Ich betrachte den Tod als besten Lehrmeister und Ratgeber: als Erinnerung und Chance, sich radikal dem Leben zuzuwenden. Ich möchte JETZT leben, voll und ganz – und vor allem auch vollständig. Immer häufiger nehme ich einen Aufruf wahr, zu lernen, die Dinge vollständig zu machen. So zu leben, dass keine unverdauten Reste bleiben. Dies ist ein Prozess, und ich kann nicht behaupten, dass ich das meiste schon zu einer Vollständigkeit, einer befriedigenden Vollendung gebracht hätte. Doch das Erinnern daran, das Inne-Halten und Sich-Bewusst-Machen, wie kurz unser Erdenleben letztendlich ist, hilft mir.

Aus yogischer Sicht wird angenommen, dass die Seele hier auf Erden nur eine zeitweise Behausung findet. So gesehen ist der Tod auch nichts Schreckliches. Yogi Bhajan vergleicht den Aufenthalt der Seele auf Erden mit dem Aufenthalt in einem Motel. Alle Spiritualität hat das Ziel, sich auf den Tod vorzubereiten, nicht in einem morbiden Sinne, sondern – da komme ich an den Anfang zurück – in einem totalen Ja zum Leben. Yogi Bhajan sagte:

Es ist dein Geburtsrecht glücklich zu sein.“

Wir müssen uns nicht mit einem unglücklichen Leben zufrieden geben, sondern können uns immer wieder auf den Weg, auf die Suche machen, das zu leben, was wirklich gelebt werden will – auf einer tiefen, erfüllenden Ebene. Das Ziel aus yogischer Sicht ist es, während des Lebens befreit zu werden und nicht damit zu warten, bis man tot ist. „Jiwan Mukt“ heißt soviel wie „befreites Leben“. Es bedeutet, mit einem tiefen Verständnis für die Wirklichkeit des Lebens, des Todes, der Seele und der eigenen Aufgabe zu leben.

Die Konzepte von Karma und Inkarnation mögen für jeden einzelnen unterschiedliche Bedeutung haben. Vom Leben und Tod hat ein jeder sicherlich seine ganz eigenen Vorstellungen, seinen eigenen Glauben und auch seine eigenen Hoffnungen. An was auch immer wir glauben: Es lohnt sich, sich die letzten 20 Minuten seines Lebens vorzustellen und sich zu fragen, was angesichts meines baldigen Todes tatsächlich bedeutsam ist, oder um mit Veit Lindau zu sprechen bzw. zu fragen:

Wie sollte ich mich in diesem Moment in meiner Vergangenheit entschieden haben, um jetzt, am Ende, zufrieden zurückschauen zu können?“. Und:

„Willst du am Ende sicher durchkommen oder voll geöffnet sein?“

Gerade vor ein paar Tagen habe ich meine – wie’s so schön modern heißt – Bucket-List aufgefrischt: Dinge, die ich in meinem Leben machen möchte. Gleichzeitig war ich froh zu bemerken, dass ich mir diverse Wünsche bereits erfüllt habe und wiederum andere Dinge heute keine Relevanz mehr haben. Momentan stehen dort Dinge wie: eine Zeit auf dem Land leben, mit meiner Schwester nach Bali reisen, jemandem beim Sterben begleiten, Artikel für ein Print-Magazin schreiben, Schlagzeugunterricht nehmen, mit unserem Sohn eine Fernreise, nach Japan oder in die USA unternehmen, auf das internationale Kundalini-Yoga-Festival nach Frankreich reisen, Yoga unterrichten, mit meinem Mann eine Ruhrpott-Radtour und eine Alm-Hüttenwandertour machen; „abgefahrene“ Dinge wie „einen Astrologen und Schamenen aufsuchen“, doch auch Profaneres wie z. B. Energiekugeln selber machen, im Sommer regelmäßig auf dem Balkon schlafen, Gemüse anbauen und, und.

Was am Ende zählt.