu in Rage – sehr kunstvoll und ästhetisch wohlgemerkt. Die schwitzende Meute fing plötzlich an, im Beat seines Wedel-Rhythmus‘ mitzuklatschen. Tempo und Lautstärke stiegen und kulminerten in ein lautes Gegröle und Gestampfe. Ich war überrascht und zugleich mitgerissen – hatte ich Sauna bislang eher als Ort der Ruhe kennengelernt. Hinterher dachte ich: Das tat allen gut – sich so körperlich und fast archaisch zu erleben.

In diesem Sinne: Auf mehr Beziehung, Grenzerfahrung und Ekstase:-)! Und ich kann mich die kommenden Wochen auf mehr Energie und Kraft freuen – ein wunderbarer Nebeneffekt des Weißen Tantras, welches einem Aufladen und Auftanken gleicht. Momentan bin ich innerlich kristallklar, was ich sehr genieße.

Alles Liebe zu Euch!

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  1. Wie wunderbar, dass du dabei sein konntest und uns an deinen Erlebnissen teilhaben lässt. Cool auch dein unerwartetes Gruppenerlebnis in der Sauna. Großartig aus solchen Momenten Kraft zu ziehen und sie als besonders und energiegebend zu erkennen. Auch ich hatte eine besondere Woche wenngleich das Erlebnis des Weißen Tantra noch weiter auf mich warten muss. Eine wunderschöne Vollmondmeditation zum Blue Moon, einen Umzug meiner Tochter, einen Abschied von ihr am Flughafen und einen wunderbaren Moment am Ende eines Breathwalks, bei dem wir am Ende alle meditativ die Augen geschlossen hatten und beim Öffnen der Augen und Hochstrecken der Arme um uns herum auf einmal alles weiß war und dicke Schneeflocken vom Himmel fielen! Es war so ein großartiger Moment, sodass wir uns wie Kinder über den Schnee freuen konnten!!!

    Herzliche Grüße, alles Liebe und immer wieder die Offenheit für Magic Moments und Ekstase!
    Dietlind

    • Carolin

      Oh Dietlind, wie schön!
      Ja, ich bin auch voll für Magic Moments und Ekstase! Toll, dass du den Breathwalk so für dich entdeckt hast und dein Umfeld daran teilhaben lässt! Sehr gern erinnere ich mich an unseren Walk im Wendland. Da wohnt eine unheimlich schöne, ursprüngliche Kraft in dir. Irre – der Schnee-Moment!
      Dann ist deine Tochter nun tatsächlich aufgebrochen, und auch noch so weit weg. Ihr seid so oder so sicher stets tief connected.
      Hab’s gut und hoffentlich auf ganz bald wieder – ich hab unser Frühstück & das nährende Miteinander sehr genossen,
      Carolin

  2. Lisa Karnatz

    Liebe Calli 😉

    Mein erster Gedanke zu deinem Text war: Mutig. Wie viel Mut und Kraft es kostet mit jemandem eine solche Bindung einzugehen. Völlig nackt da zu stehen (zu sitzen) und sich ganz der Situation hingeben. Ja, man ist nicht allein und schafft etwas gemeinsam. Aber man (Frau) ist sich so nah geistig und körperlich. Da muss so viel passieren in einem. Ich habe mir kurz vorgestellt wie es wohl für mich wäre. Erst dachte ich, dass ich vielleicht lachen müsste (Wer zuerst grinst, hat verloren). Aber dann dachte ich, was ist wenn ich weinen muss?
    Es muss ein so intensiver Moment sein.
    Danke, dass du diese Erfahrung mit uns geteilt hast.
    Alles Liebe
    Lisa

    • Carolin

      Liebe Lisa,

      hab du Dank, dass du hier nochmal öffentlich kommentiert hast – ich habe mich SEHR über deine Email gefreut. Dazu in Kürze mehr.
      In der Tat kostete mich das Ganze auch Mut. Der Tag an sich – frühes Aufstehen, Hin- & Abreisen (ich durfte Beifahrer sein, wie wunderbar!) – war auch anstrengend. Dort angekommen wollten wir, meine Mitfahrerinnen und ich, uns nach dem “Random”-Prinzip überraschen lassen, wer unser Gegenüber wird. Ich war dann sehr froh, mein Gegenüber, das ich ja auch kannte, wenn auch nicht gut, schnell gefunden zu haben.
      Und a propos Lachen: Natürlich mussten wir auch grinsen und lachen, und witzigerweise fühlte ich mich an alte Schulzeiten erinnert, als man gefühlt (oder tatsächlich) im Unterricht nicht lachen durfte. Eine ganz frühe Freundin aus Kindertagen sagte immer dann, wenn wir zu sehr lachen mussten: “Denk an die Toten!” Das half nur oft nicht wirklich. Gerade denke ich: Komisch, da wär bei mir auch Scham aufgekommen, wenn ich plötzlich einen Lachanfall bekommen hätte beim Tantra. Als sei es unangenehm, seine Tränen zu teilen und gleichzeitig auch unangenehm-beschämend, seine nackte Freude zu zeigen. Interessant.
      Ich find’s klasse, dass du dein Yoga auch in deinen Tag integrierst – das kommt dir & sicher auch deiner kleinen Familie zugute.
      Umarme dich in Gedanken, ganz bald mehr:-)!

      Deine Calli

  3. Liebe Carolin

    Danke für dein Teilen deiner Gedanken. Ich lese immer wieder gerne von dir, weil es um Gelebtes geht, das einen im Einklang bringen möchte bzw. andere auf ihren Weg ermutigt auf den Weg dorthin. Und diese gelebte Ganzheitlichkeit von dir finde ich einfach nur wunderbar. Und so sind halt auch deine Texte! Ich liebe sie aus tiefstem Herzen. Denn sie tun einen gut!

    Ganz lieber Gruss aus der schönen vernebelten Schweiz mit vereinzelten Schneeflocken und das mitten in Zürich und nun erkenne ich, dass es ja deine Flocken sind, die da durch die Wolkendecke brechen.

    Alfredo

    • Carolin

      …der Mann mit dem schönen Namen:-)! Danke dir, Alfredo – deine Zeilen haben mich sehr gerührt!
      “In Einklang Kommen” & “Ganzheitlichkeit Leben” sind mir tatsächlich wichtige Lebensaspekte. Dazu gehört für mich “das ganze Programm” – die tiefsten Täler & die höchsten Spitzen. Es freut mich sehr zu lesen, dass du meine Texte so schätzt.
      Alles Gute für dich & liebe Grüße ins schöne Zürich,

      Carolin

  4. Liebe Carolin,

    ich sage zu deinem wunderbaren Artikel nur:
    Raus aus dem Druck unserer Leistungsgesellschaft. Hin zum wahrhaftigen Sein!

    Alles Liebe
    Gwynnefer

    • Carolin

      Danke, Gwynnefer. Das kann ich unterschreiben. Und da möcht ich auch hin, zum Teil bin ich da schon. Dieser Tage erfahre ich eine unglaublich schöne, tiefe Fokussiertheit in mir: Bin sehr klar, in meiner Kommunikation nach innen und außen und aus mir heraus zufrieden – unabhängig davon was um mich herum geschieht. Das “Weiße Tantra” kann ich wärmstens empfehlen. Ich freue mich auf dein Buch & wünsche dir auch auf diesem Wege alles Gute,
      Carolin

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