seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Sich und andere ermutigen

tmp_13927-2017-01-04-14-20-141222771803In der aktuellen Zeitschrift „Maas“ („Ich und Gemeinschaft – in Freiheit verbunden“, No. 4/2016) las ich einen Artikel über das Thema Mut („Mut tut gut!“, ebd., S.46-49). In der Einleitung hieß es:

„Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der sich alle Menschen gegenseitig ermutigen. Wie anders wäre wohl dein Leben?“

Dieses Gedankenexperiment inspirierte mich: Ich stellte mir Szenen im Alltag vor, Begegnungen zwischen sich nah stehenden Menschen und Fremden, in denen gemeinsam größer, kühner, lustvoller und mutiger gedacht und gehandelt wird. Mir kamen Menschen in den Sinn, die sich trauen, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen und Träumen zu gestalten & auf diese Weise auch andere anzustecken. Ich dachte an Menschen, die sich durch mutiges Verhalten anderer – neue Wege zu gehen oder neuentdeckte Fähigkeiten und Talente „auf die Straße zu bringen“ – inspirieren lassen, anstelle mit Argwohn oder Neid zu reagieren.

„Die Fähigkeit zur Ermutigung ist ein ganz besonderer Katalysator für individuelle Entwicklung, für die Gemeinschaftsbildung und für die Welt insgesamt.“ (ebd., S. 48).

Letzteres klang in meinen Ohren etwas verwegen, doch dann stellte ich fest, dass dieser Gedanke auch ein erhebender ist: Durch den eigenen Mut und das Ermutigen anderer einen positiven Beitrag zum gesamtgesellschaflichen Klima beizutragen – eine schöne Vorstellung!

Mut zeigt sich in meinen Augen in Momenten, in denen wir uns auch sanft, verletzbar, unwissend zeigen. Überhaupt das „Sich-Zeigen“, Schicht für Schicht, erlebe ich als äußerst mutig. Mit Angst loszugehen, im Unwissen, was kommen mag, zu scheitern, sich zu schämen, Gegenwind auszuhalten, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Mutig sein, neue Pfade betreten und gegebenenfalls auch scheitern macht dich mit dir bekannt, so meine Erfahrung. Ich entdecke bislang unbekannte Potentiale in mir und lerne – auch im Austausch mit anderen, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt, glücklich zu sein. Fünfe gerade sein zu lassen, auch wenn Perfektionsdrang und Konkurrenz das Klima beherrschen und Leistungsdenken und -streben hohe Attribute in unserer Gesellschaft sind. Sich und anderen einzugestehen, dass man an einer Stelle partout nicht weiter weiß und kann, mit Kraft und Latein am Ende ist – all dies zeichnet mutiges und gleichzeitig ermutigendes Handeln für mich aus!

Mutig-Sein – und auf diesem Wege auch andere ermutigen – kann auch bedeuten, eine Zeitlang bewusst allein zu sein, seine Gedanken ganz ungehindert auf sich selbst einwirken zu lassen, Klarheit zu gewinnen – aus der Erfahrung, einsam zu sein auch „ein Samen“ für Mitmenschen zu sein.

Ich mache immer öfter die Erfahrung, dass mutiges Handeln ansteckend wirkt. Im Kontext Blog-Erstellen und Schreiben zum Beispiel habe ich im vergangenen Jahr öfter mal gehört: „Wenn du das schaffst, kann ich das auch!“ Das hat mich jedes Mal gefreut. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir über unsere – auch unausgesprochenen – Worte, Mimik, Gestik und kreative Ausdrucksformen permanent mit der Außenwelt kommunizieren und Wirkung hinterlassen, macht es Sinn, ermutigendes Handeln an den Tag zu legen.

Einem nahstehenden Menschen in einem Gespräch zu offenbaren, dass man ihn sehr schätzt, Gespräch und Thema einen jedoch nicht interessieren – das ist mutig in meinen Augen, auch wenn der Grad schmal ist zum „Den anderen verletzen“.

Im letzten Jahr habe ich eine tolle Frau kennen gelernt, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Sie und ihre Art zu leben beeindrucken mich in vielerlei Hinsicht: Stark und mutig finde ich zum Beispiel ihre Haltung, mit nahstehenden Menschen aufgeräumt, keine offenen Baustellen zu haben, so dass ein Von-dieser-Erde-Scheiden nicht willkommen jedoch möglich im Sinne von „abgesegnet“ wäre.

Als meine Yogalehrerin einmal gefragt wurde, ob ihr die wachsende Kundaliniyogalehrer-Konkurrenz in Hannover nicht zu schaffen mache, antwortete sie sinngemäß, nein, es finden sich stets die Schüler und Lehrer, die zueinander passen. Auch diese innere Haltung habe ich als ermutigend und großmütig erlebt.

Aus Mut erwächst Mut – im eigenen Leben und im Leben anderer.

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Wunschgefühle

  1. Katinka

    Liebe Schwester,
    danke für diesen Artikel, dessen Thema mich gerade bewegt.
    Ich habe nämlich vo einigen Tagen ein Buch geschenkt bekommen: Osho: Mut
    – Lebe wild und gefährlich.
    Ich zitiere: „Grundsätzlich bedeutet Mut, das Bekannte für das Unbekannte aufs
    Spiel zu setzen, das Vertraute für das Neue, die Bequemlichkeit für eine unbequeme und beschwerliche Pilgerreise zu einem unbekannten Ziel…“ (S.16, s.o.)
    Und ebenso schön, sich den Wortstamm des Englischen und Französischen „courage“ als vom Herzen her klarzumachen. Vom Herzen her leben bedeutet im Vertrauen leben. Das ist wahrlich eine gewinnbringende Aufgabe, finde ich.
    Soweit mal zu diesem weiten Feld. Ich grüße Dich und Deinen Mut,
    Deine Katinka-Kati

    • Carolin

      Liebe Schwester,

      danke dir für das Osho-Zitat – das „Mut“-Buch von ihm hatte ich auch schon oft in der Hand und quergelesen. Und das englische/ französische „courage“ ist wahrlich ein feines Wort! Ich glaube auch, das Mut, Vertrauen und „vom Herzen her“ leben sehr eng beieinander liegen.

      Alles Liebe für dich,
      es drückt dich deine Schwester

  2. Brigitta

    Liebe Carolin,

    mir sagte mal jemand, ich dürfte „mutig sein“ als mein Lebensmotto annehmen. Große Worte; aber wahr!
    Ohne Mut treten wir im Leben oft auf der Stelle, schreiten nicht voran und können uns nicht weiterentwickeln – was auf Dauer zermürbend und frustig sein kann.
    Wie deine Schwester es so treffend mit Oshos Worten beschrieben hat: wer mutig ist – in welcher Beziehung auch immer – betritt oft unbekanntes Terrain, muss vertrauen: dem Leben aber auch sich selbst. Sich etwas zutrauen, indem man z.B. den Mut aufbringt, etwas loszulassen, um Raum zu schaffen für Neues. Man verlässt seine„Komfortzone“, was auch Ängste und Unsicherheiten mit sich bringen kann. In einem Buch habe ich den Satz gelesen: MUTIG ZU SEIN, BEDEUTET NICHT, KEINE ANGST ZU HABEN.

    Aber Mut ist größer und stärker als Angst, durch Mut kann die Angst überwunden werden. Wenn man so mutig durch eine Situation hindurchgeht, ist der Lohn, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ein Stückchen mehr wächst und sich dadurch auch noch andere Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und Stolz einstellen.

    Eine feine Sache!;-) Dennoch klappt es nicht immer……aber ich übe…..

    Für dich ein schönes Wichenede und viele liebe Grüße,

    Brigitta

    • Carolin

      Ja, Brigitta, du sagst es: Ohne Mut keine (Weiter-) Entwicklung, das denk ich auch.
      Und selbstverständlich ist da auch Angst. Dem Mut mehr Raum geben als der Angst, sich immer wieder einen Ruck geben und Schritt für Schritt weiter gehen – ich glaube, das ist möglich.
      Mut öffnet uns für Veränderungen – ich sage mir immer wieder: Ich bin bereit mich führen zu lassen, im Sinne meines Herzens.
      Nun freue ich mich voll auf’s Wochenende und wünsch auch dir schöne Zeiten,

      Carolin

  3. Elina

    Liebe Carolin,

    ich habe einige Tage gebraucht, über Deinen Beitrag nachzudenken. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der die ermutigende Haltung den anderen gegenüber die Regel ist ( und überwiegend immer noch ist). Solche Umgebungen gibt es. Die Betonung liegt wohl daran, dass j e d e r den anderen wohlwollend und ermutigend begegnen würde. Dies ist wohl selten heute. Aber zumindest ich versuche immer noch, andere so zu behandeln. Manchmal reicht es ja schon, dass zimindest e i n e Person sich wohlwollend verhält (wie man aus der Relienzforschung weiss). Bei Bill Clinton war es, glaube ich zu erinnern, die Bibliothekarin, die in seiner Kindheit ihm ernst gekommen hat und freundlich war. Manchmal reicht ein Blick.

    Also, es ist schon schön, wenn zimindest einige Menschen wohlwollend sind.
    Dies macht den Unterschied.

    Liebe Carolin, Dein Blog ist wunderbar und Du bist eine von diesen Menschen, die andere ermutigen! Alleine Deine Anwesenheit ändert den Raum!

    Liebe Grüsse
    Elina

  4. Elina

    Noch was: vor zwanzog Jahren hatte ich hatte mit meiner Grossmutter über das Thema unterhalten. Sie betonte, dass es wichtig sei zu wissen, es wäre nicht immer noch so (wie in der guten alten Zeiten), sondern dass die Gesellschaft sich so zum besseren entwickelt hat, dass es guter Ton sei, wohlwollend und ermutigend zu sein.

    • Carolin

      Liebe Elina,
      ich hab mich gerade so über deine Zeilen gefreut! Interessant was du schreibst, auch bezüglich des ermutigenden Umgangs miteinander in deiner Heimat (du sprichst von Finnland, richtig?) & der Worte deiner Großmutter!
      Ich mag deine liebevolle, wertschätzende Art.
      Schön, dass wir uns kennen gelernt haben & gemeinsam die Yoga-Ausbildung genießen! Und: Lieben Dank für dein Kompliment!

      Sat Nam, Carolin

      • Elina

        Ja, liebe Carolin. Es ist auch in den anderen skandinavischen Ländern – sogar heute noch – überwiegend so. Das Leben wirkt dadurch viel leichter. Liebe Grüsse Elina

        • Carolin

          Liebe Elina,
          ich frage mich gerade, ob du schreiben wolltest „das Leben WIRD oder WIRKT dadurch leichter“:-). Nun, beides würde passen.
          Leichtigkeit ist tatsächlich kein Attribut, dass ich spontan der deutschen Kultur zuordnen würde – das hat sicher auch seine Gründe und mit der Geschichte unseres Landes zu tun.
          Was ich beobachte ist, dass z. B. überschwänglich gezeigte Freude oder eine Laissez-faire-Haltung schon fast ein Tabu in unserer Gesellschaft sind. Das finde ich schade. Die Antwort „Muss ja“ auf die Frage, wie es dir gehe, sagt einiges und transportiert viel Schwere und Enge, finde ich. Vielleicht gibt es hierzulande auch eine versteckte Neidkultur, die sich u.a. darin zeigt, dass sich im Namen der Vernunft so manch“ „unvernünftiger“ Impuls verboten wird.

          Dir einen schönen Abend & einen guten Wochenstart morgen,
          Carolin

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