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Erlebtes & Belebendes

Ausreden sind auch unhöflich

Ausreden-2Ich lerne immer mehr, klar zu kommunizieren, zu sagen, was ich sagen möchte, was ausgesprochen werden will. Dies ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich wünsche mir immer besseres Gelingen dabei, aufrichtig zu sein – auch im wahrsten Sinne des Wortes: Im Gespräch mache ich gute Erfahrungen, wenn ich mich aufrichte, kurz lockere, den Rücken lang mache, mich atmend weite und in mich hinein lächle. Oft klärt und entspannt diese Haltung mich und die Konversation mit dem jeweils anderen.
Ich möchte mich immer wieder auf den Weg machen, den anderen wirklich zu verstehen, genauer nachzufragen, was er aus seiner Sicht, aus seinem Erleben, meint. Kommunikation gelingt meines Erachtens auch dann besonders gut, wenn ich darauf achte, mehr zu fragen, anstelle zu sagen. Oft hören wir gar nicht genau hin und formulieren im Geiste schon die Erwiderung oder das folgende Thema.
Das Thema Ehrlichkeit beschäftigt mich sehr, und auch Situationen wie diese: Mal angenommen jemand, der mir selbst nicht so nahe steht, signalisiert, dass er oder sie sich mehr Kontakt mit mir wünscht, mir jedoch ist nicht danach. Warum nicht einfach sagen: „Du, ich mag dich gern, doch mir ist nicht nach einem Treffen.“ Wir meinen, wir wollen nicht unhöflich sein, den anderen nicht vor den Kopf stoßen.

Moralpsychologe Horst Heidbrink, der sich näher mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt hat, behauptet, auch Ausreden seien unhöflich. Etwas Ähnliches denke ich schon lange: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich (m)eine Unwahrheit oder eine Aussage, die ich verschweige, dennoch transportiert – wenn nicht über ausgesprochene Worte dann nonverbal, feinstofflich.Wenn ich einen Teil meines Wesens zurückhalte, wenn ich meine wahre Absicht nicht ausspreche, störe ich – ich formulier’s mal so – das Feld meiner Beziehung.
In mir nahen Freundschaften und Beziehungen sammle ich zunehmend tolle Erfahrungen damit, mich zu trauen, etwas zu sagen, wovor ich Angst habe. Auch Dinge, die den anderen betreffen, die wohlmöglich für den anderen unangenehm sein könnten, da sie seinen Schatten berühren. Wir kommen erfahrungsgemäß weiter, wenn wir über unseren Schatten springen.

Dass ein Sich-ehrlich-Hinauswagen in einer Partnerschaft oder Ehe immer wieder für frischen Wind und neue Nähe sorgen kann, beschreibt Rüdiger Dahlke in seinem Buch „Das Schattenprinzip“ am Beispiel eines Paares, das nach einem Seitensprung lernt sich selbst und dem anderen wieder aufrichtig zu begegnen.: „Der Grund (..) ist, dass Ehrlichkeit immer anmachend wirkt und die Durchlichtung des Schattens erst recht.“ (in: Rüdiger Dahlke, Das Schattenprinzip, 2014, S. 93).

Ja, Ehrlichkeit macht uns auch attraktiv, finde ich.
Ich habe großen Respekt vor jemandem, der mir geradeheraus gegenüber tritt, der sich traut, zu seiner Größe zu stehen und gleichzeitig auch Schwachstellen und wunde Punkte offenlegen kann. Im Alltag drücken wir vieles weg, lassen unsere Seele nicht allzu oft zu Wort kommen: Keine Zeit. Keinen Nerv jetzt. Doch unser Leben ist kostbar.

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  1. Katinka

    Liebes Schwesterherz,
    danke für diese klugen Gedanken, die mir sehr aus der Seele sprechen und denen ich nur einen Aspekt hinzufügen möchte:
    Wenn eine Bitte/ein Vorschlag an einen herangetragen wird und man sogleich ein inneres Nein fühlt, dieses aus Gründen der Schonung oder der Höflichkeit aber nicht unmittelbar kommuniziert, sondern sich stattdessen Bedenkzeit ausbittet, dann ist das meines Erachtens ebenfalls eine Unehrlichkeit, die nicht höflich, sondern beschwerend wirkt – für beide Seiten. Kurz Hoffnung wecken im Wissen, diese enttäuschen zu werden, ist keine Schonung, sondern Feigheit/Angst vor Ablehnung bzw. mangelndes zu seinem Sosein stehen…
    In diesem Sinne mutmachende Grüße,
    Kati, Katinka, whatever ;o)

    • Carolin

      Auch mein Schwesterherz,
      interessanter Aspekt und gute Ergänzung – das werde ich mal sacken lassen.
      Ich hab ne recht gute Intuition & spür auch schnell mein „Nein“ (& auch mein Ja), doch mich zu trauen dieses sogleich zum Ausdruck zu bringen, ist wieder ne andere Kiste.
      Und gleichzeitig gibt’s schon Situationen, in denen ich nicht sofort reagieren oder entscheiden mag oder kann; da find ich’s dann auch ok zu sagen: „Gerad kann ich’s noch nicht sagen, gib mir bitte noch mal be halbe Stunde.“ So lässt man den anderen ja auch nicht ewig im Unklaren.
      Danke Tata ♡

  2. Olli

    Liebe Calli,
    so richtig gefällt mir das Wort „Moral“-Psychologe nicht, aber wahrscheinlich ist das ja auch intendiert… (Da fällt mir mein geliebter argentinischer Klavierlehrer ein (der leider auch schon lange nicht mehr lebt), der mir öfter erzählt hat, dass er das schlechte Gewissen für eine ziemlich deutsche oder zumindest europäische Erfindung hielt, die einem letztlich nicht viel einbringt – man verharrt in dem Gefühl, anstatt etwas zu tun.) Wie dem auch sei – das mit der Unehrlichkeit ist sicher so eine Sache und in diesem Feld immer direkt Ehrlichkeit einzuhalten zu lassen ist ein Prozess! Ich glaube, manchmal braucht man’s auch für sich, vielleicht in Situationen, wo man sich wünscht, das eigene Image integer zu halten.
    Dir vielen Dank für die guten, feinsinnigen Gedanken und die Anregung zum selbst weiterdenken!
    Olli

    • Carolin

      Olli, ich danke dir! Deine Ausführungen, auch den Hinweis deines Klavierlehrers, finde ich sehr spannend. Das „Über-den-Tellerrand-Schauen“, gerade auch was Gepflogenheigen, ja, auch Werte in anderen Kulturen anbelangt, lohnt sich immer wieder. Ehrliches Kommunizieren im Sinne von „Ich sag jetzt was ich denke“ ist ja auch nicht in jeder Kultur angesagt, fällt mir dabei ein. Und auch ich meine: Es ist auch hier in unseren Breiten nicht in jeder Situation und in jedem Kontext sinnvoll und darüber hinaus – wie auch du feststellst – ein Prozess, oh ja…
      Nochmals danke:-)!
      Im Übrigen stammt der Begriff „Moralpsychologe“ nicht von mir – diese Bezeichnung habe ich aufgeschnappt, als ich über und von Herrn Horst Heidbrink las.
      Herzlich, deine Calli

  3. Olli

    Calli,
    heute war es ein ungeheures Hin- und Hergehetze… und da kam mir Dein Gedanke vom „Lassen“ in den Sinn – nicht, dass ich es in dieser Situation geschafft hätte, mehr (los-) zu lassen, aber ich fand allein den Gedanken daran und an Möglichkeiten, als mir das schonmal gelang, wohltuend!
    Das Leben unser Leben gestalten lassen… Da fällt mir Fritz Pearls ein: „Du musst den Fluss (Deines Lebens) nicht anschieben, er fließt von alleine.“
    Das passt!
    Ebenso passt der Morgenspaziergang, den wir neulich mit Wolfgang Fasser in der Schweiz gemacht haben… Wenn Du magst, guck mal nach, was der so macht. Über seine Arbeit haben sie mal den Film „Im Garten der Klänge“ gedreht.

    Völlig andere Anregung: Wäre es eigentlich möglich einen Button mit „Drucken“ zu Deinem Blog zuzufügen? Ich merke doch, dass ich mir manchmal einen Artikel einfach gerne ausdrucken und mitnehmen würde.

    Alles Liebe, Dein Olli

    • Carolin

      Olli, hab herzlichen Dank! Ja, manchmal hilft schon der Gedanke, die Erinnerung an gelungene „Loslass-Situationen“, um innerlich weiter zu werden. Oder schlicht das Sich-Gewahrwerden, wenn ich mal wieder völlig fest(gefahren) bin. Hab auch herzlichen Dank für deine wertvollen Anregungen! Wolfgang Fasser werde ich mal googeln. Ich staune immer wieder, was du alles Tolles machst:-)! Und was das Ausdrucken angeht: Ich habe keinen Plan, ob das möglich ist. Wenn ich etwas herausgefunden habe, lass ich es dich wissen.
      Ein schönes Wochenende wünsch ich dir!

      Deine Calli

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