seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Vorheriger Beitrag

Von der Schönheit des Nicht-Wissens

Nächster Beitrag

„Kalte Depression“ – von der Seele entfernt

  1. Carolin

    Heute habe ich wieder etwas gelesen, das ich teilen möchte:

    „Denke einmal an deine Beziehungen wie an Fahrzeuge. Manche fahren im Kreis. Mit anderen geht dir schnell der Sprit aus. Wieder andere sind dafür ausgerüstet, Berge zu erklimmen und Ozeane zu durchqueren. Wenn du an deine wichtigsten Herzensvisionen denkst und dann an deine bestehenden Beziehungen…, haben sie das Zeug, dich dahin zu bringen? Heiße-heikle Frage, ich weiß.
    Und bevor du mit dem Finger auf die anderen zeigst, frag dich auch: Wie weit kommen die anderen mit dir ihren Träumen nah? Jeder Mensch hat das Recht, Beziehungen zu wählen, die ihm gut tun.“ (Veit Lindau)

    Nachdenkliche Grüße, Carolin

  2. Katinka

    Liebe Schwester,

    da hast du uns wirklich gute Denkanstöße gegeben – ich habe sie auch schon mit Freunden diskutiert…
    Was mich aktuell als wesentliche Frage beschäftigt: Ich möchte mich bei einer neuen Freundschaft aufs Erhebende ausrichten, genau. Kann ich das denn schon zu Beginn einschätzen, in welche Richtung es gehen wird? Gestern hatte ich ein neues Zusammentreffen mit einem jungen Menschen Anfang 20. Hinterher fühlte ich: Ich hatte viel gegeben und wenig bekommen. Nun frage ich mich: Kann ich meinem ersten Gefühl nach Ungleichgewicht vertrauen. Oder ist vielmehr das, was mir beim andern aufstößt, ein Spiegel meiner eigenen Schatteneigenschaft? Stimmt das immer: Was uns beim anderen stört, haben wir selbst? Das glaub ich nämlich nicht.
    Ich gehe hier gerne in den Austausch – schön, daß wir uns gleich sehen :o) …
    Und darüber hinaus: Andermans Gedanken hierzu würde ich sehr geren an dieser Stelle lesen und erzähle dann auch gerne mehr.

    Herzlich, dein Schwesterherz

  3. Carolin

    Liebste Schwester, liebe alle,

    Tata, danke dir herzlich – auch toll, dass du meinen Text mit Freunden diskutiert hast! Welche Ehre für mich.
    Ich glaube Folgendes: Natürlich sollen wir Beziehungen nicht nur nach der Frage eingehen: „Erhebt mich dieses Feld?“ Im Sinne von: „Bringt mir derjenige etwas?“ Das riecht für mich zu sehr nach Kalkül. Doch wir dürfen uns fragen: „Ist diese Beziehung im Gleichgewicht, stimmen Geben & Nehmen langfristig? “ Insofern find ich’s toll, dass du offen für Menschen, gerade auch so junge, bist!
    Nein, ich glaube auch nicht, dass alles was uns beim anderen stört stets unser Schatten ist. Oft spüren wir ja auch: Mit dem und dem stimmt’s gar nicht, das fühlt sich komisch an, warum auch immer. Im Kontakt zu stark narzisstisch geprägten Menschen muss ich ja auch nicht nach meinem eigenen Narzissmus bohren, sondern darf mich gesund abgrenzen, meiner Wahrnehmung trauen. Hierzu ein ganz toller Videotipp von Franziska Schulze, die das Konzept der bedingungslosen Liebe genauer unter die Lupe nimmt:

    http://www.franziska.love/blog/bedingungslose-liebe-braucht-gute-grenzen

    Herzlichst, Calli

Schreibe einen Kommentar

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén