seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Lebendige Gespräche

Cappu in MünsterMich interessiert Kommunikation. Auf vielen Ebenen. Auf verbaler Ebene interessiert mich bewusste, wache Kommunikation. Mich beschäftigen die Fragen: Was macht Kommunikation lebendig? Welche Gespräche beflügeln und befriedigen beide Gesprächspartner?

Ich möchte mich auch einem heiklen Aspekt nähern: Wie verhalte ich mich in Momenten, in denen mich das Zusammensein, ein Gespräch, gehäuft langweilt, so gar nicht berührt? Gespräche mit Fremden, in denen es bei mir nicht „funzt“ und die ich nicht fortführen mag, kann ich mittlerweile recht schnell beenden, indem ich mich einfach abwende oder mich meinem Buch widme, im Zug beispielsweise. Auch darf es meines Erachtens da mal heißen: „Das ist jetzt nicht mein Thema.“
Was aber, wenn wir mit langjährigen Freunden oder Familienmitgliedern zusammensitzen und uns das Szenario vom täglich grüßenden Murmeltier in den Sinn kommt – und dies wiederholt? Wir innerlich abdriften, abschalten, gähnen? Ehrlich gesprochen: Ich weiß es nicht, noch nicht. Doch was ich weiß ist, dass meine Lebenszeit kostbar ist, genau wie die meines Gegenübers. Ich möchte sie nutzen, gestalten, ich wünsche mir echten Austausch, häufig auch neuen Input, eine möglichst lebendige, beide Gesprächspartner bereichernde Kommunikation. Manchmal möchte ich auch einfach nur unterhalten werden, nicht selber senden, mich zurückhalten. Wenn der andere jedoch ausschließlich von sich spricht und mir keine Fragen stellt, löse ich mich nun auch schneller aus diesen Gesprächssituationen und Kontakten. Das hätte ich mich vor einiger Zeit noch nicht getraut.

Ich frage mich: Darf ich nicht häufiger sagen „Du, das Thema interessiert mich gerade nicht so, lass uns doch über etwas anderes sprechen“? Es gehört Mut dazu, den ich bislang in entsprechenden Situationen auch noch nicht hatte. Der andere könnte im ersten Moment irritiert sein oder sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Doch vielleicht bereichert die sich nun anschließende Unterhaltung auch ihn wiederum deutlich mehr. Vielleicht sind beide gottfroh, die alten Pfade mal verlassen zu dürfen und sich auf Neuland zu begeben. Das Gegenüber erhält die Chance, uns wieder neu zu sehen, zu staunen. Wir können den anderen zum Beispiel fragen, was ihn gerade beschäftigt, fernab vom Alltagsgeschehen. Wie er oder sie zurzeit auf’s Leben blickt. Oder wir fragen: „Was macht dich momentan glücklich, was weniger? Hast du zurzeit einen Traum?“

Meine Schwester empfing vor einiger Zeit eine Freundin mit Wein, Nüssen und den Worten: „Heute möchte ich mal nicht über das sprechen, was uns gerade nervt oder was zurzeit alles schief läuft. Lass uns über neue Dinge reden, über das was uns erfreut, über unsere Träume zum Beispiel.“ Es folgte ein intensives, beide beglückendes zehnstündiges Beisammensein, welches im Wald endete. (Meine Schwester lernte gegen Mitternacht, auf einer Eichel zu pfeifen).

Es muss auch nicht immer so „radikal ehrlich“ zugehen. Wir können es ja auch mal probieren, verblüffende, aus dem Kontext springende Fragen zu stellen, wenn uns danach ist, oder Wörter ins Gespräch zu werfen, die im ersten Moment irritieren, wie z. B. Seele, Freiheit oder Zeitgeist – was auch immer. Ich mache hier Vorschläge und bin selbst noch relativ unerprobt – finde das Thema aber spannend und habe Lust, auch in meiner eigenen Kommunikationskultur Neuland zu betreten und – gerne auch mit Euch – darüber in Austausch zu kommen.

Behauptet jemand etwas mit der Inbrunst der Überzeugung, er rede von etwas Allgemeingültigem – in erster Linie sagt der Sprecher doch etwas über sich selbst aus – können wir erwidern: „Wer sagt das?“, oder „Woher weißt du das?“, alternativ: „Bist du dir da so sicher?“ Fragen dieser Art traue ich mich nun schon viel öfter zu stellen und stelle fest: Das Gespräch und mein Gegenüber richten sich manchmal nochmal ganz neu aus. Wenn wir uns vom Rechthaben-Wollen mehr und mehr befreien, können wir ganz wunderbare Dinge erleben.

Mir tut es gut zu wissen, was ich mir von und in einem Gespräch wünsche: Wie gesagt, manchmal erfreuen mich einfach Geschichten und Neuigkeiten. Dann wiederum brauche ich mal ganz dringend ein Ohr und wünsche mir, der andere möge mir offen lauschen. Es ist klug, so denke ich, diesen Wunsch klar zu formulieren: „Kannst du mir mal ein paar Minuten gut zuhören, das ist mir grad sehr wichtig!“

Lebendige Kommunikation zwischen sich nah stehenden Menschen heißt für mich, dass ich mich ganz offen mitteilen kann, wenn mir der Schuh drückt. Und: Ich wünsche mir ebenfalls, der andere möge sich mir gegenüber öffnen. Das geklagte Leid hat auch seinen Platz und seine Berechtigung. Nur wenn ich das Gefühl habe, ich laufe gemeinsam mit einer mir wichtigen Person immer und immer wieder dieselbe Klagemauer ab, dann kann es sein, dass ich auch mal abspringe.

Hier noch eine kleine mutmachende Inspiration: Ich zitiere erneut meine Schwester, die auf einer Party auf die Frage, was sie so mache – natürlich beruflich erfolgsmäßig gemeint – antwortete „Ich esse M&Ms“  (tat sie gerade und kannte die fragende Person im Übrigen auch kam.) Die Frage erlebt wohl jeder als unangenehm beklemmend, wenn er gerade gefühlt nichts gebacken kriegt. Und da ist eine solche Antwort ein wohlig schauriger Befreiungsschlag.

Zum Schluss sei erwähnt, dass es selbstverständlich auch ok ist, wenn Gespräche im Alltagsgeschehen dahin plätschern, oder einfach Smalltalk geschnackt wird, über’s Wetter zum Beispiel – ein Thema, über das schnell Nähe hergestellt werden kann.  Auch diese Form der Konversation ist Teil unserer (Gesprächs-) Kultur.

Ich spüre, dass ich immer mehr Lust habe auf wache, voll ausgekostete Gespräche mit Menschen, die ähnlich ticken. Wie geht’s Euch damit?

P.S.: Ich freue mich, dass dieser Artikel im Online-Magazin compassioner erschienen ist:-):

Blog der Woche: die Kunst der lebendigen Gespräche

 

 

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  1. O.

    Calli,
    ich hab’s nur überflogen – passt perfekt – und bin gerade im kleinen Ort Les Moyens und hier herrlich voller lebendiger Gespräche, bei Zeiten mehr davon, am liebsten in einem lebendigen Gespräch!!
    Ganz herzlich!! O.

    • Carolin

      Gerne,gerne O.:-)! Witzig: Ich hab heut lebendig & schön von uns geträumt. Genieße deine Zeit, alles Liebe, Calli

  2. Christina

    Hallo Carolin, lebendige Kommunikation bedeutet ja im Umkehrschluss seine eigene Lebendigkeit zu fühlen und diese Energie auch an andere Menschen abzugeben und weiter fließen zu lassen. Ich finde es toll, wie schön, das manchmal schwer Erklärbare in deinem Artikel rüber kommt und einem leicht und klar aus der Seele spricht. Begeisterung auch für die „kleinen“, sanften, alltäglichen Dinge in der Kommunikation und diese zu feiern und alte Wege zu verlassen, welch Glück, wer es probiert!

    • Carolin

      Liebe Chrissy,

      ich danke dir sehr für deine schöne Rückmeldung und das Kompliment „das schwer Erklärbare in Worte fassen“, wie du es auch bereits in deiner Email an mich formuliert hast. Ja, herzlichen Dank!
      Ich wünsche dir auch lebendiges Sein & Kommunizieren, gerne auch mit mir:-)!
      Schön, dass man sich auch im Netz kennen lernen und annähern kann!

      Alles Gute für dich,
      Carolin

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