seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Vom Lassen (oder: Verbunden mit der Seele)

Zur Ruhe kommen

In mir hängt seit langem schon eine Frage: „Warum lassen wir das Leben nicht ein Stück weit unser Leben gestalten?“ Das Leben mein Leben gestalten lassen, überhaupt das Lassen – eine schwere Nummer. Nicht(s) machen, tun, lenken. Den anderen lassen, wie er ist, jemanden oder etwas ziehen lassen, gehen lassen, Dinge auslassen.
Während und nach meinem Frauen Yoga Camp im Oktober 2015 spürte ich eine Veränderung in mir, einen Zustand, der diesem Lassen sehr nahe kam. Ich fühlte mich ruhig, verbunden und auf eine angenehme Art fremd. Da war etwas in mir, das war schön und traurig, eine Wehmut, eine Sehnsucht, etwas das unbekannt war und doch wieder nicht. Sich dort hineinfallen zu lassen war weniger unangenehm, als ich dachte. Mit Leid(en) hatte es nichts zu tun, eher mit süßem Schmerz, der nun endlich willkommen geheißen wurde. Ankommen. Bei und in mir. Einfach sein.

Ich umarmte und liebte in jenen Momenten das Leben besonders intensiv und konnte auch das Dunkle „mitnehmen“, akzeptieren. Es schien, als waren alle Qualitäten gleichzeitig da – mitunter Angst, Hoffnung, Freude, ja, auch eine Freude, die die Freudlosigkeit umarmt. Ich fühlte mich „auf“, im Gegensatz zu geschlossen, verschlossen. Als dürfe alles rein und raus, ohne unterwegs zerdacht und bewertet zu werden. Es wurde sehr still in mir. Gedanken und Glaubenssätze fielen von mir und machten mich ganz weit.
Meiner Erfahrung nach klopfen diesen Zustände nur sehr selten an. Es sind Momente, in denen wir in Kontakt mit unserer Seele kommen – so meine „Übersetzung“, meine Interpretation. Für vieles gibt es kaum Worte, das geht mir oft so: Eindrücke beim Musikhören, beim Meerspaziergang, im Anschluss an eine Meditation. Dies sind auch sehr intuitive Momente – Minuten, in denen ich eine starke Intuition, ein großes Vertrauen, fast eine innere Weisheit, wahrnehme.

Für kurze Momente schweigt es in mir, und ich weiß plötzlich sehr genau, was wesentlich und was unwesentlich ist. Es ist meines Erachtens möglich, diese Räume der Stille, des Lassens, auch im Alltag zu integrieren. Dafür braucht es meine Bereitschaft, alles sein zu lassen, einfach nur da zu sitzen, zu liegen oder in die Natur zu gehen. Auf dem Yoga Camp bekam ich den Rat, zu spüren, was die Erfahrungen, die Zeit dort mit mir machen, weniger: zu überlegen, warum dies oder jenes nun so ist und nicht anders.

Wir kennen es vermutlich alle: Wenn wir zu viel über etwas nachdenken, wird es meistens nur verwirrender, nicht klarer. Das Geheimnis liegt meines Erachtens darin, sich häufiger zu beobachten, sich selbst auf die Schliche zu kommen, anstelle über etwas zu häufig und in der immer gleichen Weise zu grübeln. Selbstverständlich hat „geist-dehnendes“, konstruktives Nachdenken und Reflektieren, für das ich mich bewusst entscheide, absolut seinen Platz. Ich spreche von den immer wiederkehrenden Gedankenschleifen und -schlaufen, die uns oft so gar nichts bringen, uns nicht zu uns bringen.
Zu Beginn erwähnte ich das „jemanden oder etwas ziehen, gehen lassen“. Manchmal trennen sich auch gemeinsam gegangene Wege, wenn sich Menschen und Umstände ändern, wenn wir uns für sehr unterschiedliche Lebenswege entscheiden, das Alte nicht mehr trägt und die Art der Beziehung sich nicht mehr gut anfühlt. Dies muss nicht bedeuten, dass ich den anderen nicht mehr mag. Es ist der Lauf der Dinge, so meine Erfahrung.

Meinen Vater gehen zu lassen fiel und fällt mir schwer. Wie wird das bei meiner Mutter sein? Was mir bleibt und für mich Sinn macht: nutzen, wertschätzen, genießen, was wir JETZT haben. Gemeinsam lachen, erzählen, uns öffnen, Dinge an- & aussprechen, die noch gesagt werden wollen. Dies ist mein Weg, jeder wird seinen ganz eigenen Umgang in und mit diesem Prozess finden dürfen.
Ich wünsche uns allen viele weite, wache Momente des (Los-) Lassens!

 

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  1. Olli

    Calli,
    heute war es ein ungeheures Hin- und Hergehetze… und da kam mir Dein Gedanke vom „Lassen“ in den Sinn – nicht, dass ich es in dieser Situation geschafft hätte, mehr (los-) zu lassen, aber ich fand allein den Gedanken daran und an Möglichkeiten, als mir das schonmal gelang, wohltuend!
    Das Leben unser Leben gestalten lassen… Da fällt mir Fritz Pearls ein: „Du musst den Fluss (Deines Lebens) nicht anschieben, er fließt von alleine.“
    Das passt!
    Ebenso passt der Morgenspaziergang, den wir neulich mit Wolfgang Fasser in der Schweiz gemacht haben… Wenn Du magst, guck mal nach, was der so macht. Über seine Arbeit haben sie mal den Film „Im Garten der Klänge“ gedreht.

    Völlig andere Anregung: Wäre es eigentlich möglich einen Button mit „Drucken“ zu Deinem Blog zuzufügen? Ich merke doch, dass ich mir manchmal einen Artikel einfach gerne ausdrucken und mitnehmen würde.

    Alles Liebe, Dein Olli

    PS: Einen Versuch wage ich noch, an der richtigen Stelle zu kommentieren, wenn das nicht klappt, reichen meine Fähigkeiten nicht 😉

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