seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Rat-Schläge

Strapazi gelbIch bin kein großer Fan von Ratschlägen. Vor allem ungefragten. Wenn ich konkret um eine (andere) Meinung bitte, verhält es sich anders – dann ist die Sicht, die Wahrnehmung des anderen durchaus erwünscht. Ich bin mir sicher, dass der andere es meist gut meint, es gut mit mir meint, wenn er mir vermittelt, was aus seiner Sicht gut für mich wäre.

Das Problem ist das „Aus-seiner-Sicht“: Wir projizieren alle – meist wild und unbewusst – auf unser Gegenüber. Wir gehen von UNS aus, maßgeblich ist das, was WIR wahrnehmen, finden, meinen. Wir stülpen dem anderen nur allzu gerne „unsers“ drüber. Da bin ich auch nicht frei von und versuche nun immer öfter, es schlicht zu unterlassen.

Es ist oft sauschwer, sich zurückzuhalten, gerade wenn’s uns „unter den Nägeln brennt“, wir etwas loswerden, den anderen bekehren wollen. Wenn wir fest davon überzeugt sind, im Recht zu sein. Das Rechthaben loszulassen, zwei oder mehrere Wahrheiten einfach nebeneinander stehen zu lassen, ist aus meinem Erleben eine unserer schwierigsten Übungen. Sich dies zu eigen zu machen, mal nicht rechthaben zu wollen, lohnt sich, macht uns frei, und: Ja, man kann es lernen.

Ich bin kein Coach, doch ich vermute, dass ein guter Coach gute Fragen stellt und seinen Klienten wie ein „Geburtshelfer“ dabei begleitet, dessen eigene Wahrheiten zu finden und entsprechende Schritte zu gehen.

Als Beispiel Paarphänomene/ -probleme: Niemand kann von außen ein Beziehungssystem einschätzen. Da bin ich mir sicher. Rat von außen hilft daher nicht weiter. Vielmehr: Lauschen, fragen, abwarten. Wertschätzen, bestätigen, ermutigen. Wenn’s gut läuft. Oft bratzen wir ja doch dazwischen. Der eine mehr, der andere weniger.

Auch können wir die Meinung des anderen, wenn sie einen Rat beinhaltet, viel öfter einfach so stehen lassen„danke, dass du mir deine Gedanken mitteilst“ oder, etwas deutlicher: „danke und nein“ – freundlich und dennoch klar. Das braucht Mut, und ich fühle mich hier auch noch am Anfang. Gerne erkläre oder gar rechtfertige ich mich und meine jeweilige Situation hingegen – deutlich seltener als noch vor einigen Jahren, doch immer noch. Anschließend spüre ich einen Energieverlust bei mir, ich fühle mich erschöpft. Und da mir meine Energie, mein „Bei-mir-Bleiben“ wichtig und wertvoll ist, werd ich nicht müde, weiter zu üben: klare Grenzen zu setzen, wenn ich es für nötig erachte.

Das „Helfen-Wollen“ steckt tief in uns, gerade uns Frauen. Ich glaube, es wäre klug, den anderen zu fragen, ob er meine Hilfe auch möchte, sonst wird es evtl. eine „unterlassene Hilfeleistung zur Selbstentwicklung“ oder zur unerwünschten Bevormundung. Kümmern und entmündigen liegen dicht beieinander. Hier ist Feingefühl gefragt, ferner: ein waches, aufrichtiges Miteinander.

Ich muss nicht alles gutfinden, gutheißen, was Partner oder Freund machen oder unterlassen. Natürlich ist es auch hin und wieder angezeigt, zu sagen „Das ist nicht meins“, oder „Das würde ich anders machen“. Wenn das Gegenüber dann aber signalisiert, es erwünsche keine weiteren Ausführungen, keinen Rat, sollte ich es meines Erachtens auch so belassen. Es lohnt sich, Menschen zu beobachten und sich zu fragen: „Was bringt die Augen dieses Menschen zum Leuchten? Was bewegt die Menschen in meiner Umgebung?“

Hand auf’Herz: Wie haltet Ihr es mit dem Rat: Wann darf er sein und macht evtl. sogar Sinn, wann weniger? Ich würde mich sehr über Austausch freuen, da mich das Thema seit Jahren beschäftigt.

 

 

 

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  1. Thomas

    Hallo Carolin,

    ich schreibe hier jetzt mal ganz spontan die Dinge nieder, die mir zu Deinem in den Sinn kommen.

    Das mit dem Rechthaben – Wollen sehe ich auch als sehr großes Thema. Es taucht auf allen Ebenen auf und ist sehr häufig die Basis für Reibereien. Was steckt dahinter?
    Ich denke es ist vor allem auch die Intoleranz gegenüber anderen Lebenswelten / anderen Meinungen, denn jede andere Meinung ruckelt ja auch an unsrer eigenen Lebenswelt, stellt sie vielleicht sogar in Frage.
    Man könnte das als Chance zur Selbstreflexion sehen (und vielleicht sogar seine Lebenswelt verschieben, wenn Brauchbares bei der anderen Meinung ist), aber das Rechthaben-Wollen erscheint sicherer. Letztendlich glaube ich, dass dahinter (auch ) die Angst vor Neuem steht, womit ja auch viele Chancen zur Veränderung verschenkt werden.
    Und das Ego freut sich auch, wenn es „recht hatte“.

    Ich wollte jahrelang die Menschen auch mit meinen guten Ideen überfahren (bewußt ohne Ausrufezeichen), bis ich irgendwann festgestellt habe, dass das, was für mich gut ist, und von außen betrachtet auch gut aussieht, nicht zwingend für andere Menschen gut sein muß.
    Außerdem ist Niemand zwingbar.
    Meine Therapeutin hat immer von einem Angebot, das sie mir macht, gesprochen. Ich selbst entscheide, was ich annehme und was nicht. Das entzerrt das Ganze schon deutlich.
    Und im Lauf der Jahre habe ich es geschafft, dass ich immer öfter auch verschiedene Meinungen akzeptieren kann, weil jeder Mensch letztendlich seine eigene Wahrheit hat.
    Es gibt nicht die eine Wahrheit (was der Rechthaber ja behaupten will), sondern verschiedene.
    Das macht es entspannter.

    Und zu Deinem „wann äußere ich mich“: Da stimme ich bedingt zu. Respektieren des Ziehens von Grenzen der anderen Person = unbedingt (wenn diese sagt, dass sie keine/n Rat/Meinung wünscht).
    Allerdings bin ich auch der Meinung, dass ich als Freund / Partner die Verpflichtung habe, die Dinge anzusprechen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie in die falsche Richtung laufen und die Person sich selbst stark negativ verändert. Ich sehe nicht wachen Auges zu, wie sich Jemand ins „Verderben“ schiebt. Dann bin ich ein Freund von „Wachrütteln“!
    Und das ist natürlich für die andere Person unangenehm, aber letztendlich sind Freunde und Partner gerade auch dafür da zu kritisieren und Unangenehmes zu äußern.

    Denn gerade auch die Aussage der anderen Person „will keine Meinung“ kann ja letztendlich das Manipulieren durch das eigene Ego sein, das nicht will, dass man ihm auf die Schliche kommt.
    Und das würde eine klare Gegenmeinung ja.

    Und grundsätzlich zum Thema Rat kann ich sagen, dass ich es auch schon sehr oft als nützlich erlebt habe, wenn mir Jemand zuhörend Rat gibt. Ich also (erstmal gefühlt wirr und unstrukturiert)
    erzähle, die andere Person nur durch Verständnis-oder weiterführende Fragen unterbricht und ich dann letztendlich selbst auf die Lösung komme. Das (!) fühlte sich immer extrem gut an.

    Was mir gerade noch einfällt: Gerade wir Männer neigen ja verstärkt dazu, gleich mit einer Lösung zur Hand zu sein, anstatt erstmal zuzuhören, wirken lassen. Sehr häufig braucht die andere Person ausschließlich eine/n Zuhörer/-in.
    Meine besten Zuhörer waren und sind daher meist Frauen.

    Herzliche Grüße

    Thomas

    • Carolin

      Auch hallo Thomas,

      ganz fetten Dank, dass du dir Zeit genommen & so differenziert geantwortet hast! Ich habe deine Zeilen mehrmals gelesen und darüber nachgedacht. Da ist viel dran an dem, was du schreibst: an der Angst vor Neuem, auch dem Unbehagen dabei, wenn an der „eigenen Lebenswelt geruckelt“ wird, dem starken, uns Menschen innewohnenden Drang, im Recht sein und bleiben zu wollen.
      Ich stimme dir zu, wenn du sagst, ein guter Freund sei auch in der Pflicht, dem Freund mitzuteilen, wenn sich etwas derart (unschön) entwickelt, dass es nicht unerwähnt, unkritisiert bleiben kann. Wer wenn nicht der nahe Freund ist dazu in der Lage, Unbequemes auf den Tisch zu bringen? (Davon abgesehen, dass es für den Kritisierenden seltenst eine Wohltat ist, zu kritisieren…).
      Nun, der Ton macht auch hier sicher die Musik. Und da ich – nachdem ich jahre-& jahrzehntelang recht konfliktscheu war – in vergangener Zeit auch manchmal zu hart kritisiert habe – bin ich da nun bisschen vorsichtiger geworden.
      Schön auch dein Aspekt des „Zuhörend Rat Geben“ – das hat dann was von Mitschwingen, dem Gegenüber beim Sortieren Helfen und klingt weniger massiv, (rat)schlagend.

      Mach’s gut, schönes Wochenende dir,
      Carolin

      • Thomas

        Naja, wenn Du – wie Du schreibst – jahrelang recht konfliktscheu warst, und Dich nun manchmal als zu hart kritisierend wahrgenommen hast, dann ist das doch ein guter Weg. Denn letztendlich müssen wir uns doch ausprobieren im Leben, wenn wir neue (oder geänderte) Eigenschaften leben wollen. Und nur durch mutiges Tun (und vielleicht auch manchmal „über die Stränge schlagen“ > wobei Du das Letztere in einigen Jahren vielleicht gar nicht mehr so wahrnehmen würdest.)

        Ausprobieren, um eben irgendwann die eigene Balance zu finden, was sich eben stimmig für Einen selbst anfühlt.

        Und zu mir hat damals (als ich noch die Welt verändern wollte) auch mal Jemand gesagt: Im Wort Rat-Schlag steckt auch immer das Wort „Schlag“ 😉

        • Carolin

          Thomas, das stimmt: Wir müssen uns in der Tat ausprobieren im Leben – und manchmal schlägt das Pendel dann ne Zeit lang zu sehr in die eine Richtung. Das darf ja auch – wenn wir dabei wach und aufmerksam bleiben, ist uns und unserem Umfeld sicher geholfen.
          Mach’s gut,

          Carolin

  2. Ja, das ist ein Thema, das viele betrifft. Ich bin inzwischen so, dass ich in Gesprächen prinzipiell keine Tipps und Ratschläge gebe, wenn ich nicht gefragt werde. Das ist ziemlich einfach. Es spart auch eine Menge Energie. (-; Wenn jemand etwas wissen möchte, fragt er. Und selbst dann kommt es noch oft genug vor, dass die gegebenen Tipps dann nichts nützen und nicht angenommen werden…

    • Carolin

      Liebe Leserin (oder lieber Leser, intuitiv dachte ich: Leserin:-))!
      Das ist in jedem Fall auch ’ne Strategie! Die eigene Art sollte ja gut zu einem passen. Und die Leute, die dich kennen und mit denen du „eng zugange“ bist, kommen sicher gut darauf klar – und wenn nicht, können sie ja den Mund aufmachen;-).
      Dir einen schönen Start ins letzte Juli-Wochenende,
      Carolin

      • Ja. Leider ist es nur so, dass man immer das Gefühl hat man könnte dem anderen eigentlich etwas gutes tun (wenn sie nur wollten…) und es hinterlässt einen gewissen Frust, das viele Wissen was man so hat anderen nicht zur Verfügung stellen zu können. Aber man kann eben niemandem zu seinem Glück zwingen. (-; Dir auch ein schönes Wochenende!

        • Thomas

          Hallo mlm-tantiemen,

          aber wenn es bei Dir einen gewissen Frust hinterlässt, dann fällt Dein Nicht – Sagen doch wieder auf Dich zurück, oder!?
          Und dann spart es für Dich auch nur im ersten Moment Energie (wie Du oben geschrieben hast), weil es in „gewissem Frust“ (= negative Energie) in Dir weiterwirkt. Also Dein Zurückhaltend-Gutgemeintes in Dir ein blödes Gefühl hinterlässt. Und dann ist es doch auch nur im ersten Moment „einfach“.

          Ich glaube die Wahrheit liegt weder im Immer-den-Mund-aufmachen noch im zurückhalten und auf den Anderen warten, sondern irgendwo dazwischen.

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