Mach mal Pause

Als ich im Februar dieses Jahres durch Hannovers Eilenriede fuhr, amüsierte mich ein Freudscher  Versprecher, den ich laut denkend aussprach: „Ich habe Lust, noch viel mehr zu entdeckeln.“ Gemeint habe ich: zu entdecken. Mir gefiel spontan das Wort entdeckeln – assoziierte ich damit „etwas freilegen, öffnen“. Entdeckeln als Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen, als Chance innerlich zu wachsen. Zu Hause entdeckte ich, dass es ein Entdeckeln tatsächlich gibt: In der Imkersprache ist damit das Entfernen der Wachsdeckel von den Honigwaben gemeint.

Zurück zu meinen Assoziationen: In der Praxis kann es heißen, mich mutig in Situationen zu begeben, in denen ich Dinge üben kann, die mir im Alltag, in meinen Beziehungen oder in meinem Berufsleben Schwierigkeiten bereiten. Was mich angeht zum Beispiel das Aussprechen unbequemer Wahrheiten – unbequem für mich, den anderen oder beide. Oder auch das „Mich-mal-nicht-in Bescheidenheit-Üben“, wenn es darum geht, bei meiner Arbeit als Musiktherapeutin etwas einzufordern, beispielweise die Neubeschaffung von Instrumenten.

Für sehr sicherheitsbetonte, übervorsichtige oder auch zum Perfektionismus neigende Menschen kann ein Entdeckeln darin bestehen, einfach mal „Fünfe gerade sein zu lassen“, an irgendeiner Stelle weniger zu geben oder zu tun, öfter zu delegieren. Es kann auch schlicht bedeuten, „seinen Geist zu lockern“, um mit Veit Lindau zu sprechen: neue Wörter zu erfinden, einen neuen, für mich ungewöhnlichen Gedanken zu denken, zu einem Buch zu greifen, das sonst nicht in meinen Händen landet oder mich mit einem Menschen außerhalb meines Dunstkreises zu unterhalten.

Mehr von seinem Potential zu entdecke(l)n und zu entwickeln kann heißen, unterschiedliche, auch scheinbar gegensätzlich (Schatten-)Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und zu integrieren, indem ich beispielweise mit angstbesetzten Situationen experimentiere. Hierbei kann ruhig auch klein angefangen werden: So kann ich mich wiederholt in Situationen begeben, in denen ich bereits gute, mich voranbringende Erfahrungen mit dem „Mich-nicht-meiner-gewohnten-Muster-Bedienen“ gemacht habe. Kommen wir den uns zugrundeliegenden, mitunter auch einschränkenden Denkmustern auf die Spur, so können wir mit Hilfe von achtsamer Beobachtung alternative, lebensdienlichere Denk- und Handlungsweisen finden, die mehr Flexibilität und innere Freiheit nach sich ziehen.

Bei mir selbst fällt mir auf, dass ich oft sehr gefällig bin und es mich noch sehr verunsichert, wenn jemand mich oder mein Verhalten offenbar ablehnt. Als Beispiel eine banale Alltagssituation: Ich fühle mich gleich unwohl und „unpassend“, wenn die Dame an der Käsetheke das Gesicht verzieht, nur weil mir das von ihr angebotene Stück Allgäuer Kümmelkäse zu groß ist und ich lediglich 100-150g wünsche. Mittlerweile spüre ich oft eine freudige Erregung, wenn ich gegenüber der Dame an der Käsetheke oder wem auch immer unbequem bin.

Nehmen wir eine offene Haltung von Neugier, Freude an der Erfahrung und Vertrauen ein, so können wir mehr von uns und unserem Potential leben, ja, mehr entdecke(l)n. Vielleicht werde ich in diesem Leben ja nochmal Hobbyimkerin;-). Oder Querulantin:-). Dann lieber ersteres.

Ich stecke gerade mitten in dem neuen Buch von Veit Lindau: „Werde verrückt. Wie du bekommst, was du wirklich-wirklich willst.“ Kann ich wärmstens ans Herz legen, auch wenn das Buch an der einen oder anderen Stelle unverdaulich ist und vieles auf den Kopf stellt.

Es bleibt spannend.