Helen Mac Donald: H wie HabichtAls ich neulich mit dem Rad in der Döhrener Masch unterwegs war und mich auf einer Bank vor einem fließenden Gewässer niederlaß, kam mir mein kürzlich verstorbener Vater in den Sinn. Mir ist etwas so deutlich zu Bewusstsein gekommen, das mir zu Papas Lebzeiten nie so klar war:

Mein Vater hat aus meinem Erleben ein bestimmtes Lebensgefühl transportiert und an mich weitergegeben, welches für mich Grundlage meines Seins ist. Es ist dieses „Raus in die Welt, in die Natur – zu Fuß oder per Rad, auf Entdeckungsreise gehen“ – und dabei eine tiefe Liebe zum Leben, auch zum „einfachen“ Leben spüren. Spazieren, schauen, inspizieren, Kaffee trinken. Manchmal saßen wir einfach zusammen auf einer Bank oder einem Hochsitz, aßen ein Picknick, das ich mitgebracht hatte, und waren hochzufrieden.

Mir liefen die Tränen – erneut vermisste ich Papa so sehr, gleichzeitig war ich zutiefst dankbar für diese Welle der Erkenntnis.

Wenige Tage im Anschluss an dieses Erlebnis las ich im Buch „H wie Habicht“ von Helen Macdonald Folgendes:

Die Archäologie der Trauer folgt keiner festgelegten Ordnung. Sie ist eher wie Erde unter einem Spaten, der längst vergessene Dinge ans Tageslicht befördert. Manchmal überraschende Dinge; nicht einfach nur Erinnerungen, sondern Seelenzustände, Gemütsverfassungen, Emotionen, frühere Weltanschauungen.“ (Helen Mac Donald: H wie Habicht, 2015, S. 273).

Dieser kurze Absatz berührte mich sehr und erinnerte mich an meine Gedanken und Empfindungen vor kurzem auf der Bank in der Masch. Trauer(n) kann demzufolge ganz vieles bedeuten: Geschichten fallen einem ein, Sätze des Verstorbenen, Dialoge; plötzlich findet man sich in emotionalen Zuständen wieder, die einen überraschen und überrollen. Darüber hinaus kann einem ganz Elementares bewusst werden, das der andere – in meinem Fall mein Vater – einem mitgegeben hat: Werte,Vorlieben, persönliche Leitlinien, auch Stärken und Schwächen.

Interessant finde ich auch, welche Zufälle oder vielmehr Synchronizitäten das Leben in diesem Zusammenhang für mich bereithielt: Mein Mann schenkte mir das Buch „H wie Habicht“ zu meinem letzten Geburtstag im August 2015, den wir mit Freunden auf einer einfachen Schwarzwaldhütte verbrachten. Bücher finden einen zur rechten Zeit, daran glaube ich immer mehr.

Im Buch beschreibt die Autorin, wie sie nach dem Tod des Vaters Trost in der Begegnung mit der Natur findet. Als Kind bereits fasziniert von Greifvögeln, permanent mit dem Vater auf Streifzug durch die Natur, beschließt sie nach dem Tod des Vaters, ihren eigenen Habicht abzurichten. Das Buch beinhaltet eine detailreiche, sehr feinsinnige Beschreibung englischer Landschaftsbilder, ornithologisches Fachwissen und tiefe Einblicke in die Trauerbewältigung der Autorin. Mich haben Mac Donalds Zeilen sehr bewegt. Ich habe das Buch dennoch nicht am Stück lesen können; im Nachhinein erscheint es mir, als habe sich etwas in mir dagegen gewehrt, mich eingehender mit dem Thema Verlust der Eltern auseinanderzusetzen. Irgend etwas war zäh und sperrig. Heute denke ich: Einen geliebten Menschen loszulassen kann auch eine zähe Angelegenheit sein.

Drei Monate nach meinem Geburtstag fragte mich mein Vater daheim in Celle, was ich denn gerade lesen würde. Ich erzählte ihm von „H wie Habicht“. Das Thema „Vaterverlust“ stand im Raum, wir gingen nicht näher darauf ein, und doch glaube ich, dass wir beide ahnten, dass auch wir mehr mit dem Thema zu tun hatten, als uns lieb war.

Papa, ich danke dir – für dieses oben beschriebene Lebensgefühl und unsere gemeinsamen Streifzüge, z. B. durch England, wo auch du Wurzeln hast – deine Mutter besaß sowohl den deutschen als auch den englischen Pass. Und ich danke dir von Herzen für deine an mich weitergegebene Offenheit für all das Spannende, das das Leben für uns bereit hält!