Lebensfeude purEine Frage lässt mich in letzter Zeit nicht los: „Was habe ich als Kind gern gemacht?“ Ich muss weiter ausholen. In diesen Wochen widme ich mich oft Beschäftigungen und Themen, die für mich in meiner Kindheit eine zentrale Rolle spielten:

Noch vor der Arbeit stelle ich mein Fahrrad im Wald ab und balanciere barfuß über gefällte Buchenstämme. Oder ich pflücke Kräuter wie Bärlauch und Giersch. Letzteres erinnert mich an unsere Familienurlaube in der Schweiz, in welchen ich nicht müde wurde Walderdbeeren in kleinen Bechern zu sammeln, um der – damals noch kompletten – Familie eine Freude zu  machen. Als Kind war ich wahnsinnig gern allein, am liebsten draußen in der Natur. Später dann war ich mir sicher: Alleinseinwollen kann andere vor den Kopf stoßen. Heute denke ich anders darüber und nehme mir zunehmend Alleinzeiten.

Mein liebster Duft ist der von Heckenrosen, welche auch unter dem Namen Dünen- oder Syltrosen bekannt sind. Auf Sylt-Aufenthalten war und ist die Welt für mich in Ordnung. So suche ich auch heute in hannoverschen Gefilden Heckenrosen-Orte auf, wenn mir danach ist.

Eine besondere Erinnerung kommt mir häufig nachts, wenn ich aufwache. Ich denke an eine der vielen Nächte meiner  Kindheit zurück, in der ich bei meinen Großeltern schlief, nachts zeitgleich mit ihnen erwachte, meine Großmutter mir heiße Milch mit Hong kochte – in Sachen Zahnprophylaxe ungezweifelt haarsträubend –  und mein Großvater von seinem Sofa-Bett aus „Lobe den Herren“ sang. Heute bekomme ich nachts weder heiße Honigmilch noch singt jemand für mich „Lobe den Herren“, doch ich erinnere mich an das erhabene Gefühl von damals und eine tiefe Ahnung, welche Überraschungen die Nacht bereitzuhalten vermag. A propos „Kochen und Großeltern“:  Mein Großvater bereitete mir stets Nudeln mit Butter und Ketchup zu. Kulinarisch nicht die Oberliga, und dennoch heute noch ein mich beruhigendes „Seelenessen“.

Noch etwas fällt mir ein: Früher neigte ich zum Chaos, heute auch – mein Bruder Claus amüsierte sich tierisch darüber, dass Aufräumen für mich hieß, alles diffus Herumliegende wild in meinem Kleiderschrank zu verstauen. Die Eltern haben’s nie erfahren. Wohler jedoch fühlte ich mich, wenn ich mir die Zeit nahm, Sachen auszumisten oder in beschrifteten Kisten zu verstauen. So auch heute. Mit dem Chaos anderer kann ich übrigens ziemlich gut leben.

Zurzeit schreibe ich – für mich, für Menschen in meinem Umfeld – über Themen, die mich bewegen, und andere sicher auch. Früher verfasste ich kleine Gedichte, Kurzgeschichten und liebend gern Briefe und Karten, bis mich die Oberschule dank überwiegend mäßiger Deutschnoten in den Glauben versetzte, das Schreiben sei nicht so mein Ding. Nun bin ich wieder mit Liebe dabei und lasse Schule Schule sein.

Interessanterweise erinnern uns auch Kinder an unsere Lieblingsbeschäftigungen aus früheren Zeiten: Y. kam neulich zu uns und erzählte uns von seinem Vorhaben, seine Origami-Stücke auf dem Spielplatz verkaufen zu wollen. Zunächst war ich davor zu protestieren, doch dann fiel mir ein, dass ich als Kind selbst mit roten Wangen auf einer Decke in der Friedrichsstraße in Westerland saß, um meine selbstbemalten Muscheln an den Mann zu bringen.

Diese Erinnerungen und nun wieder regelmäßig aufgenommenen Tätigkeiten fühlen sich verdammt gut an. Ich bin mir sicher, es lohnt sich, sie wieder aufleben zu lassen und sich die Frage zu stellen: „Was liebte ich als Kind?“ Auf dieser „alten Spur“ können wir uns heute wieder neu entdecken und uns im Flow erleben. Es geht dabei um ein einfaches „Sei kindlicher!“ hinaus.

Natürlich macht es Sinn, auch im Alltag neugierig und präsent zu sein, mit offenen Augen zu träumen. Mir geht es hier jedoch darum, mich zu fragen, was ich damals konkret mochte und machte und dieser Spur zu folgen, um mich mit dem Leben verbunden zu fühlen. Denn das ist es, das ist Flow: Ich verbinde mich mit mir und meinem Leben, tue das was ich kann und was mir Freude bereitet und schaffe dadurch Sinn.

Während ich schreibe, versucht Y. sich an dem Meisterstück der Origami-Faltkunst, der Ratte. Ein hochkompliziertes Ding, doch Y. macht sich gut und kam gerade zu mir mit den Worten: „Es steckt immer noch irgendwas in mir.“ In diesem Sinne,

herzlichst, Eure Carolin, Calli, Calle

P.S.: Y. hat die Ratte tatsächlich geschafft!