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Erlebtes & Belebendes

Ehrlich sich selbst gegenüber

Ehrlich sich selbst gegenüberEhrlichkeit ist ja oft ne schwere Nummer. Über’s Ehrlich-Sein im Miteinander habe ich mich schon häufiger geäußert.

Was meines Erachtens noch viel elementarer ist, ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und diese ist häufig nicht weniger schwer: Sich wirklich einzugestehen, was gerade im Argen liegt, in welchem Lebensbereich sich Baustellen befinden, sich selbst gegenüber zuzugeben, wo genau Veränderungsbedarf liegt – das ist manchmal hart. Doch ich glaube, allein das Sich-Eingestehen ist die halbe Miete und ein guter Boden für Veränderungen, Schritt für Schritt, Baustelle für Baustelle – vorausgesetzt, ich möchte wirklich etwas ändern. Manchmal hilft es auch, sich dazu zu bekennen, dass man an einer Stelle (noch) nicht bereit ist, Veränderungen einzuleiten. Zu erkennen, da ist mein Schiss größer – ich bin (noch) nicht so weit, oder meine Bequemlichkeit hat hier die Oberhand. Auf Ausreden zu verzichten – auch das ist ehrlich.

Mir ist zum Beispiel vor kurzem bewusst geworden, dass ich dieser Tage viel im Internet daddle, für mein Empfinden zu viel. Auch in Zeiten – vor’m Schlafengehen beispielsweise – in denen es mir erfahrungsgemäß nicht gut tut. Allein dieses Eingeständnis mir selbst und kurz darauf einer engen Freundin gegenüber brachte Veränderung ins Haus: Ich bin nun wieder etwas bewusster, habe neue Bücher erstanden – optimal für die Herbstzeit, lege im Vorfeld Zeiten fest, in denen ich mir erlaube, im Netz zu stöbern und mache das Smartphone (ja, manchmal vermisse ich auch mein “Old-school-Handy”) meistens mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen aus.

Mein Mann meinte neulich, ich könnte ja auch mal wieder mehr Klavier spielen. Davon abgesehen, dass mir das gut bekommt und ich in intensiven Übezeiten – beispielsweise vor einem wichtigen Auftritt – insgesamt und vor allem mental fit bin, ist das Musizieren ein schöne Tätigkeit für’s Miteinander: Auch unserem Sohn wird dabei ein sinnvolles, ja kulturelles Schaffen nähergebracht. Oft denke ich: Wenn wir Yossi eine Vielfalt an wertvollen Aktivitäten schmackhaft machen wollen, dann sollten wir nicht nur labern (“Der Computer wird in 10 Minuten ausgeschaltet!”), sondern uns auch selbst entsprechend – integer – verhalten.

Was ich auch schwierig finde: nicht “besser” sein zu wollen, als ich tatsächlich bin. Mich nicht weiter in meiner Entwicklung zu machen, als ich’s bin. Neulich am Frühstückstisch habe ich meinem Mann gegenüber einen Gedanken geäußert, der eine gemeinsame Bekannte in ein weniger schönes Licht rücken ließ. Ich spürte in diesem Moment Lust, laut zu denken, und gleichzeitig Scham, da mich diese Äußerung auch nicht wer weiß wie glanzvoll dastehen ließ. Und dennoch denke ich: Auch das ist Leben, auch das bin ich. In diesem Bewusst-Werden und sich selbst die Erlaubnis Geben, auch “hässliche” Gedanken zu denken und ggf. zu äußern kann ich mich gleichzeitig darin üben, eine wohlwollende, großherzige Haltung mir und anderen gegenüber zu kultivieren. Und mich daran erinnern: Der andere bin (auch) ich.

Auch ein Sich-kleiner-Machen, zum Beispiel indem ein empfundener Erfolg zurückgehalten wird, in der Befürchtung, der andere könnte einem diesen missgönnen, bringt niemanden weiter. Eigene Probleme und Baustellen anderen gegenüber dramatischer darzustellen, als ich sie selbst empfinde, nur weil es ggf. leichter ist, Leid zu teilen, als hervorzuheben, was gerade besonders glückt, ist auch nicht redlich.

Ehrlich sein bedeutet auch, mir einzugestehen, dass ich gerade an einer Stelle nicht weiter weiß. Das kann auch sehr befreiend sein. Insbesondere an Tagen, die eh schon voller Unannehmlichkeiten sind, hilft ein Anerkennen dessen was ist, ein Erst-mal-so-Lassen, wieder in Frieden mit sich und der Welt zu kommen.

Mir ist es kein Anliegen, mich ständig zu optimieren – im Sinne von schneller, schlanker, effizienter, leistungsorientierter; ich möchte mich hingegen gerne mehr und mehr selbst erkennen, mich ausprobieren und entfalten und gleichzeitig immer wieder nüchtern betrachten, was in meinem Leben nicht stimmig ist und was ich gerne verändern möchte. Eine gute Richtschnur bieten mir meine Werte, die mir elementar wichtig sind. Es lohnt sich, sich dieser tatsächlich bewusst zu werden, sie aufzuschreiben, in sich zu bewegen und das eigene Leben mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen.

Wie schwer oder leicht fällt es Euch, aufrichtig anzuerkennen, was ist?

 

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  1. Olli

    Liebe Calli,
    gerne nutze ich Deine Zeilen, um sie beim und nach dem Lesen immer mal wieder mit mir selbst abzugleichen und mich demnach auch auf der Suche nach mehr Selbst-Ehrlichkeit (statt Selbst-Herrlichkeit) zu begeben. Ein Innehalten, einen Moment Gedanken aufnehmen, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht hatte und sie dennoch als Anregung willkommen zu heißen, sie aufzunehmen und so es passt zu durchwirken und nach integrativen Möglichkeiten zu suchen.
    Dank Dir!

    • Carolin

      Lieben Dank,Olli! Schön dass ich dich inspirieren, erinnern durfte. Ich finde wahrlich: “Selbst-Ehrlichkeit” ist mit das Schwerste überhaupt. In letzter Zeit sammle ich irre viele Erkenntnisse & lerne mehr und mehr auch meine schwachen, verletzlichen Seiten kennen.
      Ich bin sehr froh über die gemeinsamen (Münster-) Jahre, auch die Zeit der musiktherapeutischen Selbsterfahrung mit dir gemeinsam erlebt zu haben. Einen Freund zu haben, dem ich geradeaus und ehrlich begegnen kann. Danke auch dafür:-),

      deine Calli

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