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Erlebtes & Belebendes

Von der Herausforderung guter Entscheidungen

TraumwohnenWann sind Entscheidungen gut? Oder sind Entscheidungen immer gut – frei nach den Motti: „Der Weg ist das Ziel“, „Entscheide, sonst entscheidet das Leben für dich“?

Gute Entscheidungen basieren meines Erachtens auf – in die Tat umgesetzte – klugen Gedanken, welche einem wachen, entspannten Moment entspringen. Ich treffe auf mich und die Situation zugeschnittene Entscheidungen, wenn Herz und Kopf sich einig sind und es plötzlich eine ruhige Gewissheit in mir gibt: Das ist es. Gute Entscheidungen beinhalten ferner die Erfahrung des Wachsens, das Über-mich-Hinauswachsen – das Berühren der nächsten Zone der Entwicklung. Integer entscheide ich, wenn ich sicher bin, dass ich auch in einigen Jahren mit der Entscheidung und ihren Konsequenzen werde leben können.

Meine Intention ist es, Entscheidungen so zu treffen, dass möglichst niemand dabei zu Schaden kommt. Sicher gelingt mir das nicht immer, doch ich bemühe mich, möglichst viele Perspektiven mit einzubeziehen. Was sich gewiss nicht immer vermeiden lässt: dass ich andere ent-täusche, mir nah stehende Menschen auch hin und wieder vor den Kopf stoße. Grenzen-Setzen bedeutet auch Trennungen vorzunehmen, zu desillusionieren: Sei es, dass ich einer Feier, zu der ich eingeladen bin, fernbleibe und somit riskiere, den Gastgeber zu verstimmen; sei es, dass ich meine Hilfe verwehre, da ich es vorziehe, mit meinen Kraftreserven zu haushalten. Ein solch ehrenwertes „Amt“ wie das der Patentante oder Trauzeugin abzulehnen, aus für mich sehr wohl überlegten und guten Gründen, löst sicherlich nicht nur Wohlwollen und Verständnis beim anderen aus. Für sich einzustehen kann das eine oder andere Mal auch einsam machen. All dies habe ich bereits erlebt, all dies hat mir auch arges Kopfzerbrechen beschert, und: Natürlich habe ich getroffene Entscheidungen auch schon bereut.

Mir wohnt das Prinzip „Versuch und Irrtum“ inne: Ich entdecke immer wieder Neues für mich – neue Tätigkeiten und Wege, ich probiere aus. Manchmal liegt die Betonung auch auf ‚Irrtum‘, doch das ist fein für mich, damit kann ich gut leben. Ich behaupte sogar: Durch das Versuchen und auch Irren bekomme ich im Leben eine ganz breite Perspektive. Ich glaube, unsere Angst davor Fehler zu machen hält uns oft davon ab, uns „ganz“ zu leben: Lieber unterdrücken wir einen Impuls und halten uns in selbstgesteckten Grenzen, als dass wir uns hinauswagen, auch auf die Gefahr hin, zu fallen.

Wenn ich Angst davor habe, jemanden zu enttäuschen, Ablehnung zu erfahren, hilft mir der Gedanke: Es ist nicht GEGEN dich, sondern FÜR mich.

Wie bereits beschrieben: Selbstverständlich funktioniert ein Entscheiden, das für alle gut und passend ist, nicht immer. Und worüber wir uns auch bewusst sein sollten: Oft zahlen wir einen Preis, wenn wir für uns entscheiden. Wir zahlen nicht nur den Preis, Ablehnung und empfundenen Liebesentzug zu erfahren, sondern wir müssen auch Schuldgefühle in uns selbst aushalten und integrieren lernen. Hier ein Beispiel, welches mir kürzlich begegnete:

Eine Tochter wählt Abstand zu ihrer Mutter, da diese ihr – nach zahlreichen gescheiterten Versuchen auf diese zuzugehen und mit ihr ins Reine zu kommen – schlicht nicht gut tut. Um ihr eigenes Seelenheil zu retten hält die Tochter ihre Mutter auf Distanz. Das  Schuldgefühl der Tochter ist der Preis, den sie zahlt, wenn sie einen Abstand wählt, der für sie gesund ist. Wenn wir tunlichst vermeiden wollen, bloß niemandem gegenüber schuldig zu werden, zahlen wir ebenfalls einen hohen Preis: Wir entfernen uns von uns selbst, werden uns selbst gegenüber schuldig. Ich lerne: Schuldgefühle auszuhalten ist oft der Preis für die Freiheit, die ich durch ein Handeln für mich gewinne.

Der Alltag und sein Übermaß verlangen uns im Großen und Kleinen permanent Entscheidungen ab. In der Optionenvielfalt, mit der wir heutzutage konfrontiert sind, ist es ungemein schwer, sich nicht zu verirren und sich dem Entscheidungsdruck zu entziehen. Daher halte ich es für umso wichtiger, dass wir uns selbst und unseren sogenannten Fehlern gegenüber nachsichtiger und milder werden. Denn Leben heißt auch: irren, fallen, scheitern. Und Leben heißt immer: lernen.

Was macht für Euch ein gutes Entscheiden aus? Wann habt Ihr das Gefühl,  auf Euch und Eure Situation zugeschnitten entschieden zu haben? Ich bin dankbar für Austausch und Kommentare!

 

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Wie kann ich mich jetzt bemuttern?

  1. Katharina Lucia

    Ach Calli, Deine Seite und Deine Artikel sind toll! So fein beschrieben 🙂
    Eine gute Entscheidung ist für mich, wenn ich mich dadurch frei fühle und für mich handle. Auch ist es wichtig, diese in einem guten Zustand zu treffen. Bei den kleinen Alltagsentscheidungen ist es manchmal schwierig, da wie Du so schön beschreibst, man oft Gefahr läuft, jemanden zu enttäuschen wenn man für sich einsteht und Schuldgefühle hat und dann überlege ich schon zweimal, was ich machen soll wenn ich einen vereinbarten Termin z.B. absage. Zum Glück gibt es diese Menschen, die einem dann nicht böse sind, weil sie das selber kennen. Meiner Erfahrung nach können das jedoch hauptsächlich Menschen gut „weg“, die sich selbst gut spüren. Ansonsten habe ich auch schon negative Erfahrungen gemacht, und dann ist es echt schwierig, diesen Vorfall wieder wett zu machen.
    Grüezi wohl 🙂

    • Carolin

      Liebe Katharina Lucia,

      ganz lieben Dank für deine schönen, aufrichtigen Zeilen!
      Das was du schreibst kann ich gut nachempfinden, auch wie wichtig es ist, „Entscheidungen in einem guten Zustand (zu) treffen“ – wach, entspannt, wie ich finde.
      Und ja: Oft ist da das schlechte Gewissen – bei Absagen o.ä. Das reist leider so häufig mit. Je besser ich mich kenne, umso ehrlicher und klarer kann ich mich mitteilen. Und was ich auch feststelle: Wenn ich ein Schuldgefühl erst einmal angenommen und integriert habe, verliert es auch seine Macht über mich.
      Manchmal hilft’s mir auch nachzufragen: „Du, wie ist das jetzt für dich?“ Oft GLAUBEN wir zu wissen was in dem anderen vorgeht, bei genauerem Nachfragen sieht die Sache schon ganz anders aus.
      Ich erlebe dich als sehr sozialen, umsichtigen Menschen, der stark für eine Gruppe eintritt. Dieser Typus ist meiner Erfahrung nach auch sehr empathisch und gleichzeitig anfällig für schlechtes Gewissen, welches vermutlich oft auch gar nicht nötig ist;-)
      Bis zur nächsten Sadhana, oder wann auch immer…
      Von Herzen, deine Calli

  2. Carolin

    Liebe Leute,

    zur Zeit komme ich über meine Zeilen oft mit Menschen in Kontakt, mitunter sehr nah, auch kritisch. Wünsche werden an mich herangetragen, z. B. ich möge noch mehr das Persönliche und Direkte aus mir heraus zu Papier bzw. in den Äther bringen. Ich bin sehr berührt von all dem, es macht was mit mir. Gut so. Viele Leute mögen nicht öffentlich kommentieren, das verstehe und akzeptiere ich. Gleichzeitig möchte ich dazu ermutigen, es dennoch zu tun. Ich finde es bereichernd. Auch ist es nicht nötig, seinen vollen Namen dabei zu nennen.
    Zum Thema „Entscheiden“ möchte ich noch ergänzend „Werte-Coach“ Hilde Steffen zitieren:
    „Ich glaube mittlerweile, dass wir es dann recht und richtig machen, wenn wir uns mit dem was wir tun wohl und stimmig fühlen.“
    Es kann auch helfen, die innere Entscheidung zu treffen, eine Situation anders zu sehen. „Ich entscheide mich dafür die Möglichkeiten zu sehen.“

    Alles Gute wünsche ich

  3. Katinka

    Liebe Schwester,

    danke – das ist ein wichtiges, zweifelbesetztes Thema, dem du dich da widmest!
    Wenn bei mir Ängste angesichts der Konsequenzen einer Entscheidung hochkommen,
    tröste ich mich mit dem Gedanken: meine Entscheidung hat die mir wichtigen Kriterien erfüllt:
    sie entstand nach bestem Wissen und mit bestem Gewissen.

    Und sie darf dennoch schmerzen: schließlich scheidet sie, trennt sie mich von der Alternative b, da ich mich ja für a entschieden habe! Scheiden, Abschied tut weh,
    bedeutet Verzicht. Und auch hier tröstet mich der Gedanke: Ich bin nicht meine Gefühle – ich bin meine commitments!

    In diesem Sinne: fröhliches Entscheiden, fröhliches „Sich-trennen-von“!

    Und by the way: den Gedanken „hätt ich mich anders entschieden, hätt ich den Fehler vermeiden können!“ finde ich tröstlich kurzsichtig bis anmaßend: wieviel Prozent des Einflusses auf ein Ding geht denn tatsächlich von MIR aus?!
    Klar rutsche ich auch immer wieder in diesen Irrtum – wie kann ich denn auch KEIN ego-zentrisches Weltverständnis haben?! Gern wär ich mal allwissender Erzähler auf der Lebensbühne…
    Naja, mich nicht so tragisch nehmen hilft schon ne Menge ;o))

    Und: Mut zur Lücke! wie Papa sagte, weißt du noch?
    Kuß!

    • Carolin

      Liebe Maus,

      mit deinen wunderbaren, klugen Zeilen kann ein ganz neuer, eigener Artikel gestaltet werden – danke für dein weises Hier-Teilen!
      Deine Frage, wieviel Prozent des Einflusses auf ein Ding denn tatsächlich von mir ausgeht, beschäftigt mich. Mir hilft immer mehr – wenn es mir denn gelingt – ein gelassenes „Das sollte wohl so sein/ das sollte offenbar nicht sein“, wenn mir die Konsequenzen einer Entscheidung, einer Handlung im ersten Moment missfallen. Nicht hadern – auch eine (Lebens-) Kunst für sich.
      An dir beeindruckt mich immer wieder dein Vermögen, jeder noch so schwierigen, unangenehmen Situation Lehrreiches und Konstruktives abzugewinnen. Situationen umzudeuten, neu zu sehen.
      Und ja: „Mut zur Lücke“ kann auch ungemein helfen. In manchen Situationen gelingt mir das sehr spielerisch, in anderen stolpere ich über meine mangelnde Flexibilität.

      Nun wünsche ich dir schöne Tage – in Linden, Celle, Berlin, auf Sylt und sonst wo! Vielen Dank nochmal für deine spontane Gastfreundschaft & die tollen inspirierenden, warmen Momente der letzten 24 Stunden.

      Deine Schwester

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