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Erlebtes & Belebendes

Ehrlich sich selbst gegenüber – Teil 2

Tränende HerzenLetztes Mal schrieb ich darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, sich einzugestehen, was wirklich gerade Sache ist, wo Veränderungsbedarf besteht. Heute möchte ich das Thema vertiefen, da ich spüre, wie wichtig es mir ist und welche immensen Entwicklungschancen es auch für das Miteinander bereithält.

Unser Umzug in eine neue Wohnung, das Ausmisten und Neustrukturieren bringt dieser Tage auch viele innere Prozesse – Erinnerungen, Wünsche, Abgeschlossenes, Nicht-Erledigtes oder -Erfülltes – nach außen. Ich staune, dass wir viel Freude und Humor an den Tag legen, trotz des Chaos‘ und der Arbeit, die uns umgeben. Wir hatten daheim bemerkenswert viel Spaß in jüngster Zeit. In diesem frischen, wahrhaftigen Austausch insbesondere mit meinem Mann kam auch vieles zur Sprache, das mich tief berührte, das mir auch weh tat, da es mich mit Seiten konfrontierte, die ich an mir nicht mag und auch nicht sehen will: Es sind Züge, die mit Dominanz, Raffinesse, „Dem-anderen-geschickt-etwas-Aufdrücken“ zu tun haben.

Ich war und bin mir bewusst, dass es mir schwer fällt, die eigenen Grenzen zu wahren und dem anderen aufzuzeigen – überhaupt die inneren Grenzen kennen- und respektieren zu lernen. Ich neige immer noch dazu, es anderen recht, bequem und unkompliziert zu machen. Unstimmigkeiten zwischen mir nahestehenden Menschen möchte ich ausgleichen, Harmonie ist mir wichtig. Dies sind Dinge, die ich als Kind gelernt und inhaliert habe. Was ich nun auch immer deutlicher sehe: wann ich selbst dazu in der Lage bin – wenn auch nicht häufig – Grenzen zu überschreiten.

Wir alle sind betriebsblind, gerade dann, wenn es um das Dunkle, die eigenen Schattenseiten geht. Da wo’s anfängt, verdammt weh zu tun, wo sich Widerstand zeigt, wir unserer eigenen Verletzlichkeit begegnen – da wird’s spannend. Und dort birgt sich meiner Erfahrung nach auch viel Potential. Wie heißt es so schön? „Wo Licht, da Schatten.“ Und umgekehrt. Wenn wir mehr und mehr von uns sehen, uns aushalten und uns auch dem anderen immer mehr zeigen und zumuten, kommen wir in unsere wahre Kraft und Größe. Unsere Beziehungen können dann eine Tiefe erlangen, die wir bis dahin nicht kannten.

In diesem Erkenntnisprozess, den ich kürzlich durchlief, begegnete ich unter Tränen einem Schmerz, einer tiefen Traurigkeit. Und während ich das fühlte, wurde mir bewusst, dass hier gerade etwas Entscheidendes und Wegbereitendes für mich geschah:  Etwas ließ mich los, und ich konnte mich dort hineinfallen lassen. Jetzt danke ich dem Leben für diese wunderbare Erfahrung, auch wenn sie nicht angenehm war.

Ich möchte dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und zu -spüren. Wir alle nehmen meines Erachtens wahr, wann wir aus der Spur geworfen werden, wir plötzlich Herzklopfen bekommen, jemand uns „die Knöpfe drückt“, wir weglaufen oder das was da aufkommt einfach wegdrücken wollen. Es ist auch vollkommen in Ordnung, es wegdrücken zu wollen; auch glaube ich, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Doch gleichzeitig erfahre ich auch den Schatz, das Potential, das ein Bewusstwerden, ein „Nach-Hause-Holen“ birgt. Darüber hinaus erspart es mir viele leidvolle Wiederholungen und viel Stress im Außen: Ich muss mich nicht beim anderen, dem Partner beispielweise, abrackern; der andere muss nicht „herhalten“ für all meinen auf ihn projizierten Neid, Egoismus, meine Ängste und Sorgen. Ich bin schlicht ein entspannteres Gegenüber.

Mein tiefer Wunsch ist es, das Leben in seiner vollen Breitseite, in seiner Tiefe zu erfahren. Den Mut zu finden auch mit Angst loszugehen.

Immer wieder.

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Tu dir gut!

  1. Brigitta

    Liebe Carolin,

    wie wahr sind deine Worte: in uns sind immer beide Seiten- wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo die Angst ist, sind auch Liebe und Mut. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Es ist so, als wollten wir immer nur Tag haben und die Nacht wird ignoriert; Sonne ja – Mond und Sterne nein. Als wollten wir immer nur Sonnenschein und keinen Regen. Aber ohne Regen existiert kein Wachstum…..da kann die Sonne soviel scheinen wie sie will!

    Je eher wir unsere Schattenseiten annehmen, das „Geschenk“ in ihnen sehen, desto eher sind wir mit ihnen ausgesöhnt. In jedem Ereignis, in jeder Erfahrung – mag sie auch noch so schmerzhaft sein – liegt ein Geschenk. Wenn wir ehrlich mit uns sind und mutig genug, unsere Schattenseiten ebenso anzunehmen wie unsere Sonnenseiten, werden sie ihre Schrecken verlieren.

    Ich habe z.B. die Erfahrung gemacht, dass sich meine Angst auflöst, wenn ich sie genau ansehe. Wenn ich darüber rede; im Gespräch meinem Gegenüber genau mitteile, was mir gerade Angst macht. Sie löst sich durch das genaue Benennen auf. Trage ich sie allerdings länger mir mir herum, habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie eher noch größer wird. Ich will sie dann nicht sehen, mich weducken, die Angst wegdrücken. Es ist, als hätte sie keinen Kanal, durch den sie ausströmen darf und staut sich iregndwo in meinem Inneren.

    Indem ich sie benenne, bekommt sie einen solchen Kanal; ich nehme sie an, so wie sie ist, ich sehe hin und bin ehrlich zu mir: ich gestehe mir und meinem Gegenüber ein, dass ich gerade Angst habe. Ich bin in diesem Moment authentisch……und das fühlt sich immer gut an – auch wenn es um die Schattenseiten geht.

    So lebe ich und lerne immer mehr über mich; mal schneller und mal weniger schnell. Manchmal vergesse ich auch einfach, über die Schattenseite, die da gerade ihren Weg in mein Bewusstsein sucht, zu reden und dementsprechend lange „kaue“ ich dann auch an ihr herum.

    Aber auch das darf sein; auch diese Seite darf ich an mir annehmen – sie gehört zu mir. Je mehr wir anfangen, uns so zu lieben, wie wir sind – mit allen Aspekten – um so leichter wird unser Leben. Wir müssen uns nicht mehr verstellen und dürfen so sein, wie wir sind – uns selbst und anderen gegenüber.

    Dir, liebe Carolin, wünsche ich einen reibungslosen Umzug und dass ihr euch in eurem neuen Zuhause wohlfühlt und gut einlebt.;-)

    Bei uns ist es auch etwas hektisch: wir renovieren und haben im Moment einige Handwerker, die uns durch unsere Tage begleiten…..aber nachher ist dafür alles schön!!!!

    Viele liebe Grüße,

    Brigitta

    • Carolin

      Liebe Brigitta,

      ich freu mich, von dir zu lesen, danke!
      Das was du über das Benennen einer Angst & das anschließende Sich-Auflösen der solchen beschreibst, klingt für mich sehr interessant – das werd ich mal sacken lassen. Manchmal bin ich hin- & hergerissen: Soll ich über meine Angst sprechen, hilft mir das in dem Moment? Oder ist es mir lieber, ich nehme die Energie davon weg, denn wenn ich meine Angst, die ich vielleicht gar nicht „füttern“ will, „breitrede“, ist der Fokus, die Energie des anderen, dem ich davon berichte, vielleicht auch sehr bei meiner Angst – und diese wird dadurch größer. Ich übe mich immer mehr darin, Angst in freudige Erregung umzudeuten, beispielsweise vor wichtigen, großen Auftritten. Das funktioniert immer besser.
      Nun, wahrscheinlich kommt es auf die Situation und die Angst an, ob ich es für (mit)teilenswert halte.
      Aber spannend was du schreibst…
      Hab’s gut, ein schönes Wochenende dir,

      Carolin

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