seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Sichtbar-Werden – auch öffentlich

Dieser Text richtet sich vor allem an Leser*innen, die sich hinaus in eine Öffentlichkeit begeben und Menschen, die etwas Neues in ihrem Leben wagen, das Präsenz erfordert. Leute, die eine Bühne betreten und auf dieser mit vielen anderen in Kontakt kommen.

Meine Worte richten sich auch an Zeitgenossen, die Neugier und Lust, gleichzeitig Angst verspüren, in irgendeiner Form mehr von sich zu zeigen. Selbstverständlich kann auch jemand, der sich vom „In-die-Öffentlichkeit-Stellen“ nicht angesprochen fühlt, mit meinen Zeilen in Resonanz gehen. Und darüber hinaus betreten wir alle – selbst wenn wir noch so authentisch und wahrhaftig sein wollen – ständig irgendwelche Bühnen, nehmen verschiedene Rollen ein, sei es im Büro, in einer Besprechung, im Sportverein, wo auch immer.

Wenn Menschen bewusst eine Bühne betreten und sichtbarer werden als im „normalen“ Alltagsgeschehen – sei es als Musiker, der sein Publikum in der Tiefe berühren möchte, sei es als Autor oder Blogger, der etwas Preis gibt, das wiederum ihn in der Tiefe berührt -, kommen sie auch mit ihrer Verletzbarkeit in Kontakt. Diese Menschen können außerdem zur Projektionsfläche für Wünsche und Träume, jedoch auch für Schattenseiten werden. Sie können mehr als bisher bewundert oder kritisiert werden; anderen wiederum ist das, was sie tun, egal.

Mir ist im Laufe der vergangenen Jahre bewusst geworden, dass wir gut in uns verankert, weitestgehend mit uns im Reinen sein sollten, wenn wir viel von uns Preis geben oder Seiten zeigen, die wir bislang im Verborgenen gehalten haben. Wenn wir uns unserer selbst sicher sind oder es immer mehr werden, so können uns Projektionen anderer wenig anhaben – sowohl die Stärken als auch die Schwächen (m)einer Person betreffend. Ich stelle es mir äußert schwierig vor, als „unreife“ sprich weitestgehend unbewusste Persönlichkeit plötzlich ins Rampenlicht geworfen zu werden. Hier bedarf es sicher eines „Nachreifens“, welches nicht immer schmerzfrei ist.

Wenn du – aus welchen Gründen auch immer – eine Öffentlichkeit suchst, musst du auch mit Ablehnung rechnen. Wenn du in deinem Umfeld zur Veränderung wirst, kannst du damit rechnen, dass Menschen dich entweder begleiten, mit dir gemeinsam in ähnliche Richtungen wachsen und Freude daran haben, deine Entwicklung zu unterstützen, oder aber sie verlassen deine Wirklichkeit, deinen Radius, zeitweise oder auch langfristig.

Kundalini-Yoga hat mich zweifelsohne verändert, das spüre ich, das erlebe ich in und durch meine(n) Beziehungen. Ich bin klarer und mutiger geworden, zeige mehr Präsenz, auch mehr Kanten. Ich traue mich auch mit meinen Schwächen hinaus in der Hoffnung, dass andere, insbesondere mir nahstehende Menschen, es mir gleichtun. Denn dann kann etwas Neues entstehen und die Beziehung wachsen. Was mir auch schon öfter gesagt wurde: Ich sei ruhiger geworden, könne besser zuhören. Das freut mich zu hören.

Zurück zu den Schwächen, von denen ja eine besondere Faszination ausgeht, wie ich finde. Schwächen zu akzeptieren und zu integrieren ist etwas sehr Wohltuendes und Befreiendes. Es muss aber nicht heißen, dass du plötzlich weniger Projektionen auf dich ziehst: Wenn ich meine Schwäche, die ich selbst okay finde, zeige und auf einen Menschen treffe, der diese Schwäche auch hat, sie jedoch in sich (noch) ablehnt, projiziert mein Gegenüber evtl. negativ auf mich. Auch ist ein offener Austausch dann schwierig, wenn einer seine Schattenseiten sehr ungern preisgibt, der andere jedoch keine Schwierigkeiten damit hat. Wahrnehmungscoach Claudia Heipertz sagt, wenn du dich authentisch zeigst, wirst du mehr polarisieren – eine der Wachstumsaufgaben, die ein authentischer Auftritt mit sich bringt.

Eine weitere Beobachtung, die ich im Netz und auch im realen Leben mache: Menschen, die Stärke und Selbstbewusstsein zeigen, die eine gewisse Unabhängigkeit an den Tag legen, können auch als überheblich wahrgenommen werden. Zeitgenossen, die dazu neigen, sich klein zu machen, denken unter Umständen: „Was nimmt der oder die sich heraus?“ Bei mir landete die Zuschreibung überheblich auch schon, und ich erkannte: Manchmal bin ich auch arrogant, dann z. B. wenn ich meine zu wissen, was für den anderen richtig ist, in welche Richtung er sich meiner Vorstellung nach entwickeln sollte. Selbst wenn wir mit unserer Vermutung, was dem anderen gut täte, oft nicht ganz falsch liegen, so ist es doch anmaßend zu meinen zu wissen: So und so ist es richtig. Mittlerweile bin ich da deutlich vorsichtiger und zurückhaltender. Gleichzeitig hat es nichts mit Arroganz zu tun, seine Stärken und Talente zu leben.

Arrogant und stark sind also ganz verschiedene Eigenschaften und Qualitäten. Aus Angst davor als arrogant oder egozentrisch wahrgenommen zu werden, kann es passieren, dass wir unsere Größe – unser Potential, unsere Gaben und Talente – zurückhalten: Wir halten uns selbst klein, weil wir Angst haben, der andere könne diese unsere Größe nicht ertragen. Wir wollen verhindern, Neid auf uns zu ziehen, wenn wir zufrieden und uns-zeigend im Leben stehen. Manchmal denkt’s auch in mir noch: Ich darf nicht „hoch hinaus“, ich darf mich beispieweise noch nicht „Autorin“ nennen – andere könnten mich für anmaßend halten. Nun denke ich immer öfter: „Und wenn schon, wen juckst’s?“

Als ich Claudia Heipertz Folgendes fragte: „Kannst du mir sagen, woran es liegt, dass ich, je sichtbarer ich werde, auch immer mehr zur Projektionsfläche, auch für die Schattenseiten des anderen werde? Vielleicht auch, da Stärke und Selbstbewusstsein oft als Überheblichkeit gedeutet wird?“ antwortete sie mir wie folgt: „Arrogant und überheblich ist eine Bewertung des anderen (oder eine vermutete Bewertung in dir). Ich prüfe in solchen Fällen, ob es in mir eine Angst oder Ablehnung dagegen gibt, über andere hinauszuwachsen. Was sowieso nie voll umfänglich geschieht, sondern meist nur in einem Bereich.“

Ich fänd’s wunderbar, wir würden uns alle mit genau diesem Sich-Hinaus-Trauen anstecken, uns ermutigen, noch schlafendes Potential zu entfalten. Dies heißt nicht, dass plötzlich jeder einen Blog ins Leben rufen soll oder ähnliches: Es wäre doch allein sehr schön, wir würden dem anderen ernst- und ehrlich gemeinte Komplimente machen, ihn dazu ermutigen, sich zu trauen, dies oder jenes zu tun. Wir würden ein angstfreies Feld kreieren, in dem alle Beteiligten wachsen und erblühen können, sich frei und angenommen fühlen und in dem möglichst wenig und wenn dann wohlwollend verglichen wird. Das wünsche ich mir. Und das erlebe ich glücklicherweise auch immer mehr.

Ich frage Euch: Welche Erfahrungen macht Ihr, die Ihr Euch in irgend einer Form hinaus traut, Euch zeigt, Bühnen betretet, mit und in Eurem Umfeld?

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  1. Liebe Carolin,

    so ein schöner Artikel! Tja, mit der Sichtbarkeit ist das so eine Sache und es gäbe dazu unglaublich viel zu schreiben.

    Ich bin eine Extrovertiert Frau und ich kenne das Gefühl sehr gut, anderen zu viel zu sein. Ich habe vor einigen Jahren ein sehr einprägendes Erlebnis, in einem Seminar erlebt. Wir hatten Gruppenübungen in denen wir uns „nur“ gegenüberstanden, still in die Augen sahen. Ich verspürte nach einer Weile den starken Impuls meine Partnerin zu umarmen. Was wir auch schweigend taten.
    In der Pause kam diese Frau zu mir und sagte: Du bist ganz anders als ich dich eingeschätzt habe. Sie war dann ganz ehrlich zu mir. Sie hat mich als eingebildet und überheblich eingeschätzt, ohne das wir vorher je ein Wort gesprochen haben. Sie war sehr positiv überrascht, wie man sich doch täuschen kann.

    Ich finde es immer wieder WUNDERbar, wenn man dennoch in Kontakt geht und ihn auch sucht. Nur so können wir doch tatsächlich voneinander lernen.
    ich lerne auch immer wieder Neues von Introvertierten Frauen.

    Danke für deinen echt schönen und wertvollen Beitrag!
    Alles Liebe Gwynnefer

    • Carolin

      Ich danke dir, liebe Gwynnefer!
      Das ist ja schön, was du beschreibst: die Begegnung aus deinem Seminar. Dies zeigt wie wichtig es ist in der Tat ist, zum einen sich zu öffnen für ehrliche Begegnung, zum anderen auch seine Zuschreibungen wie z B. „eingebildet“ zu überprüfen oder Projektionen zurück zu nehmen.
      Du strahlst solche eine Kraft dich mit anderen liebevoll zu verbinden aus. Und wenn man dein Schaffen, dein Wirken beobachtet fällt auch auf, wie gut es dir gelingt, Menschen insbesondere uns Frauen zusammen zu führen.

      Alles Gute dir, Carolin

  2. Liebe Carolin,

    dein Blog trifft ganz genau mein Thema – und so schreibe ich hier jetzt einfach mal einen Kommentar, ohne noch lange zu überlegen, ob das was „gscheits“ wird (wie der Franke sagt) 😉

    Ich hab mich Anfang des Jahres als Systemische Beraterin selbstständig gemacht und angefangen mich über Facebook und Instagram öffentlich zu zeigen. Und ich habe auch immer wieder Angst, auf Ablehnung zu stoßen – was bisher aber noch gar nicht geschehen ist 😉

    Und nun werde ich Ende September noch ein Seminarhaus eröffnen – öffnen… mich noch öffentlicher machen… ich freue mich, ich bin total aufgeregt und ich hab auch Schiss…

    Daher tut mir dein Artikel sehr gut – ich muss nicht allen gefallen und auf Ablehnung zu stoßen wird nicht mein Untergang sein – sondern ein Abenteuer.

    Theoretisch weiß ich das alles und doch ist es wichtig für mich, immer mal er-innert zu werden und damit nicht in den alten-Glaubenssatz-Fallen hängen zu bleiben, sondern mutig weiter zu machen.

    Du hast mir geschrieben, dass du dir einen lebendigen Ausstauch wünschst, an dem auch andere teilhaben können – genau das ist auch meine Sehnsucht! Und auch wenn die sozialen Medien noch relativ neu für mich sind, erkenne ich doch ihren Wert, um genau das möglich zu machen 🙂

    Vielen Dank, liebe Carolin, für dein dich-öffnen und das Mut-machen!

    • Carolin

      Liebe Andrea Stark, welche schöner Name:-)!
      Ich danke dir sehr, dass du hier schreibst, und, ja, es ist definitif was „gscheits“ dabei heraus gekommen;-). Das sind ja spannende Projekte und Tätigkeiten, die du da geschaffen hast und erschaffst! Ich werde dein Wirken weiter verfolgen. Systemisches Denken interessiert mich auch, sowieseo und von Berufswegen; und dann sind wir ja auch beide Fans des „Maas-Magazins“ und dadurch irgendwie auch verbunden, schön.
      Ja, lebendigen Austausch wünsche ich mir – gerade auch Austausch, den man mit verfolgen kann, das macht es ja interessant. Gleichzeitig freue ich mich natürlich auch über persönliche Emails oder andere Kontaktaufnahmen. Da mir das Ganze Spaß macht – denken, austauschen, anregen – schreibe ich in der Regel auch sehr zuverlässig zurück.
      Dir nun alles erdenklich Gute, viel Glück & Erfolg, bei allem, was folgt wünscht
      Carolin

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