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Erlebtes & Belebendes

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

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Trauriges verbindet – ich sage „danke“

  1. Marga

    Liebe Carolin !
    Deine Berichte sprechen mich tief in meiner Seele an . Vielen lieben Dank .
    Meine Mutter ist vor einem halben Jahr zu Hause verstorben und ich durfte sie begleiten . Eine intensive Zeit , schwere und gleichseitig bereichernde Zeit
    Durch deinen Artikel über Ehrlichkeit ist mir bewusst geworden wieviel ich zurückhalte und ich dadurch nicht in meine Lebenskraft komme .
    Danke für die Erkenntnis und den Mut meine Gedanken und Wünsche zuerst zu erkennen und dann zu äussern . Ich übe ! Das hier ist mein erster Schritt !
    Alles alles Liebe
    Marga aus Luxemburg

    • Carolin

      Liebe Marga,

      welch‘ schöner, seltener Name! Du hast mir heute Morgen eine große Freude bereitet mit deinen Zeilen. Schön, dass dich meine Zeilen tief berühren, wie du schreibst. Ein größeres Kompliment kannst du mir als Schreiberling nicht machen. Ich spreche dir an dieser Stelle auch mein herzliches Beileid aus für deinen ja auch noch recht frischen Mutterverlust. Das Zurückhalten unserer Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Gefühle ist glaube ich ein „fettes Thema“, welchem wir uns alle widmen dürfen. Das Schöne ist auch: Nicht nur beim Wünschenden, sondern auch beim anderen kommt etwas ins Rollen: Er sieht dich, kann selbst aktiv werden, erlebt Erfüllung beim Geben, traut sich seinerseits raus mit seinen Wünschen.
      Marga, dir weiterhin Gelingen und Freude beim Erkennen und Üben, herzliche Grüße nach Luxemburg,
      Carolin

  2. Carolin

    Heute morgen lese ich:
    „Erst wenn du dir gestattest, deine Wünsche frei und konkret zu kommunizieren, hat deine Umwelt eine Chance, sich eindeutig zu positionieren.“ Und ferner: „Wissen die Menschen, mit denen du zusammen lebst und/oder arbeitest, was du dir ganz konkret von ihnen wünschst?“ (aufgeschnappt bei Veit Lindau).
    Ich glaube es geht nicht um eine „Wunscherfüllungsmaschinerie in unserer Konsumgesellschaft“ im Sinne von „mehr, mehr“, sondern eher um ein klares Sich-Beziehen auf den anderen und die Welt.

    Schönen Sommer zusammen,
    Carolin

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