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Erlebtes & Belebendes

Von Familienrollen und Bewusstwerdung

In letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit dem Thema Familie. Das Thema ist für mich dieser Tage sehr präsent, da meine Geschwister und ich uns gerade um den elterlichen Nachlass und das Elternhaus kümmern. Wir kommen regelmäßig zusammen, um gemeinsam zu überlegen, welche Aufgaben anstehen, wer welchen Verantwortungsbereich übernehmen kann, wie das Erbe aufgeteilt wird.

Wir bewegen uns aufeinander zu, lassen uns berühren, werden bewegt. Emotionen werden frei, alte Rollen neu reflektiert – eine hochspannende, lehrreiche und nicht zuletzt aufgrund des großen Eltern-Verlustes auch schmerzvolle Zeit.

Bei unserem letzten Zusammenkommen ist mir etwas bewusstgeworden: Menschen, die dir so nahe stehen wie enge Familienmitglieder, können dich – egal wie alt du bist und wie bewusst du bereits unterwegs bist – mit dem was sie sagen und zeigen, innerlich sehr aufwühlen und verletzen. Deine Knöpfe können wunderbar gedrückt werden, auch wenn du glaubtest, das Thema schon längst verarbeitet zu haben. Ich spürte dies in einem Moment, in dem mein ältester Bruder – gefühlt schon tausendfach wiederholte – Worte an mich richtete, die mich erneut mit Trauer und Scham erfüllten. Selbstverständlich haben wir als Erst- und Letztgeborene(r) – dazwischen zwei weitere Geschwister – ganz unterschiedliche Rollen eingenommen:

Während mein Bruder von Beginn an viel Verantwortung trug und auch heute immer noch auf sich lädt, bin ich – auch aufgrund des „einzelkind-ähnlichen“ Aufwachsens (ich kam acht Jahre nach der Geburt meiner Schwester; die drei Geschwister sind wiederum nur jeweils ein Jahr auseinander) wesentlich freier aufgewachsen – aus Sicht meines Bruders entbunden von Aufgaben und Pflichten, die ihm stets zuteilwurden. Ich als Jüngste hatte wie gesagt andere Freiheiten, habe mehr „mein Ding“ machen können und mir nun auch noch „den Luxus einer Yoga-Ausbildung gegönnt, anstelle mich noch stärker um unsere Mutter zu kümmern“ – so in etwa mein Bruder. Worte, die mich verletzten, da ich zwar die Perspektive meines Bruders einnehmen kann und sich gleichzeitig etwas aus mir heraus vollkommen anders anfühlt, ich Dinge auch anders sehe:

Ich habe selten im Leben so vieles gewuppt wie in den vergangenen 2, 3 Jahren: So oft es mir möglich war und meine Kräfte es zuließen, war ich im Celler Elternhaus bei unserer Mutter, bin allen anderen (Mutter- & Job-)Pflichten nachgekommen – und habe gleichzeitig meine Projekte verfolgt, Dinge getan, die für mich waren, für mich gut waren, wie zum Beispiel das (Blog-) Schreiben. Die Yoga-Ausbildung stand einfach an und hat sich nicht als „Luxus“ angefühlt, sondern als elementarer Schritt in meinem Leben. Ich habe eher den Eindruck, der Yoga-Weg bringt auch Heilung – für mich und mein Umfeld. An vielen Stellen spüre ich bereits: Dem ist auch so. Auch vermute ich, dass ich mit meiner neu gewonnenen Klarheit, Zentriertheit und Stärke auch mehr polarisiere als bisher und andere präziser spiegele: In Sachen Selbstliebe und -fürsorge haben die meisten noch einen großen Mangel und dürfen für sich prüfen, wie es um ihre eigenen Bedürfnisse und Werte, ihre eigene Selbstfürsorge steht. Ein gesunder Egoismus darf durchaus sein und macht Sinn.

Zurück zu dem, was mir bewusstgeworden ist: Das Knöpfe-Drücken mir nahstehender Menschen ist eine Sache. Interessanter war fast die Tatsache, dass meine Traurigkeit, mein Schmerz, mein Schuldempfinden viel schneller von dannen zogen als noch vor einigen Jahren. Ich hatte nach unserem Geschwistertreffen wenige sehr gute Gespräche mit meinem Mann und meiner Schwester, und im Anschluss an diese Gespräche standen dann plötzlich wieder ganz andere Sachen an. Jetzt denke ich: Wie schön, dass die Jahre mit Yoga, Meditation und konsequenter Praxis der Selbstliebe und Achtsamkeit – alte Prägungen, Gewohnheiten verlernen, alte Verletzungen heilen – nun ihre Früchte tragen. Das hat mich regelrecht beglückt, und ich begegne meinen Liebsten, allen voran meinem geliebten Bruder, der mir insbesondere in meinen Kindheitsjahren stets ein Vorbild war, wieder mit neuer Frische und Herzlichkeit.

Siehe da: Veränderung ist möglich. Und beginnt immer und ausschließlich in uns.

Mit einer sehr lieb gewonnenen Bekannten, auch Yoga-Lehrerin, hatte ich in den vergangenen Tagen einen lehrreichen, in die Tiefe gehenden Emailaustausch, für den ich ihr sehr dankbar bin. Auch sie beschäftigt sich dieser Tage viel mit ihrer Herkunftsfamilie – die Goldene Hochzeit der Eltern steht kurz vor der Tür, und jeder Geschwisterteil bringt sich unterschiedlich ein. Meine Bekannte als erstgeborene „Familienmanagerin“ stellte für sich fest, und diese Haltung half mir wiederum ungemein: Sie wird nur die Dinge tun, die sie wirklich mit Liebe und mit dem Herzen machen kann – um alles Weitere darf die Mutter die Geschwister bitten. Das fand ich schön: dieses „mit Liebe und dem Herzen Machen“. Wie oft sind insbesondere wir Frauen – häufig sozial, helfend, therapeutisch unterwegs – ständig am Tun und Machen.

Ich glaube wir dürfen uns noch viel ehrlicher die Frage beantworten, ob unsere tiefe Motivation für dieses „Permanent-für-andere-Tun“ tatsächlich einer freien, liebenden Quelle entspringt, oder ob wir doch etwas kompensieren wollen, und Mangel, Schuld, Scham eine Rolle spielen.

Liebes Leben, ich danke dir für diese vielen wertvollen Erkenntnisse der vergangenen Tage und wünsche uns allen nun eine ertragreiche Zeit.

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  1. Nina Senegal

    Liebe Carolin,
    Deine Worte und Gedanken haben mich sehr berührt. Ja, das ist eine Herausforderung, die Geschwisterkonstellation und die verschiedenen Rollen in der Familie. Ich bin die älteste von drei Geschwistern, unsere Eltern leben noch. Dass ich mich nicht zu sehr kümmere und verantwortlich fühle, liegt wohl daran, dass ich als einzige der Geschwister meine Heimatstadt verlassen habe und die Familie nur ein paar Mal im Jahr sehe. Bruder und Schwester sind beruflich und familiär sehr eingebunden. Wir verstehen uns gut, wir können uns gegenseitig lassen, wie wir sind. Und doch ahne ich manchmal, dass da noch eine ganz große Herausforderung vor uns liegt, wenn wir das zu bewältigen haben werden, was du und deine Geschwister gerade durchlebt. Die elementare Erfahrung des Verlustes der Eltern und das Auflösen des Haushaltes, in dem man selbst einmal gelebt hat, Entscheidungen über Hab und Gut – behalten, verkaufen, verteilen … das ist auch in der besten Geschwisterkonstellation nicht einfach. Ich danke dir, dass du deine Erfahrungen hier mitgeteilt hast. So mache ich mir noch einmal bewusst, dass ich niemandes Erwartungen erfüllen möchte, dass die Beziehung zu Eltern und Geschwistern so gut ist, wie sie ist, auch wenn nicht alles immer toll und einfach ist. Im Falle des Falles müssen wir uns nicht über alles einig sein. Ich selber werde um nichts kämpfen müssen, was mein “Elternhaus” betrifft, weil ich loslassen kann und vielleicht schon ein bisschen mehr emotionalen Abstand habe. Oder, es kommt ganz anders … wer weiß.
    Es ist schön, zu lesen, was du für dich Positives aus dem Erlebten ziehen kannst. Deinen Geschwistern und dir wünsche ich von Herzen alles Gute!
    Liebe Grüße, Nina.

    • Carolin

      Liebe Nina,

      wie schön, dass du hier schreibst, ich danke dir.
      Es freut mich zu lesen, dass meine Zeilen und meine Offenheit dich berührt haben. Ich spüre: Das war auch für mich ein Schritt. Und ein wichtiger dazu. Ich hoffe, dass ich niemandem zu nahe trete, gleichzeitig denke ich, Erkenntnisse, Entwicklungen können oft nur anhand konkreter Beispiele, konkretem Erleben erörtert werden. Mir ist es wichtig, dass ich in erster Linie stets von mir, von meinem Erleben berichte, ohne zu detailliert über andere zu schreiben, geschweige denn jemanden zu diffamieren. Ich glaube, das gelingt mir ganz gut.
      Dir wünsche ich gutes Gelingen mit Familie & allem, was dir lieb und wichtig ist. Nein, Erwartungen müssen nicht erfüllt werden – du darfst das leben, was in dir ist, was gelebt werden will. Und du und deine Geschwister müssen um Himmels Willen nicht alles gleich oder ähnlich sehen!
      Es ist stets ein sehr fein abgestimmtes Nuancieren von: “Die-eigenen-Wünsche-Leben”, “Auf-sich-selbst-Zugehen” UND: “Sich-in-das-System-Einbringen”, “Kompromisse-Eingehen”, “Auf-den-andern-Zugehen”. Viel Kraft und Freude dabei!
      Herzlich, Carolin

  2. Liebe Carolin,

    ein wundervoller Artikel, der so viele Facetten anspricht.
    Im Bewusstsein und der Liebe wird es gelingen in Würde Abschied zu nehmen.
    Wenn du es nur tust, weil du dich verpflichtest fühlst wird es ohnehin nach einer Weile für dich anstrengend, frustrierend oder laugt dich aus.
    Wenn helfen zur Sucht wird, dann stimmt mit dem Selbst – Wert was grundsätzlich nicht. Hinter der Hilfsbereitschaft verbirgt sich ein “eigennütziges” Motiv. Das Helfersyndrom wird auch Mutter – Theresa – Syndrom genannt. Das berührt mich zu tiefst. Wie mag es wohl wirklich in dieser Frau ausgesehen haben?

    Herzlichst Gwynnefer Sylvia

    • Carolin

      Liebe Gwyneffer,

      “Im Bewusstsein und der Liebe wird es gelingen in Würde Abschied zu nehmen” – dieser Satz hat mich besonders angesprochen. Ich danke dir. Auch für die von dir beleuchtete Facette des “Aus-Pflichtempfinden-heraus-Helfens”. Interessant, vom “Mutter Theresa Syndrom” habe ich noch nicht gehört, da werd ich mal recherchieren, da mich das auch interessiert…
      Ich merke, mit diesem heutigen Artikel-Thema habe ich ins Schwarze getroffen und einige(s) bewegt bis aufgewühlt – habe an vielen Stellen schon Resonanz erhalten. Das wiederum berührt mich.

      Auch herzlichst,
      Carolin

  3. Liebe Carolin, wie treffend du wieder deine Worte gefunden hast. Ich habe eine große Achtung davor, wir ihr Geschwister es schafft durch diesen durchaus schmerzvollen Prozess zu gehen. ” Gestärkt mit Anmut und Würde durch den Wandel gehen” war unser Thema an unserem gemeinsamen bereichernden Frauenyogawochenende. Ich finde genau das trifft es gerade sowohl in deiner Situation gerade sowie auch bei mir. Gestern Abend konnte ich ein gutes klärendes und konstruktives Gespräch mit meinen Eltern führen, nachdem ich es geschafft habe, zu sagen, dass ich nicht all das schaffen kann, was mir gerade zugemutet wird. Das war ein großer Schritt. Dadurch konnte die blockierte Energie wieder fließen. Jetzt geht es für mich darum, auch vor meinen Geschwistern noch mit Anmut und Würde aufzutreten, auch wenn ich von ihnen enttäuscht war. Sehr dankbar bin ich für die Unterstützung und das Verständnis aus meinem ganzen Umfeld. Das erlebe ich als stärkend mehr als je zuvor. Es ist ein toller Schritt in Richtung wertschätzende Kommunikation. Danke dir. CAROLIN dafür.

    Von Herzen alles Liebe
    Dietlind

    • Carolin

      Liebste Dietlind,

      ist das schön, was du schreibst! Ich freue mich so für dich – dass du das Gespräch, offenbar erfolgreich, mit deinen Eltern gesucht hast, dass du viel Unterstützung durch dein Umfeld erfährst und einfach ein ganzes Stück innerlich wachsen durftest in diesem Prozess.
      Ich glaube, dass viele uns so nahe, liebe Menschen auch Zeit brauchen, sich an neue Muster unsererseits und eine neue Kommunikationskultur zu gewöhnen. Zeit geben macht da Sinn, finde ich. Folgende Worte habe ich schon einmal an dich gerichtet, ich möchte es hier nochmal für alle Leser*innen tun:
      Je bewusster wir werden, je klarer, desto sichtbarer werden wir auch. Bewusst gewählte Ziele – in deinem Fall: konkret kommunizieren, das mache ich, das nicht, das brauche ich, das nicht – positionieren uns und machen uns sichtbar. Sie geben zu erkennen, für welche Werte unser Leben steht. Und Werte berühren existenzielle Fragen. Wenn du nun ein anderes Verhalten zeigst, ungewohnt reagierst, deine inneren und äußeren Grenzen in Frage stellst, zwingst du gewissermaßen dein Gegenüber, sich ebenso mit seinen Werten, seinem Lebensmodell auseinanderzusetzen. Das beunruhigt viele Geister, die evtl. gar nicht an Veränderung interessiert sind.

      Ich wünsche dir nun eine schöne Zeit, morgen einen guten Martinstag (11.11 – tolle Zahl) & überhaupt:
      alles Liebe. Danke dir.

      Herzlich, Carolin

  4. Liebe Carolin,
    was für ein wunderbarer Blog mit so anregenden, interessanten Texten. Schön, dass wir uns auf diesem Weg gefunden haben …

    Das Thema “Familie” beschäftigt mich dieses Jahr sehr stark. Das “Knöpfe drücken” funktioniert leider immer wieder und löst heftige Reaktionen aus. Alte Muster, alte Verletzungen … ich arbeite daran, mich davon nicht mehr so sehr aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

    Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar auf meinem Blog.
    Herzlichst, Steffi

    • Carolin

      Liebe Steffi, herzlichen Dank für dein Kompliment und deine Zeilen! Das “Knöpfe-Drücken” im Familienkontext kennt bestimmt jede(r). Ich begegne diesen Situationen zunehmend neugierig-offen und übe mich darin, mir in genau diesen Momenten Gutes zu tun: durch liebevolle Gedanken, langes, tiefes Atmen, mich bewegen, was auch immer. Und wie du schon schreibst: Mit der Zeit reißt es einen nicht mehr total weg, genau. Dir viel Freude, mit den Ölen und überhaupt. Bin gespannt über deine Erfahrungen, können darüber gerne in Kontakt bleiben. Alles Liebe!

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