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Erlebtes & Belebendes

Schräg und exzentrisch – Mut zum Anderssein

Vom Auto zum FahrradInspiriert vom Brigitte-Dossier “Du bist doch nicht normal!” Wenn Frauen in kein Schema passen” schreibe ich ein paar Zeilen über das Phänomen Exzentrik.

Besagtes Dossier hat mir viel (Lese-)Freude bereitet: Eine Frau berichtet von ihrem Leben als asexuell und aromantisch veranlagtes Geschöpf, eine andere bezeichnet sich selbst als Autistin und ADHSlerin (ich wusste nicht, dass beide Phänomene gleichzeitig auftreten können). Eine dritte Frau beschreibt, wie gerne sie alleine ist und welchen Stress Gruppensituationen in ihr auslösen, eine weitere Schreiberin wiederum reist seit geraumer Zeit mit einem Wohnmobil durch die Lande  und bezeichnet sich selbst als “angekommen”.

In dem Artikel heißt es, dass “gnadenlose Schrägheit” der Vergangenheit angehöre und mehr denn je die Norm regiere, die Gesellschaft in den letzten Jahren wieder konformer geworden sei.

Die viel gepriesene Individualität scheint oft nur eine als Individualismus getarnte Konformität zu sein.

Als Beispiel wird das Phänomen “Hipster” genannt: Leute, die ihr Kind Konrad nennen und sich einen Anker tätowieren lassen:

Individualismus light, ohne die Peinlichkeit und den Schmerz, den das Anders sein bedeutet.

Auch ich beobachte starke Tendenzen in unserer Gesellschaft, sich auf bürgerliche Werte (zurück-) zu besinnen. Gleichzeitig tummeln sich viele originelle Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld, sodass ich schon fast den Blick dafür verliere, was eigentlich “normal” ist. (Gibt es überhaupt ein “normal”?)

Ich bin ein großer Freund von Schrägheit und ungewöhnlichen Lebensstilen und interessiere mich sehr für originelle Biografien. Ich gestehe, Menschen, die in irgend einer Form anders unterwegs sind – ich meine wirklich anders – üben eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Ich behaupte mal: In meiner Herkunftsfamilie gibt’s zahlreiche unkonventionelle Persönlichkeiten – allein über meinen Vater könnte ich viel Ungewöhnliches berichten. Im Umfeld des Onkels unseres Sohnes, im Stadtbezirk Linden in Hannover – bekannt für viele bunte Vögel – fallen auch zahlreiche Erdenbürger durch einen außergewöhnlichen Lifestyle auf: Es gibt “Totengräber-C.”, K., den Schrauber, der in seiner einem Kunstwerk gleichenden Wohnung aus verschiedensten Teilen eine Art “Fahrrad-Auto” (s. Bild) gebaut hat; das ist “Metal-M.”, der Schrott sammelt und verkauft und mittlerweile relativ bodenständig in einem Kleingartenhäuschen lebt. Ich freue mich stets, neue Geschichten zu erfahren.

In meiner Arbeit als Musiktherapeutin für sog. mehrfachbehinderte, blinde Menschen treffe ich tagtäglich auf völlig andersartige Denk- und Verhaltensweisen. Ich habe mich mittlerweile so daran gewöhnt, dass diese Begegnungen total “normal” für mich geworden sind. Neulich hat eine Jugendliche eine ganze Schulveranstaltung geschmissen und auf’s heftigste protestiert, als das ihr bekannte Lied anstelle mit Klavier mit Akkordeon begleitet wurde. Ich kenne ähnliches Verhalten von besagtem Mädchen aus vergangenen Musiktherapiestunden: Eine Zeit lang brüllte sie “falsch” oder “falsches Lied”, bis ich geblickt habe, dass schlicht die Tonart eine andere war als die von ihr erwartete. Es gibt Kinder, die aus Wurt ihre Glasaugen herausnehmen und gegen die Wand schmeißen. Momente, für die ich mittlerweile sehr dankbar sind, da sie mein Bewusstsein stark erweitert haben.

Was ich mitunter so herrlich an meiner Arbeit finde: Die Begegnung mit Menschen, die einfach so sind wie sie sind – authentisch, wie’s so schön heißt. Die meisten Kinder und Jugendliche hier erlebe ich als erfrischend anders, sehr geradeaus, mich wenig manipulierend.

Das Spektrum zwischen “hundsnormal” und völlig abgedreht ist groß (das pathologische Verhalten klammere ich hier aus). Das ist auch gut so, finde ich. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die “einen möglichst großen Spielraum an Normalität zulässt” (Psychiater und Autor Dr. Joseph Aldenhoff, zitiert im Brigitte-Dossier), in der “Andersartige” unbeugsam leben können, sprich sich nicht verbiegen müssen. Wir alle profitieren davon, wenn Menschen eigensinnig sind und ungewöhnlich leben: Sie beleben uns, können uns Mut und geistige Freiheit lehren, irritieren unsere eigenen Lebensentwürfe und spiegeln uns mitunter auch eigenen (unausgelebten) Eigensinn, was uns nicht selten auch neidisch auf ein Andersartig-Leben reagieren lässt.

Immer mal wieder größer und freier von uns selbst und anderen zu denken bekommt uns gut, so mein Eindruck. Es macht uns klüger und weiter, wenn wir offen Fragen stellen, wirklich an einem Dialog interessiert sind. Das Sich-Öffnen für das Fremde ist eine Haltung, die wir meines Erachtens aktuell und in Zukunft dringend brauchen.

Ein kleiner Exkurs zum Schluss: Für diejenigen unter uns, die sich selbst als “recht normal” beschreiben würden: Voll ok! Wer hin und wieder Lust hat, neue Lebensbühnen zu betreten und in fremde Rollen zu schlüpfen, sich und seine Mitmenschen zu überraschen, dem sei empfohlen den Mut aufzubringen, sich öfter mal out of character zu verhalten – sprich ein für sie oder ihn uncharakteristisches Verhalten zu zeigen. Persönlichkeitspsychologe Brian Little bezeichnet entsprechende Verhaltensmuster als freie Eigenschaften – Verhaltensweisen, die der genetisch bzw. soziokulturell geprägten Natur eines Menschen widersprechen. Es lohnt sich meiner Erfahrung nach auch, sich öfter mal zu fragen: Was würde ich (noch) tun, wenn ich keine Angst vor Fehlern hätte?

Lasst uns wach und neugierig bleiben – uns selbst und anderen gegenüber, auch den “schrägen” Seiten in uns und anderen!

 

 

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  1. Liebe Carolin,

    dank deinem liebevollen Kommentar auf meinem Blog, schaue ich gerne auch mal hier bei dir vorbei.
    Dein Blog ist erfrischend, interessant und faszinierend! Und gerade dieser Post hat mich sehr angesprochen, da ich mich ebenfalls sehr für schräge, außergewöhnliche Menschen interessiere. Wie langweilig wäre es, wenn jeder gleich wäre?!
    Wenn ich keine Angst vor Fehlern hätte, würde ich nach meiner Ausbildung Schriftstellerin werden und am liebsten jetzt sofort und ich würde eine Backpacker Tour allein durch Europa machen. ..
    Ein interessanter Denkanstoß und ich hoffe sehr, mich irgendwann so weit von diesem bloß-keine-Fehler-machen-Denken lösen zu können, um das alles auch wirklich umzusetzen!

    Liebe Grüße,

    Nadja

    von https://freiheitsfluestern.wordpress.com/

    • Carolin

      Liebe Nadja,

      hab ganz lieben Dank für deine Zeilen!
      Ich vermute, du bist noch ne Ecke jünger als ich (bin Baujahr 77) – was ich feststelle, je länger ich lebe: Ich habe immer mehr Lust auf “Mir folgen”, “Für das “Gehen” was mir am Herzen liegt” und “auf Risiko gehen”.
      Also, nur ran an deine (Schriftsteller- & sonstigen) Träume;-)!

      Alles Liebe wünscht
      Carolin

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