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Erlebtes & Belebendes

Kontakt findet an Grenzen statt

bild-kontakt-grenzenEine Heilpraktikerin sagte einmal zu mir: „Kontakt findet an Grenzen statt.“ Über diesen Satz habe ich oft nachgedacht und im Laufe der Zeit zahlreiche Beispiele für das Wahre an dieser Aussage gefunden: Beziehung wird immer dann spannend, wenn wir uns in unserer Tiefe begegnen, wenn wir den anderen an einem Punkt berühren, der ihn oder uns bewegt, der noch nachhallt oder einen von beiden in Aufruhr versetzt. Wenn wir den Mut haben, unsere innere Wahrheit mitzuteilen, unsere Bedürfnisse und Werte auf den Tisch zu legen, auch wenn wir dadurch verletzbarer werden und das Gegenüber gegebenenfalls enttäuscht oder ablehnend reagieren könnte.

Oft haben wir ein bestimmtes Bild von jemandem im Kopf, meinen ihn zu kennen und wollen auch keine große Energie aufwenden, dieses Bild zu ändern oder zu erweitern. Gerade in Momenten, in welchen der andere vielleicht nicht in der gewohnten oder erhofften Manier reagiert, können beide Beziehungspartner wachsen, kann die Beziehung reifen. Natürlich wird dann oft auch am Eigenen – an der bestehenden Lebensmethode, dem eigenen Lebensmodell – gerüttelt; das ganze System, das Feld, in dem sich die Beziehung bewegt, gestaltet sich neu. Diese Momente sind Chancen, auch wenn wir es eventuell nicht gleich wahrhaben wollen. Schaffen wir es, uns immer wieder für neue Erkenntnisse und Begegnungen mit uns nahen Menschen „leer“ zu machen, dem anderen immer wieder mit frischem, offenen Blick zu begegnen, so denken und fühlen wir uns frei, und es eröffnen sich ganz neue Spiel- und Begegnungsräume.

Jemand, der seine eigenen Gefühle gut wahrnehmen kann und auch Unangenehmes nicht unterdrückt, kann sich meines Wissens auch leichter und tiefer in andere Menschen einfühlen, wird empathischer. Nehme ich zu meinem eigenen Herzen mitfühlend immer engeren Kontakt auf, fällt es mir auch leichter, einen anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Lerne ich meine dunklen Seiten, meinen tiefsten Schmerz immer besser kennen, so wächst mein Verständnis für den anderen und seine „Abgründe“. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten treten oft dann auf, wenn wir in Bezug auf den anderen oder unsere Beziehung eine genaue Vorstellung haben, wie dieser bzw. diese aussehen sollte. Die Beziehung hat hier die Chance, in und an solchen „Grenzmomenten“ zu wachsen, tiefer zu werden, oder aber es trennen sich Wege vorrübergehend oder ganz.

Wenn eine deiner Werte mit denen deines Beziehungs-Gegenübers – Partner, Freund, Kollege – in Konflikt gerät, kann dies Stress erzeugen. Wünschenswert wäre es meines Erachtens, wenn beide Parteien akzeptieren könnten, dass jeder das Recht hat, der zu sein, der er ist. (Während ich den letzten Satz schreibe kommt mir der mich seit Tagen enorm bewegende Berlin-Anschlag in den Sinn und ein Teil von mir zweifelt extrem an dieser Aussage).

Wahrhaftige, tiefe Begegnung bedarf meiner Erfahrung nach des Mutes und der Ehrlichkeit: Lege ich meine Wahrheit möglichst offen auf den Tisch und formuliere meine Werte und ihre konkrete Bedeutung so klar wie möglich, können sich Missverständnisse auflösen.

Was ich auch lerne: Antworten finde ich stets in mir. Habe ich beispielweise einen Konflikt mit einem anderen, kann ich mich sehr auf diesen anderen, seine Fehler und Unzulänglichkeiten konzentrieren und mich immer weiter in das Beziehungsdrama einschwingen. Wirklich helfen wird es mir nicht. Ich darf mich stattdessen fragen: Was soll ich hier lernen? Was ist in mir noch nicht bereinigt? Und auch: Was darf ich getrost- und möglichst mitfühlend –  beim anderen lassen, was gehört nicht zu mir?

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein schönes, gesegnetes Weihnachtsfest!

 

Herzlichst, Carolin

 

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Kommunikative Feinheiten: Mit der Kommunikation spielen

  1. Liebe Carolin,
    Danke für die schönen Worte. Du hast so recht, wenn Du sagst, dass die Antwort immer im Inneren liegt. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit hat man die Zeit und Möglichkeit darüber nachzudenken und sich zurück zu ziehen. Jetzt ist die Zeit, sich all dessen bewusst zu werden und Konflikte aufzulösen. Liebe und Vergebung sind so präsent wie nie im Jahr und ich finde, jeder sollte diese Gelegenheit nutzen zu lieben und zu vergeben.

    Ich wünsche Dir und Deinen Liebsten schöne Weihnachten und eine besinnliche Zeit.

    Marisa

    • Carolin

      Du Liebe,
      hab herzlichen Dank, & vor allem: wunderbare Weihnachten dir & deinem Umfeld!
      Auf dass wir diese Zeit nutzen, um uns und anderen schöne, liebevolle Stunden zu bereiten!

      Umarmung in Gedanken,
      Carolin

  2. Ich finde es wahnsinnig toll wie du so etwas beschreiben kann – man kann sich direkt in das Gefühl hineinversetzen. Und du hast einfach so recht. Ich konnte eine tolle Freundschaft mit jemandem aufbauen, den ich schon seit ein paar Jahren kenne. Wirklich tiefer wurde sie erst, als es mir schlecht ging und wir dadurch auch über die unangenehmen Dinge reden konnten.

    Ich wünsche dir wunderschöne Festtage mit deinen Liebsten!
    Jolly

    • Carolin

      Danke, Jolly – für das liebe Kompliment, die Wünsche & dein schönes Beispiel für das Wachsen einer Freundschaft auch oder gerade im (Mit-) Teilen des „Weniger Schönen“! Ja, das kann ich mir gut vorstellen.
      Neulich dachte ich lange darüber nach, was Liebe für mich bedeutet: Es ist v.a.ein „Den-anderen-in-seiner-Entwicklung-Fördern“, sich mit ihm freuen, ihn wirklich sehen – wie er ist, was ihn ausmacht. Und: ihn freilassen.
      Auch für dich alles erdenklich Gute & schöne Weihnachten!

      Von Herzen, Carolin

  3. Brigitta

    Liebe Carolin,

    dein Thema passt seht gut zum Weihnachtsfest, denn es hat mit der Liebe zu tun – der Liebe zum anderen und zu sich selbst. Es ist dieses: ich bin ok- du bist ok. Ich darf den anderen da stehen lassen, wo er steht….hat auch etwas mit Respekt und Wertschätzung dem anderen gegenüber zu tun. Ich nehme ihn an, so wie er ist. Wenn der andere mich dann auch so annimmt wie ich bin, kann dies der Beginn einer tiefen auf absolutem Vertrauen und lebendigem, liebevollem Austausch basierenden Beziehung werden.

    Ja, ich habe auch so meine Problem damit, diese Einstellung auf den Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt zu vertreten. Ich weiß nur eins: wir alle tragen das Gute und das Böse in uns. Gott sei Dank können die meisten Menschen Gut von Böse unterscheiden und entscheiden sich für das Gute…..aber bei manchen Menschen funktioniert das eben nicht und sie leben es dann aus – in welcher Form auch immer. Da stellt sich mir gerade die Frage: wo fängt das „Böse“ an? Bei der „kleinen“ Notlüge z.B. indem ich mich verstelle und meinem Gegenüber eben nicht sage, dass es mir im Moment nicht gut geht, weil ich den „Schein“ wahren möchte? Oder vielleicht dort, wo ich bewusst schweige, obwohl ich weiß, dass es einem anderen helfen, für mich aber einen Nachteil bedeuten würde? Oder aber, indem ich jemanden ganz gezielt mit Worten verletze, weil ich gerade wütend auf ihn bin? Wenn ich Dinge weitertrage, die mir im Vertrauen mitgeteilt worden sind?

    Das Attentat auf den Weihnachtsmarkt ist sicher eine Form des Bösen, die nur noch sehr schwer zu toppen ist. Bei solchen Ereignissen stelle ich mir die Frage: Wo gibt es bei mir Situationen im Leben, in denen sich das sog. Böse gerne mal hervortun möchte und die ich ändern will? Und so darf sich jeder seiner Schattenseiten annehmen und das Gute in sich fördern. Ja, so wie du schreibst: was hat das, was ich gerade erlebe, mit mir zu tun; mit meinem Kern? Die Antwort liegt immer in uns, was voraussetzt, dass wir gewillt sind, tief in uns hineinzusehen, damit wir uns nicht mit „dem Drama unseres Gegenübers“ verstricken; heißt: in solchen Situationen ganz bei uns bleiben.

    Ich denke, dies ist auch ein Prozess, der mal gut finktioniert und mal weniger gut. So „erwische“ ich mich oft dabei, dass ich verschiedene „Stufen“ habe, was das Öffnen im Gespräch angeht. Bei Menschen, die mir sehr nahestehen, ist es einfach. Da ist das Gespräch eine Bereicherung; ein Gespräch, das die Seele tief und nachhaltig berührt. Ein Gespräch, aus dem ich voller guter Energie herausgehe.

    Es gibt aber auch Menschen, die solche tiefgreifenden Gespräche nicht führen wollen. Sie haben vielleicht Angst vor dem, was sich ihnen da zeigen könnte. Also stelle ich mich in diesem Fall auf mein Gegenüber ein und öffne mich nur soweit, dass der andere sich ebenfalls ein Stück weit öffnen kann. Soviel, wie er zulässt und ihm guttut. Dies sind Menschen, die ich dann mit ihrem „kleinen Spektrum“ so annehme, wie sie sind. Jeder darf so sein, wie er ist. In der Regel sind das aber Menschen, die ich mag, die mir symphatisch sind und an denen mir etwas liegt.

    Nun gibt es aber auch diejenigen, die mir nicht symphatisch sind; mit denen sich einfach keine gemeinsame Wellenlänge herstellen lässt und mit denen ich nicht wirklich den Kontakt pflegen möchte. Auch diese Menschen sind, wie sie sind, aber ich käme eher nicht auf die Idee, mich hier zu öffnen.

    Offene und herzliche Beziehungen schenkt uns das Leben und dann bin ich immer sehr dankbar dafür, dass wieder einmal ein für mich sehr wertvoller Mensch in mein Leben getreten ist. Denn schlussendlich bedarf es auch mir gegenüber der Ehrlickeit und der Tiefe um zu spüren: dies hier fühlt sich richtig an und dies fühlt sich nicht richtig an.

    Genauso wie ich mich über einen neuen, die Seele berührenden Kontakt, der in mein Leben gekommen ist, freue, genauso darf ich mich je nach Situation von einem Menschen, der mir nicht mehr guttut, auch liebevoll trennen.

    Liebe Carolin, so wünsche ich dir offenherzige, liebe- und wertvolle Kontakte, die dein Leben auch in 2017 begleiten.

    Mit herzlichen Weihnachtsgrüße,

    Brigitta

    • Carolin

      Liebe Brigitta,
      herzlichen Dank für deine Ausführungen! Ich denke über vieles noch nach: Über das sog. Böse (was genau ist das?), über das „Selbst-in-Frieden-Kommen“, in sich, dem „Kleinen“, & auch darüber, wo genau die hierzulande über Jahrzehnte gewonnene und etablierte Liberalität auch ihre Grenzen hat. Die Vorkommnisse der vergangenen und insbesondere jüngsten Zeit werfen in jedem Fall viele Fragen auf, ich fühle mich als Bürger nicht wirklich geschützt.
      Was mir gefühlt momentan bleibt: bei mir zu bleiben, mich nicht irre machen zu lassen, wach & bewusst hinzuschauen und auf die Güte meines Herzens zu vertrauen. Und, wie auch du sinngemäß sagst, ehrlich zu reflektieren – wo & wann diene auch ich weder mir noch anderen.

      Auch dir wahrhaftige, schöne Weihnachtstage,
      Carolin

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